Giro d'Italia - Experte Jens Voigt im Interview zum Duell um Rosa Trikot zwischen Primoz Roglic und Juan Ayuso: "Der Giro braucht keine Superstars"

Voller Vorfreude blickt Eurosport-Experte Jens Voigt auf den Giro d'Italia 2025, der gleich zu Beginn mit dem Start in Albanien Geschichte schreibt. Stars wie Tom Pidcock und Wout van Aert feiern ihre Giro-Premiere, Ex-Sieger wie Primoz Roglic, Richard Carapaz, Jai Hindley und Egan Bernal jagen neue Erfolge. Favoriten, Strecke und deutsche Chancen beleuchtet Voigt im Exklusiv-Interview.

Recorrido revelado para el Giro de Italia 2025

Quelle: Eurosport

Der Giro d'Italia 2025 steht mit anspruchsvoller Streckenführung und starkem Starterfeld für drei Wochen voller Spannung. Schon der Auftakt ab Freitag (live im TV bei Eurosport, im Livestream bei discovery+ und im Liveticker) mit drei Etappen in Albanien garantiert einen packenden Kampf ums Rosa Trikot, bevor schon in der ersten Rennwoche eine schwere Bergankunft ansteht.
Die Startliste für die erste der drei großen Rundfahrten dieser Saison ist hochkarätig besetzt, auch wenn Titelverteidiger Tadej Pogacar fehlt. Sein slowenischer Landsmann Primoz Roglic könnte Giro-Geschichte schreiben und Wout van Aert winkt ebenfalls bei seinem Debüt ein historischer Erfolg.
Zehn deutsche Profis stellen sich den 21 Etappen und auch auf ihre Chancen blickt unser Eurosport-Experte Jens Voigt in seiner großen Giro-Vorschau:
Das große Duell um den Giro-Sieg sollte diesmal Roglic vs. Ayuso heißen – wen sehen sie vorne, wer kann die beiden ärgern?
Jens Voigt: Tadej Pogacar ist nicht dabei, damit bietet sich für seinen Teamkollegen Ayuso nun die große Chance: Er steht im Zentrum, hat die komplette Führungsrolle - alles ist auf ihn ausgerichtet. Das ist seine große Gelegenheit und ich bin überzeugt, dass er sie nutzen wird. Denn er hat nicht nur den Anspruch, mit Pogacar auf Augenhöhe zu sein, sondern er spürt innerhalb der UAE-Mannschaft auch den Druck von hinten: Isaac del Toro ist ihm dicht auf den Fersen. Noch jünger, aber ebenfalls ein großes Talent. Er will sich zeigen, seine Stärken ausspielen. Ayuso will Pogacar einholen, aber zugleich nicht von Isaac eingeholt werden. Aber wenn man seine bisherigen Saisonleistungen anschaut, sieht man: Er kann mit diesem Druck umgehen. Ich glaube, er ist bereit, den nächsten großen Schritt zu gehen und ein Grand-Tour-Sieger zu werden. Ich denke, vor allem sollte man auch auf Antonio Tiberi achten. Der ist extrem motiviert und in guter Form.
Liegt der Druck jetzt vor allem bei Roglic und Red Bull-Bora-hansgrohe nach einer eher enttäuschenden Klassikerkampagne?
Voigt: Bei Red Bull ist die Saison bisher ein zweischneidiges Schwert - bei Rundfahrten haben sie sehr gut abgeschnitten mit Roglics Sieg bei der Katalonien-Rundfahrt und auch Florian Lipowitz war stark, während es bei den Klassikern nicht nach Plan lief. Für Primoz spielt das glaube ich keine Rolle. Ich sehe ihn auf dem Podium - ziemlich sicher sogar. Die genaue Platzierung hängt natürlich auch vom Rennverlauf ab: Stürze, Glück, Teamstärke - das alles spielt eine Rolle. Aber er wird definitiv einer der Fahrer sein, die dem Giro ihren Stempel aufdrücken. Und sollte er tatsächlich mit 35 Jahren als ältester Sieger der Geschichte aus dieser Rundfahrt hervorgehen, wäre das ziemlich cool. Das würde ihm auch ordentlich Selbstvertrauen für die Tour de France geben. Wenn ich mich richtig erinnere: Cadel Evans war auch schon 34, als er die Tour gewann. Es ist also nicht beispiellos - und definitiv machbar.
Wie sieht also ihr Tipp für das Giro-Podium in Rom aus?
Voigt: Mein Podiums-Tipp ist Ayuso vor Roglic und Tiberi. Es gibt vielleicht fünf oder sechs Fahrer, die zusätzlich Ambitionen haben, vor allem auch Giulio Ciccone. Der war immerhin Zweiter bei Lüttich - Bastogne - Lüttich und hat auch das Zeug fürs Podest.
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Sprint bei Bergankunft: Ayuso und Roglic im Duell

