Gino Mäder - Mutter Sandra erinnert mit emotionalem Brief an verstorbenen Sohn: "Bin stolz, deine Mami zu sein"

Auf den Tag genau vor zwei Jahren starb der Schweizer Radprofi Gino Mäder an den Folgen seines schweren Sturzes bei der Tour de Suisse. Anlässlich seines Todestages hat seine Mutter Sandra Mäder ihrem Sohn einen emotionalen offenen Brief gewidmet. Darin erinnert sie sich an gemeinsame Momente und beschreibt den Schmerz über den Verlust als allgegenwärtig. Jeder Tag sei ein Kampf, schreibt sie.

Gedenken an Mäder: Tour de Suisse erweist ihm letzte Ehre

Quelle: Eurosport

Am 16. Juni 2023 stand die Radsport-Welt für einen kurzen Augenblick still.
Nachdem der Schweizer Radprofi Gino Mäder auf der 5. Etappe der Tour de Suisse bei der Abfahrt vom Albulapass in eine Schlucht gestürzt war, erlag er am folgenden Tag seinen Verletzungen.
Ein schwerer Verlust für die Radsport-Welt und speziell für die Familie des Schweizers.
Anlässlich seines zweiten Todestages widmete seine Mutter Sandra Mäder ihrem Sohn nun einen emotionalen offenen Brief.

Der offene Brief im Wortlaut

Lieber Gino
Die Zeit heilt keine Wunden. Auch nach 2 Jahren ist der Schmerz noch genau gleich wie am Anfang. Ich weiss noch genau, wie ich die Etappe nach La Punt, wo du so schwer gestürzt bist, geschaut habe - ich düste mit dem Staubsauger durch das Wohnzimmer. 
Als die Fahrer die Ziellinie überquerten, warf ich einen kurzen Blick auf den Bildschirm. Ich dachte: Zum Glück bist du im Ziel. Aber im gleichen Moment schoss es mir durch den Kopf: Komisch - warum ziehst du die Sonnenbrille aus? Deine erste Handlung im Ziel ist doch immer der Griff zum Fahrradcomputer… Ich wollte dir schreiben und fragen, ob das neu ist. Ich hatte dich mit einem Teamkollegen verwechselt. Du hattest La Punt gar nie erreicht.
In meinem Unwissen ging ich einkaufen. Ganz genau weiss ich, wo ich im Stau stand, als die erste Nachricht auf meinem Handy aufpoppte: "Wie geht es Gino?" Dann kam der erste Anruf, von deinem Vati. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte.
Dann Tränen, zittern, schreien. Ich versuchte mir eizureden: Es kann doch nicht sein, ich habe Gino doch über die Ziellinie fahren sehen
Was danach folgte, war ein Alptraum: erste, vage Informationen. Dann Tränen, zittern, schreien. Ich versuchte, mir einzureden: Es kann doch nicht sein, ich habe Gino doch über die Ziellinie fahren sehen!
Ich erhielt einen Anruf mit ausländischer Nummer. Und ignorierte ihn. Mein Gedanke: Was ich nicht weiss, ist nicht passiert. Dabei war mir schon längst klar, dass Dir, lieber Gino, etwas ganz Schlimmes passiert war. Die Nachricht von Deinem Teamarzt, ich solle bitte zurückrufen, habe ich mit "Ich kann kein Englisch" ignoriert. Wenn ich das jetzt schreibe, höre ich Dich sagen: "Mami, Englisch ist einfacher als Italienisch - und da plapperst du ja auch einfach drauflos."
Aber eben: Was ich nicht weiss, ist nicht passiert…
Danach überschlugen sich die Ereignisse. Lange Zeit später habe ich die Whatsapp-Nachrichten nochmals gelesen und mir gedacht: Meine Güte, war ich kurz angebunden. Aber ich weiss, dass Jasmin, Sandra, Franziska, Gianluca und all die anderen lieben Freunde meine knappen Antworten verstanden und nicht persönlich genommen haben. Gino, du hättest sowieso gesagt: "Mami, mach dir keine Gedanken, die haben dich noch immer lieb."
Mit Dir ist auch ein Teil von mir, von uns, gegangen. In diesen zwei Jahren habe ich so viel geweint wie noch nie
Die Zeit heilt keine Wunden. Das hat Nino de Angelo bereits gesungen - sein Lied begleitet mich seit jenem Tag im Engadin täglich.
Gino, zwei Jahre ohne Dich. Mit Dir ist auch ein Teil von mir, von uns, gegangen. In diesen zwei Jahren habe ich so viel geweint wie noch nie. Gekämpft wie noch nie. 
Jeder Tag ist ein unglaublicher Kampf. Jeder Tag ist für mich so unendlich schwer. Die Trauer macht mich so müde, oft bin ich erschöpft. 
Auch heute wähle ich noch Deine Nummer, um dir irgendetwas zu erzählen. Ich will dich fragen, ob ich den Fiat 500 kaufen soll oder doch lieber ein vernünftiges Auto. Du würdest wohl antworten: "Mami, kauf dir besser ein sicheres Auto, du bist so oft unterwegs. Und wo würdest du deine zwei Boxer in den kleinen Fiat einladen?"
Ich bin stolz auf glücklich, dass ich Dein Mami sein darf
Lieber Gino, wir vermissen Dich. Ich, dein Vati, Laura, Jana und Lisa, Rinaldo und Elias. Lino, Vivienne und auch Mona sprechen immer wieder von Dir und wollen das Gino-Jäckli anziehen.
Ich vermisse Dich bis zum Mond und zurück. Ich bin stolz und glücklich, dass ich Dein Mami sein darf.
Dein Mami.

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