Mit unbändigem Kampfeswillen und einer bärenstarken Aufholjagd hat Jonas Vingegaard (Visma-Lease a Bike)
auf der 11. Etappe der Tour de France den Sieg errungen.Zur Überraschung vieler schlug der Däne im Bergaufsprint zum Zielstrich in Le Lioran den Mann im Gelben Trikot. Ist das der Wendepunkt in dieser Frankreich-Rundfahrt?
In jedem Fall scheint eines klar: Die Fans bekommen nach dem von Tadej Pogacars (UAE Team Emirates) Dominanz gelähmten Giro d'Italia eine extrem spannende Tour de France.
Es sieht, auch wenn Remco Evenepoel (Soudal-Quick-Step) de facto noch vor Vingegaard liegt, nach zwei packenden Duellen aus: zwischen Pogacar und Vingegaard um den Sieg und zwischen Evenepoel und Primoz Roglic (Red Bull-Bora-hansgrohe) um Rang drei.
Fotofinish der Topfavoriten: Vingegaard kocht Pogacar ab
Quelle: Eurosport
Drei Dinge, die auf der 11. Etappe auffielen:
1.) Vingegaard ist zurück: Es gibt das Duell der Giganten!
Es war wie eine Wiederauferstehung, als Jonas Vingegaard am Col de Pertus Sekunde um Sekunde näher an Tadej Pogacar heranfuhr und den Slowenen im Gelben Trikot schließlich kurz vor der Bergwertung knapp 15 Kilometer vor dem Tagesziel in Le Lioran einholte.
Und das Wort Wiederauferstehung scheint hierbei nicht übertrieben, wenn man Vingegaard anschließend auf der Pressekonferenz zuhörte. "Ich habe wirklich gedacht ich würde sterben", blickte der Däne da nochmal auf seinen Horror-Sturz am 4. April zurück, als er bei der Baskenland-Rundfahrt in den betonierten Straßengraben knallte und sich das rechte Schlüsselbein sowie mehrere Rippen brach und dadurch auch eine Lungenquetschung und einen Pneumothorax zuzog.
Vingegaard weint im Interview: "Es bedeutet mir so viel"
Quelle: Eurosport
Dass er nun 97 Tage später wieder der Stärkste auf einer wichtigen Bergetappe der Tour war, ist entsprechend kaum hoch genug zu bewerten. "Es ist natürlich extrem emotional. Zurückzukommen nach dem Sturz…", sagte Vingegaard im ersten Ziel-Interview und setzte dann ab, um einige
Tränen zu verdrücken. "Es bedeutet so viel! Ich musste viel durchstehen in den letzten Monaten. Das geht einem alles durch den Kopf. Ich wäre dazu niemals in der Lage gewesen ohne meine Familie. Sie haben mich die ganze Zeit unterstützt. Diesen Sieg habe ich für sie errungen."
Vingegaard betonte noch einmal, was er schon vor dem Tour-Start gesagt hatte: "Ich bin einfach froh, hier zu sein", so der Däne, der im Ziel sofort zum Handy griff und vor Freude weinend mit seiner Frau telefonierte. "Ich hätte nie gedacht, dass das möglich wäre. Es ist unglaublich! Ich kann nicht fassen, dass ich auf diesem Level bin. Ich konnte mich nur eineinhalb Monate richtig vorbereiten, weil die Verletzungen so schwer waren."
Vingegaard ist zurück! Kann er jetzt die Tour gewinnen?
Quelle: Eurosport
Den Glauben daran, dass diese Leistung möglich ist, hatte Vingegaard sein Umfeld gegeben. Die Unterstützung seiner Frau und seiner dreijährigen Tochter betonte er immer wieder. Doch im Rennen selbst war es vor allem auch sein Sportlicher Leiter Grischa Niermann, der dem Dänen Kraft gab, nachdem der dem ersten harten Antritt von Pogacar am Puy Mary nicht hatte folgen können. Er verlor auf den letzten 500 Metern bis zum Bergpreis der 1. Kategorie sieben Sekunden aufs Gelbe Trikot und büßte in der Abfahrt weitere rund 25 Sekunden ein.
"Ich konnte dem Angriff nicht folgen und hätte nicht gedacht, dass ich nochmal an ihn herankomme", gab Vingegaard nach dem Rennen zu. Doch der Glaube ans scheinbar Unmögliche, er half.
"Grischa hat mich immer weiter motiviert, hat mir Mut gemacht, hat mir gesagt, dass ich näher komme. Er hat mir Selbstvertrauen gegeben", erzählte Vingegaard nach dem Rennen, woher er die Kraft neben seinen Beinen auch nahm und der Sportliche Leiter freute sich für seinen Schützling: "Das war vielleicht sein schönster Sieg überhaupt, er gewinnt ja nicht so oft einen Bergaufsprint gegen Tadej. Das war heute wirklich wie ein Champion", sagte Niermann und stellte auch im Bezug auf die Psyche fest: "Das ist sehr wichtig für Jonas."