Quelle: Eurosport

Die "Großen Drei" der Rundfahrt-Spezialisten - Jonas Vingegaard, Tadej Pogacar und Remco Evenepoel - sind in diesem Jahr nicht dabei. Ist das gut für die Spannung oder eher eine Enttäuschung?
Voigt: So traurig das klingt: Ich finde es eigentlich gut, dass wir bei dieser Grand Tour mal keinen der ganz großen Superstars dabei haben. Das gibt den anderen Fahrern eine echte Chance - großartige Athleten, aber realistisch gesehen wissen sie: Im Juli, wenn die drei Superstars fit und hungrig sind, wird es extrem schwer. Deshalb sollten sie sich jetzt auf den Giro konzentrieren, eine Grand Tour, bei der sie wirklich etwas erreichen können. Da das Podium der letzten Tour nicht am Start steht, rücken ja sozusagen alle anderen eine Stufe auf.
Wie sind die Aussichten der deutschen Fahrer, gibt es Hoffnung auf eine Wiederholung von Steinhausers Coup?
Voigt: Steinhauser hat sicher die besten Chancen, seinen Etappensieg vom Vorjahr zu wiederholen. Sein Team ist ausgeglichen aufgestellt und dürfte jeden Tag etwas versuchen, da sollte er viele Freiheiten bekommen. Das hoffe ich natürlich auch für viele der anderen deutschen Fahrer am Start, doch die meisten werden in erster Linie Helfer sein. So ist der Stand des deutschen Radsports aktuell: Die Fahrer sind sehr beliebt in ihren Teams, weil sie ihren Job sehr gut machen, aber einen André Greipel oder Tony Martin, einen richtigen Siegfahrer, den haben wir aktuell nicht in unseren Reihen.
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Steinhauser krönt Husarenritt - Pogacar attackiert zu spät

Quelle: Eurosport

Der Auftakt in Albanien ist auf Wout van Aert perfekt zugeschnitten. Kann er sich für das - für seine Verhältnisse - schwächere Frühjahr rehabilitieren?
Voigt: Ich glaube, wir werden ihn wie im Frühjahr sehen. Ich denke nicht, dass er bis zum Giro die fehlenden fünf Prozent Leistungsfähigkeit gefunden hat. Er wird immer vorne dabei sein und dann doch häufig knapp geschlagen werden. Im Sprint sehe ich andere Fahrer wie Mads Pedersen oder Kaden Groves vorne, im Zeitfahren könnte er von einem Joshua Tarling geschlagen werden. Ich liebe Wout als Fahrer, ich wünsche ihm einen Etappensieg, aber ich weiß nicht, ob es reichen wird für ihn. Mit vielen vorderen Platzierungen hat er natürlich trotzdem die Chance, das Maglia Rosa zu tragen in der ersten Woche oder das Maglia Ciclamino der Punktewertung zu gewinnen. Da wird sein härtester Konkurrent meiner Meinung nach Pedersen sein.
Ein Blick auf das Streckenprofil des diesjährigen Giro d’Italia zeigt viele hügelige Etappen, mittelschwere Berge, lange Distanzen: Das wäre doch einst perfekt für Jens Voigt gewesen, oder?
Voigt: Ja, da gibt es auf jeden Fall genug Gelegenheiten, um in Ausreißergruppen reinzukommen - direkt ab dem ersten Tag. Das ist kein klarer Tag für die Sprinter, mit zwei Anstiegen relativ nah vor dem Ziel. Ich glaube nicht, dass alle Sprinter da noch um den Etappensieg mitfahren werden.
Der Giro startet mit gleich drei anspruchsvollen Etappen in Albanien und hat schon auf der 7. Etappe die erste der drei Bergankünfte - wie schätzen sie die Strecke insgesamt ein?
Voigt: Der Giro d'Italia ist grundsätzlich so aufgebaut, dass die schweren Etappen eher am Ende liegen. Man hat sehr oft eine echte "Killerwoche" zum Schluss. Ich persönlich finde das nicht ideal, denn zu dem Zeitpunkt sind die Fahrer bereits erschöpft. Ich würde mir wünschen, dass die Strecke etwas ausgewogener gestaltet wird - also nicht ganz so brutal zum Schluss. Denn was man dann oft sieht, ist: Viele Teams verlieren Fahrer und die letzten Etappen werden taktisch weniger spannend, weil alle zu müde sind. Am Ende geht es gar nicht mehr richtig ums Rennen, es wird zum Überlebenskampf: Nur wer noch genug Energie hat, kommt durch. Die Abstände werden groß, es gibt kaum noch Überraschungen. Alle sind völlig am Limit, sie wollen einfach nur die letzte Etappe überstehen und ins Ziel kommen. Deshalb finde ich: Eine dieser extrem harten Etappen könnte ruhig etwas früher liegen. Der Giro hat fast immer eine schwere Schlusswoche, aber das bedeutet nicht automatisch spannende Etappen.
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Recorrido revelado para el Giro de Italia 2025

