Jan Ullrich und Boris Becker exklusiv: "Es ist brutal hart, oben zu bleiben" - Sportstars über Ruhm, Rückschläge und deutsche Mentalität

Jan Ullrich und Boris Becker haben exklusiv bei Eurosport über ihre erfolgreichen, aber auch wechselvollen Karrieren gesprochen. Welche Opfer haben sie für ihre Siege gebracht, wie sind sie mit Ruhm und Rückschlägen umgegangen? Welchen Rat würden sie sich rückblickend auf die Jahre ihrer frühen Triumphe geben? Im Talk mit Birgit Nössing stellen sie sich schweren Fragen - aber lachen auch herzhaft.

Ullrich trifft Becker: "Ich habe wegen Dir mein Training geschwänzt"

Quelle: Eurosport

"Ich habe wegen dir mein Training geschwänzt" - mit diesem Geständnis machte Jan Ullrich schon zuvor im Gespräch der beiden Sportlegenden während des Velo Club deutlich, dass er als damals Elfjähriger im Sommer 1985 wie zahllose andere Sportfans gebannt mit einem Teenager aus Leimen auf dem Weg zum Triumph in Wimbledon mitfieberte.
"Stolz wie Hugo" sei er dann später beim ersten persönlichen Treffen mit jenem Boris Becker gewesen, erinnert er sich nun im Gespräch der beiden Legenden des deutschen Sports.
Wobei Becker mit dem Begriff so seine Probleme hat - "für mich sind Legenden tot und ich habe noch immer ein sehr aktives Leben", stellt der inzwischen 57-Jährige fest.
"Ich finde es schön, eine lebende Legende zu sein", kontert Ullrich und sorgt damit für lautes Lachen: Die Chemie zwischen den beiden stimmt und entsprechend offen ist ihr Austausch über den Spitzensport und die Licht- wie Schattenseiten, die er mit sich bringt. Etwa der permanente Fokus der Öffentlichkeit, an den sich beide erst gewöhnen mussten.
Becker reiste als Tennisprofi von Turnier zu Turnier um die Welt und realisierte erst schrittweise, welchen Boom er in Deutschland ausgelöst, welche neue Rolle er ungewollt übernommen hatte. Ähnlich war es bei Ullrich, der nach seinem Tour-Sieg 1997 "erst neun Wochen später das erste Mal wieder daheim" war. Dann erst begann die neue Realität voller Termine, Anfragen, Erwartungen, die es zuvor nicht gab.
Die große Herausforderung daraus wurde, sich danach "als Champion wieder zu fokussieren" und über viele Jahre "die Leistung wieder zu erreichen und zu bestätigen", erklärt Ullrich.
"Der erste Wimbledon-Sieg ist toll, aber der zweite ist viel schwerer", stimmt Becker zu, "das Anstrengende ist, es jedes Jahr neu zu zeigen: Es ist brutal hart, oben zu bleiben."
Eine Erfahrung, die beide verbindet. "Wir verstehen uns blind, weil es für mich genau das Gleiche war. Wir haben damals nicht an Ruhm gedacht, sondern wir konnten das eben und haben unser Leben dafür gegeben."

Ullrich an Ullrich: Vertrau' nicht jedem gleich blind!

Welchen Rat würde der Ullrich also seinem jungen Ich aus heutiger Sicht mit auf den Lebensweg geben?
"Mach‘ nicht so viele Fehler! Vertrau‘ nicht jedem gleich blind, guck‘ auch neben dem Sport nach links und rechts, halte dich an die guten Leute, die Erfahrung haben", so der 51-Jährige. Doch seien auch Rückschläge auf dem Weg wertvolle Erfahrungen: "Ich musste mein Leben leben, mit den Höhen, mit den Tiefen. Ich nehme es so, wie es gelaufen ist. Ich glaube, es gibt kein Leben, das nur immer gut sein kann und auch keines, das immer im Tal steckt", blickt Ullrich zurück.

Becker: "Promi ist man für etwas, wofür man nichts kann"

Das hat auch der einstige Weltranglistenerste Becker erlebt - hätte er manchmal gerne den Status des Superpromis gegen den eines Normalbürgers eingetauscht?
"Ich habe mich nie als Promi gesehen", stellt der dreifache Wimbledon-Champion seine Sicht klar: "Ich bin ein erfolgreicher Sportler, ich bin kein Promi. Promi ist man für etwas, wofür man nichts kann. Man macht keinen Sport, um bekannt zu werden", betont er den grundlegenden Unterschied. "Ich gewinne nicht Tennisturniere dafür. Wir sind erfolgreiche Sportler gewesen, keine Influencer."
Dem stimmt Ullrich vorbehaltlos zu. "Der Boom ist entstanden, weil unsere Leistungen einzigartig waren", erklärt der Olympiasieger von Sydney die außergewöhnliche Begeisterung der Fans durch die Besonderheit der Erfolge der beiden Ausnahmeathleten.
"Wenn man Champion werden will, muss man alles dafür opfern", ist Ullrich überzeugt. Ob die heutige Sportlergeneration dabei zu weniger Opfern bereit sei, möchte der Rostocker nicht bewerten - Becker zumindest verweist auf einen aus seiner Sicht entscheidenden Punkt: "Wollen sie bekannt werden oder wollen sie erfolgreich werden? Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun."
 "Die richtigen Champions wollen gewinnen", unterstreicht Becker. "Ob der Ruhm dann kommt, ist alles sekundär. Das hat mich als 17-Jährigen überhaupt nicht interessiert."

Becker: "Wir tun uns schwer mit Erfolg"

Den Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit ihren sportlichen Aushängeschildern sieht das Duo zwiespältig. "Je höher du kommst, umso tiefer kannst du fallen", bringt Ullrich seine Sicht auf den Punkt.
"Es fühlt sich dann manchmal unfair an - und da spreche ich jetzt gar nicht von den Abstürzen im Leben, die wir beide hatten - sondern wenn man zum Beispiel Zweiter wird: Dann wird man in Deutschland schon sehr, sehr hart rangenommen. Aber da muss man auch als Mensch und als Champion drüberstehen. Das gehört zur deutschen Mentalität dazu", vermutet Ullrich.
Und Becker ergänzt: "Wir tun uns schwer mit Erfolg. Die reichen Deutschen verstecken sich - warum? Sie haben es ja nicht geklaut, sondern sich hart erarbeitet. Aber die kennen wir alle gar nicht. Die erfolgreichen deutschen Sportler wandern aus, weil man im Ausland noch eine Privatsphäre hat. Wir haben viele Vorteile mit unserer Mentalität, unserer Kultur - aber auch einige Nachteile", befindet der inzwischen in Mailand lebende Barcelona-Olympiasieger.
Die deutschen Fans hingegen waren besonders Ullrich eine große Stütze, auch und gerade in schwierigen Zeiten. Ihre Unterstützung bedeute ihm "sehr, sehr viel", so Ullrich, "meine Fans sind die besten: Sie haben immer zu mir gehalten - und haben dann auch verziehen. Das ist wie ein Ritterschlag."
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Matchball Becker: Legenden-Talk mit Jan Ullrich und Boris Becker

Quelle: Eurosport


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