Tina Maze exklusiv vor den beiden Weltcup-Abfahrten im Val di Fassa: "Emma Aicher kann meinen Punkterekord brechen"

Emma Aicher kann in den letzten Rennen dieser Saison noch in den Kampf um den Gesamtweltcup eingreifen. Die deutsche Allrounderin liegt 219 Punkte hinter der führenden Mikaela Shiffrin, fährt aber im Gegensatz zum US-Superstar alle Disziplinen. Ski-Legende Tina Maze analysiert im Eurosport-Interview Aichers Chancen auf die große Kristallkugel und spricht über die Stärken der 22-Jährigen.

Highlights: Nächste Aicher-Show im Super-G

Quelle: Eurosport

Noch immer hält Tina Maze geschlechterübergreifend den Punkterekord im Ski-Weltcup. 2012/13 holte die Allrounderin aus Slowenien 2414 Zähler und gewann in jener Saison elf Weltcuprennen.
Die heutige Eurosport-Expertin gehört zudem zum elitären Kreis derer, die in allen fünf Wettbewerben (Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom und Kombination) Weltcupsiege einfuhren.
Im exklusiven Interview mit Eurosport traut Maze Emma Aicher zu, ihren Punkterekord zu brechen. "Das ist möglich, wenn sie weiterhin alle Disziplinen fährt", so Maze, die vor allem Aichers Heransgehensweise imponiert, "weil sie die Dinge einfach macht und nicht verkompliziert".
Zudem spricht Maze über Aichers "Problem" als groß gewachsene Fahrerin und schätzt das Duell um den Gesamtweltcup mit Mikaela Shiffrin ein.
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Tina Maze ist Ski-Expertin bei Eurosport