Kann Vingegaard nach langer Pause in Woche 3 wirklich stärker werden?
Quelle: Eurosport
Team-Manager Richard Plugge schwärmte, die Art wie er Pogacar eingeholt habe, mache Vingegaard "zu einer noch größeren Legende" und auch Pogacar selbst zog den Hut vor der Leistung seines Rivalen: "Jeder konnte heute sehen, dass er in absoluter Top-Form ist. Es wird jetzt ein fairer Kampf", freute sich der Slowene auf ein großes Duell um den Tour-Sieg.
2.) Pogacar geschlagen, aber trotzdem die Nr. 1
Unter all dem Jubel und den Emotionen um den Comeback-Triumph von Vingegaard ging eins fast unter: Das Gelbe Trikot gehört weiterhin Pogacar und der Slowene büßte auch nur ein Sekündchen gegen den Dänen ein. Klar: Er hatte sich mehr vorgenommen, wollte unbedingt den Etappensieg und weitere Zeit herausholen, ließ sein Team dafür den ganzen Tag Vollgas fahren. Faktisch war Pogacar in Le Lioran der erste Verlierer.
Doch auch er durfte viel Positives aus diesem Tag ziehen. "Ich bin natürlich etwas enttäuscht, dass ich die Etappe nicht gewonnen habe, aber ich hatte trotzdem einen sehr guten Tag und kann zufrieden sein", sagte der Giro-Sieger im Ziel. Denn auch wenn er den Sprint um den Tagessieg letztlich verlor – völlig überraschend übrigens, weil Pogacar eigentlich als sprintstärker gilt – so blieb trotzdem hängen, dass seinem Angriff am Puy Mary niemand folgen konnte. Dem harten Punch des Slowenen kann bislang niemand antworten.
"Wir wussten, dass die Attacke kommen würde, entweder am da oder am folgenden Anstieg. Jonas konnte nicht folgen, aber am Ende war das vielleicht sogar besser denn sonst hätte er die Etappe vielleicht nicht gewonnen", analysierte Niermann. Denn die Geschehnisse am Col de Pertus anschließend zeigten, dass Pogacars harte Attacke vielleicht einfach auch etwas zu hart war.
"Der Plan war, am Puy Mary zu attackieren und in der Abfahrt weiter zu pushen", erzählte Pogacar und gab dann zu: "Ich habe wohl ein wenig zu viel Energie verschleudert vor dem zweiten Anstieg. Ich war gut unterwegs, Jonas dort dann aber besser. Ich war überrascht, als ihn näherkommen sah. Dann habe ich auf ihn gewartet, weil er nach der Kuppe sowieso noch an mich rangefahren wäre."
Katz-und-Maus-Spiel: Pogacar attackiert direkt nach Zusammenschluss
Quelle: Eurosport
Der Slowene sah sich mit Vingegaard im Zentralmassiv auf Augenhöhe, was auch der Ausgang mit einer Entscheidung um wenige Zentimeter auf dem Zielstrich bildlich sehr gut darstellte. Nachdem Pogacar bislang am Col du Galibier und auch im Einzelzeitfahren stärker gewesen war, betrachteten dieses gefühlte Remis viele als Trendwende – und auch Vingegaard sagt: "Ich hoffe, dass es der Wendepunkt ist. Nicht nur für die Tour, sondern auch für unsere Saison."
Unterm Strich aber ist Pogacar eben noch immer 1:14 Minuten voraus und auch Niermann wollte nicht zu euphorisch werden: "Der Sieg ist sicher ein psychologischer Vorteil, aber ich habe heute einen sehr, sehr starken Pogacar gesehen. Er ist ja nicht eingebrochen."
Ein klein wenig ist Pogacar das am Pertus vielleicht schon, und auch sein Sprint mit extrem hoher Trittfrequenz zum Zielstrich sah nach großer Erschöpfung aus. Doch daraus schon zu schließen, dass Pogacar nun in seinem Giro-Tour-Doubleversuch der Saft ausgeht, dürfte genauso ein Fehler sein, wie es falsch sein könnte, davon auszugehen, dass Vingegaard im Verlauf der Tour immer stärker wird.
Duell in der Analyse: Pogacar ging die Kraft aus und er hat gewartet
Quelle: Eurosport
"Es erscheint mir nicht logisch: Im vergangenen Jahr haben wir uns gefragt, wie lange Pogacar nach seiner Verletzungspause in der Tour die Top-Form vom Tour-Start halten kann und jetzt gehen wir davon aus, dass Vingegaard nach einer noch längeren Pause in der dritten Tour-Woche stärker wird?", stellte Eurosport-Experte Bernie Eisel schon vor einigen Tagen eine interessante Frage entgegen dem allgemeinen Dogma der vergangenen Wochen in den Raum. Schließlich ist es doch fraglich, ob nicht gerade die Substanz über die gesamten drei Wochen die ist, die Vingegaard durch seine Zwangspause fehlt.
