Nordische Ski-WM 2025: Jochen Behle exklusiv zu deutschen Chancen: "Vicky Carl die Einzige, die in der Lage ist ..."

Das deutsche Skilanglauf-Team steht bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften 2025 in Trondheim vor einer schweren Aufgabe. Die großen Langlauf-Nationen Norwegen, Schweden und Finnland scheinen übermächtig - die DSV-Auswahl aber hat ihre Chancen. Victoria Carl verfüge sogar über "einen Vorteil" gegenüber Stars wie Ebba Andersson, Therese Johaug oder Heidi Weng, sagt Jochen Behle bei Eurosport.

Verfolgungs-Highlights: Norwegen dominiert, Carl glänzt

Quelle: Eurosport

Zwölf Entscheidungen, zwölf Möglichkeiten auf WM-Medaillen - das Skilanglauf-Programm ist breit gefächert in Trondheim.
Das gilt auch für die Mannschaft von Bundestrainer Peter Schlickenrieder. Allerdings: Echte Chancen auf Edelmetall sind dünn gesät im deutschen Kader.
"Wenn man es realistisch sieht, ist Vicky Carl die Einzige, die in der Lage ist, in einem Einzelwettkampf um eine Medaille mitzulaufen", glaubt Jochen Behle, der von 2002 bis 2012 das Amt des Bundestrainers bekleidete.
Für die großen Schlagzeilen dürften indes andere sorgen. Neben Therese Johaug ist vor allem ein Sportler prädestiniert, die Rolle des WM-Superstars zu übernehmen: "Johannes Hösflot Kläbo wird DER Mann der WM werden, da brauchen wir überhaupt nicht drüber zu diskutieren", unterstreicht Behle im Gespräch mit Eurosport.de:
Victoria Carl landete zuletzt beim Weltcup in Falun zwar auf dem Bauch statt auf dem Podest, ist aber dennoch in guter Form. Was können wir von ihr und den deutschen Frauen bei der WM in Trondheim erwarten?
Jochen Behle: Wenn man es realistisch sieht, ist Vicky Carl die Einzige, die in der Lage ist, in einem Einzelwettkampf um eine Medaille mitzulaufen. Ich bin trotzdem skeptisch, dass es gelingt. Sie ist eine Allrounderin, die sowohl im Skating als auch klassisch vorne mitlaufen kann, aber es gibt dann immer wieder Spezialistinnen, die sich auf bestimmte Strecken konzentrieren, die in der Lage sind, diese drei Plätze vorne wegzunehmen. Mit der Gesamtweltcupführenden Jessie Diggins gibt es eine, die bei allen Massenstartrennen extrem stark ist, wenn es ins Finale geht und sie dabei ist - dann gewinnt sie es meist auch. Dann gibt es die, die auf der Strecke richtig Betrieb und den anderen damit das Rennen schwer machen können. Dazu gehört eine Therese Johaug, aber auch eine Ebba Andersson, eine Frida Karlsson oder auch eine Astrid Öyre Slind, die zuletzt geschont wurde. Wenn man sich allein die Namen anschaut - und da habe ich die Finninnen noch nicht einmal genannt - kann es einfach sein, dass du einen guten Wettkampf ablieferst und am Ende doch nur auf Platz sechs, sieben oder acht landest.
Es bleibt für mich dabei: Vicky ist die Einzige, die eine Medaille holen kann - die hätte sie sich auch verdient, denn sie ist nicht umsonst Zweite im Gesamtweltcup.
Was spricht dennoch für Carl?
Behle: Ich hoffe natürlich, dass es sich am Ende für die Vicky entsprechend ausgeht. Denn, wenn sie in den Finals dabei ist, wird ihr die Zielankunft in Trondheim mit der Abfahrt ins Stadion und dem anschließenden langen Flachpart bis ins Ziel liegen. Da liegt für sie ein Vorteil, gerade gegenüber Andersson, Johaug oder Heidi Weng. Die anderen deutschen Damen haben zum Teil wirklich gute Ergebnisse erzielt, wenn man auf Pia Fink oder Laura Gimmler im Sprint schaut. Dennoch haben sie in meinen Augen bei der WM keine Aussicht auf eine Medaille, weil - von Jonna Sundling angefangen - zu viele Gute dabei sind, die dann auch die Medaillen abfischen werden. So bleibt es für mich dabei: Vicky ist die Einzige, die eine Medaille holen kann - die hätte sie sich auch verdient, denn sie ist nicht umsonst Zweite im Gesamtweltcup.
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Erstes Podium der Karriere: Gimmler jubelt über Platz drei

Quelle: Eurosport

Werfen wir einen Blick auf die deutschen Männer: Was wären Ergebnisse, über die Friedrich Moch & Co. zufrieden sein können und dürfen?
Behle: Grobe Zielsetzung: Top sechs - das wäre schon hervorragend für Friedrich. Wobei das auch der Einzige ist, der überhaupt in der Lage ist, eine Top-Ten-Platzierung zu erzielen. Wenn man im Herrenbereich auf gute Ergebnisse schielt, dann wird sicherlich der Team-Sprint mit Moch und Janosch Brugger ein Thema sein. Ansonsten gehört Friedrich leider nicht zu diesen Finaliseuren wie zum Beispiel ein Johannes Hösflot Kläbo, die es auf den letzten anderthalb Kilometern rausreißen. Da ist er meist in der Defensive, macht mit relativ geringem Rückstand die guten Plätze, aber das reicht nicht für eine Medaille. Daran muss Friedrich noch arbeiten, im Finale noch zulegen zu können, um sich für das, was er auf der Strecke leistet, zu belohnen.
Wenn das der Status Quo ist, wie schaut es beim Nachwuchs aus? Auf wen dürfen wir uns in Zukunft freuen?
Behle: Bei den Damen sind ja ein paar Jüngere dabei. Dazu gehört für mich auch eine Helen Hoffmann mit 23 Jahren, die ja auch U23-Weltmeisterin geworden ist. Die kann da schon mitlaufen, aber für ganz vorne reicht es dann eben nicht. Mit dem bestehenden Team mit Carl, Katharina Hennig oder Gimmler kannst du zunächst mal überleben, auch was die kommenden Olympischen Spiele angeht. Danach muss man schauen, was nachkommt. Allzu super sind wir da nicht bestückt, aber es gibt ein paar Ausnahmen, die noch sehr jung sind. Anna Endreß hat bei der Junioren-WM Silber geholt. Bei den Männern kommt mit Jakob Elias Moch der Bruder von Friedrich nach. Der wechselt mit einem Stipendium in die USA, was für ihn sicher ein guter Schritt ist. Das sind aber auch die einzigen beiden, die da für die nächsten fünf Jahre bis zu den Spielen 2030 auf der Liste stehen. Im Männerbereich wird es richtig schwer.
Johannes Hösflot Kläbo wird DER Mann der WM werden, da brauchen wir überhaupt nicht drüber zu diskutieren. Der ist überall stark und kann sich in jeder Situation so verhalten, dass er am Ende gewinnen kann.
Norwegen gilt als Heimat des nordischen Skisports, der mit der Nordischen Ski-WM in Trondheim quasi "nach Hause kommt". Was erwartesn Sie von dieser WM, worauf können sich die TV-Zuschauer freuen?
Behle: Wir dürfen uns auf eine extreme Begeisterung freuen, die hoffentlich auch TV-mäßig zu uns rüberschwappen wird. Besonders natürlich, wenn die Ergebnisse der eigenen Leute stimmen. Johannes Hösflot Kläbo wird DER Mann der WM werden, da brauchen wir überhaupt nicht drüber zu diskutieren. Der ist überall stark und kann sich in jeder Situation so verhalten, dass er am Ende gewinnen kann. Er ist in Sachen Taktik, Technik und Rennübersicht der kompletteste Sportler und kann das alles auch umsetzen. Insgesamt haben die Norweger eine kompakte Mannschaft, denn auch die Damen sind vorne dabei, wenn auch nicht ganz so wie die Herren. Auf der anderen Seite wird man sehen, dass so jemand wie Iivo Niskanen den Gastgebern auf speziellen Strecken doch in die Suppe spucken kann. So gibt es immer wieder den einen oder anderen, der da reinlaufen kann, um die rein norwegischen Festspiele im Herrenbereich zu durchbrechen.
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Kläbo führt Norwegens Vierfachsieg an - Highlights 15 km

Quelle: Eurosport

Im internationalen Fokus wird auch Therese Johaug stehen, die nach drei Jahren (Baby-)Pause zu Saisonbeginn erfolgreich zurückgekehrt ist. Was ist ihr bei ihrer Heim-WM zuzutrauen?
Behle: Gerade über die Rückkehr von Johaug werden sich viele freuen, besonders wenn es hintenraus auf die lange Distanz geht. Aber ich bin mir sicher, dass sie nicht nur über die 50 Kilometer, sondern auch im Skiathlon vorne mitlaufen wird. Auch bei den Teamwettbewerben werden die Norwegerinnen wieder vorne mitmischen, weil die Mannschaft wieder durchgehend erstarkt ist - aber gerade da bekommen sie mit den Schwedinnen große Konkurrenz.
Es wäre für die Deutschen schon gut, wenn sie das in den Griff bekommen würden. Wir reden da nicht von Wachs, sondern von Schliffen und Strukturen, wo wir noch nicht den Durchbruch geschafft haben.
Auf wen oder was sollten die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Aufmerksamkeit ansonsten lenken?
Behle: Auf jeden Fall auf Jonna Sundling im Sprint - da weiß ich gar nicht, wer die überhaupt schlagen soll. Und wie gesagt, der Zieleinlauf in Trondheim mit der langen Abfahrt ist speziell. Da können alle noch einmal gewisse Reserven mobilisieren. Dazu kommt die Windschattensituation in der langgezogenen Rechtskurve, bevor es auf die Zielgerade geht. Dieser Zieleinlauf ist extrem und anders, wird aber bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr ganz ähnlich sein. Wer in Trondheim vorne ist, hat auch bei Olympia gute Aussichten. Gerade aufgrund dieses Zieleinlaufes dürfen wir uns auf spannende Wettbewerbe freuen.
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Sundling sprintet zum Sieg in Davos

Quelle: Eurosport

Wie viel kann das Material ausmachen?
Behle: Der Materialsektor wird bei dieser WM eine größere Rolle spielen als bei früheren Weltmeisterschaften, weil Trondheim extrem ist. Das wird ein Thema sein, dass die deutsche Mannschaft - leider - kennen sollte. Man wird mit feuchten Bedingungen bei leichten Plusgraden zu rechnen haben. Man wird feststellen, dass zum Beispiel die Franzosen uns da voraus sind - das war auch bei der Biathlon-WM zu sehen. Das kann bei Strecken wie in Trondheim entscheidend sein, wenn es ins Finale geht. Es wäre für die Deutschen schon gut, wenn sie das in den Griff bekommen würden. Wir reden da nicht von Wachs, sondern von Schliffen und Strukturen, wo wir noch nicht den Durchbruch geschafft haben. Sobald es kalt ist, gibt es keine Sorgen, da funktioniert alles.
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Jochen Behle bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid

Fotocredit: Imago


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Kläbo zündet den Turbo und kocht Pellegrino im Sprint ab

Quelle: Eurosport


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