Mit bereits 17 Jahren gewann Mats Wilander 1982 die French Open in Paris. Insgesamt konnte der Schwede sieben Grand-Slam-Turniere für sich entscheiden. Seit vielen Jahren ist der 57-jährige Experte bei Eurosport.
1982 war solch eine Laufbahn noch nicht abzusehen. Selbst Wilander glaubte nicht daran, jemals ein Grand-Slam-Turnier gewinnen zu können. "Ich war ein bisschen überrascht, dass ich überhaupt Matches gewinnen und als Profi überleben konnte", erklärt Wilander in der Eurosport-Serie Legends' Voice.
Auch wenn er im Vorjahr Roland-Garros-Champion bei den Junioren gewonnen hatte, so gab es einen Hype wie aktuell um Carlos Alcaraz überhaupt nicht. Wilander erspielte sich jedoch nicht nur allein durch Siege in die Herzen der Fans, besonders sein Sportsgeist und sein faires Verhalten auf dem Platz beeindruckte das Publikum.
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Wie Mats Wilander selbst das Turnier 1982 in Roland Garros erlebt hat und wie lange er nach dem Finale brauchte, um tatsächlich zu begreifen, dass er die French Open gewonnen hatte, erfahrt ihr in seiner Legends' Voice.

Von Mats Wilander

Hallo liebe Tennis-Fans,
vor den French Open 1982 war ich ein bisschen überrascht, dass ich überhaupt Matches gewinnen und mich als Profi behaupten konnte. Um ehrlich zu sein, war ich einfach nur glücklich, Matches zu gewinnen. Ich wusste, dass ich wahrscheinlich mit Abstand der beste 17-jährige Spieler der Welt war und ich wusste auch nur, wie man auf Sand spielt. 1981 hatte ich das Junioren-Turnier in Roland-Garros gewonnen. Ich habe als Kind wirklich clever gespielt, aber gegen Männer hatte ich nie einen Plan.
Ich war naiv und nicht einmal annähernd gut genug, um jemanden zu schlagen. Ich war zwar zuversichtlich, dass ich lernen könnte, was mit meinem Spiel auszurichten, aber ich war nicht sehr zuversichtlich, dass es jemals reichen würde, um Titel zu gewinnen. Ich wusste, wozu ich in der Lage war - und das war nicht viel: kein erster Aufschlag, keine Vorhand, die Winner schlägt. Ich hatte eine gute Rückhand, aber keinen Slice. Ich wusste, wie man Volleys schlägt - das wusste ich immer, weil ich viel Doppel gespielt habe - aber das ist alles. So war ich damals. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich einen Grand Slam gewinnen könnte. Es gab keinen Wilander-Hype im Jahr 1982, so wie es heute einen Alcaraz-Hype gibt. Ganz und gar nicht.
Ich habe mein bestes Match im ganzen Turnier gespielt, weil ich mir vorgestellt habe, Björn Borg zu sein. Ich habe viel aggressiver gespielt.
Ich hatte eine ziemlich gute Auslosung. Das wichtigste Match war Fernando Luna in der dritten Runde. Aus irgendeinem Grund haben sie mich auf Court eins angesetzt, und ich habe mein bestes Match im ganzen Turnier gespielt, weil ich mir vorgestellt habe, Björn Borg zu sein. Ich habe viel aggressiver gespielt. Und nach dem Match dachte ich: 'Wow, das war eine außerkörperliche Erfahrung'. Ich denke, es war dumm, aber Luna war toll für mich. Und ich war locker. Drei Sätze. Ich realisierte, dass ich das Achtelfinale bei einem Grand Slam erreicht hatte. Unfassbar. Und ich spielte großartig. Ich hatte überhaupt keine Probleme.
Und dann stand ich Ivan Lendl gegenüber. Natürlich habe ich gesehen, wie Lendl im Jahr zuvor im Finale gegen Björn verloren hatte. Und ich habe verstanden, was Borg mit ihm gemacht hat. Ich sagte mir: Du musst einfach rennen und am Leben bleiben. Aber das war, bevor Lendl zu Lendl wurde. Er hatte noch nichts gewonnen. Ich merkte langsam, dass der Typ müde aussah. Er wirkte nicht sehr interessiert. Vielleicht war er nervös, ich weiß es nicht. Ich war mir aber sehr sicher, dass ich es nicht vermasseln werde. Für mich hat er versagt. Er war am Ende nicht mehr daran interessiert, mich mental zu schlagen. Ich denke, das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.