Fotocredit: Getty Images

Emma Aicher ist der Shooting-Star in dieser langen Saison inklusive Olympia und wird nicht müde. Wie haben Sie ihre Entwicklung in den vergangenen Wochen gesehen?
Tina Maze: Sie ist so cool. Ich mag Emmas Mentalität, weil sie die Dinge einfach macht und nicht kompliziert. Das muss sie auch als Allrounderin, weil du die Dinge nicht verkomplizieren kannst, wenn du alle Disziplinen fährst. Als Allrounderin muss man sich auf so viele Rennen konzentrieren. Wenn man sich nur auf eine oder zwei Disziplinen spezialisiert, kann man sein Training und sein Material darauf abstimmen.
Aicher kann ihren Körper sehr gut koordinieren, kontrollieren und balancieren. Ihr Gefühl für den Schnee und ihr Skigefühl sind unglaublich.
Die ehemalige Rennläuferin Nicole Schmidhofer hat im "ORF"-Kommentar beim Weltcup in Soldeu ein wenig über die Abfahrtshocke von Aicher geschmunzelt. Hat sie da noch Verbesserungspotenzial?
Maze: Schmidhofer ist deutlich kleiner als Emma und weiß daher nicht, wie es sich anfühlt, wenn man so groß ist. Das ist Physik: Wenn man so groß gewachsen ist wie Emma (1,75 m, d. Red.), muss man andere Linien fahren und die Dinge anders angehen. Lindsey Vonn ist mit 1,78 Meter ebenfalls eine große Läuferin und ist daher immer andere Linien gefahren als ihre Konkurrentinnen. Die Frauen sind unterschiedlich groß und unterschiedlich schwer, da gibt es automatisch Unterschiede in der Fahrweise. Es geht aber nicht darum, gut auszusehen, sondern schnell zu sein. Wir haben keine Jury, die den Stil bewertet. Vielleicht würde Emma da nicht so viele Punkte bekommen wie andere Rennläuferinnen. Unsere Richtlinie ist aber die Zeit, Stil und Linie sind nicht entscheidend. Ich finde, dass Emma ihren Körper sehr gut koordinieren, kontrollieren und balancieren kann. Ihr Gefühl für den Schnee und ihr Skigefühl sind unglaublich. Das kommt durch gutes Training, das geht aber nicht von heute auf morgen.
  • Weltcup der Frauen in Val di Fassa live im TV auf Eurosport und im Stream bei HBO Max
Im Abfahrts-Weltcup liegt Aicher nur noch 94 Punkte hinter Lindsey Vonn zurück. Kira Weidle-Winkelmann, Sofia Goggia und Laura Pirovano sind noch im Rennen. Bringt Emma die kleine Kugel nach Hause?
Maze: Es wird ein sehr spannendes Finale. Emma und Sofia haben beide gute Chancen. Sofia war zu Saisonbeginn nicht so stark, aber sie nimmt den Schwung von Olympia mit in die letzten Rennen. Das gilt auch für Emma. Sie sind beide schnell und es wird für Emma entscheidend, wie sie das mental angeht und ob sie bei sich bleibt. Sie hat noch keine Weltcupkugel geholt, es ist ihre erste Möglichkeit. Bei Olympia hatte sie Pech mit den knappen Entscheidungen, jetzt will sie die Hundertstel auf ihre Seite bringen. Sie hätte es verdient, die kleine Kugel zu gewinnen.
Aicher fährt als einzige alle Disziplinen. Ihr stehen alle Tore offen, in Zukunft den Gesamtweltcup zu gewinnen
Im Kampf um den Gesamtweltcup setzt Aicher nach dem Sieg und Rang zwei in Soldeu Mikaela Shiffrin unter Druck. Im Gegensatz zu Shiffrin bestreitet Emma alle Disziplinen. Ist das ein Vorteil?
Maze: Emmas Vorteil ist, dass sie darauf vorbereitet ist. Sie hat schon länger im Kopf, dass sie alle Rennen fahren wird. Für Mikaela hingegen ist es der Plan B, nun auch im Super-G an den Start zu gehen. Auch im Super-G hat sie große Chancen, weil sie auch in dieser Disziplin top ist. Andererseits habe ich das Gefühl, dass sie in Speedrennen noch ein bisschen Angst hat. Mikaelas große Stärke ist, immer dann Leistung zu bringen, wenn sie muss. Mikaela ist immer dann stark, wenn sie herausgefordert wird. Zusätzlich hat sich Mikaela die Saison bisher optimal eingeteilt, weil sie bisher nur die Rennen gefahren ist, die nötig wahren. Shiffrin balanciert ihr Energielevel sehr gut aus. Sie hat gelernt, dass es sehr viel Zeit und Energie kostet, wenn sie Speedrennen bestreitet und sie hat ihre Philosophie in Abfahrt und Super-G nach der dramatischen Verletzung in Cortina geändert.
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Duell um den Gesamtweltcup: Emma Aicher (l.) und Mikaela Shiffrin

Fotocredit: Getty Images

Wird die fleißigste Rennläuferin im Weltcupzirkus, Emma Aicher, die als einzige alle Disziplinen bestreitet, am Ende für ihren Einsatz sogar mit der großen Kugel belohnt?
Maze: Emma fährt als einzige alle Disziplinen. Und wenn du alles fährst und dabei auch noch gut bist, haben die anderen keine Chanve - auch Mikaela Shiffrin nicht. Deswegen finde ich es toll, dass es mit Emma noch so eine Rennläuferin im Weltcup gibt. Wenn sie es in dieser Saison nicht schafft, wird sie es vielleicht in der nächsten schaffen. Ihr stehen alle Tore offen, den Gesamtweltcup zu gewinnen. Aber dafür muss sie von Anfang an in jedem Rennen attackieren und ihre Chancen nutzen. Ich denke, in dieser Saison wird Mikaela den Kampf um dem Gesamtweltcup für sich entscheiden.
Was hält die Zukunft für Aicher bereit?
Maze: Sie ist erst 22, hat aber schon viel erreicht mit Weltcupsiegen und Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Sie hat eine gute Mentalität, sie ist noch jung, sie macht die Dinge einfach und sie kann die nächste Maria Riesch werden. Auch mein Punkterekord im Gesamtweltcup ist möglich, wenn sie weiterhin alle Disziplinen fährt. Im Riesenslalom muss sich Emma noch ein wenig verbessern - dann steht ihr alles offen.
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Aicher im Siegerinterview: "Fühlt sich ziemlich gut an"

Quelle: Eurosport


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