Tobias Wendl und Tobias Arlt im exklusiven Interview: "Warten seit zehn Jahren, dass etwas nachkommt"

Tobias Wendl und Tobias Arlt gewannen 2023 zum fünften Mal den Gesamtweltcup im Rodel-Doppelsitzer - und das mit 35 Jahren. "Wir warten schon seit zehn Jahren darauf, dass mal etwas nachkommt", sagt Wendl im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews mit Eurosport.de und gesteht, dass ihm der Nachwuchs "Sorgen" macht. Zudem spricht das Duo über die Bedeutung von Sportstätten und das Aus von Georg Hackl.

Tobias Arlt (l.) und Tobias Wendl (r.) bei den Olympischen Spielen in Peking

Fotocredit: Getty Images

Herr Wendl, Herr Arlt, mit dem Wiederaufbau der Eisbahn am Königssee kann erst Mitte 2024 begonnen werden. Die Kosten liegen wohl bei mehr als 50 Millionen Euro. Die Sinnhaftigkeit wurde in den sozialen Medien so sehr infrage gestellt, dass Ihr Kollege Felix Loch den Aufbau zuletzt auf Twitter verteidigte. Inwieweit können Sie die Kritik nachvollziehen?
Arlt: Die Rodelbahn gehört zum Ort dazu. Viele Kinder, aber auch die Geschäfte und Pensionen profitieren davon. Die Läden merken das, wenn kein Winterbetrieb auf der Bahn stattfindet. Es fehlen Zuschauer und Gäste. Für mich steht überhaupt nicht zur Diskussion, dass die Bahn wiederaufgebaut werden muss. Sie gehört einfach hierher.
Loch meinte auch, es gehe generell darum, den Kindern Sportstätten bereitzustellen. Wie wichtig ist das in Ihren Augen?
Wendl: Immens wichtig. Der Sport gehört in unserer Gesellschaft dazu. Was macht die Jugend, wenn die Sportstätten wegfallen? Sie braucht die Anlaufstellen beim Sport. Da kann es keine Diskussion geben: Sportstätten gehören her, und am besten ganz viele davon. Da spreche ich auch nicht nur von Rodelbahnen. Andere Länder schaffen das auch. Da müssen wir vorankommen, dann ist die Zukunft der Jugend gesichert.
picture

Tobias Wendl (m.) und Tobias Arlt (r.) im Interview mit Eurosport.de an der Eisbahn am Königssee | Quelle: BSD

Fotocredit: Eurosport

Arlt: Und Deutschland ist eine Sportnation. Man merkt aber, dass im Jugendbereich teilweise der Push fehlt, wenn Kids heutzutage eher vor den Fernsehern sitzen oder online zocken.
Was meinen Sie konkret?
Arlt: Die Kinder müssen häufiger nach draußen und eben an diese Sportstätten. Wenn es davon keine mehr gibt, geht keiner mehr vor die Tür und treibt Sport. Wir versuchen auch, die Kinder und Jugendlichen zu motivieren, rauszugehen und Sport zu machen – egal, was es ist.
Welche Möglichkeiten haben Sie, um dazu beizutragen?
Wendl: Wir stellen uns und unser Training in Schulen vor. Ein oder zwei Mal im Jahr bieten wir ein Schnuppertraining an. Da erkennen einige auch, wie vielseitig der Rodelsport ist, denn das wird von einigen Erwachsenen ebenso falsch eingeschätzt. Viele denken, wir liegen nur auf dem Schlitten.
Das Gegenteil ist der Fall.
Wendl: Man muss eine gewaltige Koordination haben, braucht Ausdauer und Kraft. Es ist schon weitaus mehr. Das wollen wir bei Vorträgen oder kleinen Präsentationen in Schulen rüberbringen und eben die Augen dafür öffnen, was wir so machen.
Arlt: Zudem übernehmen wir auch Trainings mit den Jugendlichen, damit sie einen Kontakt zu uns bekommen. Für uns war es früher unheimlich cool, wenn wir mit Patric Leitner trainieren durften und er ein bisschen für uns zur Verfügung stand. Das motiviert die Jugendlichen schon und das merken wir auch. Für sie ist es etwas vollkommen anderes, wenn wir da im Training sind.
picture

