Markus Eisenbichler über Regeländerungen und Anzugskandal im Skispringen: "Man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen"

Markus Eisenbichler hat seine Sprungski an den Nagel gehängt und widmet sich nun anderen Aufgaben. Als Experte wird der 34-Jährige für Eurosport ausgewählte Weltcupspringen begleiten und auch von den Olympischen Spielen berichten. Im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews analysiert der "Eisei" die Regeländerungen im Skispringen und spricht über die Faszination Olympia.

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Quelle: Eurosport

Markus Eisenbichler tauscht den Sprunganzug gegen das Mikrofon ein. Der sechsmalige Weltmeister und Olympia-Bronzemedaillengewinner wird ab der am Freitag startenden Saison (ab 16:00 Uhr live im Free-TV auf Eurosport und bei discovery+) bei Eurosport ausgewählte Weltcups und die Vierschanzentournee einordnen und bei den Olympischen Spielen 2026 in Mailand und Cortina als Experte und Co-Kommentator fungieren.
"Ich hatte eine großartige Zeit als Aktiver und freue mich sehr, dem Skispringen in neuer Rolle als Eurosport-Experte verbunden zu bleiben", sagte Eisenbichler.
Nachdem der gebürtige Bad Reichenhaller im ersten Teil des Exklusiv-Interviews mit Eurosport über die Chancen der DSV-Adler sprach, nimmt er sich im zweiten Teil die Regeländerungen zur Brust und geht auf die Sperre für die Norweger Marius Lindvik und Johann Andre Forfang im Zuge des Anzugskandals bei der WM 2025 ein.
Zudem spricht Eisenbichler über das einzigartige Erlebnis Olympische Spiele.
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Quelle: Eurosport

