Boris Becker gibt exklusive Einblicke in Zusammenarbeit mit Holger Rune: "Manöverkritik im TGV"

Boris Becker zieht nach fünf erfolgreichen Wochen an der Seite von Holger Rune Bilanz und gibt in der neuen Folge des Eurosport-Podcasts Das Gelbe vom Ball exklusive Einblicke in die Zusammenarbeit zwischen dem Dänen und seinem neuen Supercoach. Für "Schönwetter und Rumeiern" sei Becker nicht gemacht, der seinem Schützling immer die Wahrheit sagt, "auch wenn es manchmal wehtut."

Becker über Rune: "Dann spielt er schneller als 98 Prozent"

Quelle: Eurosport

Mit Boris Becker kam die Wende.
Als die deutsche Tennis-Legende Mitte Oktober den Trainerjob im Team von Holger Rune übernahm, lag der junge Däne am Boden. Seit dem Ausscheiden im Viertelfinale von Wimbledon hatte Rune nur eines von acht Matches gewonnen, war nicht mehr über die zweite Runde hinausgekommen.
"Der Start war sehr intensiv, weil Holgers Teilnahme an den ATP Finals in Turin ja auf der Kippe stand. Er hatte - klar ausgedrückt - einen sehr schlechten Sommer", erinnert sich Becker in der neuen Episode des Eurosport-Podcasts Das Gelbe vom Ball an den Beginn der Zusammenarbeit.
Dann kam Becker – und plötzlich zeigte Runes Formkurve wieder nach oben.

Becker: "Wenn die Einstellung nicht stimmt..."

"Wir haben in der Vorbereitung überlegt, warum er die Matches verloren hatte. Lag es an der Vor- oder Rückhand oder lag es an der sogenannten Einstellung? Wenn die Einstellung nicht stimmt, musst du eigentlich gar nicht Tennis spielen", erklärt Becker, der schnell Fortschritte bei seinem Schützling bemerkte: "Das wurde von Match zu Match besser - seine Einstellung sowieso, aber auch seine Spielweise."
In Basel, als Becker erstmals in Runes Box saß, erreichte der 20-Jährige prompt das Halbfinale. Eine Woche später stieß er beim ATP Masters in Paris-Bercy bis ins Viertelfinale vor und lieferte dem späteren Sieger Novak Djokovic einen heißen Dreisatz-Fight.
Die Teilnahme an den ATP Finals war gesichert – und das Vertrauen zwischen Becker und Rune wuchs. Nach dem Jahresabschlussturnier in Turin, wo Rune zwar erneut aufsteigende Form zeigte, jedoch bereits in der Gruppenphase scheiterte, gab Becker die Verlängerung der Zusammenarbeit über 2023 hinaus bekannt.

Becker und Rune: Manöverkritik im TGV

Dass es zwischen den beiden so gut funktioniert, liegt auch daran, dass Coach Becker im Umgang mit dem aufstrebenden Star kein Blatt vor den Mund nimmt: "Ich muss die Erlaubnis haben, ihm zu sagen 'Heute hast du echt Mist gespielt'. Er muss das ertragen können und dulden, denn nur so gibt es einen Fortschritt.“
So geschehen beispielsweise im Hochgeschwindigkeitszug TGV auf dem Weg von Basel nach Paris, als es im überfüllten Wagon zu einer "internen Manöverkritik" kam.
"Das muss erlaubt sein", sagt Becker im Podcast-Gespräch mit Eurosport-Moderator Matthias Stach: "Ich muss in der Lage sein muss, meinen Spielern die Wahrheit zu sagen, auch wenn es manchmal wehtut." Generell sei er als Coach für "Schönwetter und Rumeiern" nicht gemacht: "Wenn ich ihm nach einem verlorenen Match sage, er hätte Pech gehabt und war der bessere Spieler, dann wäre ich der falsche Trainer."

Becker: Aneke Rune hat "unglaublichen Tennis-Verstand"

Doch der Eurosport-Experte betont auch, dass die jüngsten Erfolge nicht ausschließlich an ihm festgemacht werden dürften.
"Ich bin zwar der Chefcoach, aber ich bin genauso wichtig wie unser Analyst Mike James und Fitnesscoach Lapo Becherini", erklärt der sechsmalige Grand-Slam-Champion.
Dazu komme Mutter Aneke Rune, ohne die im Team des Weltranglistenachten ohnehin nichts zusammenliefe. "Sie hat für eine Außenstehende, die noch nie Tennis gespielt hat, einen unglaublichen Tennisverstand", schwärmt Becker: "Und sie weiß vor allem, was ihrem Sohn gut tut."

Jetzt anhören: Die neue Podcast-Folge mit Boris Becker

Becker: Alcaraz "ist die Messlatte"

Was Becker besonders an Rune beeindruckt, ist dessen Tempo. "Ich habe ja viele Matches gesehen, aber ich habe neben Carlos Alcaraz noch keinen Spieler gesehen, der so schnell Tennis spielen kann", so der 56-Jährige: "Er hat so eine Power im Arm und so eine gute Hand-Auge-Koordination, durch die er den Ball früh trifft - und damit unglaublichen Druck entwickeln kann."
Die Kunst bestehe nun darin, diese "PS auf die Straße zu bringen". Dann spiele Rune "schneller als 98 Prozent aller Spieler" auf der Tour.
Als Vorbild nennt Becker Runes gleichaltrigen Rivalen Alcaraz, der bereits zwei Grand-Slam-Titel auf der Habenseite hat: "Alcaraz hat das zusammen mit seinem Trainer schon zwei Jahre lang sehr erfolgreich geschafft. Das ist die Messlatte."
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Holger Rune (l.) und Boris Becker

Fotocredit: Getty Images

Becker erteilt Rune "Tennis-Verbot"

Was genau die Ziele für 2024 sind, verrät Becker nicht. Für die kommenden Tage habe er Rune aber erst einmal ein "Tennis-Verbot" erteilt. Der Grund: Der 20-Jährige sei ein "absolut Tennisverrückter", allerdings "im positiven Sinn".
"Ab und zu muss ich ein ernstes Wort mit ihm sprechen: 'Holger, enough, jetzt nicht mehr. Du hast heute schon vier Stunden trainiert, die fünfte bringt nichts mehr'", gibt Becker Einblicke in den Trainingsalltag mit dem dänischen Youngster: "Andersherum wäre es schwieriger, wenn du den Spieler immer wieder motivieren musst, mehr zu spielen. Bei Holger muss ich eher bremsen."
Aktuell halte sich sein Schützling in Dubai auf, um "ein bisschen die Seele baumeln" zu lassen. "Wir treffen uns dann am 4. Dezember in Monte-Carlo zum hoffentlich ersten Tennis-Training, da beginnt dann die Vorbereitung auf dem Platz", so Becker.
Ab 1. Januar 2024 steht mit dem Brisbane International dann das erste ATP-Turnier der neuen Saison auf dem Programm. Für das Duo Rune/Becker der Start in ein neues Kapitel ihrer bislang fruchtbaren Zusammenarbeit.
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Quelle: Eurosport

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