"Heute war ein anderes Rennen, als im Hochgebirge. Dort wird anders gefahren und dafür bin ich besser vorbereitet", warnte Pogacar jedenfalls schon mal. Normalerweise galt der Slowene immer als der, dem die unrhythmischeren, wilderen Etappen besser liegen und Vingegaard als der für die längeren, gleichmäßigen Belastungen. Doch was ist in diesem Jahr schon normal? Die Ungewissheiten der Tour 2024, sie dürften auf den verbleibenden zehn Etappen für ein großartiges Duell sorgen!
3.) Roglic kann mit Hilfe der Abfahrten aufs Podium
Bis zur 11. Tour-Etappe, genau genommen bis zum Angriff von Pogacar am Puy Mary, schien Roglic bei dieser Tour nur die vierte Kraft unter den "Big 4" zu sein. Doch im steilen Finale des Kategorie-1-Berges konnte er Evenepoel abschütteln. Und wenn der Belgier in der Abfahrt nicht wieder – wie schon am Galibier – von Carlos Rodriguez (Ineos Grenadiers) eingeholt worden wäre, die Lücke wäre wohl noch weiter aufgegangen. Auch am Col de Pertus anschließend wirkte Roglic zunächst stärker, als der Evenepoel.
Am Ende musste der Slowene zwar von Glück reden, dass sein Sturz in der Abfahrt zum Zielort innerhalb der letzten drei Kilometer passierte und die dadurch verlorene halbe Minute von der Jury annulliert wurde.
Roglic stürzt in finaler Abfahrt - hat aber Glück im Unglück
Quelle: Eurosport
Doch der Eindruck blieb, dass er diesmal zumindest nicht schlechter war, als der Mann im Weißen Trikot. "Wir müssen den Trend sehen: Im Vergleich zum Anfang der Tour ist dieser positiv, heute war Primoz eigentlich der Drittbeste", bilanzierte auch Red Bull-Sportdirektor Rolf Aldag nach der Etappe.
So wie es ein Duell um den Tour-Sieg gibt, so gibt es wohl auch eins um den dritten Podestplatz – und auch da konnte man über das Wort Trendwende im Zentralmassiv zumindest nachdenken. Vor allem aber hat sich eines gezeigt: Roglic könnte Evenepoel ausgerechnet über eine Disziplin gefährlich werden, die bisher nie als seine Stärke galt und das sicher auch weiterhin nicht ist: das Abfahren.
Wie schon am Col du Galibier zeigte sich auch hinunter vom Puy Mary, dass in kurvenreichen Bergabstücken der Belgier zu distanzieren ist, wenn er sich nicht ans Hinterrad eines besseren Abfahrers klemmen kann. Denn bis Rodriguez in der Puy-Mary-Abfahrt an Evenepoel vorbeikam, verlor der Belgier bergab wieder deutlich an Boden und auch im Zeitfahren war Roglic auf der Abfahrt klar schneller.
Das heißt, dass selbst die Tatsache, dass die Tour mit einem Einzelzeitfahren endet, nicht unbedingt für den Weltmeister im Kampf gegen die Uhr sprechen muss. Denn auch dort geht es lange bergab. Und bis dahin heißt es für Roglic: Attacke schon vor den Schlussanstiegen! Nur auf dem Rad bleiben muss er dann eben noch…
Emotionale Bilder: Bardet feiert mit seiner Kurve
Quelle: Eurosport
Die Tour de France 2024 bei discovery+ | Diese Vorteile hast Du, wenn Du ein Abo ab 3,99 Euro pro Monat abschließt:
- Alle 21 Etappen der Tour de France 2024 in voller Länge und ohne Unterbrechung mit deutschem Kommentar live und auf Abruf
- Alle 21 Tour-Etappen mit dem Eurosport-Radsport-Team um Karsten Migels sowie unseren Experten Jens Voigt, Bernhard Eisel, Robert Bengsch und Co. am Mikrofon
- Die komplette Eurosport-Berichterstattung inklusive der Tour-Show "Vélo Club" im Anschluss an jede Etappe mit unseren Experten und weiteren prominenten Gästen
- Alle "Vélo Club"-Folgen inklusive der Episoden mit Jan Ullrich (02.07./03.07.) und Tony Martin (30.06.) live und auf Abruf
- Zusätzlicher Übertragungsfeed zu allen 21 Tour-Etappen mit den Siegerehrungen im Anschluss
- Extrafeed mit der englischen Eurosport-Berichterstattung und der Studio-Show "The Breakaway" mit unseren internationalen Radsport-Experten
- Timeline Marker: Schneller Zugriff auf die wichtigsten Momente und Attacken der Etappen durch Markierungen im Livestream
De Florence à Nice : le parcours complet du Tour de France 2024
Quelle: Eurosport