Markus Eisenbichler, der Anzug-Skandal rund um das norwegische Team bei der WM hat den Sommer über die Schlagzeilen bestimmt. Marius Lindvik und Johann Andre Forfang wurden jeweils für drei Monate gesperrt - die Sperre ist aber bereits abgelaufen, sodass sie beim Weltcup in Ruka dabei sein können. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Strafmaß erfahren haben?
Markus Eisenbichler: Das ist schwierig zu bewerten. Sollten die betroffenen Athleten wirklich nichts von den Verstößen gewusst haben, wie sie behaupten, dann ist eine dreimonatige Sperre natürlich extrem schade. So wie der Fall geschildert wurde, konnten die Springer nichts dafür. Wenn sie aber doch Kenntnis davon gehabt haben sollten - was ich niemandem unterstellen möchte -, dann erscheint mir die dreimonatige Sperre über den Sommer ein wenig lächerlich. Es gab bei mir auch Saisons, in denen ich nahezu keinen Sommer-Grand-Prix gesprungen bin, da das nicht unbedingt notwendig ist. Skispringen ist schließlich eine Wintersportart, der Stellenwert der Sommerwettkämpfe ist daher nicht so hoch. Im Endeffekt kann man als Springer im Sommer ganz normal weiter trainieren. Grundsätzlich ist es ein sehr schwieriges Thema, das nun aufgearbeitet wurde. Das Strafmaß wurde von der FIS verhängt, nicht von anderen Athleten oder Experten. In der Folge haben sich auch die Anzugsregelungen etwas geändert: Die Anzüge sind enger geworden, und ein neuer Kontrolleur, der seine Arbeit sehr gewissenhaft machen soll, wurde installiert - das wird sich alles im Laufe der Saison einspielen.
Wie blicken Sie generell auf die aktuellen Anzugsregelungen im Skispringen?
Eisenbichler: Meiner Ansicht nach sollte es in erster Linie um Skispringen gehen. Immer wieder über die Anzugsthematik zu sprechen, finde ich etwas schade. Der Anzug macht natürlich einen Unterschied, aber auch ich hatte in der vergangenen Saison oder in den Jahren zuvor oft ein Top-Material – wenn man nicht gut springt, hilft der beste Anzug nichts. Am Ende gewinnt der beste Skispringer, vorausgesetzt, die Bedingungen sind fair. Hier hat die Windkompensation eine sehr gute Lösung gebracht. Generell sollten die Regelungen zum Material etwas vereinfacht werden. Es geht schließlich um Skispringen: Wenn jeder den gleichen Anzug innerhalb des Regelwerks hat, passt das für mich. Der Körper ist nun mal kein starres Objekt, sondern verändert sich - gerade bei Temperaturunterschieden. Wenn ein Anzug einmal um einen Zentimeter zu groß ist, weil es beispielsweise in Kuusamo minus 20 Grad hat und man als Athlet mehrere Stunden auf seinen Einsatz warten muss, sollte man auch mal die Kirche im Dorf lassen. Schließlich springt man wegen eines Zentimeters nicht weiter. Natürlich muss irgendwo eine Grenze gezogen werden und wenn man die Grenze überschreitet, gibt es Disqualifikationen - das ist wichtig und muss offen und ehrlich kommuniziert werden. Ich würde mir wünschen, dass wir die Anzugdiskussion im Winter nicht mehr so oft führen und uns stattdessen mehr auf das Skispringen und die tollen Flüge konzentrieren können.
Meiner Meinung nach sollten die Athleten besser in Entscheidungen und Regelungen miteinbezogen werden.
Wie kann man sicherstellen, dass so etwas wie bei der WM zukünftig nicht mehr passiert?
Eisenbichler: Die Technik entwickelt sich immer weiter. Bei meinen Anfängen im Weltcup 2011 hieß es noch: je größer der Anzug, desto besser. Im Nachhinein hat sich das allerdings nicht bestätigt - im Gegenteil. Heute gilt: Je besser der Anzug an den Körper angepasst ist, desto effizienter wirkt er als Tragfläche. Der geringere Spielraum bei den Anzügen (von sechs Zentimetern auf vier; Anm. d. Red.) hat auch dazu beigetragen, dass weniger Verletzungen passieren. Ein zu großer Anzug erzeugt zu viel Widerstand, Falten in der Flugform bremsen zusätzlich und sind natürlich nicht aerodynamisch. Meiner Meinung nach wäre es am besten - und das habe ich mir auch früher schon gewünscht -, wenn die Athleten stärker in Entscheidungen einbezogen würden. Regeländerungen sind immer sehr mühsam und stressig. Das kenne ich selbst nur zu gut, und es nervt, wenn jedes Jahr etwas anderes gilt. Die Regelungen sollten einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, außer es gibt gravierende Folgen, zum Beispiel eine Häufung von Verletzungen. Dann muss man sie natürlich anpassen. Ansonsten könnten sich die Verantwortlichen im Olympia-Rhythmus alle vier Jahre zusammensetzen und überlegen, was für die kommenden Jahre optimiert werden kann. Damit wären, glaube ich, auch die Athleten zufrieden, da sie so vier Jahre lang in Ruhe mit dem gleichen Material trainieren könnten.
Meiner Meinung nach hat sich die FIS mit den Regeländerungen sehr viel auferlegt und viele Dinge verkompliziert.
In Zukunft wird es Gelbe und Rote Karten im Skispringen geben. Was halten Sie von diesen Änderungen?
Eisenbichler: Es ist sicherlich eine Option. Dennoch finde ich die Änderungen nicht ganz richtig, weil sich der Körper immer verändert und dadurch der Anzug möglicherweise weiter wird. Athleten aus Nationen, die eine weite Anreise nach Europa haben, wo der Skisprungzirkus hauptsächlich unterwegs ist, sitzen im Falle einer Disqualifikation dann im Hotelzimmer und können gar nicht starten, weil sie gesperrt wurden. Der Verband kann aus organisatorischen Gründen auch keinen Springer nachnominieren. Meiner Meinung nach hat sich die FIS damit sehr viel auferlegt und viele Dinge verkompliziert. Daher bin ich kein großer Fan der neuen Regelungen. Bei gravierenden Verstößen, wie bei der WM in Trondheim, sollten die Athleten für einen längeren Zeitraum gesperrt werden - das tut einem Sportler extrem weh. Wenn ein Anzug aber nur ein oder zwei Zentimeter zu groß ist, sollte man dies natürlich differenziert betrachten. Immerhin ist es schon hart genug, wenn ein Springer für einen Wettkampf gesperrt wird. Da braucht es meiner Meinung nach nicht auch noch eine weitere Sperre.
Blicken wir auf die Olympischen Winterspiele voraus: Sie waren bei den Spielen in PyeongChang und Peking selbst dabei. Wie nimmt man eine Teilnahme an solche einem Event als Sportler wahr und was macht es so besonders?
Eisenbichler: Alles ist einfach größer und sehr nah beisammen, sodass man als Aktiver auch bei anderen Sportarten vorbeischauen kann. Das fand ich bei meinen beiden Olympia-Teilnahmen richtig cool. Außerdem begegnet man extrem vielen Athleten aus anderen Nationen. Insgesamt ist die Stimmung im olympischen Dorf entspannter als im normalen Weltcup-Alltag. In Lillehammer oder Kuusamo war ich schon dutzende Male und kenne dort inzwischen alles. Bei den Olympischen Spielen ist dagegen alles neu und einfach beeindruckender. Aus Sportlersicht ist es besonders schön, weil wirklich jeder versucht, dir die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, damit du deine Leistung bringen kannst. Aus Trainer- oder Betreuersicht ist es dagegen, glaube ich, sehr stressig, weil die Organisation oft herausfordernd ist - was bei einem so riesigen Event auch verständlich ist. Für mich persönlich war Olympia aber immer ein Highlight.
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Quelle: Eurosport


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