Tadej Pogacar hat der 111. Frankreich-Rundfahrt am Nationalfeiertag der Franzosen eindrucksvoll seinen Stempel aufgedrückt. Alle Zweifel, wer gerade an den langen Anstiegen die Nummer 1 sein könnte, wischte der Slowene mit einem dominanten Sieg beiseite.
Dabei schlug er einen Jonas Vingegaard in Top-Form deutlich und pulverisierte einen 26 Jahre alten Rekord von eben jenem Mann, dessen historisches Giro-Tour-Double er in diesem Jahr wiederholen will.
Bevor es am Plateau de Beille zum Showdown der Favoriten kam, sahen die Fans aber auch die Wiederauferstehung des nach dem Aus von Primoz Roglic schwer gebeutelten Team Red Bull-Bora-hansgrohe – und ein Tour-Debütant hat sich die nötige Luft für Risikofreudigkeit in der Schlusswoche verschafft: Remco Evenepoel.
Drei Dinge, die auf der 15. Etappe auffielen:
1. Pogacar ist "auf einem anderen Planeten"
39:41 Minuten. So lange hat Tadej Pogacar für den 15,8 Kilometer langen und im Schnitt 7,9 Prozent steilen Schlussanstieg zum Plateau de Beille gebraucht. Damit war er dreieinhalb Minuten schneller, als der bisherige Rekordhalter in diesem Anstieg, Marco Pantani.
"Il Pirata" attackierte am 22. Juli 1998 schon sehr früh am Berg, weil Jan Ullrich im Gelben Trikot nach einem Defekt gerade erst ins Feld zurückgekommen war, um dem Deutschen möglichst wenig Zeit zur Erholung zu lassen. Keine neun Minuten Aufstiegszeit wartete Pantani bis er zum Solo ansetzte.
Gnadenlose Attacke: Pogacar lässt Vingegaard einfach stehen
Quelle: Eurosport
Das Tempo im Peloton war zu Beginn des Berges damals niedriger, als nun 26 Jahre später. Und Pantani fuhr anschließend sehr lang allein gegen den Fahrtwind – auf deutlich langsamerem Material, als Pogacar heute, der nur die letzten 5,4 Kilometer allein war und vorher ein perfektes Leadout von Matteo Jorgenson und Vingegaard bekommen hatte. Und so weiter.
Die Vergleichbarkeit solcher Zahlen aus der Historie und der Neuzeit ist immer fraglich. Doch egal, wie viel Prozent man in welche Richtung auch immer abzieht und hinzurechnet oder ob man die nackten Zahlen einfach ganz ausblendet, unterm Strich blieben am Nationalfeiertag der Franzosen vor allem: offene Münder.
Pogacar hat mit seinem Auftritt für die Vorentscheidung im Kampf um den Tour-Sieg 2024 gesorgt und keinen Zweifel daran gelassen, dass er der Stärkste bei dieser 111. Frankreich-Rundfahrt ist.
Pogacar klar der Stärkste - "Das ist in Zement gegossen"
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Um die Einzigartigkeit seiner Leistung am Plateau de Beille zu beschreiben, braucht es die historischen Vergleiche ohnehin nicht.
Dazu reicht Jonas Vingegaard: "Ich war super, super stark am letzten Berg und das war eine der besten Leistungen meines Lebens. Deshalb darf ich gar nicht enttäuscht sein", sagte der Titelverteidiger, dessen schwere Verletzungen aus dem April seiner eigenen Leistungsfähigkeit bei der Tour also wohl keinen allzu großen Abbruch getan haben.
Eine der besten Leistungen im Leben des Mannes, der seit Jahren als bester Bergfahrer der Welt gilt und die letzten zwei Ausgaben der Tour de France gewonnen hat, reichte am Plateau de Beille nicht, um dem Mann im Gelben Trikot auch nur annähernd das Wasser zu reichen. 1:08 Minute verlor der Däne auf den letzten 5,4 Kilometern.
Kein Vorwurf an Vingegaard und Visma: "Sie haben alles probiert"
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"Es sieht so aus, als würden wir den Sieger der Tour kennen", meinte Red Bull-Bora-hansgrohes Performance Director Rolf Aldag in der "ARD" angesichts des Vorsprungs von Pogacar auf Vingegaard in der Gesamtwertung, der nun schon 3:09 Minuten beträgt. Und der Mann in Gelb selbst gab auch zu: "Jetzt schaut es wirklich sehr gut aus."
