Rolf Aldag im Interview: So plant Bora-hansgrohe mit dem neuen Kapitän Primoz Roglic

Mit Primoz Roglic hat Team Bora-hansgrohe einen neuen Topstar verpflichtet. Was sich jetzt beim deutschen Rennstall durch die Ankunft des slowenischen Seriensiegers ändert, verrät Rolf Aldag im exklusiven Interview mit Eurosport. Der Head Sport Director des Rennstalls blickt auch auf die Chancen auf den nun anvisierten Sieg bei der Tour de France im Kampf gegen die extrem hochkarätige Konkurrenz.

Transfer-Coup perfekt: Denk erklärt den Roglic-Wechsel zu Bora

Quelle: SID

Was macht Roglic als Fahrer und Mensch aus Ihrer Sicht so besonders?Rolf Aldag: Das ist einerseits seine extreme Entspanntheit, wenn man ihn zum Beispiel von außen lächelnd in Interviews sieht. Dazu kommt sein enormer Fokus, wenn es um etwas geht. Es ist diese Kombination daraus, sich nicht zu stressen, wenn es nicht notwendig ist, dann aber zu 100 Prozent da zu sein, wenn es gefordert wird. Das können nicht viele. Mit ihm haben wir einen super erfolgreichen Fahrer geholt, aber auch ein Vorbild. Wie akribisch er sich vorbereitet, wie viel Zeit er im Höhentraining verbringt, da können viele von uns im Team lernen. Die Hoffnung ist, dass das unseren Rennfahren wie Sergio Higuita, Daniel Felipe Martinez und Cian Uijtdebroeks hilft, aber auch unseren deutschen Rennfahrern, um diesen kleinen Schritt noch nach vorne zu kommen.
Was bedeutet der Transfer für die bisherigen Kapitäne bei Bora, müssen die sich jetzt hintenanstellen?Aldag: Es geht jetzt darum, gute Lösungen für jeden Einzelnen zu finden, das ist klar. Mit Jai Hindley haben wir auch einen anderen Giro-Sieger im Team, wir haben einen Lennard Kämna, der in jeder Grand Tour schon Etappen gewonnen hat, dazu noch Aleksandr Vlasov - da sind jede Menge guter Rennfahrer. Wir hoffen jetzt auf einen "Pull-Effekt", dass es bei jedem im Team einen Ruck gibt, weil es eben auch darum geht, zu gewinnen. Genau da macht Roglic einen Unterschied: Dritter, Fünfter, Siebter – das sind alles tolle Ergebnisse angesichts der Qualität der Konkurrenz, aber er legt die Latte nochmal höher.
Roglic gewinnt fast jedes Rennen, das er fährt: Er hat in dieser Saison vier der fünf Rundfahrten, bei denen er am Start war, für sich entschieden. Wie viel Platz bleibt da aber für andere?
Aldag: Primoz ist kein Vielfahrer, er ist punktuell der Beste und das gibt vielen anderen auch Chancen. Er ist eben nicht in jedem Rennen am Start und hat dann am Ende 80 oder 85 Renntage, bei denen er in der Kapitänsrolle fährt. Wir haben ungefähr 275 Renntage im Programm, von denen er vermutlich 65 bestreitet - wir wären also happy, wenn wir an allen weiteren Tagen mit anderen Rennfahrern gewinnen können. (lacht)
Was heißt das konkret für die deutschen Fahrer, können Nico Denz wie im Giro oder Lennard Kämna wie bei dieser Vuelta weiter auf Etappenjagd gehen?
Aldag: Es ist nicht so, dass jetzt alle nur dazu verdonnert werden, als Wasserträger Flaschen zu holen - das wird nicht so sein. Grundsätzlich versuchen wir immer, offensiv zu fahren und werden diese Philosophie auch nicht ändern. Wir werden weiter lieber etwas Spektakuläres versuchen, das auch mal schiefgehen kann, als immer nur abzuwarten. Wir werden mit Sicherheit kein Team Sky werden, wo alle nach Zahlen stumpf immer höheres Tempo machen und dann der Kapitän attackiert - das ist nicht unser Stil und das wird sich auch nicht ändern. Wir schmeißen nicht unser Grundkonzept komplett über den Haufen, die neue Konstellation soll für alle anderen Fahrer keine Einschränkung bedeuten.
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Als Solist zum Triple-Coup: Kämna triumphiert bei Bergankunft

