Simon Geschke im Exklusiv-Interview zum Karriereende: "Der letzte Giro d'Italia war mein absolutes Highlight"

Simon Geschke hat nach 16 Jahren als Profi seine Radsportkarriere beendet. Im Exklusiv-Interview mit Eurosport spricht er über die emotionalen Höhepunkte seiner Abschluss-Saison und seine größten Erfolge, allem voran der Etappensieg bei der Tour de France in Pra-Loup 2015. In diesem Jahr konnte er mit Platz 14 beim Giro d'Italia seine beste Gesamt-Platzierung bei einer Grand Tour erreichen.

Alles Gute, Simon: Geschke zum Abschied gefeiert

Quelle: Eurosport

"Ungewohnt" sei die Zeit jetzt, in der Geschke im heimischen Freiburg sitzt und sich um seinen neugeborenen Sohn kümmert, während seine ehemaligen Teamkollegen bei Cofidis im Winter-Trainingslager an der Form für die kommende Saison arbeiten müssen.
Gerade das Training im heimischen Winter fehlt dem 38-Jährigen allerdings überhaupt nicht. "Ich genieße die Zeit."
Geschke prägte eine Ära des Radsports - als Protagonist im Rampenlicht wie auch als extrem wichtiges Teammitglied diverser "Granden" des Sports. An seiner Seite gewann Tom Dumoulin den Giro 2017 und wurde bei der Tour im Jahr darauf Zweiter.
Auch Michael Matthews, Warren Barguil oder John Degenkolb konnten sich auf den Freiburger verlassen, der immer wieder auch eigene Top-Ergebnisse einfahren konnte. Im Exklusiv-Interview sprach Geschke über seine diversen Rollen im Team, Individual vs. Team-Erfolg, seinen Status als Fan des Radsports und wie es in Zukunft bei ihm weitergehen wird.
Wie fühlt sich die erste Zeit ohne Profi-Radsport an? Können Sie es genießen, oder vermissen Sie ihn schon sehr?
Simon Geschke: Ich genieße es tatsächlich sehr. Ich fahre weiterhin ein bisschen Rad, aber ohne den Druck, den man sonst immer hat. Ganz ehrlich, das Wintertraining mit all den strukturierten Einheiten und oft schlechtem Wetter - das vermisse ich überhaupt nicht. Ich habe in den letzten Jahren zunehmend gemerkt, dass mich das immer weniger begeistert. Von daher genieße ich diese Freiheit jetzt erst einmal. Es ist natürlich trotzdem etwas komisch zu wissen, dass die Teamkollegen gerade im Trainingslager in Spanien sind, während ich zu Hause bin und fahre, wann und wie ich gerade Lust habe. Das ist definitiv noch ungewohnt.
Ich wusste, dass ein Sieg im Bergtrikot oder eine Etappe aufgrund der starken Konkurrenz durch Pogacar unrealistisch war. Daher habe ich mich auf die Gesamtwertung konzentriert, was ich zuvor noch nie gemacht hatte. Es war fast witzig, das mit 38 Jahren zum ersten Mal ernsthaft zu probieren.
Blicken wir auf Ihre Abschiedssaison. Sie haben relativ früh angekündigt, dass 2024 Ihr letztes Jahr als Profi sein wird. Was hat sich verändert für diese Saison, seit klar war – das ist ihr Abschiedsjahr?
Geschke: Die Rennen selbst waren oft eine gute Ablenkung, sodass ich nicht ständig daran gedacht habe. Aber bei meinen Lieblingsrennen – wie Strade Bianche, dem Giro oder Tour Down Under – war mir immer bewusst, dass es das letzte Mal sein würde. Diese Rennen wollte ich unbedingt noch einmal fahren. Die Tour de France war natürlich extrem emotional, mit zwölf Teilnahmen zählt sie zu den Rennen, die ich mit am häufigsten gefahren bin. Und je weiter die Saison voranschritt, desto präsenter wurde das Gefühl des Abschieds. Besonders beim Münsterland Giro, meinem letzten Rennen, war das schon sehr speziell.
picture