Quelle: Eurosport

Welche Etappe beim diesjährigen Giro ist eigentlich ihr Favorit?
Voigt: Besonders gut gefällt mir das Einzelzeitfahren von Lucca nach Pisa am zehnten Renntag dieses Giro. Lucca ist eine wunderschöne Stadt, und Pisa mit seinem weltberühmten Schiefen Turm kennt wirklich jeder. Ich mag diesen Mix aus schweren und leichteren Etappen, kombiniert mit spektakulären Zielorten. Ich war früher meistens in der zweiten oder dritten Woche besser in Form, wenn andere Fahrer schon müde waren, zum Beispiel die Sprinter. Deshalb vielleicht die 9. Etappe mit Zielankunft in Siena. Eine wunderschöne Stadt in der Toskana. Man sieht sie schon von Weitem auf dem Hügel liegen - einfach großartig. Die Etappe ist nicht exrem bergig, aber wohl zu schwer für die Sprinter. Das wäre eine gute Gelegenheit für mich gewesen: Also ich würde mich wohl für Etappe 9 entscheiden von Gubbio nach Siena.
Sie sind den Giro insgesamt dreimal gefahren. Welche Erinnerungen - gute wie schlechte - haben sie an diese Rennen, was unterscheidet ihn von den anderen großen Rundfahrten?
Voigt: Ich habe dort sehr schöne Erlebnisse gehabt: die Landschaft, das Essen, die leidenschaftlichen Fans. Der Giro ist ein tolles Rennen, aber auch sehr hart - oft mit mehr Regen und Kälte als bei der Tour oder der Vuelta. Es gab dieses eine Jahr, da hatten wir vom Start bis zum Ende fast durchgehend Regen und dazu viele Stürze: Direkt am dritten Tag haben sich zwei Teamkollegen das Schlüsselbein gebrochen. Es ist wirklich ein hartes Rennen. Aber ich habe dort auch 2008 eine Etappe gewonnen und darauf bin ich natürlich stolz. Der Giro ist - und das sage ich jetzt mal ganz offen - ein schöneres Rennen als die Tour de France. Es ist etwas entspannter, der Druck ist nicht ganz so hoch. Die Fans dort sind einfach verrückt und leidenschaftlich. Und das Essen? Fantastisch! Für mich als Kaffeeliebhaber natürlich ein Traum.
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Jens Voigt jubelt über seinen Etappensieg beim Giro d'Italia 2008

Fotocredit: Getty Images

Ist der Giro ohne Pogacar so etwas wie ein Grand-Slam-Turnier im Tennis ohne Novak Djokovic? Braucht ein Rennen unbedingt die besten Fahrer der Welt, um als "vollwertig" zu gelten?
Voigt: Da gibt es ein schönes Sprichwort: Die Grand Tour macht den Helden - nicht die Helden die Grand Tour. Stellt euch vor: Alle Profis verpassen den Flug, und plötzlich fahren beim Giro nur U23-Fahrer mit. Selbst dann würde man am Ende über den Sieger sagen: "Grande, grande - er hat den Giro gewonnen!" Der Giro ist groß genug, er braucht keine Superstars, um Bedeutung zu haben.
Er hat seinen eigenen Status als eines der bedeutendsten Rennen der Welt. Natürlich - ein Teil von mir stimmt zu: Wir wollen die besten Fahrer sehen, so wie wir jedes Wochenende auch die besten Fußballer, Formel-1-Fahrer oder Tennisspieler sehen wollen. Aber das ist menschlich nicht immer möglich. Und man darf dabei nicht vergessen: Da sind 23 Teams mit großartigen Profis. Sie trainieren monatelang, um in Topform zu sein. Da kann man nicht einfach sagen: "Oh, Pogacar ist nicht dabei – dann ist das Feld zweitklassig." Nein! Es ist ein hochklassiges Teilnehmerfeld. Wir werden drei fantastische, spannende Wochen erleben. Tadej hat im letzten Jahr gezeigt, was er kann - das war das Sahnehäubchen auf einem ohnehin schon tollen Rennen. Aber man kann das nicht jedes Jahr erwarten. Dieses Jahr ist das Feld richtig stark und ich freue mich riesig darauf, den Jungs beim Rennen zuzuschauen.
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Wer ist Georg Steinhauser? Papa Tobias und der Velo Club stellen vor

Quelle: Eurosport


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