ATP München - Thiem-Trainer Ebrahimzadeh im Interview: "Ziel ist, ihn bis Paris in der Spur zu haben"

Benjamin Ebrahimzadeh betreut Dominic Thiem seit dem Masters in Monte-Carlo als Coach. Auch beim ATP-Turnier in München begleitet der 43-Jährige den früheren Grand-Slam-Champion. Im exklusiven Interview mit Eurosport.de blickt Ebrahimzadeh auf die ersten Wochen der Zusammenarbeit mit Thiem und sagt: "Die Chemie stimmt." Zudem spricht der Trainer über seine Aufgaben und das Ziel Roland-Garros.

Dominic Thiem arbeitet seit dem Masters in Monte-Carlo mit Benjamin Ebrahimzadeh

Fotocredit: Imago

Überraschend verkündete Dominic Thiem vor zwei Wochen, dass er sich von seinem Trainer Nicolas Massu trennt und künftig mit Benjamin Ebrahimzadeh zusammenarbeiten wird. Nach einer langwierigen Handgelenksverletzung sucht der ehemalige US-Open-Champion weiter nach seiner Form, zeigte sich in Monte-Carlo zuletzt aber deutlich verbessert.
Auf dem Weg zu den French Open (28. Mai bis 11. Juni live und on-demand bei discovery+), wo er 2018 und 2019 im Endspiel stand, schlägt der 29-Jährige in dieser Woche beim ATP-Turnier in München auf.
Wie im Fürstentum begleitet ihn auch am Aumeisterweg Neu-Coach Ebrahimzadeh, der bei den BMW Open im exklusiven Interview mit Eurosport.de einen Einblick in die Zusammenarbeit mit Thiem gibt.
Der 43-Jährige, der in der Vergangenheit auch die dreimalige Grand-Slam-Turniersiegerin Angelique Kerber betreute, erklärt, was die Arbeit mit dem 101. der Weltrangliste "umgänglicher und einfacher" macht. Zudem spricht Ebrahimzadeh über das Potenzial im Spiel des einstigen Weltranglistendritten und stellt klar: "Das Ziel ist es, Dominic bis Paris wieder in der Spur zu haben."
Herr Ebrahimzadeh, die Nachricht, dass sie mit Dominic Thiem arbeiten werden, kam durchaus überraschend. Sind Sie Coach, Teilzeittrainer, Interimscoach? Wie würden Sie ihre Rolle beschreiben?
Benjamin Ebrahimzadeh: Ich bin der Coach. Wir haben vereinbart, wir probieren das bis zu den French Open. Wir schauen, wie sich das entwickelt und wo wir stehen. Und in Paris werden wir uns zusammensetzen und bewerten: Funktioniert das und machen wir weiter oder funktioniert es nicht?
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Benjamin Ebrahimzadeh

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Was ist dabei entscheidend?
Ebrahimzadeh: Es ist eine Leistungsgesellschaft, wir befinden uns im absoluten Spitzensport. Wir hätten auch sagen können, wir arbeiten die kommenden zehn Jahre zusammen. Aber schauen wir einmal in die Fußball-Bundesliga: Da gibt es das auch nicht. Wenn es funktioniert, machen wir weiter. Wenn nicht, geht man einen anderen Weg.
Was bedeutet das für die French Open konkret?
Ebrahimzadeh: Paris ist das größte Sandplatzturnier. Das Ziel ist es, Dominic bis dorthin wieder in der Spur zu haben. Dort werden wir das erste Resümee ziehen. Und dann besprechen wir alles Weitere.
Dominic Thiem trägt immer noch einen der größten Namen auf der Tour, sein Trainer steht automatisch im Fokus. Ist das für Sie ein Traumjob, einem ehemaligen Grand-Slam-Champion zu helfen, an die Spitze zurückzukommen?
Ebrahimzadeh: Auf dem Niveau, auf dem ich in den vergangenen Jahren gearbeitet habe, ist es immer dasselbe. Ich habe Viktoria Azarenka trainiert, die Grand-Slam-Siegerin war. Ich habe mit Angelique Kerber gearbeitet, die danach mehrere Grand Slams gewonnen hat. Ich habe einige Top-Junioren betreut wie Coco Gauff oder Stefanos Tsitsipas, die inzwischen oben angelangt sind. Es ist angenehm, dass Dominic und ich dieselbe Sprache sprechen. Das macht es umgänglicher und einfacher. Es ist ein unheimlich interessantes Projekt für mich.
Wie gelingt die Zusammenarbeit auf dem Court bisher?
Ebrahimzadeh: Es klappt sehr gut auf dem Platz, die Chemie stimmt. Ich merke, wie Dominic die Dinge annimmt und wie wir vorankommen. Dann macht jeder Job Spaß. Es macht keinen Unterschied, ob man mit einem hochbegabten Junior arbeitet, der vielleicht in drei Jahren in die Weltspitze vorstößt oder einen ehemaligen Grand-Slam-Sieger übernimmt. Man überlegt nicht, wer vor einem steht, sondern nur wie man dem Spieler hilft.
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Auftakt geglückt: Thiem lässt Gasquet in Monte-Carlo keine Chance

