Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder exklusiv im Interview: "Sowas hat der deutsche Langlauf noch nie gesehen"

Der deutsche Langlauf lebt wieder. Vier Wochen vor Beginn des Weltcup-Winters im finnischen Ruka blickt Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder positiv auf die neue Saison. Im exklusiven Eurosport-Interview spricht der Teamchef über die Vorbereitung und die Ziele von Katharina Hennig. Außerdem erzählt er, warum die Bronze-Staffel-Medaille der Herren letzten Winter "fast die wichtigste" war.

Schlickenrieder: "Haben noch ein paar andere Raketen"

Quelle: Eurosport

Die deutschen Langläufer sind bereit für die neue Saison. In vier Wochen startet der Weltcup-Winter mit dem Nordic Opening in Ruka.
"Wir haben sehr intensiv gearbeitet", erklärt Bundestrainer Peter Schlickenrieder im exklusiven Eurosport-Interview im Rahmen der DSV-Einkleidung in München.
Nach dem guten Abschneiden bei der Nordischen Ski-WM in Planica vergangenen März mit Staffel-Silber der Damen, Staffel-Bronze der Herren und dem historischen ersten Weltcup-Sieg von Katharina Hennig seien die Langläufer auch in der diesjährigen Vorbereitung wieder "einen Schritt vorwärtsgekommen", sagt der 53-Jährige. Dabei konnte die Mannschaft gerade beim Doppelstock-Schieben, "was an der ein oder anderen Stelle unsere Schwäche ist", zulegen.
Ende Oktober fliegt das Langlauf-Team um Katharina Hennig und Friedrich Moch in den hohen Norden. Im finnischen Muonio steht die finale Vorbereitung auf Schnee an, bevor der Weltcup am 24. November in Ruka startet.
Ein langer Trainingssommer geht zu Ende. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Peter Schlickenrieder: Es war tatsächlich ein langer und intensiver Sommer, der sich aber Gott sei Dank dem Ende nähert, weil wir bald auf Schnee sind. Wir werden Ende Oktober ins Trainingslager nach Muonio nach Finnland fahren. Dort gibt es mittlerweile schon 30 Zentimeter Schnee. Da freuen wir uns riesig. Wir haben sehr intensiv gearbeitet, gerade das Frühjahr genutzt, um ein paar strukturelle Veränderungen vorzunehmen. Es war dieses Jahr das erste Mal, dass wir den neuen Leistungstest im Frühjahr und im Herbst durchgezogen haben. Gemeinsam mit unseren Wissenschaftlern haben wir die neuen Erkenntnisse, die wir dort abprüfen, optimal entwickelt gesehen. Jetzt gilt es, diese Entwicklungen aus dem Sommertraining in den Winter zu bringen. Ich bin sehr guter Dinge, weil wir durch die Bank weg Fortschritte gemacht haben. Im Sommer haben wir in Schweden beim Alliance Lopet den internationalen Vergleich gesucht und sind auch dort einen Schritt vorwärtsgekommen. Gerade beim Doppelstockschub, was an der ein oder anderen Stelle unsere Schwäche ist, haben wir noch mal deutlich zugelegt. Von daher bin ich guter Dinge, das wir das Trainingslager im hohen Norden gut nutzen können, um in die Saison einzusteigen.
Lassen Sie uns auch noch mal einen Blick auf die letzte Saison zurückwerfen. Der vergangene Winter war mit Staffel-Silber bei den Damen und Staffel-Bronze bei den Herren sowie den Erfolgen von Katharina Hennig seit langem wieder herausragend. Wie viel Motivation haben die Erfolge dem Team für die Vorbereitung gegeben?
Schlickenrieder: So was pusht natürlich enorm. Gerade die Herren, die sich lange Zeit durch die Großereignisse ohne Medaille gekämpft haben, sind jetzt endlich durch eine Bronzemedaille belohnt worden. Zum wunderschönen Abschluss von Jonas Dobler, der dort das Rennen seines Lebens gemacht hat. Es zeigt, dass es möglich ist und das motiviert uns natürlich extrem. Die Herren-Medaille war fast die wichtigste Medaille. Die Mädels haben schon bei Olympia unter Beweis gestellt, was möglich ist. Aber auch dort ist es schön, dass die Damen-Mannschaft wieder eine andere war als bei den Olympischen Spielen. Wir kriegen eine schöne Breite in dieser Weltspitzenmannschaft und da werden wir die nächsten drei Jahre richtig Freude haben. So was hat der deutsche Langlauf noch nie gesehen: Neun Mädels, die mittlerweile in der A-Nationalmannschaft sind, die sich top entwickeln und um die Staffelplätze kämpfen, streiten und damit eine tolle interne Konkurrenz entfachen. Das ist das Beste, was wir haben können. Ein Team, das eine Gaudi hat und bei jedem Training um genau diesen Staffelplatz kämpft.
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Deutsche Männer-Staffel holt Bronze bei der WM in Planica

