Rudi Molleker exklusiv über das neue Selbstverständnis auf der ATP Tour: "Das ist das Einzige, was für mich zählt"

Rudi Molleker galt eine Zeit lang zusammen mit Alexander Zverev als größter Hoffnungsträger im deutschen Herren-Tennis - dann kam der Bruch. Das Toptalent verlor die Lust am Profisport, zog sich zurück. "Der Auslöser waren das viele Reisen und das Alleinesein", erinnert sich Molleker im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de und verrät, warum er heute mit negativen Erlebnissen besser zurechtkommt.

Rudi Molleker beim ATP-Turnier in München

Fotocredit: Getty Images

Rudolf "Rudi" Molleker wurde bereits eine große Zukunft prophezeit, da war der im ukrainischen Sjewjerodonezk geborene Tennisspieler noch lange nicht volljährig. Die Gründe liegen auf der Hand: 2014 holte er den EM-Titel der U14- Junioren, drei Jahre später schlug er mit 16 sensationell Casper Ruud und schaffte den Sprung ins Hauptfeld des ATP-500er-Turniers in Hamburg.
Mollekers Weg schien vorgezeichnet, bis er rund zwei Jahre später die Notbremse zog. "Irgendwann habe ich hinterfragt, woran der Sinn des Ganzen besteht, wenn ich mit meinen 18 Jahren irgendwo alleine in einem Hotel sitze und weiß, dass meine Freunde zuhause sind und das unternehmen, was normale 18-Jährige eben so tun", sagt der heute 23-Jährige im Gespräch mit Eurosport.de.
Eine besonders bittere Erfahrung vor seiner Auszeit musste Molleker machen, als er 2019 die Meldefrist für Wimbledon verpasste und seine Premiere im All England Club deswegen ins Wasser fiel.
"Natürlich war das blöd damals, aber ich habe in der Folge einen ziemlichen Shitstorm abbekommen", berichtet Molleker, der derzeit beim Sandplatz-Turnier in München aufschlägt und im Achtelfinale steht.
Mit Negativerlebnissen dieser Art geht er inzwischen wesentlich besser um - und auch die Motivation ist längst wieder da, wie er im Interview mit Eurosport.de verrät:
Wie viel Spaß haben Sie aktuell auf der Tour?
Rudi Molleker: Spaß ist ein großes Wort, das mal mehr und mal weniger zutrifft. Nichtsdestotrotz habe ich ihn wiedergefunden, wenngleich es weiterhin Tage gibt, die nicht so einfach sind. Aber ja, ich habe momentan Spaß am Tennis und bin sehr froh, bei Events wie diesem hier in München oder bei den Grand Slams dabei sein zu können. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung für mich.
picture

Rudi Molleker steht im Achtelfinale von München

Fotocredit: Getty Images

Sie sagen, Sie hätten den Spaß erst wiederfinden müssen. Warum war das so schwer, lag es an schwächeren Resultaten, an Einflüssen von außen?
Molleker: Es hatte nichts mit den Ergebnissen zu tun! 2019, als ich mein bislang bestes Karriere-Ranking (Platz 146 in der Weltrangliste, Anm. d. Red.) hatte, ging es los. Trotz einiger Erfolge und vieler gewonnener Matches kam mir der Spaß abhanden. Ich war in dieser Zeit als junger Mensch sehr viel alleine unterwegs. Irgendwann habe ich hinterfragt, woran der Sinn des Ganzen besteht, wenn ich mit meinen 18 Jahren irgendwo für mich in einem Hotel sitze und weiß, dass meine Freunde zuhause sind und das unternehmen, was normale 18-Jährige eben so tun. Das war der Anfang. Hinzu kamen ein paar Kleinigkeiten, wie etwa die Wimbledon-Panne (Molleker verpasste 2019 die Anmeldefrist, Anm. d. Red.). Natürlich war das blöd damals, aber ich habe in der Folge einen ziemlichen Shitstorm abbekommen. Der Auslöser, dass ich den Spaß verloren habe, war allerdings das viele Reisen und das Alleinesein.
Irgendwann kam die Erkenntnis, dass das nicht das ist, was ich machen möchte, wofür ich meine ganze Jugend und Kindheit geopfert habe.
Sie haben damals einen harten Schnitt gemacht und sich vom Profi-Tennis zurückgezogen.
Molleker: Anfang 2020 habe ich gemerkt, dass ich das so nicht kann, nicht mehr fliegen und reisen möchte. Ich wollte mir den Tennis-Zirkus nicht mehr anschauen und nicht weiter dabei sein. Also habe ich entschieden, die Schläger auf unbestimmte Zeit beiseitezustellen. Ich wusste nicht, ob ich je wieder spielen will.
Wie kam es, dass Sie die Frage für sich letztlich bejaht haben?
Molleker: Für mich war es etwas "glücklich", dass mit Corona der Lockdown eintrat und die ATP Tour pausieren musste. Ich war somit nicht der Einzige, der nicht mehr spielen konnte - aber wohl der Einzige, der nicht mehr spielen wollte (lacht). Ich saß in der Zeit bei meinen Eltern zuhause und habe getan, worauf ich Lust habe. Meist war ich von früh bis spät an der Playstation, an Tennis habe ich nicht gedacht. Ich war noch nie so viel am Stück daheim wie in jener Zeit. Tja, und dann sitzt du da an der Playstation und hinterfragst wieder vieles. Irgendwann kam die Erkenntnis, dass das nicht das ist, was ich machen möchte, wofür ich meine ganze Jugend und Kindheit geopfert habe. So kehrten die Lust aufs Tennis und die Reisen zurück.
Hat Ihnen die pandemiebedingte Pause der ATP Tour insofern geholfen, als dass die Konkurrenz spielerisch nicht zu weit enteilen konnte?
Molleker: Ja und nein. Was das Ranking betrifft, war es natürlich gut, denn das wurde ja eingefroren. Dennoch war ich der Einzige, der wirklich überhaupt nicht gespielt und nichts getan hat. Das hat mir nicht geholfen, der spielerische Rückstand wurde entsprechend größer.
Ich habe ein paar Jahre versäumt, aber wenn es gut für mich läuft, habe ich auch noch einige vor mir.
Ihr Name ist deutschen Tennis-Fans seit vielen Jahren ein Begriff, dennoch sind Sie erst 23 Jahre alt. Wie sieht es da mit der Zielstellung aus?
Molleker: Mein Ziel ist es in erster Linie, bei den Grand-Slam-Wettbewerben mitzuspielen. Wozu das im Ranking führt, muss man sehen. Wichtiger ist mir, den Spaß beizubehalten. Das ist das größte Ziel für meine ganze Karriere, dass mir so etwas wie damals in jungen Jahren nicht noch einmal passiert.
Es gibt in ihrer Altersklasse zwischen 20 und 23 Jahren mit Jannik Sinner und Carlos Alcaraz Grand-Slam-Champions, absolute Weltklassespieler. Vergleichen Sie sich direkt mit diesen beiden?
Molleker: Ab einem gewissen Moment spielt das Alter keine Rolle mehr, wir sind alle Profis - ob Alcaraz nun 20 Jahre alt ist oder nicht. Ich versuche, meinen eigenen Weg zu finden, das Beste aus meiner Karriere zu machen. Ich habe ein paar Jahre versäumt, aber wenn es gut für mich läuft, habe ich auch noch einige vor mir.
Mit 18 Jahren war einiges schwer zu verkraften. Jetzt bin ich 23, habe schon viel erlebt.
Wie groß ist der Abstand zu Alcaraz und Sinner?
Molleker: Puh, schwer zu sagen. Ich habe in jüngerer Vergangenheit nicht selbst gegen die beiden gespielt. Aber: Ich finde, man sieht auch hier beim ATP-Turnier in München, dass der Unterschied zwischen der Challenger-Ebene und der Tour gar nicht so frappierend groß ist. Da schlägt dann schon einmal ein Luca Nardi einen Novak Djokovic. Das Niveau ist hier wie da sehr hoch, wichtig ist es, die Konstanz beizubehalten.
Kann es sein, dass ihre Tennis-Auszeit in sehr jungen Jahren auch Positives mit sich bringt - oder anders gefragt: Sind Sie mit 23 besser gewappnet für Negatives wie Shitstorms oder Kritik?
Molleker: Ja, absolut. Die negativen Dinge nimmt man mit, lernt daraus. Mit 18 Jahren war einiges schwer zu verkraften. Jetzt bin ich 23, habe schon viel erlebt. Für mich geht es darum, Tennis zu spielen und mein Ding durchzuziehen. Das ist das Einzige, was für mich zählt.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Molleker.
Das könnte Dich ebenfalls interessieren: Zverevs Mission - zwei Dinge brennen auf der Seele
picture

Watch highlights as Tsitsipas beats Sinner to reach Monte Carlo Masters final

Quelle: Eurosport


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung