Karl Geiger hatte den Tagessieg als Letzter auf dem Bakken in der Hand, trat dann aber ins Leere: Die DSV-Adler haben auch beim Abschluss der 70. Vierschanzentournee keinen Tagessieg gelandet.
Während Geiger mit Sprüngen auf 140,5 und 132 Meter immerhin Tagesrang drei rettete, blieb Markus Eisenbichler - zuvor Zweiter der Qualifikation - mit 133 und 134 Metern als Achter noch weiter hinter den Erwartungen zurück.
Gesamt-Rang zwei wäre bei optimaler Leistung drin gewesen - so mussten sich beide in der Tournee-Gesamtwertung aber mit den Plätzen vier und fünf zufriedengeben. "Es ist schon ein bisschen unbefriedigend, dass keiner von den beiden auf dem Podest steht", sagte Ex-Bundestrainer Werner Schuster in der Experten-Analyse für Eurosport.de klar.
Bischofshofen
Ryoyu Kobayashi: Der fliegende Schanzen-Virtuose
06/01/2022 AM 19:01
Ihr enormes Potenzial deuteten die beiden Deutschen auch am Dreikönigstag an, brachten aber erneut keine konstant guten Sprünge runter. Geiger segelte einmal über die in Bischofshofen magischen 140 Meter, Eisenbichler glänzte in der Quali mit 139,5 Metern.

Schmitt und Schuster: Darum verfehlte Kobayashi den Grand Slam

Geiger und Eisenbichler mit Höhen und Tiefen

"Geiger hatte ungeahnte Höhen und Tiefen mit Platz 37 in der Qualifikation. Karl hat eine wahnsinnige Absprungenergie und wenn dieser Druck ins Leere geht, verliert er gleich einiges. Es läuft noch nicht alles rund", bilanzierte Schmitt. "Vielleicht war im zweiten Sprung die Müdigkeit im Spiel", befand Schuster: "Sein Fehler war untypisch für ihn, wirkt sich auf dieser großen Schanze aber massiv aus."
Nach Platz fünf in Oberstdorf und dem enttäuschend siebten Rang in Garmisch-Partenkirchen die Tournee mit Platz vier und drei in Bischofshofen abzuschließen, rechnete der Ex-Bundestrainer Geiger allerdings hoch an: "Er ist so stark im Kopf, dass er sich da wieder rausholt."

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Eisenbichler habe dagegen am Donnerstag "überkompensiert", fand Schuster. War er im ersten Wettkampf am Mittwoch beim Absprung noch zu früh dran gewesen, drückte der Siegsdorfer am Donnerstag zweimal klar zu spät ab. "Er ist ja fast am Aufbau des alten Schanzentischs gestreift, das hat richtig wehgetan beim Zusehen", meinte Schuster: "Danach betreibt er Schadensbegrenzung."
Dass Eisenbichler mit einem solchen Versuch überhaupt noch in den Top Ten landen kann, sei "eigentlich ein Wunder. Viele Trainer fragen sich schon seit Jahren: Wieso springt der noch so weit? Aber es stimmt einfach die Startbewegung."

"Dann kann auch Olympia klappen"

Mit Platz zwei in Garmisch-Partenkirchen nur 0,2 Punkte hinter dem Tournee-Sieger Ryoyu Kobayashi hatte Eisenbichler das beste deutsche Einzelergebnis der Tournee geholt. Statt Attacke gab's in Bischofshofen dann aber nur Ausreißer nach oben und unten.
"Für ihn ist die Tournee ein bisschen zu früh gekommen", meinte Schmitt. Eisenbichler habe sich im Vorfeld von Rang 40 in Klingenthal "beeindrucken lassen, da sind ein paar Unsicherheiten aufgetaucht. Er hatte ein schweres Wochenende in Engelberg und danach nicht genügend Sicherheit, dass er es einfach laufen lassen kann."
So habe "immer ein bisschen was gefehlt". Schmitt wünscht ihm deshalb "jetzt ein paar ruhige Wettkämpfe, in denen er Selbstvertrauen kriegt. Dann kann auch Olympia klappen." Bei all den Problemen der DSV-Stars bei der Tournee könne man Gesamtrang vier und fünf nämlich auch positiv deuten.
Schmitt: "Diese Reserven im Sprung zu haben und zu spüren, wir sind trotzdem noch bei den Besten dabei, sollte Karl und Markus Hoffnung geben für den Rest der Saison."