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Das Halbfinale gegen Jose Luis Clerc war etwas Besonderes aufgrund des berühmten Matchballs, bei dem ich um eine Wiederholung bat, weil ich nicht aufgrund einer Fehlentscheidung gewinnen wollte. Die Leute sagten: 'Dieser Kerl ist ein echter Sportsmann.' Sie waren schockiert. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Ich habe die Leute in den ersten paar Boxen gesehen, für die war es vorbei. Und dann sahen sie sich an, als sie Schiedsrichter Jacques Dorfman sagen hörten: 'Auf Antrag von Mats Wilander wird der Punkt wiederholt.' Sie sagten: 'Kannst du das glauben?' Aber für mich gab es keine andere Wahl. Der Typ hat den Ball auf die Linie geschlagen. Ich konnte einfach nicht glauben, dass der Linienrichter sich die Markierung nicht ansehen wollte. Es war einfach offensichtlich.
Meine beiden Brüder waren gerade aus Schweden gekommen und kamen danach in die Umkleidekabine. Sie haben mich buchstäblich an die Wand gestellt. Dann sagten sie: 'Was zum Teufel machst du da?' Ich sagte: 'Oh, es tut mir leid.' Aber ich glaube, sie waren natürlich sehr stolz auf mich.
Das war sicherlich das Beste, was mir in meiner Karriere passiert ist. Es hat mich als Sportler auf eine andere Ebene gehoben. Es gibt wichtigere Dinge als Tennismatches zu gewinnen. Gewinnen ist zweitrangig. Die Art und Weise, wie man etwas erreicht, wie man sich verhält, war für mich wahrscheinlich wichtiger als das Gewinnen, als für die meisten anderen. Dafür habe ich viele Preise für Sportsgeist gewonnen. Das hat mir für mein Verhalten auf dem Tennisplatz viel Selbstvertrauen gegeben.
Natürlich, wenn ich das Spiel verloren hätte ...Meine beiden Brüder waren gerade aus Schweden gekommen und kamen danach in die Umkleidekabine. Sie haben mich buchstäblich an die Wand gestellt. Dann sagten sie: 'Was zum Teufel machst du da?' Ich sagte: 'Oh, es tut mir leid.' Aber ich glaube, sie waren natürlich sehr stolz auf mich. Außerdem wusste ich zu diesem Zeitpunkt, dass ich José Luis besiegen würde. Meiner Meinung nach verliere ich keinen fünften Satz gegen diesen Kerl. Ich hatte das Gefühl, dass ich besser bin. Jose Luis war so geschockt, dass er beim nächsten Matchball einfach zusammenbrach. Bis heute nennt er mich 'Junior'. Wir unterhalten uns immer wieder und lachen darüber.
Aber selbst nachdem ich Lendl, Gerulaitis im Viertelfinale oder Clerc im Halbfinale besiegt hatte, hätte ich nie gedacht, dass ich Roland-Garros gewinnen würde, denn Guillermo Vilas war noch da. Er war der Nadal der 1980er Jahre. Er spielte mit viel Spin und war enorm stark. Damals war er ein physisches Exemplar. Einen Monat zuvor hatte ich in Madrid gegen ihn verloren. Während der French Open hatte ich sogar ein Poster von Vilas in meinem Zimmer.

Mats Wilander im French-Open-Finale 1982

Fotocredit: Getty Images

Ich erinnere mich, dass mein bester Freund Joakim Nystrom mich vor dem Finale gegen Vilas anrief. Er fragte: 'Was machst du da?' Meine Antwort: 'Nun, ich schreibe meine Rede für den Vize-Titel, denn ich habe noch nie eine Rede vor Publikum gehalten.' Genaugenommen hatte ich noch nie eine Rede vor irgendjemandem gehalten. Ich habe also versucht, mir zu überlegen, was ich nach der Niederlage sagen würde. Mein einziges Ziel vor dem Finale war es, ein Spiel pro Satz zu gewinnen. Und ich habe ein Spiel im ersten Satz gewonnen (1:6 für Vilas, Anm. d. Red.), also war ich schon glücklich!
Irgendwie wurde es dann enger und im zweiten Satz ging es in den Tiebreak, den ich gewinnen konnte. Ich wurde der glücklichste Mensch der Welt, denn jetzt konnte ich sechs Mal in Folge verlieren. Das war kein großes Problem. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich die nächsten beiden gewonnen habe. Ich weiß nur noch, dass Vilas anfing zu drosseln, wie ich es noch nie gesehen habe. Er war so angespannt. Ich begann sein Verlangsamen zu verstehen, und das gab mir die Freiheit, ein bisschen nach vorne zu kommen und ein bisschen ans Netz zu gehen.
Wir spielten vier Sätze in 4:42 Stunden. 1:6, 7:6, 6:0, 6:4 - das sind nicht sehr viele Spiele. Zum Anschauen war es also eher eine Katastrophe. Aber das war mir scheißegal. Ich habe überhaupt nicht begriffen, dass ich dabei bin, die French Open zu gewinnen, bis ich buchstäblich den allerletzten Schlag gemacht habe. Mein Siegesjubel war schlicht 'Okay, danke'. Ich setzte mich hin und begriff erst im Interview, was gerade passiert war. Als der Typ mich danach fragte, verstand ich, dass ich gerade die verdammten French Open gewonnen hatte. An meine Gefühle nach dem Match kann ich mich wirklich nicht erinnern.

Mats Wilander reckt nach seinem French-Open-Sieg 1982 den Siegerpokal in die Höhe

Fotocredit: Getty Images

Die Leute sagen immer, dass Erfahrung ein Vorteil sein muss. Für mich ist das der schlimmste und am meisten missverstandene Faktor bei einem Spieler. Ich war 17 und ich war furchtlos, weil ich keine Angst vor dem Unbekannten hatte. Es hatte keine Konsequenzen, wenn ich verlor.
Ich glaube nicht, dass man heute mit 17 Jahren ein Grand-Slam-Turnier gewinnen kann. Aber mit 19, 20, ja. Natürlich ist das Spiel viel physischer geworden. Aber der Schlüssel ist die Reife im Tennis. Der Reifegrad von mir oder Boris Becker im Vergleich zur Reife eines 17-Jährigen heute, das ist, als würde man Jungs vergleichen, die 17 sind, aber erst mit 12 auf dem Platz stehen, weil sie von klein auf völlig übercoacht werden und nicht in der Lage sind, ihre eigenen Probleme zu lösen. Und wenn sie versuchen, das Problem zu lösen, wird ihnen gesagt, was sie tun sollen. Bei jedem einzelnen Training, bei jedem einzelnen Schuss. Andere Zeiten, andere Mentalitäten, ganz sicher.
Folgen Sie Mats Wilander auf Instagram (@matswilanderofficial).
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