Gold und Silber für Deutschland - die Entscheidung der Doppelsitzer

Quelle: Eurosport

Wenn man über die Zukunft des Wintersports spricht, kommt unweigerlich auch das Thema Klimawandel auf. Wie funktioniert der Wintersport im Zuge des Klimawandels in Ihren Augen?
Arlt: Das Thema Nachhaltigkeit erhält immer mehr Einzug in den Wintersport. Im Rodeln wurde in Sachen Klima umgedacht: Wir haben keinen Schnee, keine Kälte und versuchen daher, später anzufangen und die Rennen und Lehrgänge mehr in die Wintermonate zu legen. Unsere Saison beginnt fast einen Monat später als im vergangenen Jahr, die Weltcups werden zusammengeschoben. Es wird geschaut, dass nachhaltig Dinge verbessert werden.
Wendl: Wir haben beim Rodeln auch vergleichsweise Glück, weil wir nicht unbedingt auf Schnee angewiesen sind. Die Temperaturen sollten nur etwas niedriger sein, die Bahnen sind mit Ammoniak gekühlt. Klar spart man Energie, wenn es kälter ist. Aber die Austragung des Wettbewerbs gerät dadurch selten in Gefahr.
Lassen Sie uns einmal ein Jahr zurückblicken: Bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking hat Deutschland zwölf Goldmedaillen gewonnen, neun davon wurden im Eiskanal eingefahren. Was wäre der deutsche Wintersport ohne den Bob- und Schlittenverband (BSD)?
Arlt: Wir sind bei den Olympischen Spielen in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich gewesen. Das heißt jedoch nicht, dass es in Zukunft automatisch so weitergeht. Deutschland ist eine Sportnation und wir wollen ganz oben stehen. Gerade bei Olympia wird darauf geschaut. Der BSD – und wir auch – haben bei den zurückliegenden Olympischen Spielen brutal viel zu den Statistiken beigetragen. Aber auch andere Verbände holen die Kohlen aus dem Feuer und haben einen guten Nachwuchs. Da kommt einiges nach. Bis 2026 ist noch etwas hin.
Wendl: Aber genau deswegen brauchen wir unsere Sportstätten. Bob, Rodeln und Skeleton sind deshalb so stark, weil wir die Infrastruktur mit den vier Bahnen haben. Wir brauchen Königssee, Oberhof, Altenberg und Winterberg. Ansonsten kommen solche Leistungen nicht zustande.
picture

Wendl und Arlt exklusiv: "Einfach heruntersteigen und nie mehr drauf"

Fotocredit: Getty Images

Dennoch tut sich bei vielen das Gefühl auf, dass der deutsche Sport in der Breite nicht mehr an die Spitzenleistungen der Vergangenheit herankommt. Inwieweit wird in Ihren Augen ausreichend getan, um den Leistungssport in Deutschland angemessen zu fördern?
Arlt: Das ist schwer zu beantworten. Wir rufen unsere Leistung ab, wenn es darauf ankommt. Das zählt für uns. Mit den politischen Themen haben wir uns eigentlich gar nicht befasst – auch nicht im Hinblick auf die Diskussionen rund um Olympia. Das muss man als Sportler ausblenden. Grundsätzlich muss der Leistungssport aber natürlich top gefördert werden.
Sie sind bei der Bundespolizei beschäftigt, Herr Wendl bei der Bundeswehr.
Arlt: Wir können wirklich froh sein, dass es diese Institutionen gibt. Ansonsten würden wir unseren Sport nicht ausüben können und das geht Vielen so. Da sind wir über den Bund abgesichert. Generell müssen die vier Bahnen in Deutschland aber einfach da sein, die Sprungschanzen müssen intakt sein, die Infrastruktur muss bereitstehen. Dort muss investiert und modernisiert werden.
Wendl: Aber klar könnte es immer noch mehr sein. Deutschland könnte noch mehr mit der Zeit gehen und Wege finden, um das Ganze noch mehr an die Spitze zurückzuholen. Es liegt aber in der Hand der Politiker, wie sie über die Fördermittel entscheiden.
Bob-Bundestrainer René Spies hat zu Jahresbeginn höhere Trainergehälter eingefordert, um Top-Trainer nicht ans Ausland zu verlieren. Sie streben beide eine Trainerkarriere an. Wie attraktiv ist es heute in Deutschland noch, als Trainer zu arbeiten?
Wendl: Da wir noch keine Angebote bekommen haben, können wir dazu nichts sagen (lacht). Wir wollen aber in der Tat wieder Talente nach oben schieben und den einen oder anderen Olympiasieger formen.
Arlt: Zudem sind wir mit der Bundeswehr und der Bundespolizei bei Behörden. Ich glaube nicht, dass mir ein anderes Land ein Angebot unterbreiten kann, das so attraktiv ist, dass ich aus der Polizei austrete. Da müsste schon etwas ganz Brutales geboten werden. Dennoch finde ich es schade, wenn Trainer ins Ausland gehen. Hier in Deutschland haben wir ausreichend Potenzial und Nachwuchs, den man formen und begleiten kann. Das ist allerdings die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Ich denke aber, dass wir in Deutschland bleiben werden.
Mit Georg Hackl hat man im zurückliegenden Jahr eine Eiskanal-Legende an Österreich abgeben müssen, mit der Sie selbst lange zusammengearbeitet haben. Wie bitter ist das, so jemanden an einen Konkurrenten zu verlieren?
Wendl: Klar ist das bitter. Über das Knowhow aus technischer Sicht verfügen wir zwar weiterhin, aber für den Nachwuchs ist das immens.
Inwiefern?
Wendl: Wir standen selbst auch an der Rodelbahn und haben ihn bestaunt. Man hätte das Potenzial durchaus nutzen können, damit er den Jugendbereich etwas nach oben holt. Nun ist er weg und das ist schlecht für den Nachwuchs. Auch das hat dazu beigetragen, dass dieser nun ein bisschen auf der Stelle tritt.
picture

