Victoria Azarenka startete in die Partie, wie sie ihr Halbfinale gegen Serena Williams (1:6, 6:3, 6:3) aufgehört hatte: Mit präzisem Power-Tennis zwang die 31-Jährige Naomi Osaka (Japan/Nr. 4) immer wieder in die Defensive, servierte sicher und holte sich nach nur 26 Minuten Satz eins (6:1).

Osakas Trainer Wim Fissette, der die deutsche Nummer eins Angelique Kerber 2018 zum Triumph in Wimbledon geführt hatte, sah einen nervösen Beginn seines Schützlings, der ungewohnt viele Fehler machte. Asarenka agierte hingegen hochkonzentriert und dominierte mit ihrer kontrollierten Vorhand das Match. Beim Stand von 1:4 schmiss Osaka bereits entnervt ihren Schläger.

US Open
Zverevs verrückte Reise: "Ich kann es mir auch nicht erklären"
12/09/2020 AM 09:28

Azarenka nahm ihrer neun Jahre jüngeren Kontrahentin auch gleich zu Beginn des zweiten Satzes ihr Service ab und hatte Spielball zum 3:0. "Hier hätte sie den Sack zu machen müssen", sagte Eurosport-Experte Boris Becker: "Ich glaube nicht, dass Osaka bei 0:3 nochmal zurückgekommen wäre."

Eurosport-Expertin Barbara Rittner ergänzte: "Sie hat sich eineinhalb Sätze lang katastrophal bewegt, ihre Hand-Augen-Koordination war weg. Das hat Azarenka ausgenutzt."

Doch Osaka fand zurück ins Spiel. Die Japanerin stellte auf 2:2 und nahm der Belarussin zum 4:3 ein weiteres Mal das Service ab. Bei 5:3 Osaka ging die Partie fünfmal über Einstand, ehe die 22-Jährige ihren zweiten Satzball bei einer Satzdauer von 41 Minuten zum 6:3 nutzte.

Ein Wirkungstreffer für Azarenka, die plötzlich mit ihrem Spiel haderte, mehr Fehler einstreute und damit der nun sicherer spielenden Osaka in die Karten spielte. "Als Osaka angefangen hat, sich von ihrer Anspannung zu befreien, hat man gemerkt: Sie hat mehr PS, mehr Tennis drauf", sagte Becker.

Highlights | Osaka schnappt Azarenka den Titel weg

Naomi Osaka ab Satz zwei nicht mehr zu stoppen

Die Japanerin zog auf 4:1 davon, kassierte zwar nochmal ein Break zum 4:3, durchbrach Azarenkas Service aber ein weiteres Mal und verwandelte schließlich nach 1:53 Stunden ihren zweiten Matchball und behielt damit ihre weiße Weste in Grand-Slam-Finals. Anschließend legte sie sich flach auf den Court im Arthur Ashe Stadium.

"Normalerweise sehe ich wie die Leute zusammenbrechen nach dem Matchball und ich wollte mich einfach sicher hinlegen", sagte sie.

"Es war ein hartes Match für mich. Ich dachte mir nur: Es wäre peinlich, wenn ich hier in unter einer Stunde verliere", scherzte Osaka und sagte anerkennend in Richtung ihrer Gegnerin: "Das war für mich sehr inspirierend, weil ich dir schon zugeschaut habe, als du früher hier gespielt hast. Ich möchte gegen dich nicht mehr im Finale spielen."

Osaka gewinnt zum zweiten Mal die US Open

Für Osaka ist es der zweite Titel in New York nach 2018. Zudem hatte die ehemalige Weltranglistenerste 2019 die Australian Open gewonnen, war seither bei Grand-Slam-Turnieren aber nie über das Achtelfinale hinausgekommen.

Für Azarenka war es bereits die dritte Finalniederlage bei den US Open, 2012 und 2013 hatte sie jeweils gegen Serena Williams verloren. "Ich dachte eigentlich, aller guten Dinge sind drei", sagte sie nach dem Match mit einem Schmunzeln: "Ich denke, ich muss es einfach wieder versuchen. Es hat Spaß gemacht."

Für Azarenka endete damit auch eine beeindruckende Serie in New York, die mit dem Sieg bei den Western & Southern Open unmittelbar vor Start der US Open ihren Anfang genommen hatte - ihrem ersten Turniersieg seit der Geburt ihres Sohnes Leo im Dezember 2016.

