Grigor Dimitrov hat seine Coronaerkrankung 2020 ganz schön zugesetzt. "Als ich wieder angefangen habe zu spielen, war mein Spiel einfach nicht dasselbe – weder physisch noch mental", erzählt der Tennis-Star Eurosport: "Ich war nicht bereit für die Extra-Meter, die es braucht. Erst Schritt für Schritt habe ich langsam meinen Rhythmus wiedergewonnen und zu einer Art Normalität zurückgefunden."
Dass er lange mit den Folgen zu kämpfen hatte, machte er erst Monate später öffentlich. Auf dem Tenniscourt hat er sich mittlerweile eindrucksvoll zurückgemeldet. Nach einem verletzungsgeplagten 2019 hat sich Dimitrov wieder in die Top 20 der Weltrangliste gespielt - Tendenz steigend.
Kurz vor seinem 30. Geburtstag im Mai widmet sich der Bulgare nun aber auch einem anderen Projekt: der Grigor Dimitrov Foundation, die sich sozial benachteiligten Menschen in Bulgarien zuwendet.
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In der Serie Players' Voice auf Eurosport.de erzählt Dimitrov, wie die COVID-Erkrankung seinen Blick auf die Dinge veränderte und wie seine Stiftung nun ein weiterer bedeutsamer Teil seines Lebens werden soll.

Von Grigor Dimitrov

Liebe Tennis-Fans,
Als man mir sagte, dass ich mich mit Corona infiziert habe, hat mir es mir buchstäblich den Hals zugeschnürt. Ich hatte die Tage zuvor mit so vielen Leuten Kontakt, auch mit Kindern, dass ich zuallererst allen Bescheid geben musste. Es ging auch um meine eigene Familie, weil ich sie kurz zuvor noch gesehen hatte – Gott sei Dank kamen alle Tests negativ zurück.
Genauso wichtig war für mich, die Sache so offen wie möglich zu kommunizieren. Ich habe mich nicht weggeduckt. Ich wollte, dass den Leuten klar wird, dass es wirklich jeden treffen kann, ganz egal, wer du bist, was du tust und wie fit du bist.
Wenn es dich trifft, kannst du nichts anderes tun, als es zu akzeptieren. Es gab mir auch die Möglichkeit, in mich zu gehen und meine Karriere neu zu bewerten. Diese Zeit hat für mich einiges ins richtige Licht gerückt. Es zeigte mir auch, wie fragil man doch ist und wie unbedeutend viele Dinge sind, wenn es um die Gesundheit geht.
Ich bin sehr froh, dass ich mich seither wieder an den kleinen Dingen erfreuen kann; die einfachen Dinge, die wir sonst gerne beiseite wischen, wie zum Beispiel einen malerischen Sonnenaufgang zu genießen, oder auch eine gute Tasse Kaffee mit Freunden. Wir nehmen zu viele Dinge als gegeben hin, was ja normal ist; doch das Leben nimmt an Fahrt auf, wir wollen immer mehr, setzen uns immer ehrgeizigere Ziele und verlieren dabei gerne die wirklich wichtigen Dinge aus den Augen.
Ich denke, dass die Pandemie das Leben vieler Menschen verändert hat. Und vielleicht begreifen wir alle Glück wieder ein bisschen weniger als selbstverständlich. Am Ende des Tages sind wir alle großartige Individuen, wir alle wollen nur unser Fleckchen an der Sonne finden, in dem wir unsere Ziele erreichen und unsere Träume verwirklichen können.

