Ivan Basso - Giro d'italia-Sieger und Rivale von Jan Ullrich - mit Beichte: "Hatte keine Ethik, wollte nur gewinnen"
VonJan Zesewitz
Update 26/02/2025 um 08:18 GMT+1 Uhr
Ivan Basso war in den 2000er-Jahren einer der großen Widersacher von Lance Armstrong und Jan Ullrich. Auch er war 2006 in die Dopingaffäre der "Operación Puerto" um den Arzt Eufemanio Fuentes verwickelt. Basso gewann zweimal den Giro d'Italia und beendete seine Karriere nach einer Krebsdiagnose. In einem langen Interview sprach der Italiener nun über Doping und die Schattenseiten des Profisports.
Jan Ullrich und Ivan Basso 2023 in München
Fotocredit: Imago
"Wie fast jeder zu dieser Zeit wurde ich nicht in der Ethik von Sieg und Niederlage unterrichtet, ich hatte sogar überhaupt keine Ethik", sagte Basso im Interview mit dem "Corriere della Sera" über seine Entscheidung, Kontakt zu Fuentes aufzunehmen. "Ich glaubte sicher nicht, im Recht zu sein, aber ich stellte den unbändigen Siegeswillen über meine Familie. Deshalb ist Ethik heute das Wichtigste, worauf ich heute bei meinen Fahrern achte."
Im Jahr 2006 flog der Doping-Ring um den spanischen Arzt auf. Basso galt zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit Jan Ullrich als Topfavorit auf den Sieg bei der Tour de France. Einen Tag vor Beginn der Rundfahrt wurden sie von ihren Teams aus dem Tour-Aufgebot gestrichen.
Der Italiener erklärte im Interview seine Motivation zum Radfahren, aber eben auch zu den dunkleren Machenschaften des Sports in dieser Zeit, mit einer schwierigen Kindheit.
Nach den ersten gewonnenen Rennen habe er zwei Dinge in seinem jugendlichen Kopf gelernt: "Das erste ist, dass ich das Gefühl hatte, zum Radfahren geboren zu sein; das zweite, dass meine Erfolge eine tiefgreifende therapeutische Wirkung auf meine Familie hatten. Wenn meine Eltern mich besuchten, was jeden Sonntag der Fall war, waren sie glücklich und haben sich tagelang nicht gestritten. Manche Menschen fangen mit dem Radfahren an, weil sie sich in ein schönes Fahrrad in einem Schaufenster verlieben - ich tat es, weil ich, obwohl ich noch sehr klein war, diesen Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit verlängern wollte".
Basso über Erfolg, Absturz und Krankheit
Früh hatte Basso mit dieser Motivation - und seinem Talent - großen Erfolg. "Ich wurde bejubelt, von den Teams umworben, von den Fans verwöhnt. Ich war der Wunderknabe, der seinen Traum verwirklichte", sagte der heute 47-Jährige.
Er holte den Titel als Amateur-Weltmeister, wurde dann 2004 und 2005 Dritter beziehungsweise Zweiter im Gesamtklassement der Tour de France und gewann 2006 den Giro.
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Ivan Basso jubelt bei der Tour 2004 vor Lance Armstrong
Fotocredit: Getty Images
Danach flog er wie andere auf: "In Madrid habe ich mir vor der Tour zwei Beutel Blut abnehmen und spritzen lassen, um frischere rote Blutkörperchen zu haben und schneller zu werden. Aber bei einer Ermittlungsaktion der spanischen Polizei wurden die gefrorenen Beutel gefunden, meine und die von anderen, und durch einen Abgleich mit der DNA in den Datenbanken des Verbandes wurde ich identifiziert:"
Es folgte eine Sperre bis zum Jahr 2009, ein Jahr später wiederholte er seinen Erfolg beim Giro. "In diesem Verfahren enttarnt worden zu sein war das Wichtigste, was mir in meinem Leben widerfuhr", sagt er heute - und besteht darauf, den Giro 2010 sauber gewonnen zu haben.
Noch einige Jahre fuhr er weiter, zuletzt als Helfer für seinen Freund Alberto Contador. Nach einem Sturz bei der Tour wurde bei ihm zufällig fortgeschrittener Hodenkrebs festgestellt. "Ich habe auf mein Leben zurückgeblickt und wusste, dass hier ein Kapitel zu Ende geht", sagte Basso.
Basso: "Als Vater und Ehemann versagt"
Nach dem Karriereende 2015 stürzte sich der Italiener schnell in eine zweite Karriere: als Teamgründer und Manager, gemeinsam mit Contador. 2018 gründeten sie das Team Polartec-Kometa, das heuet Polti-Visit Malta heißt.
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Alberto Contador und Ivan Basso bei der Präsentation des Giro d'Italia 2025
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Aus seinem wettbewerbsorientierten Mindset kam Basso aber nicht so einfach heraus: "Eine Karriere kann man nicht mit einem Schalter abstellen", erklärte er. "Ich habe mich mit meinem alten Teamkollegen Alberto Contador kopfüber in das Abenteuer Mannschaft gestürzt, mit einem strafferen Tempo als zuvor. Statt Training und Rückzug gab es Geschäftsreisen, Treffen, Kontakte mit Sponsoren. Vorher hatte ich ein Team, das mich unterstützte, jetzt musste ich die Unterstützung bieten."
Ein Eifer, der auf Dauer nicht gutgehen konnte - ähnlich wie in seiner ersten Karriere als Profi. Erst seine Frau machte ihn in einem alles verändernden Gespräch auf dieses Pensum aufmerksam: "Zwei Stunden lang hat sie mein und ihr Leben auf den Kopf gestellt, ohne mich jemals zu demütigen."
Seine Erkenntnis: "Ich hatte als Vater und Ehemann versagt. Mir wurde klar, dass ich den Schalter nie umgelegt hatte, dass ich immer noch der kurzsichtige Sportler war, der vom Wunsch nach Erfolg besessen war und nichts anderes im Leben sah. Es war tiefgreifend, gewalttätig, therapeutisch. Ich habe den Athleten Ivan Basso getötet und endlich den Mann zum Vorschein gebracht."
Nun begleitet er die Karriere seines Sohnes Santiago, der inzwischen als Profi ist. Basso ist überzeugt, dass dieser "in einer viel ethischeren Welt unterwegs ist", als er es war: "Er hat keine Vorstellung, von welchem Umfeld und welchen Versuchungen wird in seinem Alter umgeben waren."
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