Kein Champagner in Reims
Es hätte so schön sein sollen, von wegen "geteilte Freude ist doppelte Freude" und so. Also hatte sich das Eurosport-Kommentatoren-Trio Migels, Leinauer & Schulz zum WM-Halbfinale aufgemacht, um mit ein paar anderen Deutschen das große Spiel zu verfolgen. Und da lag nichts näher, als sich der Milram-Truppe anzuschließen.
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Fotocredit: Eurosport
Dass der Abend aber unter keinem guten Stern stand, wurde uns schnell deutlich. Dabei schien der Plan prima: Nach der Übertragung schnell ins Hotel, fix geduscht und ab ins Auto. Auf dem Weg zu Milram sollte sich dann ja wohl auch noch ein nettes Restaurant fürs Abendessen finden. Soweit alles dufte.
Gut - auf den paar Kilometern zum nicht gerade mondänen 'Brit Hotel' waren Gaststätten zwar Fehlanzeige, aber das schien sogar ganz günstig: Es ging schon hart auf 20:00 Uhr zu - da essen wir einfach dort im Hotel. Denkste. Die weibliche Dreierkette an der Rezeption blockt uns ab. Essen? Bei uns? Alles abgezählt, nur für Gäste, keinerlei Puffer. Wir hätten auch nach dem Stein der Weisen fragen können.
Mission impossible
Mist - schnell Plan C: Nahrung muss sein, denn die letzte Mahlzeit war das Frühstück. Also ab in den Ort, irgendwas wird es schon geben. Aber unsere Blicke erspähen nur leere Straßen - und unter dem Schild "Pizza" folgt ein heruntergelassenes Metallrolltor. Na prima. Wir haben ja Zeit.
Schnell - die Dame mit Hund ist ortskundig: Fenster runter, Gretchenfrage gestellt - und Verwunderung geerntet. Restaurant? Hier? Nee, hammerwernich. Aber es wird eins gebaut; neben dem Hotel im Gewerbegebiet. Ja, da waren wir schon. Schönen Abend noch. Ratlose Blicke, sollen wir wie empfohlen in den nächsten Ort fahren?
Geistesblitz: Schnell im Navi die Taste Sonderziele gewählt! Tatsächlich, in ein paar Kilometern wartet die "Emeritage" auf drei hungrige, gehetzte Deutsche. Karsten "Röhrl" Migels spielt seine Qualitäten voll aus. Und wider Erwarten versteckt sich mitten im Wald das gar nicht so kleine Restaurant. Seltsam nur, dass alle Fensterläden zu und der Parkplatz leer - her mit dem Navi!
"La belle epoque" heißt das neue Ziel, wenige Minuten entfernt. Klingt verheißungsvoll. Die Tagesschau ist gleich rum. Seltsam, das ist doch ein Industriegebiet? Wurscht, "immer weiter" hat schon Oli Kahn gesagt. Schon wieder rechts, da waren wir doch schon eben - und da war nix!
Naja - etwas war da schon, doch bei der ersten Passage war das dem suchenden Blick im Restaurant-Modus entgangen. Lag wohl daran, dass die Unterkategorie "abgebrannte Gebäude" nicht gewählt war. Fassungslosigkeit.
Routinier Migels aber hat auch abseits der Rennstrecken den Adlerblick. Keine Sorge, da vorne ist was. Es kommt, wie es immer kommt. Wenig später sitzen wir im Land der gastronomischen Hochkultur, in der Stadt des Champagners, in einem US-Spezialitäten-Geheimtipp und öffnen das erste winzige Dosenbier. Hilft ja nix.
Vuvuzela meets Thrombosestrumpf
Wenigstens ging's schnell, also Schwamm drüber und zurück zum Hotel. Da fiebert der ganze Milram-Tross schon vor dem Bildschirm, ufff - noch 0:0. Der Puls sinkt nun erst einmal, Zuversicht kommt auf. Gerald Ciolek hat sich ein Trikot der Nationalelf übergezogen, Johannes Fröhlinger bläst mit ner Vuvuzela in Nationalfarben zum Halali. Mehr deutsche Stimmung kann's in Reims kaum geben.
Ansonsten ist alles wie daheim: Schnell bricht sich die "neue Sachlichkeit" gerade bei der Beurteilung von Foulspielen Bahn, wer vom Spiel abweichende Themen aufbringt, wird sanft & verständnisvoll zurück auf den richtigen Weg gebracht. Ungewohnt hoch ist nur die Zahl an Personen, die Kompressionsstrümpfe trägt.
Halbzeit - die Fahrer von Cofidis, die im selben Etablissement nächtigen, verabschieden sich. Wann spielt eigentlich die 'equipe tricolore' wieder? Schon gut, ihr habt dafür eine hübsche Sport-Staatssekretärin.
Wiederanpfiff - Spanien dominiert nun. Schnell fährt Milram das dritte mitgebrachte Fässchen Kölsch auf (nein, keine Sorge, sind nur 5-Liter-Gebinde). Aber das Spiel läuft gegen die deutsche Elf. Und jemand sollte dem Tisch mit den Cofidis-Betreuern mal verdeutlichen, dass niemand Lust hat, in ihr "Que viva Espana" einzustimmen.
Tor - Entsetzen bei uns, Cofidis-Boss Eric Boyer hingegen schwenkt vergnügt seine gelbe Serviette überm Kopf und macht sich damit zum roten Tuch. Trotz. Hoffnung. Selbst Gomez wird noch ein Tor zugetraut. Nachspielzeit. Fatalismus. Aus.
Binnen Sekunden sind die Milram-Fahrer verschwunden. Aber die Küche, aus der natürlich den ganzen Abend über Unmengen an Essen an uns vorbeigetragen wurde und in der kein Mangel an Irgendwas zu herrschen schien, öffnet nochmals ihre Pforte:
Heraus kommt eine Torte. Bei Cofidis wird Geburtstag gefeiert. Da ist es endgültig Zeit zu gehen.
Buenas noches aus Reims, Andreas Schulz
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