Klar, es kann in einer Woche Tour de France mit Wind am Dienstag, drei schweren Alpenetappen am Mittwoch, Freitag und Samstag sowie dem Abschluss-Zeitfahren am Sonntag noch alles passieren. Doch auch Vingegaard, der am Samstag am Pla d'Adet auf die Frage, ob er die Tour noch gewinnen könne, noch mit "Ja, klar" geantwortet hatte, gab nun zu Protokoll: "Sicher gibt es immer noch eine Chance. Die Tour de France ist nicht vorbei und wir haben in den letzten zwei Jahren gesehen, dass er manchmal einen schlechten Tag hat. Darauf müssen wir hoffen. Aber wenn er (Pogacar, d. Red.) dieses Level hält, wird es schwer."
"Sieht sehr gut aus": Pogacar nach Machtdemonstration zufrieden
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Besonders beachtlich war am Plateau de Beille, dass auch der Geschlagene noch viel besser war, als alle anderen. Hinter den beiden Überfliegern gingen extreme Lücken auf. "Heute haben Tadej und Jonas gezeigt, dass sie die Besten sind. Und Tadej ist nochmal weiter oben. Er ist auf einem anderen Planeten", fasste der mit 2:51 Minuten Rückstand als Drittplatzierter angekommene Remco Evenepoel treffend zusammen.
Und damit sind wir eben doch zurück in der Radsport-Historie. Das letzte Mal, dass bei der Tour von Außerirdischen gesprochen wurde, ist genauso über 20 Jahre her, wie das Giro-Tour-Double von Pantani 1998, zu dem der Italiener damals mit seinem nun gebrochenen Rekord am Plateau de Beille einen wichtigen Schritt gemacht hatte, und das sich Pogacar für dieses Jahr zum Ziel gesetzt hat.
2. Red Bull hat den Schock überstanden
Als Primoz Roglic die Tour de France am Freitagmorgen verlassen musste, wirkte seine Mannschaft auf der anschließenden Etappe im Wind auf dem Weg nach Pau planlos. Doch am Sonntag hat das Team von Sportdirektor Rolf Aldag das Ruder bereits eindrucksvoll herumgerissen.
"Wir setzen jetzt auf Offensive", kündigte Aldag vorher an, und seine Mannen setzten die Marschroute um. Vier der sechs im Rennen verbliebenen Red Bull-Bora-hansgrohe-Profis fuhren auf dem 197,7 Kilometer langen Weg von Loudenvielle zum Plateau de Beille in der Spitzengruppe.
Am Col de Peyresourde, dem direkt nach dem Start beginnenden ersten Anstieg des Tages, fuhr Jai Hindley sehr aufmerksam ständig ganz vorne im Feld, um eine etwaige Gruppe nicht zu verpassen. Und nach der Abfahrt nahm sein Team aus Bagneres-de-Luchon heraus das Heft in die Hand: Bob Jungels attackierte und initiierte damit die Gruppe des Tages, in der sich zunächst neben Hindley auch Nico Denz, später stattdessen dann Matteo Sobrero befand.
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"Der Einsatz war heute immens. Von sechs Leuten im Team waren vier vorne. Wir haben heute an unsere Chance geglaubt, wir dachten, dass etwas möglich ist", äußerte sich Aldag in der ARD stolz zum Auftritt seines Teams und Hindley fügte am Eurosport-Mikrofon hinzu: "Wir hatten genau die Situation, die wir wollten, mit einigen Fahrern in der Gruppe."
Diese numerische Stärke spielte das Team dann auch sehr stark aus: Jungels fuhr ewig lang im Wind, um das von Visma-Lease a Bike angeführte Hauptfeld auf Distanz zu halten, Sobrero unterstützte ihn, und kurz vor dem vorletzten Berg, dem Col d'Agnes brachten sie die Spitzengruppe mit ihrem Tempo sogar zum Zerreißen. Plötzlich war man nur noch zu siebt und das Red-Bull-Trio komplett vertreten. Jungels und Sobrero gaben nochmal alles und brachten Hindley so in die bestmögliche Situation.
