Emma Aicher als künftige Gesamtweltcup-Siegerin? Frank Wörndl im Exklusiv-Interview: "Ihr gehört die Zukunft"

Emma Aicher ist die beste Saison ihrer noch jungen Karriere gefahren. Bis zum letzten Rennen beim Weltcup-Saisonfinale in Lillehammer kämpfte sie mit Mikaela Shiffrin um den Gesamtweltcup. Mit 22 Jahren bescheinigen der Deutschen viele Experten eine goldene Zukunft. Ski-Legende und ehemaliger Weltmeister Frank Wörndl zeigt im Exklusiv-Interview mit Eurosport auf, was die Allrounderin stark macht.

Medaille als Lohn für Top-Saison: Aicher auf dem Siegerpodium geehrt

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Zehn Podestplätze, zwei Silbermedaillen bei den Olympischen Spielen in Cortina, von 546 Punkten im Jahr 2025 auf 1323 Zähler 2026 - Emma Aicher ist in der gerade abgelaufenen Saison in der absoluten Weltspitze des Alpin-Sports angekommen.
Nicht nur Mikaela Shiffrin verneigte sich vor der Leistung der jungen Deutschen. Auch Experte Frank Wörndl sieht Aicher auf dem Weg zu einer künftigen Gesamtweltcup-Siegerin.
Vor allem ihre Fähigkeit, in allen vier Disziplinen um den Sieg oder mindestens Topplatzierungen zu kämpfen, sei eine ideale Voraussetzung für die Zukunft, sagt der 66-Jährige.
Gleichzeitig sieht der Slalom-Weltmeister von 1987 noch Raum für Verbesserungen bei der 22-Jährigen. Schon in diesem Jahr verhinderten Kleinigkeiten den Gewinn der großen Kristallkugel, so Wörndl, der auch klarmacht: "Wenn sie gesund bleibt, gehört ihr die Zukunft."
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Aicher exklusiv: "Cool, dass ich Shiffrin bis heute challengen konnte"

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Frank Wörndl, Emma Aicher ist eine überragende Saison gefahren, wurde Zweite im Gesamtweltcup und hat es bis zum Schluss spannend gemacht. Wie haben Sie ihre Saison gesehen?
Frank Wörndl: Es ist faszinierend zu beobachten, wie sie sich Schritt für Schritt in sämtlichen vier Disziplinen an die Weltspitze heranarbeitet. Besonders im Slalom hat sie eine bemerkenswerte Konstanz gefunden, und im Riesenslalom hat sie überraschend starke Leistungen gezeigt. In den Speed-Disziplinen wiederum hat sie ihr großes Potenzial bereits in der vergangenen Saison - und sogar schon zwei Jahre zuvor - eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wenn sie gesund bleibt, gehört ihr die Zukunft. Man hat fast den Eindruck, dass einer künftigen Gesamtweltcupsiegerin kaum noch etwas im Weg stehen kann. Sie bringt wirklich alles mit, was es dafür braucht.
Aicher dürfte in den kommenden Jahren kaum zu stoppen sein, wenn sie auf diesem Niveau weitermacht. Wer oder was könnte sie in Zukunft aufhalten?
Wörndl: Werfen wir einen speziellen Blick auf die letzten Wochen: Aicher hätte den Gesamtweltcup schon dieses Jahr gewonnen, wenn sie in der Abfahrt und im Super-G von Kvitfjell ihre Leistungen aus dem Vorjahr abgerufen hätte. So musste sie einen kleinen Dämpfer hinnehmen oder vielmehr eine Lernphase durchmachen, die sie wieder einen Schritt weitergebracht haben dürfte. Für den Triumph im Gesamtweltcup braucht man eben die Big Points - man muss in die Top-Drei fahren. Aber lernen kann man nur aus - ich nenne es einmal "Fehlerchen". Schließlich hat sie mit den Plätzen vier und fünf in Kvitfjell keine großen Fehler gemacht. Diese Erfahrungen werden Emma für nächstes Jahr stärken.
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Frank Wörndl bei den Olympischen WInterspielen in Calgary 1988, damals gewann er die Silbermedaille