Quelle: Eurosport

Die Tour de France 2024 wird nun zu einem Vierkampf mit Tadej Pogacar, Remco Evenepoel und Jonas Vingegaard werden, ein Superstar wird also nicht einmal auf dem Podium stehen. Was spricht dafür, dass Roglic da am Ende ganz vorne landet?
Aldag: Für die Fans und den Sport ist das eine super Sache, es wird ein riesiges Spektakel. Was für Primoz spricht, ist sein Hunger: Andere haben die Tour bereits gewonnen und er weiß schon, dass ihm jetzt nicht noch zwölf Jahre bleiben, um dort zu siegen. Das kann den Unterschied machen. Dazu kommt, dass er sehr stabil ist und durch sein Alter enorme Rennhärte hat - deshalb sehe ich schon, dass er da mitfahren kann.
Bei den Rundfahrten wird inzwischen von den Stars auch mit viel Einsatz um jede kleine Zeitgutschrift gekämpft, da muss er sich hinter der Konkurrenz nicht verstecken…
Aldag: Gerade diese Explosivität ist ein total wichtiger Faktor. Denn solche Konkurrenten fährt man ja nicht einfach so mit hohem Grundtempo wie einst Miguel Indurain kaputt, die wird man kaum los vom Hinterrad. Du musst also attackieren, musst den Rhythmus wechseln können - und das kann Primoz. Er hat wirklich viele Vorzüge, kann richtig gute Zeitfahren zeigen, kommt die Berge gut hoch und ist trotzdem noch explosiv.
Teamchef Ralph Denk hat gesagt, Bora könnte trotz der Verpflichtung eines Superstars wie Roglic eventuell auch mit einer Doppelspitze in große Rundfahrten starten, in den von Hindley gewonnen Giro 2022 ging es sogar anfangs mit drei Kapitänen. Wie moderiert man dann eine solche Konstellation, um im Extremfall keine Situation wie bei Jumbo während der Vuelta lösen zu müssen?Aldag: Wenn man ehrlich ist, musste Jumbo den wirklich unwahrscheinlichen Fall lösen, dass am Ende keiner ihrer drei Fahrer gestürzt ist, krank wurde oder eingebrochen ist und niemand sonst stärker war. Das kann man nicht planen und davon waren sie sicher auch selbst überrascht. Klare Kommunikation ist da dann ganz entscheidend, aber man kann auch nicht jede mögliche Rennsituation im Vorfeld vorhersehen und absprechen. Und man darf nicht vergessen, wie manches wirklich im Rennen abläuft. Da soll der Sportliche Leiter im Begleitauto die Entscheidungen treffen, hat aber die wenigsten Informationen: Am Angliru etwa hast du kein TV-Bild, nur ganz schlechte Funkverbindung und siehst von hinten eben nicht genau, wie die Dreierkonstellation vor dir im Nebel ist - das kannst du dann nicht millimetergenau steuern.
Mit Blick auf 2024: Steht das Programm Richtung Tour de France schon in groben Zügen fest - und spielt auch Olympia in Paris im Anschluss eine Rolle für Roglic?
Aldag: Das müssen wir mit ihm jetzt alles in Ruhe besprechen. Für Details wie die Planung etwa von Höhentrainingslagern und das Rennprogramm war noch keine Zeit bisher. Klar ist, dass die Tour de France das Ziel ist. Olympiasieger ist Primoz schon geworden, aber im Nationaltrikot dort zu starten und auch echte Chancen zu haben, ist immer ein Highlight. Aber in seiner Prioritätenliste steht die Tour sicherlich weiter oben.
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Roglic lässt Pogacar stehen und sprintet zum Sieg

Quelle: Eurosport

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