Vuelta 2023: Jens Voigt glaubt an Sepp Kuss - ihn jetzt abzusägen, wäre "menschlich nicht zu vertreten"
Mit Tour-de-France-Sieger Jonas Vingegaard, Giro-Triumphator Primoz Roglic und Sepp Kuss grüßt Jumbo - Visma bei der Vuelta a España mit drei Fahrern von ganz oben. Für Eurosport-Experte Jens Voigt ist trotz der namhaften Konkurrenz völlig klar, dass der eigentliche Edelhelfer und Gesamtführende Kuss das Rote Trikot bis Madrid verteidigt. Ihn jetzt zurückzupfeifen, wäre schließlich unmenschlich.
Der Traum geht weiter: Kuss verteidigt Rot im Zeitfahren
Quelle: Eurosport
Sepp Kuss sollte eigentlich der Edelhelfer für die Jumbo-Doppelspitze Jonas Vingegaard und Primoz Roglic sein, führt die Vuelta a España zum Auftakt der Schlusswoche aber mit 1:37 Minuten Vorsprung auf Teamkollege Roglic an.
Eurosport-Experte Jens Voigt glaubt daher auch, dass der US-Amerikaner am kommenden Sonntag in Madrid seinen ersten Sieg bei einer Grand-Tour feiern wird.
"Es wäre für die Mannschaft das perfekte Happy End, der krönende Jahresabschluss", so Voigt, der es menschlich gar für verwerflich halten würde, den Mann in Rot nun zu Gunsten eines der beiden Superstars zurückzupfeifen.
Im exklusiven Gespräch mit Eurosport.de blickt er zurück ins Jahr 2008, als in seinem damaligen Team CSC bei der Tour de France eine ähnliche Konstellation vorlag.
Zudem spricht er über die im Vergleich zum Giro d'Italia veränderte Rolle von Lennard Kämna und bewertet mit Lenny Martinez und Cian Uijtdebroeks zwei verheißungsvolle Youngster.
Herr Voigt, Sepp Kuss führt die Vuelta nach 15 Etappen vor seinen Teamkollegen Primoz Roglic und Jonas Vingegaard an. Wie wird Jumbo den Sieg nun unter seinen drei Leadern aufteilen? Kann man Kuss zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch zurückpfeifen?
Jens Voigt: Ich glaube, Sepp Kuss wird die Vuelta gewinnen. Kuss ist über viele Jahre ein eiserner und unglaublich loyaler Helfer gewesen. Er war bei allen großen Erfolgen von Jumbo - Visma dabei - speziell in diesem Jahr. Er hat Primoz Roglic geholfen, den Giro zu gewinnen und Jonas Vingegaard geholfen, die Tour de France zu gewinnen. Jetzt ist er an der Reihe. Es wäre weder medial, noch politisch oder menschlich zu verkaufen, ihn jetzt zum Verzicht zu zwingen. Deswegen lege ich mich fest: Das bleibt so. Kuss wird die Vuelta gewinnen.
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Wasserträger Vingegaard? Kuss: "Wir sind alle füreinander da"
Quelle: Eurosport
Wäre das auch Ihre Entscheidung als Teamchef? Und falls ja, warum? Schließlich gibt es gute Argumente für jeden der drei.
Voigt: Kurz und knapp: Ja. Weil Kuss ein guter Fahrer ist. Er hat eine Etappe bei der Tour de France gewonnen und jetzt bei der Vuelta. Die Chance, dass er einbricht und 85. wird, ist eher gering. Zudem wäre es auch für die Mannschaft das perfekte Happy End, der krönende Jahresabschluss. Nach dem Motto: 'Schaut her: Wir reden nicht nur darüber, sondern sind tatsächlich eine Familie.'
Es gibt also kein Szenario, in dem Kuss für Sie nicht als Sieger hervorgeht?
Voigt: Jein. Für Roglic würde es keinen Unterschied machen, er hat die Vuelta schon drei Mal gewonnen. Bei Vingegaard sieht das aber etwas anders aus. Wenn Vingegaard plötzlich die Idee bekommt, unbedingt alle drei Rundfahrten gewinnen zu wollen, dann könnte ich verstehen, wenn er die Chefkarte zieht. Das wäre die einzig plausible Erklärung, die ich sehe. Aber Roglic und Vingegaard sind beide sehr erfolgreich und inzwischen Multi-Millionäre, die sich nichts mehr beweisen müssen. Menschlich schätze ich sie auch sehr in Ordnung ein. Sie sind Helden und Dominatoren ihrer Radsport-Epoche, auch ohne einen Vuelta-Sieg 2023. Ich bleibe dabei: Kuss wird die Vuelta gewinnen.
Was könnten die Konsequenzen sein, würde das von Ihnen beschriebene Vingegaard-Szenario dennoch eintreten?
Voigt: Es könnte dann sein, dass Kuss sagt: 'Liebe Mannschaft, können wir meinen Vertrag irgendwie auflösen? Ich glaube, ich möchte hier nicht mehr fahren.' Aber: Ein Radteam ist keine Demokratie. Du unterschreibst deinen Vertrag und tust letztlich das, was von dir verlangt wird. Du bist reiner Befehlsempfänger. Meine Erfahrung ist es, dass der Fahrer im Trikot des Führenden zumindest gefragt wird, ob Angriffe gegen ihn in Ordnung wären. Das macht man nicht einfach so. Kuss ist nicht durch Zufall vorne, er hat hart gearbeitet und sich das Rote Trikot verdient. Er ist genau wie alle anderen Radrennen gefahren und trägt noch immer das Pflaster von seinem Sturz im Gesicht. Es ist ihm nichts geschenkt worden. Menschlich wäre es überhaupt nicht zu vertreten, ihn jetzt abzusägen.
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Jens Voigt (l.) und die Jumbo-Fahrer Primoz Roglic, Sepp Kuss und Jonas Vingegaard rechts
Fotocredit: Getty Images
Wie war das denn bei Euch damals im Jahr 2008 bei CSC? Damals gab es mit Carlos Sastre, Andy und Fränk Schleck eine ähnliche Konstellation.
Voigt: Das war noch komplizierter. Wir sind in das Jahr gestartet, um die Tour de France mit Carlos Sastre zu gewinnen. Vor der schweren 17. Etappe nach Alpe d'Huez waren wir in der glücklichen Position, mit Andy Schleck den stärksten Bergfahrer und mit Fränk Schleck das Gelbe Trikot in unseren Reihen zu haben. Im Meeting vor der Etappe stand Fränk dann auf und sagte: 'Ich kann das Gelbe Trikot heute verteidigen, kein Problem. Aber im Zeitfahren in drei Tagen habe ich keine Chance gegen Cadel Evans. Der Vorsprung reicht nicht. Es wäre also am besten, wenn wir das Rennen schwer machen und Carlos am Ende attackiert, denn er ist der bessere Zeitfahrer.' Andy Schleck hätte als bester Bergfahrer die Etappe gewinnen können, er war super drauf, hat sich aber genau wie der Rest der Mannschaft voll dem Plan unterworfen - und der hieß Carlos Sastre. Es war für uns als Team die einzig realistische Chance, die Tour zu gewinnen. Im Nachhinein wissen wir, dass das auch ganz gut geklappt hat.
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Tour de France 2008: CSC mit Carlos Sastre, Andy Schleck und Frank Schleck
Fotocredit: Getty Images
Lennard Kämna glänzt bei der Vuelta wieder als Etappenjäger. Gefällt er Ihnen in dieser Rolle besser als beim Giro, wo er der Mann für das Gesamtklassement war?
Voigt: Lennard Kämna funktioniert am besten als freies Elektron. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er ist an einem Tag dabei, an einem anderen hält er sich zurück - er fährt somit ohne Druck. Und genau dafür ist Lennard großartig. In dieser Rolle kannst du aber auch nicht drei Millionen Euro im Jahr verdienen wie ein Tour-de-France-Sieger. Wenn du die ganz großen Summen willst, dann musst du drei Wochen lang jeden Tag funktionieren.
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Als Solist zum Triple-Coup: Kämna triumphiert bei Bergankunft
Quelle: Eurosport
Zum Abschluss noch ein Blick auf zwei Shootingstars: Was halten Sie von den beiden 20-Jährigen Lenny Martinez und Cian Uijtdebroeks bei ihrer jeweils ersten Grand Tour?
Voigt: Cian Uijtdebroeks macht das großartig. Er hat natürlich auch das Glück, dass er bei Aleksandr Vlasov im Windschatten mitfahren kann und so nicht den großen Druck spürt. Wenn er noch ein bisschen Selbstbewusstsein tankt, dann ist bei ihm noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Er hat mehr Talent, als er bisher zeigen konnte - da bin ich ganz sicher.
Und Martinez?
Voigt: Er kommt nicht aus dem Nichts, das Talent liegt in der Familie, denn sein Vater war Mountainbike-Olympiasieger. Allerdings erinnert er mich etwas an Romain Bardet oder Thibaut Pinot, denn das Zeitfahren ist seine Schwäche. Daran muss er arbeiten - und das möglichst bald. Wenn du erst einmal 29 bist und um Gelb fährst, ist es zu spät. Eines Tages musst du das Zeitfahren deines Lebens fahren und bist nicht bereit. Trotzdem sind beide für mich ganz klar die Entdeckungen der Rundfahrt.
Vielen Dank, Herr Voigt.
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Quelle: Eurosport
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