Werden Sinner und Alcaraz durch immer einheitlichere Courts bevorzugt? Das ist dran an der Kritik von Zverev und Federer

Roger Federer gab den Impuls, Alexander Zverev hat das Thema zugespitzt, Jannik Sinner sah sich zur Verteidigung gezwungen. Die These, dass die Turnierveranstalter die Beläge ihrer Courts bewusst verlangsamen, um Carlos Alcaraz und Sinner das Leben leichter zu machen, sorgt für Zündstoff auf der Tour. Was aber sagen die Daten und inwiefern hilft ein langsamerer Court Alcaraz und Sinner überhaupt?

Zverev wird deutlich: So werden Alcaraz und Sinner bevorzugt

Quelle: SNTV

"Ich weiß, dass die Turnierdirektoren das machen, weil sie offensichtlich wollen, dass Jannik und Carlos bei jedem Turnier gut abschneiden." Ein Satz mit Sprengkraft, den Alexander Zverev da vor wenigen Tagen beim Masters in Shanghai getätigt hat - unterstellt er doch, dass die beiden ohnehin besten Spieler der Welt durch die Umstellung auf langsamere Courts bewusst bevorzugt werden.
Zverev ist mit seiner Sichtweise nicht allein, auch wenn Roger Federer im Podcast "Served", den der ehemalige US-Open-Champion Andy Roddick betreibt, nicht ganz so weit ging. Doch auch der 20-malige Grand-Slam-Turniersieger bemängelte den vermeintlichen Trend hin zu langsameren Belägen.
"Jetzt spielen alle ähnlich, weil Ball- und Platzgeschwindigkeit so festgelegt wurden, dass sie jede Woche im Grunde genommen gleich sind", behauptete der Schweizer. Er verstehe, "dass die Turnierdirektoren in einem langsameren Court eine Art Sicherheitsnetz sehen".
Die Folge sei jedoch: "Man kann die French Open, Wimbledon und die US Open gewinnen und dabei immer auf dieselbe Weise spielen."

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Alexander Zverev (re.) und Jannik Sinner (li.)

Fotocredit: Getty Images

Um Federes Aussage zu verifizieren, hilft ein Blick auf den - nicht unumstrittenen - Court Pace Index (CPI). Hierbei wird mittels einer Triangulationstechnik der Firma "Hawk-Eye" gemessen, wie stark der Ball abgebremst wird, wenn er in Kontakt mit dem Boden kommt.
Darüber hinaus fließen Komponenten wie der Rückprallkoeffizient, das Absprungverhalten des Balles sowie die Wetterbedingungen in die Berechnung ein. Aus diesen und weiteren Parametern ergibt sich der CPI.

Der Court Pace Index und seine Schwächen

Im Falle des derzeit laufenden ATP Masters in Shanghai zeigt sich: Der Court ist tatsächlich sehr viel langsamer geworden. Lag der CPI in den vergangenen beiden Jahren bei 40,1 beziehungsweise 40,8, wurde in dieser Saison nur noch ein Wert von 32,8 ermittelt.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Canadian Open in Toronto in diesem Jahr mit 44,6 schneller als jemals zuvor bewertet wurden.
Das Masters von Paris-Bércy stach im vergangenen Jahr gar mit dem höchsten CPI (45,5) seit mehr als einem Jahrzehnt heraus.
Der Court Pace Index wird allerdings meist nur für den Centre Court bestimmt, nicht aber für die Außenplätze eines Turniers. Noch wesentlicher ist der Fakt, dass der Ball nicht ausreichend Berücksichtigung findet. Je nach Hersteller und Außenbedingungen variieren Verhalten, Verschleiß und Flugeigenschaften erheblich.

Streitpunkt Wimbledon: "Das ist kein Rasen mehr"

Dennoch besteht Konsens darüber in der Szene, dass einige der wichtigsten Wettbewerbe langsamer geworden sind. Das bekannteste Beispiel ist Wimbledon: Durch Modifikationen am Belag - als Zäsur gilt die komplette Umstellung auf das langsamere Weidelgras im Jahr 2001 - und durch andere Bälle hat das berühmteste Turnier der Welt massiv an Tempo eingebüßt.
"Das ist kein Rasen mehr, der Platz ist langsamer als ein Sandplatz", schimpfte zum Beispiel der kanadische Topspieler Denis Shapovalov während der diesjährigen Auflage.
Damit liegt der 26-Jährige auf einer Argumentationslinie mit Federer, dessen generelle Kritik am Tempo von Zverev aufgegriffen und zugespitzt wurde. Der 28-Jährige will nicht nur eine Bevorzugung von Alcaraz und Sinner ausgemacht haben, er "hasse" es gar generell, dass sich die Spielweise auf den verschiedenen Belägen notgedrungen angleicht. "Ich bin kein Fan davon, ich finde, Tennis braucht unterschiedliche Spielstile. Daran fehlt es derzeit", sagte Zverev.

Federer: Darum profitieren Alcaraz und Sinner

Die Frage, ob die Turnierveranstalter, wie von Zverev unterstellt, die Beschaffenheit ihrer Courts tatsächlich an Alcaraz und Sinner ausrichten, wird wohl unbeantwortet bleiben. Dass die langsameren Bedingungen den beiden Dominatoren in die Karten spielen, ist indes erklärbar.
"Wenn sie den Belag langsamer machen, muss der schwächere Spieler besonders gute Schläge spielen, um Sinner zu bezwingen", erläuterte Federer am Beispiel des Italieners.
Sei der Speed höher, steige die Wahrscheinlichkeit, dass ein Topmann wie Sinner auch bei normalen Schlägen in Bedrängnis gerate. Oder anders gesagt: An einem Sahne-Tag helfen die schnellen Bedingungen dem schwächeren Spieler, wenn er so gut wie alles trifft.

Ein Sicherheitsnetz für Sinner und Alcaraz

Hinzu kommt, dass Ballwechsel und Matches durch langsamere Courts länger werden. Alcaraz (22) und Sinner (24) sind jünger als viele ihrer Herausforderer, haben mithin einen Fitnessvorteil und sind in der Lage, auch nach drei, vier Stunden noch auf einem Niveau zu spielen, das nur wenige Gegner erreichen.
So ist auch Federers Aussage mit dem "Sicherheitsnetz" für Turnierdirektoren zu sehen.
So steigt a) die Zeit, die sich die Top-Stars auf dem Platz dem Publikum präsentieren und b) die Wahrscheinlichkeit, dass Sinner und Alcaraz es bis ins Finale schaffen.

Sinner wiegelt ab: "Carlos und ich machen die Courts nicht"

Den Vorwurf, er und Alcaraz würden bewusst bevorzugt, wies Sinner aber entschieden indes von sich. "Carlos und ich machen die Courts nicht, es ist nicht unsere Entscheidung", sagte der amtierende Australian-Open- und Wimbledon-Champion.
Außerdem: "Für mich fühlen sie sich jede Woche immer noch leicht unterschiedlich an."
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Bitteres Aus: Sinner muss in Shanghai aufgeben

Quelle: Perform

Unabhängig davon, ob oder in welchem Umfang die Gegebenheiten auf der Tour den beiden Ausnahmetalenten zugutekommen - es dürfte in den kommenden Jahren extrem schwierig werden, Sinner und Alcaraz ihre Position an der Spitze streitig zu machen.
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Zverev trotz Satzführung raus gegen Rinderknech - die besten Szenen

Quelle: SNTV


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