Stan Wawrinka exklusiv über Roger Federer, seinen ersten Grand-Slam-Titel bei den Australian Open und seine überragende Rückhand
Stan Wawrinka hat den Tennissport mitgeprägt - und das, obwohl der Schweizer meist im Schatten von Roger Federer stand. Im Unterschied zum 20-maligen Grand-Slam-Champion ist der 40-Jährige noch immer auf der ATP Tour unterwegs. Es gehe ihm darum, "das Buch so gut wie möglich zu Ende zu schreiben", wie Wawrinka im Eurosport-Interview sagt. Und die Konkurrenz mit Federer? Sei ein Glücksfall gewesen.
Stan Wawrinka mischt noch immer auf der Tour mit
Fotocredit: Getty Images
Stan Wawrinka ist ein Phänomen. Mit 39 Jahren avancierte er hinter Ivo Karlovic und Jimmy Connors zum drittältesten Profi der ATP-Geschichte, der ein Match auf Masters-Niveau gewann. Vier Tage nach seinem 40. Geburtstag schlug er im April in Bukarest Timofey Skatov und zog ins Achtelfinale ein.
Die Vier vor seinem Alter könne schon "beängstigend" sein, aber er wolle "noch ein bisschen spielen und alles genießen, was mir der Tennissport an Emotionen gebracht hat und weiterhin beschert", erklärt Wawrinka im Gespräch mit Eurosport.
Die Brötchen, die der Routinier aus Lausanne inzwischen backt, sind freilich kleiner geworden. Dennoch ist er als Nummer 158 des ATP-Rankings der älteste Profi in den Top 200 der Welt und gehört noch immer zu den Publikumsmagneten. Unvergessen die großen Duelle des dreiamligen Grand-Slam-Turniersiegers mit Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer.
Letzterer stand in der Schweiz zwar meist im Vordergrund, dennoch zog Wawrinka aus dieser Situation "immer das Positive", wie er heute sagt. In einer Hinsicht übertraf "Stan the Man" alle: Er schlug die beste einhändige Rückhand auf der Tour. Das Geheimnis seines Paradeschlags verrät Wawrinka im Interview:
Lassen Sie uns mit ein paar Zahlen beginnen: Sie sind 40, fast 24 Jahre auf der Tour dabei und scheinen immer noch dasselbe Feuer zu haben. Was ist Ihr Geheimnis?
Stan Wawrinka: Ich habe immer noch diese Leidenschaft. Nicht mehr dieselben Ergebnisse, aber die Leidenschaft. 40 Jahre, das kann schon beängstigend sein. Als ich mit Tennis angefangen habe, war es mein Traum, Profi zu werden. Damals war ein Karriereende in der Regel mit Mitte 30 erreicht, heute bin ich 40 Jahre alt. Ich versuche, noch ein bisschen zu spielen und alles zu genießen, was mir der Tennissport an Emotionen gebracht hat und weiterhin beschert. Das bedeutet nicht, dass es einfach wäre, aber ich liebe, was ich tue. Dieses Leben als Tennisspieler, die Emotionen. Ich möchte dieses Buch so gut wie möglich zu Ende schreiben.
Ich hatte in den vergangenen Jahren auch schwere Verletzungen mit aufwendigen Operationen, bei denen ich normalerweise keine großen Chancen auf eine Rückkehr gehabt hätte.
Große Spieler wie Rafael Nadal haben ihre Laufbahn beendet, weil ihr Körper 'Stopp' gesagt hat. Ist es Ihnen wichtig, zu einem Zeitpunkt aufzuhören, den Sie selbst definieren?
Wawrinka: Leider ist dies das Risiko eines Sportlers. Wenn man älter wird, hinterlassen die Opfer, die man für seinen Körper bringt, um ihn ständig an seine Grenzen zu treiben, Spuren und Verletzungen. Ich hatte in den vergangenen Jahren auch schwere Verletzungen mit aufwendigen Operationen, bei denen ich normalerweise keine großen Chancen auf eine Rückkehr gehabt hätte - aber ich habe gekämpft. Als Sportler möchte man immer selbst entscheiden, wann man aufhört.
