Schweizer Ski-Präsident Urs Lehmann im Exklusiv-Interview: "Marco Odermatt ist der Schwarm jeder Schwiegermutter"

Die Schweiz ist mit Athletinnen und Athleten wie Lara Gut-Behrami und Marco Odermatt im alpinen Skisport aktuell das Maß aller Dinge. Verbandspräsident Urs Lehmann spricht im exklusiven Interview mit Eurosport vor dem Weltcup-Finale in Saalbach über die positive sportliche Entwicklung in der Alpennation. Zudem findet er viele lobende Worte für Odermatt und bricht eine Lanze für Gut-Behrami.

Highlights: Steen Olsen patzt - Odermatt gewinnt doch wieder

Quelle: Eurosport

Die Schweiz ist aktuell mit ihren Superstars Lara Gut-Behrami und Marco Odermatt die unangefochtene Nummer eins im alpinen Skirennsport.
Vor dem Weltcup-Finale in Saalbach am kommenden Wochenende erklärt Urs Lehmann, der Präsident des Schweizer Skiverbandes, Swiss-Ski, bei Eurosport, warum Odermatt nicht nur auf der Piste glänzt und bezieht Stellung zu den Popularitätsvergleichen mit Roger Federer.
Zudem bricht der 54-Jährige mit Blick auf das Duell mit Mikaela Shiffrin eine Lanze für Gut-Behrami.
Darüber hinaus gibt Lehmann Einblicke in die Schweizer Nachwuchsarbeit und unterstreicht, was sowohl die Athletinnen und Athleten als auch der Internationale Skiverband (FIS) tun sollten, um schwerwiegenden Verletzungen vorzubeugen.
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Urs Lehmann - Schweizer Ski-Boss

Fotocredit: Getty Images

Herr Lehmann, wie fühlt sich der Präsident eines Skiverbandes vor einem Weltcup-Finale bei dem seine Athleten am Ende mit 8 von 10 Weltcup-Kugeln nach Hause gehen können?
Urs Lehmann: Ich bin grundsätzlich vor jedem Rennen etwas nervös. Aber ich fahre dieses Jahr mit großer Freude und auch mit einer gewissen Genugtuung nach Saalbach. Unsere Athletinnen und Athleten haben Großartiges, wahrscheinlich sogar etwas Historisches geschafft.
Hauptkonkurrent Österreich war von 1990 bis 2019 durchgehend die Nr. 1 im Nationen-Cup. Seit 2020 hat mit Ausnahme von 2022 die Schweiz die Nase vorne. Wie haben Sie das System im Schweizer-Skiverband dahingehend verändert, um diese Erfolge in den letzten Jahren einzufahren?
Lehmann: Darüber könnte ich stundenlang sprechen. Das mache ich jetzt natürlich nicht. Es wäre ein Trugschluss zu denken, dass so eine Entwicklung über Nacht passiert. Diese 29 Jahre österreichische Dominanz sind unglaublich. Selbstverständlich haben wir uns auch einige Dinge von unseren lieben Freunden abgeschaut. Aber die eigentliche Basis haben wir schon 2007 gelegt, indem wir das Nachwuchssystem komplett neu aufgestellt haben.
Wie kann man sich diese Neuausrichtung vorstellen?
Lehmann: Wir haben quasi nachts die sogenannte Nachwuchspyramide gezeichnet. Diese haben wir immer weiterentwickelt und im ganzen Land angewendet. Erst zwölf Jahre später traten positive Auswirkungen im Weltcup zutage und das Ganze hat sich für uns bewährt. Das war der Grundstein. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt war, dass wir die bestmöglichen Trainer am richtigen Ort hatten. Das hat einige Jahre in Anspruch genommen. Wir haben 2013 zum Beispiel die damals wegweisende Entscheidung getroffen, eine gesonderte Slalommannschaft aufzustellen. Wir waren der Ansicht, dass sich der Slalom aus technischer Sicht so weiterentwickeln wird, dass man spezifisch nur Slalom trainieren muss. Das hat viel Geld gekostet. Die Neuausrichtung war ein Puzzle mit vielen Teilen, es wurde optimiert und verfeinert. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass wir nun dort stehen, wo wir stehen.
Lara Gut-Behrami konnte im Gegensatz zum Vorjahr noch einmal drauflegen. In welchen Bereichen hat sie in dieser Saison verbessert?
Lehmann: Die Geschichte von Lara Gut-Behrami ist unglaublich. Ob Siegerin im Gesamtweltcup, Gold bei Olympischen Spielen und bei Weltmeisterschaften, sie hat in ihrer Laufbahn alles gewonnen. Jetzt liegt Lara in nicht weniger als in drei von vier Disziplinen im Weltcup vorne - das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Im Alter von 32 Jahren ist sie bereits 16 Jahre dabei, das ist eine unglaublich lange Karriere. Selbstverständlich hat sie sich körperlich und technisch weiterentwickelt. Ich glaube aber, dass Lara vor allem noch ausgeprägter zu sich selbst gefunden hat, indem sie einen Weg für sich definiert hat. Was brauche ich, um Erfolg zu haben und das verfolge ich zu hundert Prozent. Was ist Ballast im Sinne von was brauche ich nicht oder was stört mich, um Erfolg zu haben? Und das hat sie konsequent zur Seite gelegt. Lara wirkt auf mich sehr geerdet. Zudem hat sie eine gesunde Distanz zum Skisport im Gegensatz zu vielen jungen Rennläuferinnen, die gerne mal zu verbissen sind. Bei Lara fließt das eine in das andere und das Ganze auf einem unglaublich hohen Niveau.
Wie stehen aus Ihrer Sicht die Chancen, dass Gut-Behrami ihre Karriere fortsetzt?
Lehmann: Mein Herz hofft darauf, dass sie weiterfährt. Es ist für den Skisport insgesamt wichtig, dass es charismatische Stars gibt. Sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern.
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Mikaela Shiffrin und Lara Gut-Behrami

