Red Bull-Bora-hansgrohe-Profi Florian Lipowitz war Biathlet - und ist jetzt Deutschlands große Rundfahrten-Hoffnung
VonJan Zesewitz
Update 10/10/2024 um 09:43 GMT+2 Uhr
Florian Lipowitz fuhr 2024 sein erfolgreichstes Jahr als Radprofi. Er wurde Dritter bei der Tour de Romandie und Siebter bei der Vuelta. Er ist mit 24 Jahren wohl die größte Rundfahrten-Hoffnungen aus Deutschland - und ein Quereinsteiger. Erst seit 2020 betreibt er den Sport professionell, davor war er Biathlet und bei Radmarathons aktiv. Werdegang und Aussichten des Red-Bull-Bora-hansgrohe-Profi.
"Großartig gemacht!" Lipowitz verlangt Carapaz alles ab
Quelle: Eurosport
Florian Lipowitz wartet. Es ist der Schlussanstieg der vierten Etappe der Tour de Romandie und er ist bei der Entscheidung dabei. Er wartet länger, blickt sich um, sucht seinen Kapitän Aleksander Vlasov. Ganz vorne fährt Richard Carapaz, Giro-Sieger 2019, Olympiasieger 2021. Aber er ist noch in Sichtweite.
250 Meter vor dem Ziel wartet Lipowitz nicht mehr. Er attackiert vom Hinterrad von Carlos Rodríguez und kommt immer näher an Carapaz heran. Aber nicht mehr nah genug. Der Ecuadorianer gewinnt die Etappe, Lipowitz wird Zweiter. Er hat zu lange gewartet.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich mit den absolut weltbesten Kletterern mitfahren kann", sagte Lipowitz im Ziel, durchaus von seiner eigenen Leistung beeindruckt. "Aber schon vom Beginn des Anstieges an fühlte ich mich gut und die Beine passten. Leider habe ich Carapaz am Ende nicht mehr erwischt, bin aber sehr zufrieden mit dem Tag."
Es war das erste Mal, dass sich der junge Deutsche in der absoluten Weltspitze zeigte. Aber nicht das letzte Mal. Die Romandie-Rundfahrt beendete er auf Rang drei in der Gesamtwertung. Beim Giro d'Italia zwang ihn nach strakem Start eine Krankheit in der ersten Woche zur Aufgabe, bei der Vuelta wurde er als Edelhlefer von Gesamtsieger Primoz Roglic Siebter und verpasste nur knapp das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers - in einer extrem bergigen Rundfahrt bei großer Hitze sowie Krankheitsproblemen zum Ende ein echtes Ausrufezeichen.
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"Einfach genial": Lipowitz lässt starke Form aufblitzen
Quelle: Eurosport
Ein ungewöhnlicher Werdegang
Für den Teenager Lipowitz war Rennradfahren vor allem ein Hobby. Mit seinen Eltern machte er Urlaub mit dem Rad, in den Alpen oder in den Pyrenäen. Er mochte es, sich zu verausgaben, ans Limit zu gehen - und vor allem: bergauf zu fahren.
Zu diesem Zeitpunkt war er eigentlich schon einem anderen Sport "versprochen": Biathlon. Seit er acht Jahre alt war betrieb er den Sport erfolgreich, war als Schüler Deutscher Meister und im Nationalkader. Radfahren war ein Teil seines Trainingsplans im Sommer.
Durch einen Kreuzbandriss schied Langlaufen für längere Zeit aus - ein Jahr lang durfte Lipowitz nur Rennradfahren. "Ich habe recht schnell gesehen, dass auch auf dem Rad Talent da ist", sagte er dem Magazin "Rennrad". "Dass ich gerade an langen Bergen mit weit älteren, erfahrenen Fahrern mithalten kann. Die ersten Radmarathons bin ich nur aus Spaß gefahren. Im Laufe der Zeit wurde ich ehrgeizig."
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Florian Lipowitz (vorne) 2016 beim Deutschlandpokal der Biathleten
Fotocredit: Imago
Mit 18 Jahren gewann er 2019 den Engadin Radmarathon. Die Zahlen: 214 Kilometer und mehr als 4000 Höhenmeter. Er brauchte 6:09:32 Stunden - Streckenrekord. Dabei schlug er unter anderem einen der besten Radmarathon-Fahrer dieser Zeit: Matthias Nothegger.
Steile Lernkurve bei den Profis
Beim schleichenden Übergang vom Biathlon zum Radsport half auch Bora-Trainer Dan Lorang. Den traf Lipowitz zufällig bei der deutschen Sommer-Meisterschaft und erwähnte seinen geplanten Sport-Wechsel. Bei einem Leistungstest kamen erstaunliche Werte bei Ausdauerparametern wie der VO2max (Messung der maximalen Sauerstoffaufnahme) zustande.
Dieser Test wurde bei Peter Leo absolviert, Trainer beim Team Tirol KTM, einem Team in der dritten Radsport-Liga, das für die Entwicklung von Talenten bekannt ist. Lipowitz wurde direkt engagiert.
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Beim Giro d'Italia 2024 zeigte Lipowitz bereits starke Leistungen
Fotocredit: Getty Images
Das Fahren im Feld, Renntaktik, Rundfahrten - das war neu für den Ex-Biathleten. Doch sein Talent setzte sich durch, seine Lernkurve war extrem steil. Er nahm an der Tour de l'Avenir teil und wurde 14. in der Gesamtwertung. Er schnupperte bei einigen größeren Rennen in die Weltspitze - und das Team Bora-hansgrohe wurde auf ihn aufmerksam.
Seit dem Sommer 2023 - seinem vierten Jahr als "reiner" Radprofi, fährt er für den Raublinger Rennstall. Ein Jahr darauf fuhr er schon in die Top Ten bei einer Grand Tour.
Lipowitz: Ziele und Ambitionen
Wenn man diese Lernkurve auf die Zukunft überträgt, dann sind von Lipowitz eher früher als später Siege zu erwarten. Beim Giro dell'Emilia fuhr er als Solist lange alleine mutig hinter Tadej Pogacar her - erst ganz am Ende stellte ihn die Meute, statt Platz zwei blieb so Rang 20 nach einem tollen Auftritt.
Ein großes Ziel bleibt in diesem Jahr noch: die Lombardei-Rundfahrt (Samstag ab 15:00 Uhr im Liveticker sowie im Livestream bei discovery+): Dort dürfte er nach dem Fehlen von Primoz Roglic wieder seine eigene Chance suchen dürfen. Wenn der Rennverlauf zu seinen Gunsten verläuft, kann sich Lipowitz Chancen auf eine Top-Platzierung ausrechnen.
Das glaubt auch der einstige Tour-de-France-Etappensieger Simon Geschke: "Er wird sich sicherlich in Zukunft weiterhin darauf konzentrieren, bei den Grand Tours auf Gesamtwertung zu fahren. Es macht ja Sinn, wenn man Top 10 fahren kann, dass man das weiter probiert und in den nächsten Jahren auch ein besseres Ergebnis anpeilt", sagte er über Lipowitz.
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"Auf der Zunge zergehen": Lipowitz mit Attacke am Schlussanstieg
Quelle: Eurosport
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