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Kobayashi dominiert - ist aber schlagbar

Zu schlagen gilt es im weiteren Saisonverlauf vor allem einen: Kobayashi. Nimmt man Qualifikationen dazu, stand der Japaner in 14 der letzten 18 Wertungen ganz oben - eine unglaubliche Dominanz. "Er wird die Form halten. Ich denke schon, dass er der Mann ist, den es in Peking zu schlagen gilt", meinte Schmitt. Mit Rang fünf zum Abschluss der Tournee zeigte der 25-Jährige allerdings, dass er nicht unschlagbar ist.
"Er hätte den Grand Slam schon gerne geschafft. Heute waren andere besser, aber die Tournee und seinen zweiten Goldenen Adler hat er sich hochverdient, da muss man nur den Punktabstand angucken. Das war eine riesige Leistung von ihm", zog Schmitt den Hut vor dem Japaner.
Dass es mit dem vierten Tagessieg nicht klappte, sah Schuster in einem mentalen Aspekt begründet. "Vielleicht hat er sich im Hinterkopf ein bisschen absichern wollen. Der Schanzentisch ist lang, man kann ein bisschen überlegen. Wenn man zu früh ist, kann man richtig abstürzen. Die sichere Variante ist, ein bisschen zu spät zu sein - auch wenn er es nicht bewusst wollte, ist es ihm zweimal passiert", so der Österreicher.

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Kobayashi hat die besten Antworten

Generell habe sich Kobayashi den Tourneetriumph aber nach drei Einzelsiegen redlich verdient. "Er hat von Anfang an die besten Antworten gehabt und auch außergewöhnlich gute Sprünge gezeigt - zum Beispiel im zweiten Durchgang in Oberstdorf, als er bei 141 Metern noch den Telemark gesetzt hat", meinte Schuster. Außerdem sei kein anderer Springer "in der Form, dass er Kobayashi dauerhaft fordern konnte. Er ist ein richtiger Farbtupfer, ein sensationeller Skispringer."
Dass Kobayashi nach Sven Hannawald (2001/02), Kamil Stoch (2017/18) und seinem ersten Sieg-Quartett 2018/19 nicht nochmal bei allen vier Springen triumphierte, fand Schuster im Sinne des Skispringens gar nicht mal so verkehrt.
"Sonst wäre das mit dem Grand Slam ja schon fast inflationär geworden", meinte der 52-Jährige: "Innerhalb von fünf Jahren zwei Grand Slams zu gewinnen, wäre schon starker Tobak gewesen. Mit 25 Jahren hat er aber vielleicht nochmal die Chance. Zweimal Tourneesieger - das ist aber auch schon ein sehr erlesener Kreis."

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Vierschanzentournee: Endstand

PLATZNAMEPUNKTE
1.R. Kobayashi (Japan)1162,3
2.M. Lindvik (Norwegen)1138,1 (-24,2)
3.H. E. Granerud (Norwegen)1128,2 (-34,1)
4.K. Geiger (Deutschland)1123,6 (-38,7)
5.Eisenbichler (Deutschland)1117,6 (-44,7)
6.R. Johansson (Norwegen)1107,9 (-54,4)
7.L. Kos (Slowenien)1093,0 (-69,3)
8.J. Hörl (Österreich)1075,7 (-86,6)
9.D. Huber (Österreich)1069,9 (-92,4)
10.Y. Sato (Japan)1064,7 (-97,6)
11.S. Leyhe (Deutschland)1021,9 (- 140,4)
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