Herr Sieberg, Sie stehen vor Ihrer siebten Tour de France. Verspüren Sie überhaupt noch große Anspannung vor dem Rennen?

Marcel Sieberg: Eher Respekt, was alles in den drei Wochen an Strapazen auf einen zukommen kann.

Tour de France
Die Trikots & Wertungen der Tour de France
22/06/2018 AM 12:41

Wie laufen die letzten Tage vor der Tour de France ab?

Sieberg: Wir werden uns mit dem ganzen Team noch einmal die erste Etappe vor Ort anschauen. Am Donnerstag folgt die Teampräsentation (LIVE ab 18:15 Uhr bei Eurosport 1) und am Freitag steht dann noch einmal ein entspannter Tag an. Die letzten Tage vor einer Tour gehen in der Regel relativ schnell vorüber.

Wenn Sie die erste Etappe nach Utah Beach abfahren, worauf wird da geachtet?

Sieberg: Wir werden die letzten 80 Kilometer abfahren und gucken, wie die Strecke aussieht. Besonders die letzten Kilometer werden wir uns genauer ansehen. Gerade was Kurven etc. angeht, ist es wichtig zu wissen, was da auf einen zukommt. Man kullert aber nur vor sich hin und fährt die Strecke nicht im Renntempo ab. Das Ganze besprechen wir dann noch einmal vor der Etappe, gucken auch auf die Windrichtung und können uns dann ungefähr ausmalen, wie es im Training war und wie es im Rennen sein wird.

Sie sind im Sprintzug von André Greipel einer der wichtigsten Fahrer. Was ist Ihre Aufgabe?

Sieberg: Meine Aufgabe ist es, die Jungs ein wenig zu dirigieren, wie zu fahren ist - und das nicht zu früh gestartet wird. Eine Tour de France ist etwas Besonderes, und da kann es passieren, dass man im Übereifer schon mal ein wenig zu früh losfährt. Aber wir fahren ja seit Jahren so zusammen - da muss ich auch nicht mehr so viel sagen. Ich fahre dann ungefähr bis tausend Meter vor dem Ziel.

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Sie haben einen maßgeblichen Anteil an den Erfolgen von Greipel. Sehen Sie Ihre Rolle manchmal dennoch nicht genügend wertgeschätzt - gerade in den Medien?

Sieberg: Wichtig ist, dass mein Team das wertschätzt. Und wer sich ein wenig auskennt im Radsport, der kann das auch gut einschätzen. Das hat man jetzt aber auch bei der deutschen Meisterschaft gesehen: Wenn Greipel gewinnt, ist das fast so, als würde ich gewinnen. Das zeichnet natürlich auch ein gutes Team aus, dass sich jeder auch in den Dienst des Kapitäns stellt. André steht ja am Ende auch nicht da oben und alle anderen sind ihm egal, sondern er sieht ja schon zu, dass jeder gewürdigt wird.

Also wenn Greipel gewinnt, fühlen Sie sich auch als Sieger? Ist das wirklich so?

Sieberg: Also eine Tour-de-France-Etappe habe ich jetzt selbst noch nie gewonnen, aber es ist schon ein cooles Gefühl, wenn André am Ende die Arme hochstreckt. Radsport ist natürlich auch eine Mannschaftssportart - viele übersehen das gerne. Beim Fußball macht halt auch nicht jeder ein Tor und trotzdem hat die Mannschaft am Ende gewonnen. Und so ist das auch bei uns im Team.

Sind die Sprints in den vergangenen Jahren hektischer geworden, gerade in der Vorbereitung?

Sieberg: Da man bei der Tour auch noch die Teams der Gesamtwertung vorne um sich herum hat, sorgt das natürlich für zusätzliche Nervosität. In den vergangenen Jahren haben auch immer mehr Mannschaften einen Sprintzug aufgebaut, was das Ganze hektischer, aber eben auch interessanter macht. Bei der Tour de France war es aber nie übersichtlich. Gerade die Fahrer für die Gesamtwertung wollen keine Zeit verlieren, daher ist es bis 3000 Meter vor dem Ziel schon sehr chaotisch. Aber das ist eben auch die Tour de France, das wichtigste Radrennen der Welt, und da will natürlich keiner zurückstecken.