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Stan Wawrinka mischt noch immer auf der Tour mit
Fotocredit: Getty Images
Von Ihnen ist die Aussage überliefert, dass Sie während der Wintervorbereitung Spaß daran hatten, zu leiden. Wirklich?
Wawrinka: Ja! Strenge und Disziplin sind für eine Karriere unerlässlich. Wenn man an seine Grenzen gehen will, muss man alles tun, um Fortschritte zu erzielen, sich weiterzuentwickeln und der beste Tennisspieler zu werden, der vorstellbar ist. Die vergangene Saison verlief gut, vor allem am Ende. Ich konnte so trainieren wie gewünscht und die Regler ein wenig nach oben schieben. Ich fühle mich körperlich und Tennis-technisch fit im Hinblick auf mein Alter und zu all dem, was ich auf der Tour erlebt habe.
Das war eine Niederlage, die mir extrem wehgetan hat, aber es war diejenige, bei der es bei mir Klick gemacht hat.
Sie waren vor allem für Ihre einhändige Rückhand, für viele Experten die beste der Tennisgeschichte, bekannt. Was zeichnet diesen Schlag aus, ist es die Kraft?
Wawrinka: Ja, ich denke schon. Wenn ich es mit Rückhandschlägen anderer Spieler vergleiche, dann ist es die Kraft von unten und die Variation, die ich aufbringen kann. In meinen besten Jahren konnte ich sie sicher cross, kurz cross und longline spielen - und das mit einem Druck, der die Topspieler in Bedrängnis gebracht hat.
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Wildcard Wawrinka edges out qualifier Skatov in Bucharest
Quelle: SNTV
Sie haben oft erklärt, dass es Niederlagen gab, die Ihnen geholfen haben, sich Ihres Potenzials bewusst zu werden. Welche war für Sie die schmerzhafteste?
Wawrinka: Das ist wohl das Viertelfinale in Wimbledon 2015 gegen Richard Gasquet, das mit 9:11 im fünften Satz endete. Ich hatte gerade die French Open gewonnen und die Chance, im Halbfinale gegen Novak Djokovic zu spielen. Es war also eine Niederlage, die ich sehr bedauert habe.
Welche verlorenen Partien sind noch in Erinnerung geblieben?
Wawrinka: Jene im Achtelfinale bei den Australian Open 2013 gegen Djokovic, das mit 10:12 im fünften Satz endete. Das war eine Niederlage, die mir extrem wehgetan hat, aber es war diejenige, bei der es bei mir Klick gemacht hat. Sie hat mir geholfen, zu arbeiten und zu wissen, was ich tun kann - und sie hat mir enormes Vertrauen für meine weitere Karriere gegeben.
Ich hatte Glück, dass Federer schon ganz oben war, als ich auf die Tour kam. Ich konnte sehr viel mit Roger trainieren, viel mit ihm über Tennis und andere Dinge diskutieren.
War für Sie als Schweizer der Schatten von Roger Federer ein Hindernis oder ein motivierender Faktor?
Wawrinka: Man kann nicht bestimmen, was um einen herum passiert. Ich konnte die Tatsache nicht ändern, dass Roger da ist, dass er der größte Spieler aller Zeiten ist. Du kannst dich nur auf deine Karriere konzentrieren, das ist alles. Das habe ich immer getan. Ich hatte das Glück, sehr viel mit Roger zu teilen: die Olympischen Spiele, den Davis Cup. Ich hatte außerdem Glück, dass er schon ganz oben war, als ich auf die Tour kam. Ich konnte sehr viel mit Roger trainieren, viel mit ihm über Tennis und andere Dinge diskutieren. Aus dieser Situation habe ich immer versucht, das Positive zu ziehen. Alles in allem war es eine riesige Chance für mich.
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Olympic Archive - Beijing 2008 : Roger Federer Winning the Gold Medal in Men's Double
Quelle: Eurosport
Gaël Monfils hat uns gegenüber erklärt, er sehe Sie als Champion, sich selbst aber nur als ausgezeichneten Tennisspieler. Stimmen Sie seiner Analyse zu?
