Bühne frei für die Berge! Mit einer Art Neustart am Nationalfeiertag geht es in die Pyrenäen und nach Wind und Kopfsteinpflaster, "Mauern" und Zeitfahren werden sich die Podiumskandidaten von jetzt an im Hochgebirge duellieren.
Das verspricht ein Feuerwerk, passend zu jenen, mit denen der Tour-Tross oft in den Abendstunden des "14 juillet" um den Schlaf gebracht wird. Denn einen Kampf wie den der Top-Favoriten Chris Froome, Alberto Contador, Nairo Quintana und Vincenzo Nibali hat es so bei der Tour schon lange nicht mehr gegeben – zumal sich mit Tejay van Garderen oder Rigoberto Uran noch weitere Fahrer vorerst als heiße Kandidaten auf ein Podium in Paris vorgestellt haben.
Bei einer solche Ballung an Spitzenkletterern, die dabei trotz der teilweise schon spürbaren Abstände im Gesamtklassement noch alle vom großen Coup träumen können, dürfen wir uns auf jede Menge Attacken freuen: Denn weil kein Zeitfahren mehr die Dinge nivelliert, entscheidet nun nur noch die Form am Berg, die Risikobereitschaft und Steuerkunst in den Abfahrten und die taktische Klasse.
Tour de France
Tour-Geschichte(n): Böser Sturz von Beloki - Froome rennt am Ventoux
13/07/2018 AM 23:01

Lacets de Montvernier - ein Highlight der 18. Tour-Etappe 2015

Fotocredit: Imago

Beste Voraussetzungen also für eine packende zweite Tour-Hälfte durch Pyrenäen, Cevennen und Alpen, die von keinem Massensprint mehr unterbrochen wird. Jedes Teilstück hat etliche Bergwertungen im Angebot, fast überall bieten sich gute Chancen für mutige Angriffe - auch auf die Gesamtwertung.
Zusätzlich spannend ist die Ausgangslage durch die teilweise schon massiven Rückstände starker Kletterer, die auf der Windkante oder nach Stürzen mehrere Minuten eingebüßt haben. Fahrer wie Thibaut Pinot, Daniel Martin oder Pierre Rolland dürften zumindest vorerst mehr Freiheiten genießen – und so im ersten Schritt Etappensiege, daneben aber vielleicht auch wieder eine bessere Gesamtplatzierung jagen. Da könnten sich starke Ausreißergruppen finden und schlagkräftige Allianzen bilden.
Kommt der Mindest-BMI im Radsport?
Doch so sehr den Rad-Fans angesichts dieser Konstellationen das Wasser im Mund zusammenlaufen mag – man sollte sich vom Spektakel nicht blenden lassen. Mit den Bergen beginnen auch wieder die Möglichkeiten, die Leistungen der Fahrer an den langen Anstiegen wissenschaftlich auszuwerten und die Ergebnisse mit den unsauber erzielten Zeiten früherer Jahre und Jahrzehnte zu vergleichen. Das wird Fragen aufwerfen – und die Reaktioen und Antworten darauf können höchst aufschlussreich werden.
Fragezeichen begleiten diese Tour aber nicht erst ab dem französischen Nationalfeiertag: Ob die Weigerung von Astana, sich im Fall Lars Boom den MPCC-Regeln zu unterwerfen, der positive Test von Luca Paolini auf Kokain oder aber auch einfach Überlegungen, die sich beim Blick auf manche Fahrer anbieten: Etwa ob der Radsport nicht bald einen Mindest-BMI wie die Skispringer braucht…

Chris Froome bei der Tour de France 2015

Fotocredit: AFP

Deshalb kann ich nur raten, die anstehenden Etappen nicht nur fröhlich durch die Fan-Brille zu genießen und sich am Spektakel zu erfreuen, sondern auch Lupe oder Lesebrille parat zu halten, um sich die Dinge auch mal kritisch zu Gemüte zu führen.
Das muss der Freude am Radsport keinen Abbruch tun, denn DEN Radsport gibt es sowieso nicht. Die Tour und mit ihr die ganze Profi-Szene hat mehr Facetten, als oft dargestellt wird. Es gibt Schurken wie auch Saubermänner, Opportunisten und Puristen. Was es aber eher selten gibt, nicht nur im Radsport, sind simple schwarz/weiß-Verhältnisse. Nicht alle Teams sind gleich, nicht alle Fahrer sind gleich – entgegen regelmäßig propagierter Pauschalierungen.
"Es war wahrscheinlich noch nie so leicht für saubere Fahrer, große Siege zu holen", hat mir Chef-Kritiker Antoine Vayer vor dieser Tour versichert, "ob auf Etappen oder bei Eintagesrennen – da haben sie gute Chancen und das inzwischen auch vielfach bewiesen. Anders sieht es aber mit dem Gesamtsieg bei großen Rundfahrten aus, dort haben saubere Fahrer deutlich schlechtere Karten."
Deshalb: Das Feuerwerk genießen, aber sich von Farbenzauber und Lärm nicht den kritischen Blick und die ruhige Analyse nehmen lassen.
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