Vuelta a España: Jens Voigt gibt im Interview Prognose ab - Ayuso düpiert Evenepoel, Vingegaard und Roglic

Am Samstag fällt der Startschuss für die Vuelta a España 2023. Vor der letzten Grand Tour des Jahres wird das Trio um Titelverteidiger Remco Evenepoel, Tour-Triumphator Jonas Vingegaard und Giro-Sieger Primoz Roglic als Favorit auf den Gesamtsieg gehandelt. Eurosport-Experte Jens Voigt schätzt die Kraftverhältnisse jedoch anders ein - und sieht einen spanischen Youngster ganz oben auf dem Podium.

Juan Ayuso hat laut Jens Voigt gute Chancen auf den Gesamtsieg

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Die Vuelta a España 2023 hat es in sich. Die Hatz nach dem Roten Trikot geht über 3156,5 Kilometer mit sieben Bergankünften, inklusive eines Abstechers nach Frankreich, wo der berühmte Tour-Anstieg zum Col du Tourmalet bewältigt werden muss.
Vor allem auf Titelverteidiger Remco Evenepoel kommt Schwerstarbeit zu. Der Belgier vom Team Soudal Quick-Step ist auf der Spanien-Rundfahrt der gejagte Mann und muss der prominenten Jumbo-Doppelspitze mit Jonas Vingegaard und Primoz Roglic die Stirn bieten.
Eurosport-Experte Jens Voigt sieht Evenepoel in diesem Dreikampf vorn - den Gesamtsieg schnappt sich jedoch jemand anderes. "Juan Ayuso wird das Rennen machen", sagt der ehemalige Radprofi über den spanischen Youngster von UAE Team Emirates, der im vergangenen Vuelta-Dritter war.
Aus deutscher Sicht rechnet Voigt mit starken Leistungen von Lennard Kämna, Emanuel Buchmann und Giro-Überraschung Nico Denz - und ruft die Top 10 als Ziel aus.
Herr Voigt, die Vuelta wartet in diesem Jahr mit nur einem Einzelzeitfahren, vielen Bergetappen und wenigen Chancen für die Sprinter auf. Wie attraktiv ist die Streckenführung?
Jens Voigt: Traditionell gesehen ist die Vuelta oftmals schwerer als die Tour de France. Blickt man auf die reinen Höhenmeter und die Anzahl der Bergankünfte, dann ist die Vuelta tatsächlich anspruchsvoller als die Frankreich-Rundfahrt. Nur die Fahrer sind in der Regel nicht hungrig genug und so gut in Form wie auf der Tour. Die Tour ist zwar nach wie vor das schwerste Rennen im Gesamtpaket, aber die Vuelta ist schon seit Jahren etwas höher vom Profil her, einen Ticken schwerer und etwas berglastiger. Das ist also keine Überraschung - daher fahren auch eine Menge guter Sprinter noch die Deutschland-Tour.
In der Favoritenfrage ergibt sich eine explosive Konstellation. Titelverteidiger Remco Evenepoel wird von der Jumbo-Doppelspitze mit Tour-Champion Jonas Vingegaard und dem dreifachen Vuelta-Sieger Primoz Roglic herausgefordert. Wer hat Ihrer Meinung nach die besten Chancen?
Voigt: Tatsächlich denke ich da an Evenepoel. Aber in meinen Augen wird Evenepoel nur Zweiter werden, weil Juan Ayuso das Rennen machen wird! Im letzten Jahr wurde er Gesamtdritter, war damals aber auch noch sehr jung. Jetzt hat er ein Jahr Zeit gehabt, um erwachsener zu werden. Ayuso ist für mich der große Geheimfavorit. Roglic hat in diesem Jahr bereits den Giro gewonnen, wird aber nicht jünger. Vingegaard ist ein großartiger Fahrer, ist aber bei der Tour über sich hinausgewachsen. Der ist also auch nicht mehr ganz frisch dabei. Evenepoel ist zwar besser als die beiden - aber Ayuso hat meiner Ansicht nach die besten Chancen auf den Gesamtsieg.
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Allein auf weiter Flur: Ayuso belohnt sich für famosen Solo-Ritt

Quelle: Eurosport

Spielt in Ihre Prognose etwa auch der Umstand mit rein, dass Jumbo-Visma mit Roglic und Vingegaard auf eine Doppel-Spitze setzt? Könnten sich die beiden etwa im Weg stehen?
Voigt: Mannschaften, die nicht an den Sieg glauben, gehen mit einer Doppelspitze ins Rennen. Ist man der Überzeugung, dass der eigene Kapitän gewinnt, braucht man keinen zweiten Kapitän - Punkt! Also ein Häuptling und sieben Indianer, die für ihn arbeiten. Natürlich ist Roglic gut in Form, immerhin hat er gerade die Vuelta a Burgos gewonnen. Zwei große Rundfahrten in einem Jahr zu gewinnen, gab es aber lange, lange Zeit nicht mehr. Zudem kam es in der gesamten Geschichte des Radsports noch nie vor, dass eine Mannschaft alle Grand Tours in einem Kalenderjahr gewinnen konnte. Großbritannien hat dieses Kunststück als Land im Jahr 2018 mit Chris Froome (Giro d’Italia, Anm. d. Red.), Geraint Thomas (Tour de France, Anm. d. Red.) und Simon Yates (Vuelta a Espana, Anm. d. Red.) vollbracht.
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Gibt es einen Grund dafür, warum das noch keinem Team gelungen ist?
Voigt: Nicht nur der Kapitän muss gut in Form sein, sondern alle Helfer. Es kann schon sein, dass Jumbo-Visma bislang noch nicht genau weiß, wen man unterstützen soll. Aber eine Mannschaft wie Jumbo macht wenige taktische Fehler. Sie haben beim Giro lange gepokert und beim abschließenden Zeitfahren alles richtig gemacht. Bei der Tour sah es ebenso lange danach aus, als ob Tadej Pogacar die besseren Chancen haben würde. Am Ende hat Jumbo auf das richtige Pferd gesetzt. Sie sind clever mit ihrer Strategie und ihrer Taktik. Daher denke ich nicht, dass sie sich gegenseitig im Wege stehen werden. Trotzdem sind beide nicht stark genug, um gegen Evenepoel anzukommen.
Sie haben im Vorjahr prophezeit, dass Roglic keine Grand Tour mehr gewinnt. Nun hat er sie beim Giro d'Italia Lügen gestraft. Wie blicken Sie auf den Slowenen?
Voigt: Es war denkbar knapp und spektakulär! Den Triumph hat sich Roglic wirklich verdient. Das enge Zeitfahren, dann fällt ihm noch die Kette runter - unter der Kategorie „Dramatisch macht es Roglich einfach nicht. Aber wenn ich meinen Hals wieder aus dem Fenster strecken darf: Ich glaube nicht, dass er gewinnt. Ayuso und Evenepoel sehe ich vor ihm.
Welche deutschen Fahrer sollte man bei der Spanien-Rundfahrt im Auge behalten?
Voigt: Neun deutsche Fahrer ist ein gutes Kontingent. Mit Lennard Kämna und Emanuel Buchmann haben wir auch gleich zwei Fahrer, die bei den schweren Etappen vorne mitfahren könnten. Nico Denz hat uns beim Giro gezeigt, was er kann und kommt als Ausreißerkönig in Spanien an. Leider haben wir keinen Sprinter wie etwa André Greipel oder John Degenkolb zu seinen besten Zeiten. Aber wir sind für die Top 10 der Gesamtwertung mit Kämna und Buchmann sehr gut aufgestellt. Bei den Sprints werden wir leider nicht allzu viele Anteile haben.
Bei der Tour de France hat der Veranstalter die Fans zu mehr Rücksicht aufgefordert, nachdem es zu Stürzen kam, die von Zuschauern ausgelöst wurden. Ist das inzwischen, wo viele ihr Strecken-Selfie mit dem Peloton wollen, dringend nötig geworden?
Voigt: Leider - und offensichtlich - ja. Man muss den Fans immer erklären, dass die Leute auf der Straße die Show sind. Ihr könnt euch die Show angucken. Aber versucht bitte nicht, Teil der Show zu werden. Ihr müsst nicht auf die Straße rennen, zum Helikopter hochwinken und rufen: 'Hallo, Großmutter! Ich bin im Fernsehen!' Das ist zu gefährlich - für die Fans selbst, aber auch für die Fahrer. Auf der anderen Seite muss man ganz klar sagen: Was wären wir ohne die Fans? Der Radsport ist letztlich doch sehr einzigartig: Keine Eintrittsgelder, jeder kommt ganz nah dran. Wenn es in die Berge geht, kannst du deinen Helden beinahe auf die Schulter klopfen. Das gibt es im Tennis, Fußball oder auch in der Formel 1 nicht. Den Fans wird ein entsprechender Vertrauensvorschuss gegeben, ganz nach dem Motto: 'Seid vernünftig, wir sind auch vernünftig'. Manchmal muss man die Leute aber daran erinnern, dass der Asphalt das Büro der Fahrer ist. Bei aller Leidenschaft ist der Radsport immer noch ein Beruf und die Fahrer brauchen den Platz, weil sie ihrem Beruf nachgehen und ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das müssen die Fans verstehen.
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Hat sich das Verhalten der Zuschauer, die beim Radsport so nahe dran sind wie in kaum einer anderen Sportart, spürbar verändert?
Voigt: Selbst auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wie ein alter Mensch klinge... Aber tatsächlich spielen die Sozialen Medien hier eine tragende Rolle. Alle wollen tolle Selfies machen und eine Story auf Instagram posten - und was gibt es Schöneres, als dass der Gesamtführende neben dir fährt? Wenn das jeden Tag 2000 Leute machen wollen... den Platz gibt es nicht mal auf der Straße, dass die neben dem Trikot herrennen können. Das kann nicht gut gehen, das ist vorprogrammiert. Das ist ein Problem. In den letzten paar Jahren hat es sich aber nicht so sehr verschlimmert - vielmehr im Vergleich zu den frühen 2000ern. Es gab mal eine Situation mit Chris Froome und kolumbianischen Fans, die mit einer Fahne dicht neben ihm gelaufen sind. Da hat Froome ihnen einen kleinen Ellbogen-Check mitgegeben, weil sie auf der Straße waren - und dafür hat er eine Strafe bekommen. Ich hätte Froome dafür einen Orden gegeben und die Strafe der UCI und dem Veranstalter aufgebrummt, weil sie nicht die Sicherheit am Arbeitsplatz garantieren konnten. Froome hat in dieser Situation lediglich gesagt: 'Hier ist mein Platz, hier fahre ich! Ich kämpfe seit 50 Kilometern, um in dieser Position zu sein und ihr rennt mir sicherlich nicht vor’s Fahrrad!' Darum hat er sie mit vollem Recht mit seinem Ellbogen zum Selbstschutz beiseite geschoben. Hut ab, richtig gemacht! Der Veranstalter und die UCI hätten einen auf den Deckel kriegen sollen.
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Quelle: Eurosport

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