Wawrinka: Gaël ist ein Schatz, wir kennen uns seit Jahren und haben so viel zusammen trainiert. Das ist eine sehr nette Botschaft, aber ich persönlich betrachte ihn auch als Champion. Natürlich hatte ich das Glück, Grand Slams zu gewinnen - aber da wir ein bisschen aus der gleichen Generation kommen, wurden wir leider in Rivalität zueinander gebracht, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Wenn ich sehe, was Gaël in all den Jahren geleistet hat und immer noch leistet, dann ist er für mich ein Champion. Das bedeutet eben nicht nur, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Seine Karriere ist außergewöhnlich und weckt immer noch Träume auf der Tour.
Sie haben ebenso wie Andy Murray drei Grand-Slam-Titel geholt, halten aber wenig von einem Vergleich. Warum?
Wawrinka: Wer sich mit Tennis auskennt, weiß, dass man das nicht vergleichen kann. Okay, wir haben die gleiche Anzahl an Grand Slam-Titeln. Nur: Andy hat acht Finals mehr gewonnen, 14 Masters und insgesamt 46 Turniere für sich entschieden. Er war die Nummer eins der Welt, stand zehn Jahre lang in den Top 3. Es gibt keinen Vergleich, wirklich nicht. Es geht nicht darum, mich kleiner zu machen, es ist einfach die Realität. Als ich gegen Andy antrat, habe ich immer daran geglaubt, dass ich ihn schlagen kann - aber danach wird eine Karriere nicht beurteilt.
Der erste Grand Slam war außergewöhnlich. Man hat mir gesagt: "Dein Leben wird sich ändern, du wirst sehen, dass alles anders wird."
Dominic Thiem hat zugegeben, dass er nach seinem Titel bei den US Open 2020 hätte kürzertreten sollen, um Zeit zu haben, um den "Schock" zu verdauen. Sie haben nach den Australian Open 2014 auch das Masters in Monte-Carlo gewonnen. Sie scheinen Ihren ersten Major-Erfolg gut verdaut zu haben.
Wawrinka: Ich habe es als sehr schön erlebt und wenn ich es noch einmal erleben dürfte, würde ich es genauso machen. Der große Unterschied ist, dass es für mich nie das Ziel war, einen Grand Slam zu gewinnen. Ich bin immer "step by step" vorgegangen: Top 100, 50, 30, dann die Top 10. Für viele Spieler ist es das ultimative Ziel, einen Grand Slam zu gewinnen. Aber was heißt das? Der Tag, an dem du einen gewinnst, wird zwangsläufig eine Lücke reißen. Für mich gehörte das eigentlich zu den unerreichbaren Träumen.
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Stan Wawrinka nach dem Titelgewinn bei den Australian Open 2014
Fotocredit: Getty Images
Trotzdem hat es dreimal geklappt.
Wawrinka: Als ich bei den US Open 2013 im Halbfinale stand, dachte ich mir: Vielleicht gewinne ich in zwei Matches einen Grand Slam. In Melbourne 2014 war ich vor jedem Spiel überzeugt, dass ich mich durchsetzen kann. Nach Novak Djokovic im Viertelfinale dachte ich: "Hey, ich bin im Halbfinale." Ins Halbfinale gegen Tomas Berdych ging ich, um zu gewinnen. Vor dem Finale gegen Rafa Nadal habe ich mir klar gemacht, dass ich in der Lage bin, ihn zu schlagen.
Viele Spieler berichten, dass nach der ersten Grand-Slam-Krone alles anders wurde. Wie war das bei Ihnen?
Wawrinka: Der erste Grand Slam war außergewöhnlich. Man hat mir gesagt: "Dein Leben wird sich ändern, du wirst sehen, dass alles anders wird." Aber ich war 29 Jahre alt, hatte in meiner Karriere bereits sehr viel erlebt, war bereits in den Top 10 gewesen. Ich hatte also schon die nötige Erfahrung und ich wollte weiterhin die Grenzen verschieben.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wawrinka.
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