Handeln Sie im Finale eher instinktiv oder bleibt die Chance zu überlegen, wie man sich verhält?

Sieberg: Viel zu überlegen gibt es da natürlich nicht. Das ist schon mehr Reaktion als alles andere und man hat auch nur Bruchteile einer Sekunde, um eine Entscheidung zu treffen. Aber da wir eben auch schon jahrelang im Team zusammenfahren, machen die Jungs vor mir auch wenig Fehler. Das macht am Ende vielleicht auch den Unterschied zu anderen Teams aus. Natürlich gehört da aber auch ein wenig Glück dazu.

Gibt es von Seiten des Teams denn eine Zielsetzung an Etappen für die Tour?

Sieberg: So wie jedes Jahr wollen wir mindestens eine Etappe gewinnen. Wenn man diese Etappe dann geholt hat, ist ein wenig der Druck weg und man bekommt vielleicht Geschmack auf mehr. Es gibt 21 Etappen und 22 Teams - da kann halt nicht jedes Team eine Etappe gewinnen. Wenn man ein Teilstück gewinnt, wäre das Soll fast schon erreicht.

In diesem Frühjahr haben sie einen bemerkenswerten siebten Platz bei Paris-Roubaix erreicht. Hat das bei Ihnen möglicherweise auch den Wunsch gestärkt, bei der Tour auch mal persönlichen Ambitionen nachzugehen?

Sieberg: Den habe ich eigentlich immer. Aber wenn bedenkt, was wir alles zu Beginn auf den Flachetappen leisten müssen, ist man auch froh, wenn man vom Kopf her einfach mal in eine Etappe geht und nicht vorne fahren muss. Man muss ja sechs oder sieben harte Sprinttage und zusätzlich noch die Bergetappen überstehen. Von Mitrollen kann aber nicht die Rede sein - das gibt es bei der Tour nicht. Einige Teams halten sich bewusst aus den Sprintentscheidungen heraus, um dann bei anderen Etappen Anschlag zu fahren. Das sind dann die Etappen, bei denen jeder weiß, heute kommt eine Gruppe an. Aber da wird es dann so schwer vom Start weg, dass man einfach nur froh ist, mal nicht Vollgas fahren zu müssen.

Wieso wird André Greipel mit den Jahren eigentlich immer besser?

Sieberg: Ich würde nicht sagen, dass er besser wird, sondern einfach konstant stark bleibt und seine Leistung abruft. Er war jede Saison gut und hat in den vergangenen Jahren immer eine Etappe bei der Tour geholt. Er hat vielleicht aber auch einfach ein bisschen mehr Erfahrung, ist ein wenig cooler in manchen Situationen und macht sich vielleicht auch nicht mehr ganz so viel Stress.

Die Tour startet mit einer Flachetappe zum Utah Beach. Als die Tour die letzten beiden Male mit einer Straßenetappe begann, kam es zu schweren Stürzen. Wie gehen Sie damit um?

Sieberg: Jede Mannschaft mit einem Sprinter wird mit dem Ziel in die erste Etappe gehen, das Gelbe Trikot zu holen. Das wird das Rennen natürlich auch ein wenig hektischer machen. Ich gehe da aber nicht mit der Angst vor den Stürzen in das Rennen. Wenn man so an den Start geht, dann hat man schon verloren. Wenn man zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist, dann kann man auch nichts machen.

Was ist für Greipel möglich bei der Tour? Ist das Grüne Trikot ein Thema?

Sieberg: Ich denke, wir werden wie jedes Jahr erst mal auf die Etappen gehen. Das deutsche Meistertrikot könnte da noch ein wenig extra Motivation geben. Wer aber Peter Sagan kennt, der weiß genau, dass er auch auf Bergetappen Punkte holen kann, wo die reinen Sprinter keine bekommen werden. Aber vielleicht haben wir wieder die Möglichkeit, das Grüne Trikot für ein paar Tage tragen zu dürfen. Vom Team wird es aber kein Ziel sein, das Trikot bis Paris zu tragen. Das wird fast schon reserviert sein für Sagan.

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