Tony Martin mit harter Kritik wegen Stürzen: "Niemand lernt daraus - ich bin echt sprachlos"
Tony Martin prangert im Eurosport-Interview die Untätigkeit von Rennveranstaltern und Weltverband UCI angesichts der schweren Stürze im Radsport an. Viele der oft folgenschweren Crashes wären aus seiner Sicht einfach zu verhindern, doch würden die Fahrer nicht gehört und statt echten Verbesserungen bliebe es vielfach bei Symbolpolitik. Sein Fazit: "Niemand lernt daraus - ich bin echt sprachlos."
Tony Martin
Fotocredit: Imago
Wie schmeckt der erste Winter ohne den harten Trainingsalltag?
Tony Martin: Es ist toll, nach über zwanzig Jahren nicht im Regen raus oder daheim auf die Rolle zu müssen.
Ich bin noch immer sehr beschäftigt, auch mit der Planung meiner Zukunft. Ich will nicht einfach nur auf dem Sofa sitzen und das Karriereende genießen, sondern schaue mich auch nach neuen Dingen um. Ich bin selbst gespannt, welche Rolle der Radsport in Zukunft für mich spielen wird. Ich werde aber ganz sicher weiter auf dem Rad unterwegs sein. Nur dass ich dann nicht mehr bei Regen und Kälte raus muss, sondern mich nach dem Wetter richten kann. Der Radsport wird ein schönes Hobby werden, aber ich schaue auch, welche anderen Sportarten ich machen kann, ob jetzt Laufen, Fußballspielen oder was auch immer.
Werden Sie den Radsport auch im TV verfolgen?
Martin: Ich werde weiter Radsportfan bleiben und viel einschalten. Das habe ich schon als Profi immer gemacht und besonders meinen Teamkollegen zugeschaut. Es werden jetzt Fahrer dazukommen, die ich nicht kenne, nie selbst getroffen habe. Aber ich werde eifrig zuschauen und auch zu Rennen als Zuschauer gehen, wenn sie in meiner Nähe stattfinden.
Mit etwas Abstand: Sind Sie noch immer zufrieden mit dem Zeitpunkt Ihres Rücktritts?
Martin: Ich hätte noch zwei, drei Jahre auf gutem Niveau fahren können. Aber ich finde es gut, jetzt zu gehen, solange ich auch noch im Fokus der Fans und Medien war - lieber so, als wenn sich irgendwann niemand mehr dafür interessiert, ob man aufhört oder nicht. Die WM war der perfekte Abschluss mit der Goldmedaille.
Ich habe schon ein paar Jahre lang den Gedanken in mir gehabt, aber wir hatten so viel Erfolg und so viel Spaß bei Jumbo-Visma, dass die Überlegung wirklich schwer war - und ich hatte ja sogar noch ein Jahr Vertrag.Aber nach dem zweiten Sturz bei der Tour de France in diesem Jahr, als ich wie bei Paris-Nizza im Krankenwagen lag, fragte ich mich dann schon, ob es einem das als zweifacher Vater noch wert ist. Und der Gedanke blieb auch Wochen danach, das war mit entscheidend.
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Gold für Deutschland: Hier bekommen Martin und Co. ihre Medaillen
Quelle: Eurosport
Sie haben die Ankündigung Ihres Rücktritts auch dazu genutzt, deutlich auf die Mängel bei der Sicherheit der Fahrer hinzuweisen...
Martin: ...und da Druck zu machen. Und jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, damit auch von der Öffentlichkeit und den Institutionen gehört zu werden. Früher blieb das nach einer ersten Aufregung in den Medien dann doch immer wieder ohne echte Folgen.
Es ist ein riesiges Thema im Radsport, auf das ich seit Jahren hinweise und es ändert sich wirklich nichts. Wir haben noch immer die alten Vorschriften, die Stürze werden eher mehr, die Rennen immer nervöser. Das will ich nicht mehr mitmachen und ich hoffe wirklich, dass sich im Radsport etwas ändert.
Denn es gibt Möglichkeiten dazu - das Problem ist aber, das besonders die UCI keinen Willen zur Veränderung zeigt und das ist echt frustrierend.
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Martin erklärt Rücktritt: Gefahren im Peloton waren mir zu hoch
Quelle: Eurosport
Gab es Situationen, in denen Sie Angst hatten?
Martin: Es ist ganz sicher schlimmer geworden und man ist immer wieder in gefährlichen Situationen. Ich würde nicht sagen, dass ich Angst hatte, aber in den letzten Jahren wusste ich, dass bei der Tour die Wahrscheinlichkeit nicht gering ist, schwer zu stürzen. Und auch bei den kleineren Rennen wurde es immer stressiger. Und dieser Stress führt dann zu den Stürzen.
Was kann man tun, um die Lage zu verbessern?
Martin: Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen und dann wird es besser. Aber man kann mit Maßnahmen dafür sorgen, dass der Stress im Feld weniger wird. Bessere Straßen, bessere Sichtbarkeit von gefährlichen Stellen für die Fahrer - und zwar nicht nur die Fahrer ganz vorne - damit ließen sich viele schwere Stürze verhindern.
Was mich so wütend macht: Es sind einfache Dinge, mit denen man die Sicherheit erhöhen könnte. Es wird immer Stürze geben, das ist unvermeidlich, es wird auch immer mal heikle Passagen geben. Aber man könnte 97 Prozent der Strecken so gestalten, dass die Fahrer die Chance haben, sicher ins Ziel zu kommen.Aber in den letzten Jahren wurden die Bedingungen eher noch häufiger gefährlich. Ich habe von Untersuchungen gelesen, dass es in Frankreich etwa in den letzten Jahren sehr viele neue Hindernisse auf den Straßen gibt, und diese müssten einfach bei den Rennen zumindest gekennzeichnet werden. Die Veranstalter und die UCI müssen da einfach tätig werden. Aber aus meiner Sicht hat sich da nichts geändert.
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Tony Martin vom Team Jumbo-Visma
Fotocredit: Eurosport
Wo liegt da mehr Verantwortung: Bei den Fahrern, die ja auch selbst entscheiden, wie viel Risiko sie eingehen, oder bei den Veranstaltern und Verbänden?
Martin: Es stimmt, dass die Fahrer immer Risiken eingehen werden, um Rennen zu gewinnen oder an der Spitze des Feldes zu fahren. Und wenn man die Fahrer dazu auffordert, weniger Risiko zu nehmen, heißt das auch, dass sie schlechtere Leistung abliefern. Man kann die Fahrer nur schlecht bitten, früher zu bremsen - und es wird immer manche geben, die trotzdem so spät wie möglich bremsen. Auf diese Art wird man Rennen nur schwer sicherer machen können.Aber man kann sie auf jeden Fall auf die andere Art sicherer machen. Nämlich indem man den Rahmen, in dem wir unsere Leistung bringen sollen, also die Straßen und die Begleitumstände, sicherer macht.
Beim Sturz von Fabio Jakobsen in Polen hatten die Fahrer jahrelang diesen Sprint bergab mit 80 km/h als zu gefährlich kritisiert. Ich habe mit André Greipel darüber gesprochen, der dort auch gefahren ist und der im Finale rausgenommen hat, weil es ihm zu gefährlich war. Ein Crash im Sprint ist immer heikel, aber wenn zumindest die Barrieren ordentlich sind und die Strecke nicht auch noch abschüssig ist, dann macht das schon viel aus. Man kann die Fahrer kritisieren, aber die Straßen sicherer zu machen, ist der viel effektivere Weg.
Verstehen bzw. erkennen die UCI und die Veranstalter das nicht?
Martin: Wenn sie die Gefahr wirklich nicht erkennen, dann sind sie dumm. Sie sehen die Stürze, die Fahrer im Krankenwagen. Ein Verband muss erkennen, dass man reagieren muss.
Wenn dann aber der Super Tuck oder die Aero-Position verboten werden, wirkt das wie Symbolpolitik auf mich. Ich habe wirklich nie einen Fahrer deswegen stürzen gesehen oder erlebt, dass dadurch ein Crash ausgelöst wurde. Aber ich habe hundert Mal Fahrer in Hindernisse auf der Straße crashen gesehen, weil diese nicht abgesichert waren.Ich denke, sie sehen die Problematik, aber es scheint ihnen zu viel Arbeit oder zu kostenträchtig zu sein. Dabei gibt es auch günstige Möglichkeiten - und vor allem muss einfach mal angefangen werden.
Falls es wirklich eine Kostenfrage ist: Ich bin ziemlich sicher, dass jeder Fahrer dafür gerne etwas Geld investieren würde, wenn es seine Gesundheit besser schützt. Aber aus meiner Sicht fehlt auf allen Seiten der Wille, die Rennen sicherer zu machen.
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Unglaubliche Szene: Zuschauerin löst mit Schild Massensturz aus
Quelle: Eurosport
Wie oft gab es darüber Gespräche, wie oft wurden die Fahrer gefragt?
Martin: Das gab es nie und ich habe auch von keinem Teamkollegen gehört, dass er von einem Veranstalter gefragt worden wäre. Was aber ein noch größeres Problem ist: Wir sehen etwas auf der Strecke, das eine Gefahrenquelle darstellt, und wenn wir danach bei der UCI, den Kommissären oder dem Organisator darauf hingewiesen haben, gab es nie auch nur eine Entschuldigung, geschweige denn eine Diskussion, wie man die Dinge verbessern könnte.
Man will sich nie zusammensetzen und die Dinge gemeinsam verbessern. Dabei gab es zum Beispiel bei der Belgien-Rundfahrt gute Verbesserungen, nachdem dort mehrfach Stürze mit Motorrädern passiert waren. Da wurden Umleitungen eingerichtet, damit die Motorräder nicht mehr am Feld vorbeifahren müssen.
Wie ist es möglich, dass so ein kleineres Rennen das schafft und die Tour de France nicht? Da wollen in der Hektik der letzten 20 Kilometer immer noch zwei, drei Polizeimotorräder am Peloton vorbei. Da gab es schon so viele schwere Unfälle in der Vergangenheit und niemand lernt daraus. Ich bin da echt sprachlos.
Was könnten die Fahrer jetzt konkret tun?
Martin: Man müsste eine starke Gruppe von Fahrern - nicht nur einzelne Profis - zusammenbringen, die dann mit klaren Aussagen das Thema pushen - das wäre aus meiner Sicht der aussichtsreichste Weg. Und wenn niemand in einen Dialog treten will, muss es Konsequenzen geben.
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Highlights: Martin und Co. in der Mixed-Team-Staffel siegreich
Quelle: Eurosport
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