Tobias Arlt (l.) und Tobias Wendl (r.) im Interview mit Eurosport.de | Quelle: BSD

Fotocredit: Eurosport

Haben Sie also Sorgen um die Zukunft im Rennrodelsport? Mit Ihnen beiden und Eggert/Benecken dominieren bei den Männern im Doppelsitzer immerhin vier Sportler, die alle über 30 Jahre alt sind.
Wendl: Ja, das macht mir schon Sorgen. Als wir an die Weltspitze kamen, waren wir 19 oder 20 Jahre alt. Patric Leitner war damals 29 oder 30. Wir sind ihm in den Nacken gefahren, haben ihn sozusagen abgelöst und es ging nahtlos weiter. Wir warten schon seit zehn Jahren darauf, dass mal etwas nachkommt. Aber zumindest im Doppelsitzer folgt nichts und man sieht auch niemanden, der von unten Druck aufbauen könnte. Ansonsten könnten wir in Ruhe aufhören und die knüpfen an uns an. Aber wenn wir beziehungsweise Toni und Sascha morgen unsere Karrieren beenden, dann stagniert es ein bisschen.
Sie haben aber vorhin erklärt, es gibt die vier Standorte. Infrastrukturell ist also alles da. Woran liegt dieser Stillstand im Jugendbereich dann?
Arlt: Es ist nicht so, dass wir keinen Nachwuchs haben. Es gibt schon genügend Talente. Aber es ist schwerer geworden, einen nahtlosen Übergang vom Junioren- in den Seniorenbereich zu schaffen, wie das bei uns der Fall war. Im Einsitzer ist es Max Langenhan gelungen.
picture