Der Australier fuhr schließlich in einem Quintett in den Schlussanstieg hinein, konnte dort die Früchte der harten Arbeit aber leider nicht ernten, weil Visma mit Vingegaard den Angriff auf Pogacar geplant und die Ausreißer nie weit genug weggelassen hatte. Da war es dann auch egal, dass Hindley sich in der Gruppe schließlich ohnehin nicht als der Stärkste herauskristallisierte, als Richard Carapaz und Enric Mas davonfuhren, bevor Vingegaard und Pogacar von hinten kamen.
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Quelle: Eurosport
"Ich habe leider nicht die Beine, die ich mir gewünscht hätte, das ist frustrierend, aber es ist leider so", gab der Australier zu. Das dürfte auch für die kommende Woche der Wermutstropfen sein: Ob man mit Hindley im Gebirge - wie 2023 - eine Etappe gewinnen kann, scheint in diesem Jahr fraglich. Es gibt noch zu viele andere starke Bergfahrer, die scharf auf einen Ausreißersieg sind, wenn die Top-Teams der Spitzengruppe doch noch irgendwann genug Raum geben.
Trotzdem durfte man mehr als zufrieden sein bei Red Bull-Bora-hansgrohe über dieses Comeback. "Es ist nicht einfach, wenn man den Kapitän bei einer Grand Tour verliert. Jeder gibt sein Bestes, um motiviert zu bleiben. Hut ab ans Team dafür", meinte Hindley und Aldag sagte: "Ich bin stolz auf die Mannschaft, dass sie nach den Rückschlägen und der Ziellosigkeit wieder einen Sinn gefunden hat. Dieser Sinn ist für eine Tour wichtig, wenn man um 23.30 Uhr im Hotel ist und um sieben Uhr morgens aufstehen muss."
3. Evenepoel verschafft sich Luft
Während Pogacar sich im Duell um den Platz an der Sonne deutlich gegen Vingegaard durchsetzte, sorgte knapp drei Minuten dahinter auch Remco Evenepoel für klare Verhältnisse. Gab es vor dem Plateau de Beille noch leisen Verdacht, der Belgier könnte den Podestplatz bei dieser Tour noch an Carlos Rodriguez (Ineos Grenadiers) verlieren, weil der Spanier beispielsweise auf den Alpenetappen mit seiner Abfahrtsstärke punkten könnte, hat sich dieses Thema nun wohl erstmal erledigt.
Evenepoel verlor zwar sehr viel Zeit auf Pogacar und Vingegaard, holte aber ebenso viel auf seine direkten Kontrahenten um den Titel "Best of the Rest" heraus. Der Zeitfahr-Weltmeister hat nach zwei Wochen Frankreich-Rundfahrt nun 5:35 Minuten Vorsprung auf Pogacar-Helfer Joao Almeida, 6:02 Minuten auf seinen eigenen Helfer Mikel Landa und 6:08 Minuten auf Rodriguez.
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"Ich habe zuerst versucht, mit Jonas' Attacke mitzugehen, aber er hielt das Tempo sehr hoch. Also entschied ich mich, mich auf die Abstände zu den Fahrern hinter mir zu konzentrieren", fasste Evenepoel sein Rennen zusammen. "Wir können mit den ersten zwei Wochen zufrieden sein."
Für alle Fans vor dem Fernseher ist das eine sehr gute Nachricht. Denn mit einem großen Polster auf die Konkurrenz im Rücken und dem Abschluss-Zeitfahren im Hinterkopf, hat Evenepoel in der Schlusswoche kaum noch etwas zu verlieren.
Bei 2:10 Minuten Rückstand auf Vingegaard darf der Mann in Weiß vielleicht sogar von mehr als Gesamtrang drei träumen, obwohl er am Berg stets schwächer war als der Däne. Genau wie Vingegaard gegen Pogacar braucht Evenepoel sicher einen schwachen Moment des Gegners, aber wer, wenn nicht er wäre dazu prädestiniert, einen solchen auch Heraufzubeschwören?
Dadurch, dass Evenepoel sich nach hinten viel Luft verschafft hat und kaum etwas zu verlieren hat, könnte er in der Schlusswoche zum Animator dieser Tour werden und eine lange Harakiri-Attacke in den Alpen starten, die dann für das ganz große Chaos sorgt, das diese Tour braucht, um nochmal richtig spannend zu werden.
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