Geschke beendet seine Tour-Karriere und beschenkt Edelfan

Quelle: Eurosport

Sie haben in ihrem letzten Jahr auch beim Giro stark performt, mit einer Top-15-Platzierung und dem Tragen des Bergtrikots. Wie haben Sie diese letzte Italien-Rundfahrt erlebt?
Geschke: Der Giro war mein sportliches Highlight. Es hat sich eher so ergeben, dass ich mich in der dritten Woche auf die Gesamtwertung konzentriert habe, da ein gutes Ergebnis auch für das Team wichtig war. Ich wusste, dass ein Sieg im Bergtrikot oder eine Etappe aufgrund der starken Konkurrenz durch Pogacar unrealistisch war. Daher habe ich mich auf die Gesamtwertung konzentriert, was ich zuvor noch nie gemacht hatte. Es war fast witzig, das mit 38 Jahren zum ersten Mal ernsthaft zu probieren. Ich war super zufrieden mit meiner Form und hatte mich akribisch auf den Giro vorbereitet. Das Rennen war mein sportlicher Höhepunkt der Saison und wir hatten alles darauf ausgerichtet.
Wenn Sie auf Ihre 16 Jahre Profiradsport zurückblicken, was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?
Geschke: Jedes Jahr entstehen Highlights, für jeden Fahrer, egal ob man hundert Rennen gewinnt, oder wie ich "nur" drei oder auch gar keines. Natürlich steht der Tour-de-France-Etappensieg ganz oben auf der Liste. Aber auch Platzierungen wie der sechste Rang beim Amstel Gold Race oder Top-Ten beim Flèche Wallonne sind Highlights. Ich denke auch gern an meine ersten Jahre als Profi zurück, wie meine erste Tour im Jahr 2009, auch wenn ich damals meist im Gruppetto war. Und dann gab es die Team-Erfolge mit Fahrern wie Marcel Kittel, Tom Dumoulin, John Degenkolb, Warren Barguil oder Michael Matthews. Die Liste großer Fahrer ist lang und ich war immer froh, wenn ich sie unterstützen konnte.
picture

Simon Geschke im Bergtrikot beim Giro d'Italia 2025

Fotocredit: Getty Images

Sind diese Team-Erfolge im Rückblick genauso viel wert wie individuelle Siege oder Platzierungen?
Geschke: Am schönsten sind natürlich die individuellen Platzierungen, die würde ich auf keinen Fall eintauschen wollen. Es war aber auch eine tolle Erfahrung, Tom Dumoulin zum Sieg beim Giro oder zu Platz zwei bei der Tour zu verhelfen. Mein eigener Etappensieg ist aber natürlich nochmal auf einem anderen Level. Zu vergleichen ist es vielleicht damit, wenn man über die Ziellinie fährt und weiß, man hat das Maximum erreicht – auch wenn man nicht gewonnen hat. Als ich Dritter bei der Tour Down Under wurde oder bei guten Ergebnissen wie bei der Tour de Romandie war das so. Da hatte ich mir so ein Ergebnis zu Beginn des Rennens gar nicht zugetraut. Das fühlt sich fast genauso an wie ein Sieg.
Der Etappensieg bei der Tour de France 2015 in Pra Loup war sicher der größten Erfolge der Karriere. Wie hat dieser Sieg sie als Fahrer und in der Öffentlichkeit verändert?
Simon Geschke: Für mich persönlich hat sich dadurch nicht viel geändert. Es war ein unglaublicher Tag und ich habe die Wochen danach auf Wolke sieben verbracht. Es hat mir mein Potenzial aufgezeigt, aber ich wusste auch, dass ich kein klassischer Siegfahrer bin. Es war ein perfekter Tag, an dem alles gepasst hat. Aber es war nie realistisch, dass ich das jetzt jedes Jahr so machen würde. Das war wohl meine beste Zeit als Profi und ich habe es sehr genossen, dass die Sterne an diesem Tag für mich so günstig standen. In der Öffentlichkeit hat sich mehr verändert. In Deutschland wurde ich plötzlich viel bekannter, und das hat mir viele Türen geöffnet.
Pogacar hat keine Angst, 100 Kilometer vor dem Ziel zu attackieren, wie bei der Weltmeisterschaft. Das ist schon krass, was er da so macht.
Sie haben auch um das Bergtrikot gekämpft. Was unterscheidet diese Herangehensweise von der Jagd nach Etappensiegen oder der Gesamtwertung?
Geschke: Wenn man ein absoluter Überfahrer ist wie Pogacar, dann kann man das Bergtrikot im Vorbeigehen quasi mitnehmen. Der Kampf um das Bergtrikot erfordert für einen Fahrer wie mich eine ganz andere Taktik. Für mich war klar, dass ich mich voll darauf konzentrieren musste, da ich nicht die Kapazitäten hatte, gleichzeitig die Gesamtwertung im Blick zu behalten. Das war mir sowohl beim Giro als auch bei der Tour klar – wenn Pogacar oder Vingegaard die Bergankünfte gewinnen, dann kann man da nicht mithalten.
Logisch ...
Geschke: Das Trikot geht oft aber eben nicht an den besten Bergfahrer, sondern eben an den Fahrer, der die meisten Punkte sammelt. Man muss gezielt Punkte auf bestimmten Etappen holen, oft aus Ausreißergruppen heraus. Man muss sich voll auf das eine Ziel konzentrieren - ganz oder gar nicht. Ich hätte vor zwei Jahren nicht eine Chance auf das Trikot gehabt, wenn ich mich auf Etappensiege oder die Gesamtwertung konzentriert hätte. Im Nachhinein hätte ich mich vielleicht noch mehr auf das Trikot konzentrieren sollen, anstatt zwischendurch auch auf Etappenergebnisse zu gehen. Ich hätte es mit etwas mehr Cleverness gewinnen können, aber das weiß man eben auch erst hinterher.
picture