Hundertstel-Krimi! Team D rast dank Wendl/Arlt zum vierten Rodel-Gold

Quelle: Eurosport

Der 24-Jährige wurde in der vergangenen Saison Dritter im Gesamtweltcup.
Arlt: Ja. Es gibt durchaus Talente, die das schaffen. Aber wir waren vielleicht auch eine spezielle Generation mit Felix Loch, Natalie Geisenberger und uns beiden. Wir waren im Juniorenbereich schon immer vorne mit dabei, haben uns gegenseitig gepusht und sind dann zur gleichen Zeit in den Seniorenbereich aufgestiegen. Vielleicht war das bei uns etwas Spezielles und es ist die Normalität, was aktuell geschieht.
Wendl: Wir bekommen das ja aus nächster Nähe mit. Einige fahren mit uns die Qualifikationen in den Vorbereitungen, aber schaffen es leider nicht, den Abstand zu verkürzen.
Arlt: Wir versuchen aber schon auch, da Unterstützung zu bieten und mit dem Material weiterzuhelfen. Wir haben ein Doppel aufgebaut, das aus dem Juniorenbereich in den Seniorenbereich nachrücken sollte. Die haben sich aber getrennt, nachdem sie untereinander Zoff bekommen haben. Besonders im Doppelsitzer ist es schwer, zwei Individuen zu finden, die zusammen funktionieren und sich blind vertrauen.
Was ist da die spezielle Herausforderung?
Arlt: Einen einzelnen Sportler, der um Medaillen fahren kann, findet man recht schnell. Im Doppel ist das dagegen etwas schwerer. Die körperliche Konstellation, die Größe, muss passen. Und beide müssen bereit sein, Kompromisse einzugehen.
Wie schafft es der BSD, vielleicht auch die Ellenbogen gegenüber anderen Sportarten wie dem Fußball auszufahren, um die Kinder für den Rodelsport zu begeistern?
Wendl: Da sind wir als Vorbilder in der Pflicht. Die Kinder sehen uns hier und wir hoffen, dass sie dann auch einmal dahinwollen. Diejenigen, die bei uns sind, sehen und schätzen, dass es wirklich Spaß machen kann, wenn man es im Leistungssport weit bringt.
Arlt: Es gilt eben, die talentierten Leute im Nachwuchs weiter zu fördern und zu formen. Sie stehen aber auch selbst in der Pflicht. Gerade in der Pubertät stellt sich die Frage: Gehen wir Party machen oder konzentrieren wir uns auf den Sport? Und da muss man eben mal durch, die Zähne zusammenbeißen und das Sportliche in den Vordergrund stellen – so wie wir das getan haben.
picture

Tobias Arlt (l.) und Tobias Wendl (m.) im exklusiven Interview mit Eurosport.de | Quelle: BSD

Fotocredit: Eurosport

Haben Sie also das Gefühl, dass sich das im Vergleich zu Ihrer Zeit verändert hat?
Arlt: Ich habe schon das Gefühl, dass Biss und Durchhaltevermögen etwas verloren gegangen sind. Man wirft zu schnell die Flinte ins Korn – gerade, wenn man mit Kritik konfrontiert wird. Viele Junioren sagen: "Ich habe einen Anschiss bekommen, jetzt habe ich keine Lust mehr." Dabei sind diese Rückmeldungen unheimlich wertvoll. Und wir versuchen auch, in unseren Vorträgen oder in Gesprächen mit Kindern weiterzugeben, dass es das Wichtigste ist, Kritik anzunehmen und sie umzusetzen. Das gilt aber nicht nur für den Sportbereich. Es zieht sich überall durch, dass zu schnell gewechselt wird. Stattdessen wird man vielleicht lieber Influencer (lacht). Also dieser "Traumberuf" Influencer ist mit den Medien schon häufiger geworden.
Apropos Influencer: Welche Rolle spielt für Sie die Vermarktung über Ihre Kanäle?
Wendl: Das gehört im 21. Jahrhundert natürlich ebenfalls dazu, es ist ein weiterer Arbeitsvorgang, den man neben dem Training machen muss. Die Sponsoren wollen es auch sehen, man muss mit der Zeit gehen. Wenn man das weglassen würde, könnte man trotzdem Olympiasieger werden, man hätte aber nicht mehr diese Reichweite. Diese Pille muss man schlucken.
Arlt: Und damit kann man eben auch ein paar Junge gewinnen. Wir posten nicht viel von unserem Training. Wir stellen eher zur Schau, was wir neben dem Rodeln machen. Wir sind durch und durch Sportler. Was immer wir tun, wollen wir perfekt machen. Dazu gehört, dass wir surfen, golfen, Beachvolleyball spielen oder Radfahren gehen. Wir möchten breit aufgestellt sein. Das ist eben auch der Vorteil am Sport.
Vielen Dank, Herr Wendl. Vielen Dank, Herr Arlt.
Im ersten Teil des Exklusiv-Interviews sprechen Tobias Wendl und Tobias Arlt über den Schmerz, den der Zustand der Eisbahn am Königssee in ihnen auslöst. Zudem verraten die beiden 36-Jährigen ihren Zukunftsplan im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele in Cortina d'Amepezzo 2026 und berichten von ihrem "Traum" vom letzten Rennen auf ihrer Hausbahn.
Das könnte Dich ebenfalls interessieren: Betrugsanklage: Simon hat ihr "ehrliches Leben ausgelöscht"
picture

Arlt & Wendl singen! Olympiasieger crashen Ösi-Interview

Quelle: Eurosport

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung