Drei Dinge, die auf der 5. Etappe der Tour de France auffielen: Ratlosigkeit bei Vingegaard und Visma - Lipowitz glänzt

Das Einzelzeitfahren der Tour de France auf der 5. Etappe in Caen hat den Sieger, mit dem alle gerechnet hatten: Remco Evenepoel. Der Weltmeister spielte seine Klasse aus und gewann souverän. Besonders stark präsentierte sich aber Tadej Pogacar, und auch Florian Lipowitz glänzte. Dafür erlebte das Team Visma-Lease a Bike um Jonas Vingegaard einen schwarzen Tag. Drei Dinge, die auffielen.

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Quelle: Eurosport

Trotz anfänglichen Rückstands hat Evenepoel den erwarteten Zeitfahrsieg in Caen eingefahren. Das Gelbe Trikot ging aber an den kaum weniger schnellen Tadej Pogacar, der nur eine halbe Sekunde pro Kilometer verlor, nachdem es vier Wochen zuvor beim Critérium du Dauphiné noch zweieinhalb Sekunden waren.
Doch Pogacar und Evenepoel waren nicht die Einzigen, die im Kampf gegen die Uhr am Mittwoch beeindruckten.
Das galt auch für den deutschen Hoffnungsträger Florian Lipowitz, weshalb man sich bei Red Bull mehr und mehr die Frage gefallen lassen muss, wie klar die aktuelle Rollenverteilung mit Primoz Roglic als Kapitän eigentlich ist.
Völlig ratlos war man dagegen bei Visma-Lease a Bike um Jonas Vingegaard und Matteo Jorgenson, die 1:21 Minuten beziehungsweise 1:19 Minuten einbüßten.
Drei Dinge, die auf der 5. Tour-Etappe auffielen:

1. Ratlosigkeit bei Visma

Nach dem Zeitfahren beim Critérium du Dauphiné am 11. Juni durfte und musste man im Lager von Jonas Vingegaard glücklich und voller Zuversicht in Richtung Tour de France blicken. Es schien, als könne der Däne im Kampf gegen die Uhr gegen Tadej Pogacar nicht nur dagegenhalten, sondern vielleicht sogar Zeit herausholen.
Doch vier Wochen später sind die Schwarz-Gelben in Caen knallhart auf den Boden der Tatsachen geprallt. "Ich habe keine Erklärung für das Ergebnis", musste Sportdirektor Grischa Niermann im ersten Interview zugeben, noch bevor er mit Vingegaard selbst gesprochen hatte. "Vor dem Zeitfahren war alles gut", sagte er und stellte fest: "Trotzdem hat Jonas über das ganze Zeitfahren Zeit verloren. Wir hatten uns mehr erhofft. Ich vermute, dass Jonas heute nicht genug Power hatte."
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Mit letzterem lag er wohl richtig, denn Vingegaard selbst wirkte zwar auch ratlos, nannte aber in fast jedem Satz, den er in Caen sagte, das Wort 'Beine': "Mir fehlten einfach die Beine", sagte er. "Ich habe etwas Zeit verloren, aber meine Beine fühlten sich auch nicht gut an." Und: "Das Ergebnis spiegelt das Gefühl in den Beinen wider." Oder: "Ich war von meinen Beinen überrascht, aber manchmal gehört das zum Radsport."
Dass Vingegaards Form nicht allzu schlecht sein kann, haben die vergangenen Tage eindrucksvoll gezeigt. Offensichtlich lief es nur ausgerechnet im Zeitfahren nicht – und zwar nicht nur bei ihm, sondern auch bei Teamkollege Matteo Jorgenson, denn auch der US-Amerikaner blieb als Elfter mit 1:19 Minuten Rückstand auf Evenepoel hinter den Erwartungen zurück. "Ich habe alles gegeben und wir müssen analysieren, was genau passiert ist", wusste auch er nicht genau, woran es lag.
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Der Frust saß am Visma-Bus in Caen tief, gleichzeitig aber bleibt das, was immer gilt nach einer 5. Tour-Etappe: Die Rundfahrt ist noch lang und Abstände von weniger als anderthalb Minuten sind noch lange keine Entscheidung im Kampf um den Gesamtsieg. "Es erscheint auf den ersten Blick viel, aber wir wissen aus den letzten Jahren, dass die Tour mit deutlich mehr Vorsprung gewonnen wurde", meinte Vingegaard, und Niermann bestätigte: "Das ändert nichts an unserer Herangehensweise."
Klar ist nun aber: Vingegaard und seine Mannschaft müssen in den verbleibenden 16 Renntagen voll auf Offensive setzen.

2. Lipowitz glänzt, Roglic weniger

Bei Red Bull-Bora-hansgrohe verfestigt sich der Eindruck, dass Youngster Florian Lipowitz bei dieser Tour stärker ist als Kapitän Primoz Roglic. Nachdem er schon auf Etappe zwei in Richtung Boulogne-sur-Mer auf den Slowenen hatte warten müssen, wurde der 24-Jährige nun Sechster im Einzelzeitfahren - 58 Sekunden hinter Sieger Evenepoel - und war damit 21 Sekunden schneller als Roglic. Damit überraschte sich Lipowitz selbst.
"Ich bin mehr als zufrieden. Ich war nicht so stark in die Tour gestartet und habe deswegen auch ein bisschen an mir gezweifelt. Das war jetzt aber ein Lichtblick für die kommenden Tage", sagte er im Ziel lächelnd und Sportchef Rolf Aldag lobte in der "ARD": "Das war sehr stark, richtig gut gefahren!"
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In der Gesamtwertung aber blieb Roglic noch um eine Sekunde vor dem Deutschen - ideal für das Team, um an der Rollenverteilung zumindest offiziell nichts ändern zu müssen. "Wir sind jetzt mit einer Sekunde Abstand Achter und Neunter im Gesamtklassement, sind aber noch nicht in den hohen Bergen. Von daher werden wir uns genauso weiter verhalten wie bisher - in dem Wissen, dass Roglic neun Mal auf einem Grand-Tour-Podium gelandet ist und Lipo seine erste Tour fährt", erklärte Aldag.
Lipwitz selbst stelle am Eurosport-Mikrofon auch keine Ansprüche: "Nein, nein. Der Plan war, heute Vollgas zu fahren, aber in jedem Fall ist und bleibt Primoz der GC-Leader. Er hat gute Leistungen gezeigt und gestern hatte ich etwas Probleme", sagte er auf Nachfrage nach einer möglichen Änderung in der Teamhierarchie, sollte Roglic hinter ihm landen, noch bevor der im Ziel war. "Ich denke, ich kann ihn gut unterstützen in der zweiten und dritten Woche."
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Auffällig ist aber eben doch: Roglic ließ auf Etappen Federn, auf denen er in Bestverfassung immer zu den Siegkandidaten gezählt hätte - bei kurzen Rampen mit Bergaufsprint im Finale, oder im Kampf gegen die Uhr, wo er 2021 in Tokio Olympiasieger geworden war. Der anvisierte Podestplatz scheint nach fünf Tagen in Frankreich nur schwer erreichbar.
Trotzdem aber bleibt er der Kapitän und die Teamleitung beruft sich bei der Begründung dessen immer wieder auf die Ergebnis-Historie des Slowenen. Klipp und klar offensiv gesagt, dass Roglic aktuell und in den letzten Wochen intern die besseren Leistungsdaten aufweise, hat hingegen noch niemand.

3. Evenepoel mit Zeitfahr-Routine

Von einer Überraschung konnte beim Zeitfahrsieg des Olympiasiegers und Weltmeisters in Caen nicht die Rede sein: Remco Evenepoel war als klarer Top-Favorit in den flachen Kampf gegen die Uhr gestartet und wurde dieser Rolle schließlich auch eindrucksvoll gerecht. Zwar geriet der Vorsprung auf Tadej Pogacar mit nur 16,68 Sekunden geringer als erwartet, doch abgesehen davon hatte Evenepoel in der Normandie alles im Griff.
Stark war dabei, dass er sich auch von anfänglichen Rückständen auf den 3,5 Stunden früher gestarteten Luke Plapp (Jayco - AlUla) und den drei Stunden vor ihm gestarten Edoardo Affini (Visma - Lease a Bike) an den ersten beiden Zwischenzeiten nach acht und 16 Kilometern nicht aus der Ruhe bringen ließ. Evenepoel fuhr einfach sein Rennen und spielte all seine Zeitfahr-Routine dabei aus.
"Ich bin ziemlich gleichmäßig gefahren. Immer wenn es etwas bergauf ging, habe ich natürlich mehr drauf getreten als bergab. Mein stärkster Punkt war aber, dass ich mein Tempo vom Beginn am Ende halten konnte. Wir haben an den Zwischenzeiten auch gesehen, dass ich im Ergebnis immer weiter nach oben gerutscht bin", sagte er im Ziel. "Ich habe mir mein Tempo super eingeteilt. Alles hat gepasst."
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Ein Grund für den anfänglichen Rückstand und die relativ drastische Trendwende in der zweiten Rennhälfte war aber wohl nicht nur die starke Renneinteilung des Weltmeisters, sondern auch der am späteren Nachmittag stärkere Wind, der es bis zur zweiten Zwischenzeit schwerer und danach auf dem Rückweg nach Caen aber eben auch leichter machte.
"Es war interessant, wie sich das Rennen verändert hat - scheinbar erstmal durch die Windverhältnisse. Die Favoriten hinten haben nach dem Losfahren erstmal gesagt: Auweia, da geht gar nicht viel! Und dann hat man gemerkt, dass am Anfang viel mehr Gegenwind war und dadurch haben sich die Zeiten hinten raus gedreht", erklärte Aldag.
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