Tour de France 2020: Astana und Winokurow polarisieren weiter

Alexey Lutsenko hat Astana bei der Bergankunft auf der 6. Etappe am Donnerstag den ersten Etappensieg bei der Tour de France 2020 beschert. Doch die kasachische Mannschaft um Teamchef Alexander Winokurow polarisiert noch immer. Der Rennstall hat auch im 14. Jahr ihres Bestehens ein ähnlich zwielichtiges Image hat wie sein undurchsichtiger Teamchef und überführte Doper Alexander Winokurow.

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Im Teamhotel von Astana flogen die Sektkorken, mit wilden Jubelrufen stieß der Stolz Kasachstans auf den erstaunlichen Etappensieg von Alexei Lutsenko bei der Tour de France an. Und der Ausreißerkönig vom Mont Aigoual wusste ganz genau, bei wem er sich artig zu bedanken hatte: "Wino hat mir gesagt, dass es zwei Kilometer vor dem Gipfel extrem steil wird - da habe ich dann das Tempo angezogen."
Wino ist Alexander Winokurow, der in seiner Heimat ebenso verehrte wie andernorts arg umstrittene kasachische Radsport-Held. Ohne den einstigen Telekom-Edel-Unterstützer Jan Ullrichs, ohne "Wino", den Olympiasieger und überführten Blutdoper, geht bei Astana gar nichts.
Und deshalb überrascht es nicht, dass die Equipe auch im 14. Jahr ihres Bestehens ein ähnlich zwielichtiges Image hat wie ihr undurchsichtiger Teamchef. Astana bleibt im Peloton umstritten - auch bei der laufenden Tour fielen die Pedaleure in Himmelblau schon negativ auf.

Slapstick-Sturz beim Tour-Auftakt

Als am Auftakttag in Nizza auf kreuzgefährlichen Abfahrten Sturz um Sturz geschah, einigten sich die Fahrer auf einen Nichtangriffspakt. "Damit waren alle einverstanden, nur Astana nicht", sagte der deutsche Wortführer Tony Martin. Die drückten weiter aufs Gas, bis ihr Topfahrer Miguel Angel Lopez vor einem Straßenschild landete. "Die haben eben die Rechnung bezahlt", kommentierte Martin lakonisch.
Die Episode ist eine Petitesse angesichts der endlosen Liste von Affären um die von Kasachstans quasi-staatlicher und durchaus umstrittener Erdöl-Holding Samruk-Kazyna finanzierten Mannschaft. 2007 entstand Astana aus den Trümmern der im Dopingsumpf untergegangenen Liberty-Seguros-Equipe - und benötigte nur wenige Monate bis zum ersten Riesenskandal. In dessen Mittelpunkt: Winokurow.

Winokurows dunkle Tour-Vergangenheit

Dieser hatte bei der Tour-Premiere des Teams das Einzelzeitfahren in Albi gewonnen und war danach des Blutdopings überführt worden. Astana zog sein Team, zu dem auch der Deutsche Andreas Klöden gehörte, auf Druck der Veranstalter von der Tour zurück. "Wino" wurde gefeuert - und nach abgelaufener Sperre wieder von Astana eingestellt.
Zurück holte ihn als Teamchef der mittlerweile lebenslang gesperrte Johan Bruyneel, der mit seinem Musterschüler Lance Armstrong in die Mannschaft gekommen war. Unter Teamchef Bruyneel gewann Astana mit Alberto Contador die Tour 2008, der Toursieg 2010 wurde Contador und Astana wegen eines positiven Dopingtests aberkannt.
2012 wurde Winokurow nach seinem Karriereende Teamchef, die Skandale gingen munter weiter. "Die jungen Fahrer sind verrückt, sie haben noch immer nicht kapiert, dass es im Radsport keinen Platz für Doping gibt", sagte Winokurow ausreichend empört, als er 2014 Astanas Nachwuchsteam wegen einer Vielzahl an Dopingfällen zurückzog.

Verdachtsfälle enden mit Freisprüchen

Als auch Fahrer aus dem Top-Team erwischt wurden, forderte der Weltverband UCI 2015 Astanas Lizenzentzug. Die UCI scheiterte, Astana kam mit einem blauen Auge davon, flog aber nach einer neuerlichen Affäre aus der Vereinigung für glaubwürdigen Radsport (MPCC). Winokurow selbst musste sich vor Gericht verantworten, weil er seinen Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich 2010 erkauft haben sollte - 2019 wurde er freigesprochen.
Der heute 46 Jahre alte Winokurow war in seiner Profizeit Stammbesucher des berüchtigten italienischen Doping-Doktors Michele Ferrari. Anfang 2020 gerieten zwei Astana-Fahrer unter Verdacht, ebenfalls Ferrari-Kunden zu sein - zumindest legte dies ein vertraulicher Bericht der unabhängigen Anti-Doping-Kommission CADF nahe. Die CADF ruderte zurück, die beiden Fahrer wurden entlastet. Ihre Namen: Jakob Fuglsang und - Lutsenko.
(SID)
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