Simon Geschke war 2023 nahe dran am Gewinn des Bergtrikots der Tour de France

Fotocredit: Getty Images

Dieses Jahr war ein unglaubliches Jahr für Tadej Pogacar. Was macht ihn so besonders, auch persönlich?
Geschke: Ich habe einige absurde Leistungen von ihm live miterlebt in diesem Jahr. Dieses Jahr war er noch einmal auf einem anderen Level. Ich bewundere seine offensive Fahrweise und seine Unbekümmertheit. Er hat keine Angst, 100 Kilometer vor dem Ziel zu attackieren, wie bei der Weltmeisterschaft. Das ist schon krass, was er da so macht. Das macht ihn zu einem sehr unterhaltsamen Fahrer. Hinter den Kulissen ist er, glaube ich, ein harter und seriöser Arbeiter, aber auf dem Rad wirkt er oft locker und spielerisch. Das macht ihn aus, dass er einfach ein Charisma hat und so ein kompletter Rennfahrer ist.
Ich will im kommenden Jahr einen Marathon laufen - es geht also nicht ganz ohne Sport.
Kann man Pogacar mit anderen dominanten Fahrern wie Contador oder Froome vergleichen?
Geschke: Der einzige Vergleich, den man wirklich ziehen kann, ist, dass er auch nur ein Mensch ist. Jede Ära geht einmal vorüber. Nach Contador kam Sky und Froome und auch die wurden irgendwann abgelöst. Auch Pogacar wird irgendwann abgelöst werden, auch wenn er noch sehr jung ist. Es wird spannend zu sehen sein, wie lange er das Niveau so halten kann. Keiner steht über den Naturgesetzen. Aktuell erleben wir eine sehr spannende Zeit im Radsport, die Leistungsdichte ist bei den Klassikern und bei den Grand Tours sehr hoch. Ich genieße es sehr, dabei zuzuschauen. Die Renntaktik hat sich auch verändert, das Finale beginnt immer früher und für die Zuschauer macht es sehr viel Spaß, die Rennen zu verfolgen.
picture

Simon Geschke beendete seine Karriere nach dem Münsterland Giro im Oktober

Fotocredit: Getty Images

Wer wird das Jahr 2025 hauptsächlich prägen?
Geschke: Es gibt viele Fahrer, die jünger sind als Pogacar und Remco Evenepoel. Juan Ayuso und Isaac del Toro sind wahnsinnig talentiert, da weiß man nie, was passiert, wenn die nochmal einen Leistungssprung machen. Es ist aktuell schwer sich vorzustellen, dass Tadej mal nicht der dominante Fahrer einer Saison sein wird, aber diese Zeit wird irgendwann kommen. Remco könnte so jemand sein, der ein ganz anderer Charakter ist als Pogacar, der nochmal verbissener und siegeshungriger ist. Zumindest wirkt es bei Pogacar etwas verspielter. Bei Evenepoel konnte man bei Olympia sehen, wenn er sich etwas vornimmt, dann setzt er alles daran, es auch zu bekommen.
Was sind ihre Pläne für die Zeit nach der Karriere?
Geschke: Ich werde über Weihnachten sicher nicht mehr so trainieren wie früher, da bin ich doch regelmäßig an Weihnachten oder Silvester noch vier oder fünf Stunden gefahren. Jetzt trainiere ich vielleicht noch für zwei Stunden auf dem Mountainbike und will das mehr genießen. Es wird das erste Weihnachten zu Dritt und darauf freuen wir uns. Im nächsten Jahr lasse ich es auch erstmal ruhiger angehen und bin dann bei einigen Camps dabei und fahre mit anderen Radfahrern. Ich freue mich darauf, mit anderen Radsport-Fans zusammenzukommen und sich auszutauschen. Ich will im kommenden Jahr einen Marathon laufen - es geht also nicht ganz ohne Sport. Auch dem Radsport werde ich verbunden bleiben, vielleicht nicht als Sportlicher Leiter, aber als Kommentator oder Trainer könnte ich mir schon eine Zukunft vorstellen.
picture

Tour de France 2025: Die Strecke der 21 Etappen bis nach Paris

Quelle: Eurosport


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung