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Klartext von Becker: So sehe ich die Ausraster von Zverev, Tsitsipas und Medvedev

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Boris Becker im Exklusiv-Interview

Fotocredit: Eurosport

VonTobias Laure
17/01/2020 Am 08:48 | Update 17/01/2020 Am 10:04

Boris Becker äußert sich vor den Australian Open im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de zu den Ausrastern von Alexander Zverev, Stefanos Tsitsipas und Daniil Medvedev. Der 52-Jährige wirbt um Nachsicht. "Ich war früher ebenfalls sehr emotional, das ist doch das Salz in der Suppe." Als "frech" stuft Becker die Kritik an Zverev ein, wonach der nicht in der Lage sei, einen Grand-Slam-Titel zu holen.

Das Interview führte Tobias Laure

Bei der Auslosung hatten die deutschen Topspieler Glück und Pech. Während Alex Zverev auf Marco Cecchinato trifft, muss Jan-Lennard Struff gegen Novak Djokovic ran. Was können wir da erwarten?

Australian Open

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Boris Becker: Bei Alexander Zverev stehen die Chancen gut, denn Cecchinato hat seine Stärken auf Sand. Wenn Zverev gut in die Rallies kommt, dann sollte er sich durchsetzen. Struff hat ein Hammerlos erwischt und ist der klare Außenseiter gegen Djokovic.

Dennoch wird sich Djokovic über das Los nicht gerade gefreut haben.

Becker: Es stimmt, man kann das auch von der anderen Seite sehen. Struff ist ein unangenehmer Gegner, der vor großen Namen keine Angst hat und auf allen großen Courts schon im Einsatz war. Er wird sein Spiel durchziehen, Djokovic nichts schenken und auch nicht vor Ehrfurcht auf die Knie fallen. Diese Partie wird für beide Spieler schwierig.

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Sie haben Novak Djokovic von 2013 bis 2016 trainiert und jüngst auch beim ATP Cup gesehen. Ist der Titelverteidiger bereit für die Titelverteidigung?

Becker: Wir haben beim ATP Cup gemeinsam trainiert, Djokovic hat eine Einheit mit Struff absolviert und eine mit Zverev. Man konnte sehen, dass Novak sich in sehr guter Form befindet, er hat die Bälle klar geschlagen, war motiviert und fit. Es überrascht nicht, dass er beim ATP Cup alle sechs Matches gewonnen und mit Serbien den Titel geholt hat. Er macht einen sehr guten Eindruck. Wenn er einen guten Tag hat, ist er in Melbourne nicht zu schlagen.

Was beim ATP Cup auffiel, waren die zahlreichen Ausraster junger Topspieler wie Alexander Zverev, Stefanos Tsitsipas oder Daniil Medvedev. Da gingen einige Schläger zu Bruch. Wie beurteilen Sie dieses Verhalten?

Becker: Emotionen sollten erlaubt sein im Tennis, sie sind gut für die Zuschauer im Stadion und an den TV-Bildschirmen. Aber: Die Spieler müssen sich dann auch wieder beruhigen und in die Bahn zurückfinden - was sie im Übrigen auch meist tun. Ich selbst war früher auf dem Platz ebenfalls sehr emotional, das ist doch das Salz in der Suppe. Menschen müssen sich ärgern dürfen, denn es ist schlecht, den Frust nur in sich hineinzufressen. Besser, man lässt ihn raus und wenn dann mal ein Schläger dran glauben muss, dann ist das so.

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Verfehlen die Profis mit solchen Ausbrüchen ihre Vorbildfunktion gegenüber Kindern und Jugendspielern?

Becker: Das ist mir zu weit gegriffen! Das sind alles junge Menschen, 21 oder 22 Jahre alt. Da sollte man nicht zu viel fordern. Aber es stimmt, es schauen natürlich viele junge Menschen und Kinder zu. Ich denke trotzdem, dass der Ärger seinen Platz haben darf. Schlecht wäre es dann, wenn die Spieler anfangen zu pöbeln oder alle drei Minuten ausrasten und mit Schimpfwörtern um sich werfen.

Wie bewerten Sie diese emotionalen Ausbrüche speziell bei Alexander Zverev: Bringt ihn das wirklich weiter?

Becker: Das kann man nicht pauschal beantworten. Es ist immer entscheidend, in was für einer Phase er sich befindet. Es gibt im Tennis Momente, wo Ausraster helfen. Du lässt deinen Frust raus und kannst dann wieder klar denken. Zverev hat zuletzt, gelinde gesagt, nicht optimal gespielt. Da haben diese Ausbrüche nicht geholfen, aber ich habe bei ihm schon Situationen erlebt, wo dies der Fall war und er danach besser gespielt hat.

Was stimmt Sie optimistisch, dass Zverev trotz schwacher Vorleistungen gute Australian Open spielt?

Becker: Er ist immer noch einer der besten Tennisspieler der Welt, das hat er nicht über Nacht verlernt. Darüber hinaus hatte er nun genug Pause zwischen seinem letzten Match beim ATP Cup in Brisbane und den Australian Open. Dass die Erwartungshaltung dieses Mal, auch von Seiten einiger Experten, nicht so hoch ist, kann ihm helfen. Ich erinnere da an die French Open und US Open im vergangenen Jahr, als er zuvor ebenfalls nicht allzu gut gespielt hat, sich dann aber in die Grand-Slam-Turniere reinbeißen konnte. Etwas Ähnliches erwarte ich von ihm auch jetzt wieder in Melbourne.

Der ehemalige Grand-Slam-Champion Mats Wilander und Star-Coach Patrick Mouratoglou werfen Zverev sogar vor, derzeit nicht das Spiel zu haben, um einen Grand-Slam-Titel gewinnen zu können.

Becker: Ich halte diese Aussagen von Mats und Patrick im Hinblick auf einen 22-Jährigen für mutig und fast ein wenig frech. Das würde ich so nicht unterschreiben. Tatsache ist, dass es noch kein Spieler aus der jungen Garde geschafft hat, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Wenn wir uns die vergangenen Jahre anschauen, dann haben – von wenigen Ausnahmen abgesehen - Djokovic, Nadal und Federer alle Major-Titel geholt.

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Im Bereich der Preisgelder hat der Tennissport eine enorme Entwicklung hingelegt. Zverev hat mit 22 Jahren und ohne Grand-Slam-Erfolg schon mehr als 20 Millionen Euro eingespielt. Bei Ihnen waren es in der ganzen Karriere rund 25 Millionen Euro. Was machen diese exorbitanten Einnahmen mit den jungen Spielern von heute?

Becker: Aus sportlicher Sicht spielt das keine Rolle. Wenn dem so wäre, dann dürften oder müssten die Top 3 gar nicht mehr aktiv sein. Es ist richtig, dass schon die jungen Profis viel Geld verdienen, aber das haben wir damals auch. Man spielt aber, um Grand-Slam-Titel zu gewinnen, die Nummer eins zu werden. Wie viel Preisgeld am Ende dabei rauskommt, ist sekundär und sicher nicht ausschlaggebend dafür, wie intensiv jemand trainiert oder nicht. Ich finde es gut, dass die Preisgelder gestiegen sind, es zeigt, dass der Tennissport floriert. Die Turniere werden größer, neue Teamwettbewerbe kommen hinzu. Für mich nimmt unser Sport eine sehr positive Entwicklung.

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Fotocredit: Getty Images

Bei den Australian Open wird Novak Djokovic als Titelverteidiger der gejagte Mann sein. Wie sieht Ihr aktuelles Power Ranking der besten drei Spieler aus?

Becker: Mit Platz eins und zwei tue ich mich leicht: Novak Djokovic sehe ich da vor Rafael Nadal. Danach fällt es mir schwer, eine klare Nummer drei auszumachen. Es ist nicht klar, wo Federer steht. Er hat eine lange Pause gemacht und nur an einer Exhibition teilgenommen. Roger muss sich also erst in Form spielen. Daniil Medvedev muss man auf jeden Fall nennen. Der Russe hat mir beim ATP Cup sehr gut gefallen, auch bei der Niederlage gegen Novak Djokovic. Dazu kommen Dominic Thiem, Stefanos Tsitsipas und Denis Shapovalov - allen drei ist eine Menge zuzutrauen. Bei Zverev wird man abwarten müssen, es wäre aber ein Fehler, ihn vorschnell auszuzählen.

Wie steht’s mit Nick Kyrgios?

Becker: Von Kyrgios habe ich zuletzt einen sehr guten Eindruck gewonnen, er hat sich erwachsener gezeigt. Nicht nur, weil er die Rally for Relief zu Gunsten der Opfer der Buschbrände mit initiiert hat. Beim ATP Cup konnte er auch spielerisch überzeugen. Nick wird für alle ein sehr gefährlicher Gegner sein.

Herr Becker, ich bedanke mich für das Gespräch.

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