Jan Ullrich spricht offen über falschen Weg und kündigt für Dokumentation an: "Ich werde die Hosen runterlassen"

"Ich habe es so viele Jahre probiert, aber mein Weg war der falsche." Jan Ullrich hat in einem Interview erstaunlich offen und gelöst über die Verarbeitung seiner Vergangenheit gesprochen. Der einzige deutsche Sieger der Tour de France will im Rahmen einer Dokumentation die wichtigsten Stationen seines Lebens besuchen, "das Erlebte nach oben holen" und die Schattenseiten hinter sich lassen.

"Er wollte es allen recht machen": Experten-Talk zu Jan Ullrich

Quelle: Eurosport

Im Podcast "AWFNR" von Promi-Fotograf Paul Ripke verrät Jan Ullrich in einem lockeren 60-minütigen Gespräch seine Pläne für die nahe Zukunft. Der 48-Jährige, der in den letzten Jahren aufgrund von Problemen mit Alkohol und Drogen für negative Schlagzeilen sorgte und seine Fans bangen ließ, will den Mantel des Schweigens endlich abstreifen und sich von seiner unrühmlichen Vergangenheit freimachen:
"Ich arbeite an einer Dokumentation über mein Leben. Es wird eine Serie in vier Teilen bei 'Amazon Prime' über die tollen und die weniger schönen Dinge meines Lebens geben. Ich werde alle Stationen noch einmal bereisen. Das spiegelt mein Leben genauso wider, wie es war. Ehrlich. Ich werde die Hose runterlassen, um das für mich zu verarbeiten", erklärt Ullrich. "Ich dachte viele Jahre, ich kann das selbst verarbeiten, aber es holt einen immer wieder ein, weil ich es noch nie geäußert habe. Diese Doku wird nächstes Jahr kommen."
Sich selbst einzugestehen, dass sein Umgang mit den Fehlern in seiner Laufbahn seit seiner Suspendierung bei der Tour de France 2006 aufgrund seiner Verwicklung in den Dopingskandal um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes nicht der richtige war, ist für Ullrich nicht einfach. Dennoch scheint sich der Familienvater nach all den Jahren der Verschwiegenheit ein Herz zu fassen und den festen Willen zu haben, seine wahre Geschichte zu erzählen:
"Es ist wie ein Eiterpickel, den man ausdrücken muss und dann geht es wahrscheinlich besser. Ich hätte mir das vor zwei Jahren nicht vorstellen können, dass ich das mache. Aber mein Umfeld hat mich motiviert und mir klar gemacht: 'Mit Deiner Art von Verarbeitung hast Du es eben nicht geschafft und bist abgedriftet in Alkohol und Drogen. Das war der falsche Weg, versuche es doch mal so.'"

Ullrich: Wichtiger Schritt zur Verarbeitung

Noch heute habe Ullrich "schlaflose Nächte", wenn er darüber nachdenke, seine "schlimmsten Fehler" öffentlich zu machen: "Aber, ich stehe für meine Fehler ein, das habe ich schon immer gemacht. Das Leben ist ein Auf und Ab. Es hat ja auch viele schöne und gute Seiten gehabt. Ich glaube, es ist sehr interessant. Viele haben mir bestätigt, dass sie es gerne sehen wollen. Vielleicht ist das jetzt der Schritt der Verarbeitung, den ich brauche, um mich danach wieder auf andere Sachen zu konzentrieren."
Vor wenigen Wochen kletterte das wohl größte Talent der deutschen Radsport-Geschichte im Rahmen eines Trainingscamps mit einer Gruppe handverlesener Ullrich-Fans erstmals nach 22 Jahren wieder auf den legendären Mont Ventoux. Eine Erfahrung, die einer Zeitreise glich: "Ich konnte mich wieder genau erinnern, wo die Attacken gefahren wurden, welche Kurve kommt und wo es flacher wird. So kann ich mir vorstellen, wenn ich die Orte bereise und noch einmal alles wahrnehme, dass die Blockaden im Kopf aufgehen, ich mich erinnere und es dann auch rauslasse. Aussprechen, erinnern, rauslassen und abschließen."

Jan Ullrichs Zeitreise in die Vergangenheit

Für seine Dokumentation will Ullrich im Winter und im kommenden Frühjahr noch weitere Stationen seiner Karriere bereisen und erwartet sich unter anderem in den Alpen und in den Pyrenäen weitere Schlüsselerlebnisse auf seinem schweren Weg zur mentalen Regeneration: "Es kommen auch Stürze vor, nicht nur die Erfolge wie in Andorra. Wenn man an den Ort des Geschehens zurückkehrt, kommen viele Erinnerungen hoch. Ich habe das viele Jahre verdrängt und wollte das für mich abhaken. Das ging nicht. Das Erlebte muss man aber wieder nach oben holen. Ich stelle mir das so vor: Da sind viele Räume im Gehirn, die abgeschlossen sind. Da muss man wieder ran."
Ullrich gesteht sich selbst ein, gerne mal "den leichten Weg" genommen zu haben, der jedoch "nicht immer der richtige" sei. Nun will er den schwierigen Weg einschlagen - der einer Besteigung des Mount Everest gleicht, "da muss man drüber! Aber wenn man es geschafft hat, ist das für immer ein prägendes Erlebnis".
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Quelle: Eurosport

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