Quelle: SNTV

An welchen Punkten setzen Sie an? Hat Dominic von sich aus kommuniziert, wo er sich verändern möchte, oder haben Sie Ideen für ihn gehabt?
Ebrahimzadeh: Mit einem Spieler, der eine solche Erfahrung hat, bespricht man das schon auf einer Ebene. Dennoch trägt der Trainer schlussendlich die Verantwortung dafür, dass es funktioniert. Man muss sich Dominics bestes Tennis anschauen und vergleichen, was der Unterschied von damals zu heute ist. Das sind dann auch die Punkte, an denen wir ansetzen, um Dominic zu seinem Top-Niveau zu bringen.
Worin unterscheidet sich der Grand-Slam-Sieger Dominic Thiem von dem Dominic Thiem 2023?
Ebrahimzadeh: Es ist auch eine Frage, wie viel der Körper hält und wie viel er sich zutraut. Dominic kommt aus einer Verletzungsphase. Jeder kann sich vorstellen, dass man zögert, überlegt und oft in sich hineinhört, wenn man etwas am Handgelenk hatte und sich die Frage stellt: Kann ich schon wieder? Wir sind heute an dem Punkt, dass er das kann. Er kann voll schlagen.
Was sind dann die nächsten Schritte?
Ebrahimzadeh: Nun geht es darum, die Gewohnheiten und die Denkweise, die im zurückliegenden Jahr entstanden sind, wieder herauszubekommen - und dass er aggressiver spielt, zu den Bällen hingeht und das Spiel dominiert, wie er es früher getan hat.
Er hat viele Dinge umgestellt, sein Bruder ist verstärkt im Management aktiv, er hat einen Fitnesstrainer, hat Sie engagiert. Er hat lange vieles probiert, um die Form zu finden. Bald wird er 30 Jahre alt. Geht es für ihn darum, vielleicht als "letzte Chance" nochmal alles auf den Kopf zu stellen, um erneut durchzustarten?
Ebrahimzadeh: Ich weiß nicht, ob das seine Gedankengänge waren. Für mich ist es wichtig, das Commitment des Spielers zu spüren. Wie viel will er, wie weit ist er bereit, den nächsten Schritt zu gehen, zusätzliche Einheiten und Umfänge zu machen? Dieses Commitment habe ich von Dominic. Das ist das Wichtigste.
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Benjamin Ebrahimzadeh arbeitete bereits mit Angelique Kerber zusammen

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Er hat zuletzt nach dem US-Open-Titel mentale Probleme eingestanden, arbeitet nun auch mit einem Mentaltrainer zusammen, was er früher eher abgelehnt hatte. Wie wichtig ist es, dass neben Ihnen auch der Sportpsychologe ins Team kommt?
Ebrahimzadeh: Wenn man Ziele erreicht, muss man sich Neue setzen. Das ist vollkommen normal. Seit du zehn Jahre alt bist, trainierst du darauf hin, einen Grand-Slam zu gewinnen. Dann holst du an einem Sonntag den Titel - und was ist dann am Montag dein Ziel? Jeder hat das in seinem Beruf erlebt.
Wie muss es anschließend weitergehen?
Ebrahimzadeh: Dann kommt diese Phase der neuen Sortierung und Positionierung, sich neue Ziele setzen. Ich habe das mit allen Topspielern, die in ihrem Leben Grand Slams gewonnen haben und die Nummer eins der Weltrangliste wurden, erlebt. Jede Hilfe, die dann jemand benötigt, ist absolut gerechtfertigt. Da sind Karrieren und Bedürfnisse unterschiedlich.
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Dominic Thiem scheiterte in München am Montag im Doppel an der Seite von Matthias Bachinger

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Wie meinen Sie das?
Ebrahimzadeh: Der eine sagt zu einem bestimmten Zeitpunkt, er braucht dieses und der andere lehnt es zu einem bestimmten Zeitpunkt eher ab. Von daher ist es für mich vollkommen nachvollziehbar, dass man in seiner Laufbahn über fünf, sechs, sieben Jahre unterschiedliche Aussagen trifft. Es gehört dazu, dass sich eine Karriere entwickelt und auch, sich zu hinterfragen, ob man in seiner Aufstellung irgendwo etwas ändern oder verbessern kann. Daher ist das ein normaler Schritt und nichts, was intern Thema ist.
Dominic Thiem ist Grand-Slam-Champion, das kann ihm keiner mehr nehmen. Wie ist Ihr erster Eindruck nach den zwei Wochen: Kann er wieder auf das Niveau kommen, um nochmal einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen?
Ebrahimzadeh: Das ist ein täglicher Prozess, man muss sich jeden Tag verbessern. Man wird übermorgen kein Grand-Slam-Champion sein. Zum einen werden nur ganz wenige überhaupt Grand-Slam-Sieger - das hat er geschafft. Er weiß, wie sich das anfühlt. Er hat einen Erfahrungsschatz, von dem er profitieren kann. Aber um auf dieses Niveau zu kommen, muss man täglich arbeiten und täglich bereit sein, den zusätzlichen Schritt zu gehen.
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2020 krönte sich Dominic Thiem bei den US Open zum Grand-Slam-Champion

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Was bedeutet das konkret?
Ebrahimzadeh: Du musst täglich bereit sein, früh ins Bett zu gehen, richtig zu essen, kritisch mit dir umzugehen und dich zu hinterfragen, was du heute hättest besser machen können. Das sind die Fragen, die man beantworten muss. Wichtig ist, dass wir im Prozess sind, du dich verbesserst und an jedem Tag die 100 Prozent herausholst, die da möglich sind. Das ist viel entscheidender, als heute die Frage zu stellen: Kannst du das oder kannst du das nicht?
Wie schwer ist es für einen Spieler, der über Jahre den Anspruch haben musste, im Grand-Slam-Finale zu stehen und dann den Titel holt, diesen Prozess mitzugehen und nicht in Ungeduld zu verfallen?
Ebrahimzadeh: Das ist meine Aufgabe, ihm dabei zu helfen. Es geht darum, Aufgaben zu stellen und sie abzuarbeiten, um das Spiel zu verbessern. Es geht nicht um Ergebnisse. Dann ist man im kleinsten Detail, das man beeinflussen kann - und nicht auf der Ebene des Ergebnisses. Man kann nur das verändern, was man auch beeinflussen kann. Meine Aufgabe ist es, ihn darin zu halten und ihn täglich zu fordern und zu verbessern.
Thiem hat speziell über das Match in Monte-Carlo gegen Holger Rune gesprochen. Er hat es zwar verloren, dennoch aber erklärt, es sei gut gewesen - auch, weil der Däne schnell spielt und verrückte Dinge tut. Im Anschluss sagte er, er braucht nun mehr dieser Gegner. Ist es für ihn jetzt entscheidend, dass er regelmäßig auf diese Topspieler trifft?
Ebrahimzadeh: Du willst dich mit den Besten messen. Das ist das, was in Dominic steckt. Das ist das, was in den ganzen Champions steckt. Sie wollen wissen, wo sie stehen. Ich finde das super, wenn mein Spieler das sagt und sich mit den Besten messen will. Da wollen wir beide hin. Wir wollen sehen, wo er steht. Er hatte gegen Rune bei 5:4 im zweiten Satz Breakbälle, da ist er dran. Schauen wir mal, wo wir in drei, vier Wochen stehen - vielleicht sehen wir Rune hier in München wieder.
Er wird nun 30. Carlos Alcaraz, Jannik Sinner und Rune sind alle um die 20 und bringen auch ein anderes Tennis mit. Kämpft Dominic nicht nur darum, sich selbst in seine alte Verfassung zu bringen, sondern auch darum, diese jungen Leute in Schach zu halten? Macht es das noch schwerer?
Ebrahimzadeh: Das glaube ich nicht. Meine Aufgabe ist es nicht, auf Rune oder Alcaraz zu schauen, sondern Dominics Spiel an sein Limit zu bekommen. Dominic muss sein Tennis spielen. Wenn uns das gelingt, ist er sehr, sehr gefährlich, auch für die Jungen. Das ist entscheidender als links und rechts zu schauen, was die anderen machen.
In seiner besten Zeit war Thiem Grand-Slam-Champion auf dem Hartplatz in New York, im Finale der French Open auf Sand. Viele hatten von ihm als Erbe von Rafael Nadal gesprochen. Was ist für ihn aktuell der beste Belag?
Ebrahimzadeh: Ich sehe für ihn keinen Unterschied. Er hat ein 1000er-Event auf Hartplatz gewonnen, hat Finals in Melbourne und Paris gespielt, hat die US Open gewonnen. Wenn er auf 100 Prozent kommt, ist er auf Sand genauso gefährlich wie auf dem Hardcourt.
Uns steht eine spannende Sandplatzsaison bevor. Wer ist für Sie in dieser Saison der neue Sandplatzkönig. Wen haben Sie ganz oben auf Ihrer Liste für die Titel, die nun kommen?
Ebrahimzadeh: Das kann man noch nicht sagen. Wir haben erst ein, zwei Wochen auf der Sandplatztour hinter uns. Alle suchen ein bisschen ihre Form. Rafael Nadal hat 14 Mal in Paris gewonnen, um diesen Namen wird man nicht herumkommen, wenn er dabei ist. Aber vor den French Open kommen zwei Masters. Momentan ist es noch zu früh, um zu sagen, wer der Favorit ist.
Vielen Dank, Herr Ebrahimzadeh.
Das Interview führten Tobias Laure und Pascal Steinmann
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Quelle: Perform

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