Thibaut Pinot zieht zum Abschied Bilanz seiner Karriere: "Bin froh, die Tour de France nicht gewonnen zu haben"

Thibaut Pinot hat zum Abschied vom Radsportzirkus Bilanz seiner Karriere gezogen und mit einer überraschenden Aussage für Verwunderung gesorgt. "Ich bin froh, die Tour de France nicht gewonnen zu haben", sagte der Franzose, der 2019 ganz kurz vor dem Triumph gestanden hatte, bevor er unter Tränen die Rundfahrt zwei Tage vor der Ankunft in Paris verletzt aufgeben musste.

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Quelle: Eurosport

Mit der Lombardei-Rundfahrt beendete Thibaut Pinot seine 2010 gestartete Profikarriere, die eine Achterbahnfahrt aus umjubelten Erfolgen und üblen Tiefschlägen war. Der 33-Jährige zog dazu im Interview mit der Schweizer Zeitung "Le Temps" Bilanz und ordnete dabei die Höhen und Tiefen in durchaus unerwarteter Weise ein.
Das Drama bei der Frankreich-Rundfahrt 2019, als ihn auf der vorletzten Bergetappe eine Verletzung zum Ausstieg zwang, bewertet der Kletterspezialist rückblickend nicht nur negativ: "Ich bedauere nichts. Im Gegenteil: Ich bin froh, die Tour nicht gewonnen zu haben."
Eine Oberschenkelverletzung sorgte seinerzeit in den Alpen auf der 19. Etappe für die Aufgabe des zu diesem Zeitpunkt nur 20 Sekunden hinter dem späteren Sieger Egan Bernal rangierenden Publikumslieblings. Zuvor hatte er sich in den Pyrenäen zum Topfavoriten auf den Gesamtsieg aufgeschwungen.
"Ich habe am Tourmalet gewonnen und tags darauf am Schlussanstieg Bernal abhängen können", blickte Pinot zurück, aber dennoch habe er "nur eine oder zwei Stunden" wirklich daran geglaubt, den Sieg holen zu können.

Pinot ist der Starrummel fremd

Doch das Aus sei kein Trauma für ihn gewesen, erklärte er nun seine Gefühlslage. Ihm sei der Trubel um seine Person nie angenehm gewesen, selbst in dem Rahmen, wie er ihn ohne die Rolle als Tour-Sieger erlebt habe.
"Ich wage gar nicht, mir vorzustellen, was sonst losgewesen wäre", gestand Pinot, "ich verabscheue es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und das hat sich mit der Zeit noch verstärkt."
Auch wenn auf seinem Arm die Tätowierung prangt "solo la víttoria e bella" ("Nur der Sieg ist schön") - der Blick auf den Erfolg hat sich bei Pinot im Laufe der Jahre gewandelt, seit er 2012 als Youngster mit seinem ersten Tageserfolg bei der Tour für Begeisterung sorgte (Bild unten), 2014 als Dritter auf dem Podium stand und zum großen Hoffnungsträger aufstieg.

Pinot: Umzug als Horrorvorstellung

Wäre es dem dreifachen Tour-Etappensieger tatsächlich gelungen, der von den heimischen Fans ersehnte erste französische Tour-Sieger seit Bernard Hinault 1985 zu werden, hätte das für ihn abschreckende Konsequenzen gehabt.
"Ich hätte auf jeden Fall umziehen müssen. Das wäre für mich der größte Schrecken gewesen" - die Vorstellung, seine Heimatregion, "die Familie, die Tiere auf meinem Bauernhof, den Garten und die Höfe, die ich wieder instand gesetzt habe" zu verlassen, sei ein Horrorszenario für ihn.
Genau diese Bodenständigkeit und Verbundenheit mit seiner Region mache ihn so populär, vermutet Pinot, der auf der letzten Bergetappe der Tour bei seinem Heimspiel in den Vogesen frenetisch gefeiert worden war.
"Die Leute wissen, dass ich wie sie Freude an den kleinen Dingen habe. Viele denken, dass ein Sportler eine dicke Karre fährt und in Monaco lebt, aber das stimmt nicht unbedingt", so der Triumphator von Alpe d'Huez 2015.
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Quelle: Eurosport

Pinot: Lieber sauber als Tour-Sieger

Mit Pinot verlässt auch einer der Fahrer die Szene, der im vom permanenten Dopingverdacht begleiteten Radsport den Ruf eines Saubermanns hatte. Auch das habe einen Teil seiner Popularität ausgemacht, vermutet der Bergkönig des Giro d'Italia 2023.
"Die Zuschauer suchen aufrichtige Persönlichkeiten und haben letztlich ein gutes Gespür dabei." Für ihn sei Betrug schlichtweg wider seine Werte und Erziehung, betont er: "Ich kann beim Uno bescheißen, aber nicht beim Radsport".
Für ihn stelle sich die Frage, "was Doping ihm hätte bringen können" - und ein dadurch eventuell möglicher Sieg bei der Tour sei da kein Ziel gewesen: "Davon habe ich sowieso nicht geträumt!"

Pinot und seine Rückschläge

Diese Einstellung hat Pinot auch geholfen, mit großen Rückschlägen umzugehen, wie der Aufgabe beim Giro d'Italia 2018, als er bis kurz vor Ende auf Podiumskurs lag oder dem schweren Sturz beim Tour-Auftakt 2020, der ihn um alle Chancen brachte.
"Die Leute erinnern sich eher an meinen Ausstieg bei der Tour 2019 als an meinen Etappensieg am Tourmalet, ich gelte als Verlierer, aber das stört mich nicht", sagte er.
Dabei hat er einen Palmares vorzuweisen, der seinesgleichen sucht: Neben dem Podium und den Etappensiegen bei der Tour gehören dazu auch Erfolge bei Giro, Vuelta, Dauphiné und Tour de Suisse sowie der Triumph beim Monument in der Lombardei 2018 - über 30 hochkarätige Siege finden sich in seiner Liste.
Letztlich aber, so Pinot, sei "die Kraft des Sports nicht der Sieg, sondern die gemeinsam geteilten Emotionen - ob sie nun gut oder schlecht sind".
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Quelle: Eurosport

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