Fotocredit: Getty Images

Katharina Hennig hat bei der Zentralen Leistungskontrolle in Oberhof im Crosslauf eine neue persönliche Bestzeit aufgestellt. Im Freistil-Sprint ist sie Dritte geworden. Wo steht sie aktuell?
Schlickenrieder: Katharina Hennig wird versuchen, das Podest deutlich öfter anzugreifen, um damit eine gewisse Stabilität reinzubringen, um dann auch irgendwann mal um eine Einzelmedaille bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen mitzukämpfen. Das ist das Ziel in dieser Saison, nicht nur für sie, sondern für die gesamte Mannschaft. Wir möchten Stabilität erzielen und nicht bloß einzelne gute Wettbewerbe zeigen, sondern eine gesamte Saison absolvieren können. Deswegen haben wir auch das Ziel, nicht nur fünf Damen in der roten Gruppe zu haben, sondern auch noch eine sechste reinzubringen, weil das einfach ein deutliches Zeichen für Stärke ist.
Und bei den Männern?
Schlickenrieder: Bei den Herren versuchen wir genau dasselbe: weitere Läufer unter den Top 15 zu platzieren. Um jede Woche diese harten Wettkampf-Wochenenden absolvieren zu können, braucht es eine gute Stabilität und eine gute Grundlage. Das ist das Ziel für die gesamte Mannschaft, nicht nur für die Katharina Hennig. Wir haben noch ein paar andere Raketen, von denen wir hoffen, dass sie möglichst oft die Katha angreifen und es ihr vielleicht manchmal schwer machen, unter die Top drei oder die Top acht zu kommen.
Jetzt stehen wir vor einer Saison ohne Großereignis. In den letzten Jahren war es immer wieder Thema, auf den Punkt fit zu sein, gerade nach der WM in Oberstdorf 2021, wo das nicht funktioniert hatte. Worauf liegt der Fokus diese Saison?
Schlickenrieder: Es gilt sich für die ganze Saison schon Schwerpunkte zu setzen. Bei dem einen kann es die Tour de Ski sein, bei dem anderen ist es vielleicht der Heim-Weltcup in Oberhof. Der hat für uns einen wichtigen Stellenwert. Dort wollen wir im Endeffekt vor heimischem Publikum zeigen, was wir können. Es ist seit langem wieder mal ein Langlauf-Weltcup in Oberhof. Dort machen wir einen großen Aufriss, das wird für viele ein wichtiger Höhepunkt sein. Im Gegensatz zu den Jahren davor geht es uns darum, möglichst gut in die Saison zu starten, stabil durchzukommen, um möglichst viele Athleten und Athletinnen unter den Top 15 sowie unter den Top 10 und letztlich auch unter den Top 30 zu etablieren - also junge Athleten heranzuführen. Gerade bei den Herren haben wir drei junge Läufer integriert. Das ist die Challenge, dass wir den nächsten Schritt machen. Wir wollen eine stabile Saison, von der wir im nächsten Schritt sagen, jetzt gehen wir auf den Höhepunkt. Wir haben zwei Mal bewiesen, dass wir das eigentlich ganz gut können, nachdem wir in Oberstdorf eher den Fail erlebt hatten. Man darf es nicht übertreiben, mit sich 'zu sehr fokussieren'. Es ist die beste Grundlage, wenn man weiß, man kann stabil in die Top 10 oder in die Top 8 laufen. Denn dann kann es auch am Tag X entsprechend funktionieren und man hat das Selbstvertrauen, dass man jederzeit das Grundniveau abrufen kann.
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Starker Schlussspurt: Hier läuft Hennig aufs Podium

Quelle: Eurosport

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