Fotocredit: Getty Images

Wie beurteilen Sie die kritischen Stimmen, welche behaupten, Gut-Behrami würde im Gesamtweltcup in erster Linie triumphieren, weil Mikaela Shiffrin verletzungsbedingt ausgefallen ist?
Lehmann: Ich finde die Kritik nicht gerechtfertigt. Lara wäre im Super-G und in der Abfahrt sowieso vorne - ganz unabhängig von Mikaela Shiffrin. Lara hat zu Saisonbeginn auch Riesenslalom-Rennen gewonnen, da war Shiffrin noch dabei. Sie war also von Anfang an auf Augenhöhe. Außerdem ist es auch eine Kunst, verletzungsfrei zu bleiben. Es ist Lara gegenüber nicht fair, die Leistung derart zu relativieren.
Was zeichnet Marco Odermatt als Persönlichkeit aus?
Lehmann: Marco ist der Schwarm einer jeden Schwiegermutter. Er ist unglaublich sympathisch, nahbar und bodenständig - und das trotz des großen Erfolgs. Er ist in der Lage, seine Mannschaftskollegen zu motivieren und zu inspirieren. Marco kann das ganze Team mitziehen. Auch das macht ihn aus.
Steht Odermatt in der Wahrnehmung der Schweizer Öffentlichkeit inzwischen auf einer Stufe mit Roger Federer?
Lehmann: Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen. Aber ich höre diesen Vergleich sehr oft. Marco ist im Schweizer Sport aktuell die Ikone und wohl der gefragteste Athlet überhaupt - und das mit erst 26 Jahren. Wenn er gesund bleibt, kann er noch plus minus zehn Jahre fahren. Wenn er seine Popularität in den kommenden Jahren noch steigert, könnte er mit Federer eines Tages auf Augenhöhe sein.
Die Erfolge von Marco Odermatt überstrahlen in der Momentaufnahme alles. Inwiefern ist der Schweizer-Skiverband für die Zukunft gerüstet und wer sind seine Erben?
Lehmann: Es ist wichtig, dass man den Nachwuchs, also die Stars von morgen, während der erfolgreichen Zeiten nicht vergisst. Wir sind sehr gut aufgestellt, bei der Junioren-WM in Frankreich hat die Schweiz neun Medaillen gewonnen. Damit waren wir die erfolgreichste Nation. Aber der Weg von den Junioren an die Weltspitze ist extrem steil und lang. Dennoch glaube ich, dass man sich - besonders im Herrenbereich - keine Sorgen um die Schweiz machen muss.
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Marco Odermatt