"Jeder Athlet hat ein Ablaufdatum"

Ich werde bald 30 und finde das sehr aufregend. Körperlich fühle ich mich gut und mental noch nicht wirklich 30 Jahre alt, was, denke ich, ein gutes Zeichen ist. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich reifer und mental stärker geworden bin. Ich würde gerne so lange weiterspielen, wie es mir mein Körper erlaubt, konkurrenzfähig zu sein.
Ich weiß aber auch: Tennis ist eine temporäre Geschichte, es ist nicht für immer. Wir sind Athleten und jeder Athlet hat ein Ablaufdatum. Jetzt leben wir unseren Traum – danach beginnt das richtige Leben.
Ich weiß: Wenn es irgendwann an der Zeit ist, diese eine Tür zu schließen, öffnet sich eine neue und ich werde mit offenen Armen hindurchgehen und ein neues Kapitel in meinem Leben beginnen.
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Ich habe vor kurzem meine eigene Stiftung gegründet, die dann hoffentlich eine große Rolle spielt. Ich hatte das lange irgendwie im Hinterkopf, ich wollte nur auf den richtigen Moment warten. Als Kind in Bulgarien hat mich meine Mutter immer von der Schule abgeholt. Auf dem Heimweg fuhren wir oft an Kindern vorbei, um die sich niemand gekümmert hat. Ich erinnere mich, dass ich meine Mutter einmal gefragt habe, ob den Kindern denn niemand hilft.
Sie war sehr ehrlich zu mir und sagte: 'Ich werde dich nicht anlügen, mein Sohn, diese Kinder stecken wirklich in einer sehr schwierigen Situation. Wenn du etwas dagegen unternehmen willst, warum machst du nicht einfach mit Tennis weiter?'
Das ist irgendwie hängengeblieben. Jetzt habe ich tatsächlich meine Mutter zur Geschäftsführerin meiner Stiftung gemacht. Wir beide erinnern uns noch gut an diese Unterhaltung, es symbolisiert also einiges. Sie denkt komplett anders als alle Menschen, die ich bisher in meinem Leben getroffen habe. Ich denke, weil sie versucht, immer alles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich weiß, dass sie ihren Job gut machen wird.
Wir arbeiten noch an Details und es wird noch ein bisschen dauern, weil wir uns nicht nur auf einen Aspekt beschränken wollen. Wir wollen einen Weg finden, so viele Gegenden wie möglich zu unterstützen, in denen es Familien, einzelne Kinder, aber auch Erwachsene gibt, denen wir helfen können. Ich bin sehr gespannt, wie es sich entwickelt, denn es ist eine große Herausforderung, bei der ich sehr tief in mich reinhören muss.
Mein Gefühl ist, dass ich einer der wenigen Glücklichen bin, die mit einer solchen Familie gesegnet sind, wie ich sie habe. Jeder Einzelne aus meiner Familie hat auf seine eigene Art und Weise ein Stück zu meiner Persönlichkeit beigetragen und mir auf meinem Lebensweg geholfen. Und jetzt will ich etwas davon zurückgeben.

Grigor Dimitrov bei seinem ersten Turniersieg auf der ATP-Tour 2013 in Stockholm - er war damit der erste Bulgare, dem ein ATP-Turniersieg gelang

Fotocredit: Getty Images

Ich war in meinem Leben sehr viel unterwegs und sehe die Stiftung auch als einen Weg, etwas an meine Familie und mein Land zurückzugeben.
Um meinen Traum vom Tennisprofi verfolgen zu können, musste ich meine Heimat früh verlassen, aber ich bin immer noch der gleiche Grigor wie damals. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es nach den Maleeva-Schwestern nun auch im Herren-Tennis ein bulgarisches Kapitel gibt. Das bedeutet mir sehr viel, aber ich hoffe auch, dass ich durch meine Stiftung noch etwas anderes hinterlassen kann als nur meine Tenniserfolge.
Ich weiß: Wir leben in einer Zeit voller Unsicherheiten, in der sich jeden Tag alles verändern kann. Für mich ist eine Sache jedoch sonnenklar: Wenn man im Moment lebt, jeden Augenblick zu schätzen weiß und immer hundert Prozent von sich selbst gibt – auf und neben dem Platz – ist das mehr, als man von einem verlangen kann. Deswegen sage ich immer gerne: Control the controllables.
Euer Grigor
Folgt Grigor Dimitrov auf Twitter (@GrigorDimitrov) und Instagram (@grigordimitrov)

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