Azarenka, Siegerin der Australian Open 2012 und 2013 und vor den Western & Southern Open "nur" die 49. der Weltrangliste, hatte seit den Australian Open 2016 kein Grand-Slam-Viertelfinale mehr erreicht. In den zurückliegenden Jahren wurde Azarenza von Verletzungen und Formkrisen zurückgeworfen, darüber hinaus geriet sie nach der Geburt ihres Sohnes in einen Sorgerechtsstreit mit dem Vater des Kindes. Kalifornien, wo die 31-Jährige wohnte, konnte sie daher erst wieder ab Mitte 2018 verlassen.

"Bärenstark gespielt": Azarenka mit einer sensationellen Vorhand

Osaka erhebt Stimme gegen Polizeigewalt und Rassismus

Osaka glänzte in Flushing Meadows aber nicht nur sportlich auf dem Court, sondern auch als Stimme gegen Polizeigewalt und Rassismus.

Vor jeder Partie in New York trug sie einen Mund-Nase-Schutz, auf dem der Name eines Opfers von Polizeibrutalität in den USA stand. Am Samstag erinnerte sie so an Tamir Rice, der Schüler war 2014 im Alter von zwölf Jahren in Cleveland/Ohio von einem Polizisten erschossen worden. Auf die Frage im Siegerinterview nach dem Finale, welche Botschaft sie damit habe senden wollen, fragte sie zurück: "Welche Botschaft haben Sie verstanden?"

Ein Statement, das auch Becker beeindruckte. "Mit Naomi Osaka mache ich mir keine Gedanken mehr über das Damen-Tennis", sagte der sechsfache Grand-Slam-Sieger.

Gegenüber "ESPN" ergänzte Osaka über ihre Masken-Aktion: "Es hat mich stärker gemacht, weil ich dadurch einen noch größeren Siegeswillen bekommen habe, weil ich den Leuten alle Namen auf meinen Masken zeigen wollte und wollte, dass die Leute noch mehr darüber reden."

"Satz des Turniers": Becker von Osakas Siegesrede begeistert

Osaka springt auf Rang drei

Überhaupt erlebte New York ein würdiges Finale. In Osaka und Azarenka standen sich die beiden besten Spielerinnen seit der Corona-Unterbrechung gegenüber. Schon beim Vorbereitungsturnier an gleicher Stelle standen beide im Finale, Osaka musste jedoch wegen Problemen in der linken hinteren Oberschenkelmuskulatur passen.

2012 und 2013 hatte Azarenka ihre bislang einzigen Grand-Slam-Titel bei den Australian Open geholt.

Mit einem Sieg bei den US Open hätte die 31-Jährige einen Rekord aufgestellt: Mehr als sieben Jahre und 231 Tage hätten bei noch keiner Spielerin zwischen zwei aufeinanderfolgenden Grand-Slam-Titeln gelegen.

Mit dem Erfolg in New York springt Osaka in der Weltrangliste von neun auf drei; Azarenka rückt immerhin 13 Plätze von 27 auf 14 vor. Osaka erhielt für ihren Sieg drei Millionen Dollar Preisgeld, Azarenka, die kommende Woche gleich in Rom antreten will, die Hälfte.

Für die am 27. September startenden French Open (live bei Eurosport) sind beide logischerweise zum Favoritenkreis zu zählen. Osaka wollte ihre Teilnahme am dritten und damit dann letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres nach ihrem US-Open-Triumph jedoch noch nicht bestätigen.

Doppelter Netzroller: Azarenka hat das Glück der Tüchtigen

Das Gelbe vom Ball - der Tennis-Podcast von Eurosport:

Den Tennis-Podcast gibt es bei Spotify, Apple Podcast oder der Plattform deines Vertrauens

Das könnte Dich auch interessieren: "Komm zurück, Rafa": Pressestimmen zu Zverevs Halbfinal-Sieg

(mit SID)

Highlights | Zverevs historische Aufholjagd im Video

US Open
Medvedev entzaubert: Thiem im Endspiel gegen Zverev
12/09/2020 AM 02:59
US Open
Finale nach 0:2-Satzrückstand! Zverev schreibt Geschichte
11/09/2020 AM 23:39