Fotocredit: Getty Images

Alle reden von den Superstars - aber wer sind Ihre Entdeckungen/Aufsteiger der Saison?
Lehmann: Von uns würde ich im Speedbereich Franjo von Allmen nennen. Er ist im Weltcup schon aufs Podium gefahren (beim Super-G in Garmisch-Partenkirchen Ende Januar, d. Red.). Bei den Damen imponiert mir die erst 21 Jahre alte Deria Durrer. International fallen mir etliche Namen ein. Ich finde es grundsätzlich spannend, dass mittlerweile so viele Nationen an den Start gehen. Nach den zahlreichen Stürzen und schweren Verletzungen stellt sich die Frage: Welche Sicherheitsmaßnahmen machen von Seiten der FIS wirklich Sinn und sind auch umsetzbar?
Lehmann: Es gibt viel zu viele Verletzungen. Das Thema ist nicht neu, aber in dieser Saison war es noch einmal präsenter als sonst. Wir reden oft über den Kalender, die Pistenpräparation oder die Kurssetzung. Ein Thema, das man ebenfalls diskutieren sollte, sind die Bindungen. Ich hoffe, ich trete niemandem zu nahe, aber ich habe das Gefühl, dass wir beim Thema Bindungen immer noch die gleiche Technologie verwenden wie vor 20 oder 30 Jahren. In diesem Bereich könnte man aus meiner Sicht viel mehr machen, um besonders Knieverletzungen vorzubeugen.
Welche Möglichkeiten gäbe es konkret?
Lehmann: Eine intelligente Bindung, die - ähnlich wie ein Airbag - auf einem Algorithmus basiertem System fußt. Ich weiß, dass es Firmen gibt, die daran forschen. Sicherheit und Verletzungsprävention sind bei der FIS zentrale Themen. Aber man muss selbstkritisch sagen, dass man der Entwicklung immer etwas hinterherhinkt. Wir haben es in den vergangenen Jahren nicht geschafft, die vielen Verletzungen einzudämmen. Wir müssen schneller werden und womöglich mehr Ressourcen aufwenden, um das Thema in den Griff zu bekommen.
Sie haben den Airbag schon angesprochen. Wie steht der Ex-Topabfahrer Lehmann zu Airbag, Unterwäsche und ähnlichen Maßnahmen, die nicht Verband/Veranstalter, sondern der Athlet selbst direkt beeinflussen kann?
Lehmann: Alles, was die Sicherheit erhöht, ist für mich ein absolutes Muss! Es ist unbestritten, dass die Abfahrt eine Risikosportart ist. Wenn du mit 140 km/h den Berg herunterstürzt, muss es im ureigenen Interesse der Athletinnen und Athleten liegen, maximale Schutzmechanismen zu benutzen. Der Airbag sollte schon lange obligatorisch sein. Das wird er im nächsten Jahr auch sein, dafür habe ich mich vehement eingesetzt. Es gibt darüber hinaus kein Argument dafür, nicht mit schnittfester Unterwäsche zu fahren. Die Skikanten heutzutage sind messerscharf. Wenn man feststellt, dass diese Sicherheitsmaßnahmen zu selten ergriffen werden, muss man sie eben verpflichtend machen. Wann kommt es zur Premiere der Abfahrt am Matterhorn und ist die Durchführung zum bisherigen Zeitpunkt sinnvoll?
Lehmann: Das Thema wird von Diskussionen und Spekulationen begleitet. Fakt ist: Es gibt eine Vereinbarung mit der FIS über die Durchführung des Rennens für fünf Jahre. Wir gehen zum heutigen Zeitpunkt davon aus, dass wir es auch 2024 durchführen werden - aktuell laufen die Analysen mit allen involvierten Parteien.
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Sie wurden zusammen mit vier weiteren Personen als möglicher Preisträger der Arosa Humorschaufel 2013 nominiert, eines Jurypreises des Arosa Humor-Festivals. Was hatte es damit auf sich?
Lehmann: 2013 war die große Ski-Krise in der Schweiz. Damals waren wir in der Selbstwahrnehmung zwar eine Ski-Nation, in der Nationenwertung sind wir der Musik auf Rang sieben aber hinterhergelaufen. Ich musste viel Verantwortung in der Öffentlichkeit übernehmen und vieles abfedern, um die Mannschaft zu schützen. Die Nominierung für die Humorschaufel war sicherlich auch mit diesem Kontext verbunden.
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Husarenritt: Brignone verhindert vorzeitigen Coup für Gut-Behrami

Quelle: Eurosport

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