Giro d'Italia - Drei Dinge, die auffielen: Almeida am stärksten, Thomas am cleversten und Kämna überzeugt

Die 16. Etappe des Giro d'Italia hat eine neue Hackordnung unter den Favoriten auf den Gesamtsieg hergestellt: Galt für viele bislang Primoz Roglic als Top-Favorit aufs Rosa Trikot in Rom, so haben dem Slowenen am Monte Bondone nun Joao Almeida und Geraint Thomas erstmals die Grenzen aufgezeigt. Lennard Kämna verlor zwar einige Sekunden, schlug sich aber erneut gut. Drei Dinge, die auffielen.

Highlights: Almeida und Thomas distanzieren Roglic

Quelle: Eurosport

Zu Beginn des Tages sah es noch aus, als könnte dieser 16. Renntag bei der 106. Italien-Rundfahrt einer für die Ausreißer werden. Eine starke Gruppe löste sich.
Doch weil mit Jack Haig (Bahrain Victorious) und Aurelien Paret-Peintre (AG2R - Citroen) auch zwei für die Gesamtwertung nicht ganz uninteressante Fahrer dabei waren, hatte die Gruppe letztlich keine Chance:
Groupama - FDJ und Jumbo - Visma hielten die Spitzenreiter an relativ kurzer Leine und in der Schlusssteigung schließlich sorgte das horrende Tempo von Almeidas UAE-Teamkollegen dafür, dass der Tagessieg unter den Top-Favoriten ausgefochten wurde.
Kein Wunder, denn: Almeida hatte an diesem Dienstag einen Sahne-Tag erwischt.
Drei Dinge, die auffielen:

1) Kämnas Glas mehr als halbvoll

Einige Sekunden auf seine direkten Konkurrenten verloren, in der Gesamtwertung aber trotzdem einen Platz nach oben geklettert: War das jetzt ein guter oder ein schlechter Tag für Lennard Kämna? Der 26-Jährige konnte zwar mit den Allerbesten um Almeida, Thomas, Roglic, Eddie Dunbar (Jayco - AlUla) und Roglic-Helfer Sepp Kuss in der langen Schlusssteigung gut fünf Kilometer vor Schluss nicht mehr mitfahren und verlor am Ende auch auf die Verfolgergruppe noch einige Sekunden, Andreas Leknessund (DSM) und Bruno Armirail (Groupama - FDJ) aber ließ er deutlich hinter sich und schob sich so an beiden vorbei auf den sechsten Rang der Gesamtwertung.
Damit wäre sein Ziel beim Giro weiterhin übererfüllt und so konnte der deutsche Hoffnungsträger bilanzieren: "Ich denke, es war ganz in Ordnung. Ich bin schon zufrieden." Dass er auf den allerletzten Metern als Tageselfter noch vier Sekunden auf die Gruppe um Damiano Caruso (Bahrain Victorious) einbüßte, sei ohnehin sein eigener Fehler gewesen und hatte wohl weniger mit allgemeiner Fitness als mit dem Verschleudern von Kräften zu tun.
"Ich bin dummerweise 1,5 Kilometer vor Schluss nochmal nach vorne, habe beschleunigt, weil ich wollte, dass wir den Rückstand eingrenzen. Dann haben die anderen drüber attackiert und ich bin abgefallen", erklärte er im Ziel gegenüber radsport-news.com eine Szene, die in den TV-Bildern nicht zu sehen war.
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Kämna besteht Härtetest, fehlt aber Unterstützung

Quelle: Eurosport

Berücksichtigt man, dass Almeida, Thomas, Roglic und wohl auch Dunbar am Berg derzeit eine Klasse besser sind, so hat Kämna sich am Monte Bondone also sehr gut geschlagen und auf seine direkten Konkurrenten im Kampf um die Top Ten nichts eingebüßt. Insofern darf die Antwort auf die Ausgangsfrage sogar lauten: mehr als halbvoll!
Allerdings muss sich für die verbleibenden zwei Massenstart-Bergetappen an der Herangehensweise bei Bora - hansgrohe wohl etwas ändern, um Kämna bestmöglich zu unterstützen. Wie der Dienstag nämlich einmal mehr gezeigt hat, ist Patrick Konrad der Einzige im Team, der ihn im Hochgebirge im Finale der schweren Bergetappen wirklich unterstützen könnte. Daher wäre man wohl gut beraten, den Österreicher am Donnerstag und am Freitag an Kämnas Seite zu belassen, anstatt ihn in Ausreißergruppen zu schicken, in denen er Kräfte lässt und am Ende dann nichts mehr für Kämna tun kann.

2) Almeida riecht den Braten

Kämna hatte es am Ruhetag auf seiner Pressekonferenz bereits angedeutet: Für ihn, so erklärte er, sei Joao Almeida der Favorit auf den Giro-Sieg. Damit bewies der 26-Jährige ein gutes Auge für seine Kontrahenten, wie sich tagsdrauf nun herausstellte. Denn der Portugiese war am Monte Bondone der Stärkste - vielleicht nicht der Cleverste, siehe unten, aber der Stärkste.
Almeidas UAE Team Emirates war sich da wohl auch sehr sicher und schlug in der Schlusssteigung ein horrendes Tempo an, durch das das Favoritenfeld immer kleiner wurde, bis mit Jay Vine der letzte Helfer verbraucht war und Almeida schließlich selbst die Schlagzahl nochmal erhöhte. Es blieben nur noch Roglic, Thomas, Dunbar und Kuss bei ihm. Doch anstatt Roglics Helfer Kuss nun zur Tempoarbeit aufzufordern, fuhr der Portugiese weiter mit vollem Einsatz von vorne. Er schien zu spüren, dass Roglic wackelt und hielt den Druck daher aufrecht.
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Favoriten-Analyse: Thomas spielt seine Erfahrung aus

Quelle: Eurosport

Zweimal versuchte er, die Konkurrenz mit konstant hohem Tempo abzuschütteln, bevor er seine Herangehensweise fünf Kilometer vor Schluss änderte und nun explosiver antrat - mit Effekt: Nun waren Roglic, Kuss und Dunbar abgestellt. Einzig Thomas sprang noch zum Portugiesen hin und die Beiden teilten sich anschließend die Führungsarbeit, bis Almeida auf der Zielgeraden schließlich spritziger und stärker war, so dass er die Etappe gewann.

3) Thomas: Dank seiner Erfahrung wieder in Rosa

Während Almeida mit voller Offensive und der Brechstange versuchte, aus Roglics Schwäche - womöglich noch immer Nachwehen seines Sturzes auf der 11. Etappe - Profit zu schlagen und den Slowenen am Monte Bondone unter Druck setzte, hielt sich Geraint Thomas zunächst zurück.
Der Tour-de-France-Sieger von 2018 beobachtete seine Kontrahenten von hinten, wartete ab und tat nur, was nötig war: dabei bleiben. Bis Roglic dann bei Almeidas schärfstem Antritt wirklich ganz offensichtlich in Probleme geriet.
Nun ging auch Thomas mit dem Portugiesen mit und arbeitete anschließend mit ihm zusammen, um den Slowenen und auch den Iren Dunbar möglichst weit zu distanzieren. Am Ende unterlag er zwar Almeida im Duell um den Etappensieg und musste dem Portugiesen daher vier Bonussekunden mehr überlassen, das Rosa Trikot konnte darüber aber hinwegtrösten. Und die Gewissheit, dass er am Monte Bondone ein paar Körner weniger auf dem Asphalt gelassen hatte.
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