Fotocredit: Getty Images

Es scheint auch nach dieser Saison schwer zu erklären sein: Warum sind Aichers Schwünge in allen Disziplinen so schnell?
Wörndl: Weil ihre Schwünge unglaublich effektiv sind. Emma fährt einen eher unspektakulären Stil. Es sieht so aus, als könnte sie noch aggressiver unterwegs sein, mehr zulegen. Das könnte sie meiner Meinung nach auch, aber sie muss es gar nicht. Sie hat körperlich enorm gute Voraussetzungen. Man denke nur an die Gesamtweltcup-Siegerinnen der Vergangenheit - von Mikaela Shiffrin mal abgesehen: Lindsey Vonn bringt mit 1,78 Meter die nötige Körpergröße, Statur und Kraft mit. Sie hat in allen Disziplinen Erfolge gefeiert, ebenso Maria Höfl-Riesch, die derselbe Typ ist. Auch Aicher ist mit eben diesen körperlichen Voraussetzungen ausgestattet. Zudem hat sie ein unglaubliches Skigefühl und fährt enorm rational, sie ist der Ökonom auf Skiern. Gerade im Slalom sieht man, wie hoch sie die Schwünge ansetzt und wie früh sie die Skier wieder freigeben kann, also den Druck von den Kanten wegnimmt und in der Falllinie das Tempo im Schwung aufnehmen kann.
Emma muss an der mentalen Stärke arbeiten, um sich die Strecken und Übergänge besser einzuprägen. Gerade bei Geländeübergängen unterlaufen ihr immer wieder kleine Fehler.
Wo kann sie sich noch verbessern?
Wörndl: Im Prinzip in allen Belangen. Mit 22 Jahren kannst du dich überall noch verbessern. In Kvitfjell in der Abfahrt zum Beispiel hat sie an einem Tor ausgeholt, an dem man den weiteren Weg gar nicht hätte fahren müssen. Da hat sie die Siegchance vergeben, weil sie fünf, sechs Meter mehr gefahren ist als alle anderen. Das war im Super-G am Tag darauf noch einmal so. Hier kann man an der mentalen Stärke arbeiten, um sich die Strecken und Übergänge besser einzuprägen. Gerade bei Geländeübergängen unterlaufen ihr immer wieder kleine Fehler. In der Olympia-Abfahrt von Cortina hatte sie auf Platz zwei vier Hundertstelsekunden Rückstand. Diese wären auch leicht drin gewesen, wenn sie an einem der fünf Sprünge die richtige Linie gefahren wäre. Hätte sie bei ihrer Fahrt zu Silber 50 Prozent der Fehler vermieden, wäre es die Goldmedaille gewesen. Das sind die Dinge, an denen die Trainer mit ihr arbeiten werden.
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Shiffrin adelt Aicher: "Ich bin so inspiriert von ihr"

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In dieser Saison hatte Aicher oftmals nur wenige Hundertstelsekunden Rückstand, mit denen Rennen oder bessere Platzierungen zu ihren Ungunsten entschieden wurden - gerade bei Olympia bleibt einem das in Erinnerung. Dreht sich der Spieß irgendwann um?
Wörndl: Das Hundertstel-Glück wird sich irgendwann auch einmal umkehren. Das hat man bei Laura Pirovano gesehen, die gleich zwei Rennen in Folge mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung gewonnen hat. Aber wenn man es ganz genau nimmt, gibt es im Sport kein Glück und kein Pech. Es sind immer Fehler, durch die man in Rückstand gerät oder man macht weniger davon und holt einen Vorsprung heraus. Daran muss man arbeiten, um die Linie noch konzentrierter zu fahren und das Gelände noch etwas besser für sich auszunutzen. Es ist Quatsch zu sagen, die zweifache Silbermedaillengewinnerin bei Olympia und zweitbeste Skifahrerin der Saison habe große Fehler gemacht, das sind nur Bereiche, in denen sie sich verbessern kann.
Es ist immer eine Motivation, wenn dir jemand im Nacken sitzt. Man muss fokussierter bleiben und noch mehr tun, um den schärfsten Konkurrenten in Schach zu halten. Shiffrin wird alles versuchen, ihre Position als Nummer eins zu verteidigen.
Shiffrin hat den Gesamtweltcup in dieser Saison "über die Ziellinie gerettet". Einige Verletzungen hatten Einfluss auf ihre Karriere, inzwischen ist sie 31 Jahre alt. Wie lange kann sich die beste Rennläuferin aller Zeiten noch gegen Aicher wehren?
Wörndl: Mikaela hat in dieser Saison eine fantastische Leistung geboten. Sie hat inklusive Olympia 2026 von insgesamt elf Slaloms zehn gewonnen. Damit hat sie große Kristallkugel zurecht verdient. Im Riesenslalom muss man im Hinterkopf haben, dass sie in dieser Saison hier und da wieder Bestzeiten gefahren ist. Shiffrin ist eine sehr sensible Läuferin. Ihr Sturz und die komplizierte Verletzung in der Vorsaison in Killington hatte auf ihre Performance im Riesenslalom große Auswirkungen. Bei hohen Geschwindigkeiten zieht sie manchmal noch etwas zurück. Aber ich denke, das wird sie auch wieder abbauen können. Dafür hat sie in ihrer Laufbahn zu viele Erfolge gefeiert und ist einfach zu gut. Es wird also auch in der kommenden Saison sehr spannend, vor allem, weil sie weiß, dass Aicher in allen vier Disziplinen punkten und Siege einfahren kann. Mit einer siebten großen Kristallkugel wäre Mikaela die alleinige Rekordhalterin vor Annemarie Moser-Pröll. Wenn das ihr Ziel ist, dann weiß sie genau, dass ihr Aicher im Nacken sitzt. Und sie weiß auch, dass sie im Super-G punkten und im Riesenslalom beständig in die Top-Fünf fahren muss.
Ist Aicher für Shiffrin das Beste, was ihr passieren konnte - ein Motivationsfaktor für die Fortsetzung ihrer Laufbahn?
Wörndl: Es ist immer eine Motivation, wenn dir jemand im Nacken sitzt. Man muss fokussierter bleiben und noch mehr tun, um den schärfsten Konkurrenten in Schach zu halten. Shiffrin wird alles versuchen, ihre Position als Nummer eins zu verteidigen, während Aicher unbedingt an ihr vorbeiziehen will. Das wird in der kommenden Saison interessant zu sehen. Ich bin gespannt, was eine Camille Rast leisten kann, und es kommen immer wieder neue Gesichter dazu, die über sich hinauswachsen und Druck auf die Arrivierten ausüben. Und genau das macht den Sport so interessant.
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Highlights: Shiffrin toppt Aicher im Gesamtweltcup - Grenier siegt

Quelle: Eurosport


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