Kommentar: Team Sky - vom Saubermann zum schwarzen Schaf

Von "zero tolerance" zu "zero credibility": Saubere Siege bei den größten Rennen, "zero tolerance" in Sachen Doping und Dopingvergangenheiten - mit diesem Ziel war Team Sky einst in den Radsport eingestiegen. Die Erfolgsbilanz ist unbestritten, der Rennstall gewinnt die Tour fast im Abo und sammelt auch bei anderen Rennen und Rundfahrten Titel und Triumphe.

Team Sky: Bradley Wiggins and Dave Brailsford

Fotocredit: Getty Images

Doch gleichzeitig ist die Mannschaft an ihrem Anspruch in Sachen Transparenz grandios gescheitert: Die Glaubwürdigkeit ist völlig auf der Strecke geblieben, der selbsterklärte Saubermann der Szene ist erst zum Schmuddelkind und jetzt endgültig zum schwarzen Schaf geworden
Die Salbutamol-Affäre um Chris Froome und die Vorwürfe gegen Bradley Wiggins und Dave Brailsford von höchster Stelle sind nur die letzten und steilsten Serpentinen einer schier endlosen Abfahrt ins Tal der Unglaubwürdigkeit.
Doch was es so schwierig macht: Sky bewegt sich mit seinem bislang bewiesenen Tun im Rahmen der Anti-Doping-Regularien. Faktisch ist noch kein verbotenes Handeln nachgewiesen worden, der Bericht des parlamentarischen Sonderausschusses äußert ebenfalls nur Vermutungen und stützt sich auf Indizien sowie Zeugenaussagen, betont sogar selbst, der Rennstall habe innerhalb der Regeln gehandelt. Es liegt kein positiver Doping-Test vor.
So schwarz/weiß, wie Testergebnisse sein sollten, ist die Thematik leider nicht. Lance Armstrong erklärte in seiner Karriere immer wieder stolz, hunderte Male getestet und dabei nie positiv gewesen zu sein - um dann später doch gestehen zu müssen, dass er und sein Team jahrelang massiv gedopt hatten. Dass Wiggins nun ausgerechnet den von Armstrong jahrelang geprägten Begriff "Hexenjagd" bemüht, um den medialen Umgang mit ihm selbst zu beschreiben, ist entweder höchst unglücklich oder eine freche Veralberung seiner Fans.
Klarere Regeln, weniger Grauzonen, die Abschaffung von den Ausnahmegenehmigungen TUEs und unverständlichen Grenzwerten halb-legaler Substanzen scheinen der einzige Ausweg aus dem Schlamassel zu sein, in das der Sport nach dem EPO-Zeitalter gerutscht ist.
Die Fälle bei Team Sky zeigen, dass es inzwischen weniger um harte Dopingverstöße geht, als vielmehr darum, sich mit leistungssteigernden Mitteln innerhalb des Reglements Vorteile zu verschaffen. Das mag erlaubt sein, bleibt aber trotzdem "unethisch", wie es selbst Wiggins' und Skys Ex-Trainer Shane Sutton nennt.
Oder wie Marcel Kittel und André Greipel es im Rahmen der WM 2016 sinngemäß formulierten: Wer ein verbotenes Medikament braucht, um Leistungssport treiben zu können, der sollte sich nicht mit gesunden Athleten messen können.
Und was Team Sky betrifft: Dessen Glaubwürdigkeit ist längst zerstört und scheint kaum zu reparieren. Die einzige Chance dürfte sein, dass die Verantwortlichen abdanken - so wenig es auch bringen mag, ein systemisches Problem auf einzelne Personen abzuwälzen, in dem Fall ist das die letzte Chance zur Selbsterhaltung: Sir David Brailsford müsste abtreten, um den Rennstall zu retten. Doch dazu hätte er bereits mindestens 18 Monate Zeit gehabt und hat es nicht getan.
Die Entscheidung, wie es für ihn und Team Sky weitergeht, werden keine Sportgerichte fällen, sondern die Geldgeber beim Hauptsponsor. Denn auch ohne "smoking gun" muss man sich bei Sky fragen lassen, ob der Vorwurf, das Team und Brailsford hätten "unentschuldbare und unprofessionelle" Fehler in der Dopingbekämpfung gemacht, für einen Sponsor tragbar sind.
Die Antwort ist nein.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung