US Open - Boris Becker staunt über Zverev: "Da ist irgendwas psychologisch passiert"

Mit seinem Olympiasieg und dem Triumph beim Masters in Cincinnati hat sich Alexander Zverev nicht bloß in zwei wichtige Siegerlisten im Tennis eingetragen. Die Erfolge haben auch eine mentale Bremse gelöst, so Eurosport-Experte Boris Becker in der aktuellen Episode des Eurosport-Podcasts Das Gelbe vom Ball. "Er hat sich freigespielt von dem ganzen Druck, der auf ihm gelastet hat", sagt Becker.

Alexander Zverev

Fotocredit: Getty Images

Diesen Druck, glaubt Deutschlands Tennis-Ikone Becker, habe Alexander Zverev sich zum einen selbst gemacht, zum anderen aber durch sein Umfeld und die Öffentlichkeit erfahren.
Seit dem furiosen Comeback nach Satzrückstand im Halbfinale des olympischen Tennisturniers gegen Novak Djokovic sieht Becker allerdings einen neuen Zverev. "Ich habe ihn vielleicht noch nie so gut Tennis spielen sehen", lobt der sechsmalige Grand-Slam-Champion die jüngsten Auftritte des 24-Jährigen. "Da ist irgendwas mit ihm psychologisch passiert."
Das gelte "auch für die Einstellung - er war einen Satz und ein Break gegen den sozusagen Unbesiegbaren, gegen Novak Djokovic, hinten. Und dann spielt er wie entfesselt los. Das fängt eben vor allem im Kopf an, mit der Einstellung, dass man gut mit dem Druck umgehen kann - und das hat er gezeigt."
In Beckers Augen erreicht Zverev damit eine neue Ebene in seinem Spiel, aber auch in seiner Karriere. "Langsam rutscht er wirklich in die Rolle eines sehr großen Spielers, eines Champions", befindet Becker und attestiert Zverev große Fortschritte. "Wie er in Cincinnati gespielt hat, wie er da gewonnen hat - jedes Match mit Ausnahme des Halbfinales in zwei Sätzen - das war ein Riesenschritt nach vorne!"
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Zverev kämpft Djokovic im Olympia-Halbfinale 2021 nieder

Quelle: Eurosport

Dennoch führt Becker den Olympiasieger auf seiner Favoritenliste für die US Open "nur" auf Platz zwei - die Pole Position besetzt der dreimalige Wimbledon-Sieger mit einem anderen Spieler. "Er ist die Nummer eins der Welt und dreifacher Grand-Slam-Sieger dieses Jahr. Also, wenn Novak Djokovic jetzt nicht Favorit ist bei dem Turnier, wer soll es denn sein?", sagt Becker.

Becker sieht Zverev vor Medvedev und Tsitsipas

In die Top 4 für New York hat es Zverev bei Becker indes geschafft: "Djokovic ist mein Topfavorit, an zweiter Stelle kommt Zverev, Medvedev an drei und Tsitsipas an vier, was die Favoritenrolle angeht."
Djokovic kann mit einem Sieg bei den US Open etwas gelingen, auf das das Herren-Tennis seit 1969 wartet - einen Grand Slam. "Es ist die schwierigste Aufgabe im Tennis überhaupt", betont Becker und zeigt Verständnis für Djokovic, der nach Olympia auf weitere Turniere verzichtet hatte: "Hätte er nun einfach weitergespielt, wäre ihm in der zweiten Woche in New York wohl die Kraft ausgegangen."
Dabei ist Becker durchaus bewusst, dass die Vorbereitung seines ehemaligen Schützlings alles andere als optimal war. "Dieses Jahr ist alles anders als sonst, und vielleicht passt das in seinen Plan. Aber er brauchte eine Pause, um sich vor allem von den mentalen Strapazen des Jahres zu erholen", so Becker.

Becker: Djokovic hat Serbien nicht im Stich gelassen

Die Auswüchse dieser Anspannung entluden sich im verlorenen Olympia-Halbfinale gegen Sascha Zverev, als Djokovic seine Wut mehrfach an seinem Schläger ausließ. "Man hat schon gesehen, dass Novak bei den Olympischen Spielen in Tokio mental wirklich sehr angeschlagen war", sagt Becker, der aber im gleichen Atemzug Kritiker zurückweist, die behauptet hatten, Djokovic habe durch die Absage des Spiels um Platz drei im Mixed sein Land im Stich gelassen. "Also Novak macht vieles, nur sein Land würde er nie im Stich lassen. Er war psychisch und physisch nicht mehr in der Lage weiterzuspielen", verteidigt Becker den Serben.
Olympia-Frust hin oder her - Djokovic spielt ein "unfassbares Jahr", so Becker. Für zwei andere Ikonen des Herren-Tennis war 2021 bislang eher ein Jahr zum Vergessen. "Wir haben immer über den Wechsel der Generationen gesprochen darüber, wie lange es die großen Drei noch schaffen. Aus den großen Drei ist jetzt der letzte Mohikaner geworden. Das ist Novak Djokovic", beschreibt Becker die aktuelle Situation.

Schwere Zeiten für Nadal und Federer

Nach seiner dritten Knie-Operation steht eine Rückkehr von Roger Federer auf die Tour in den Sternen. Für Becker spielt das ohnehin nur eine untergeordnete Rolle, die Gesundheit sei das Wichtigste. "Der Rest seines Lebens liegt noch vor ihm, und ob er wieder Tennis spielt oder nicht, ist fast sekundär. Er hat schon so viel gewonnen und muss niemandem mehr etwas beweisen", befindet Becker.
"Auch die Nadal-Fans müssen sich langsam mit der Idee anfreunden, dass Rafael Nadal nicht ewig spielen wird", warnt der Leimener. Das extrem physische Spiel des Spaniers fordere mit Mitte 30 immer öfter seinen Tribut. "Man muss sich Sorgen machen um die Gesundheit von Rafael Nadal", sagt Becker und erinnert: "Die Zeit bleibt für ihn nicht stehen. Die Pause braucht er - die wird im gut tun."
Für Zverev wäre dagegen eine Pause im Moment das Schlechteste, was ihm passieren könnte ...
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Podcast - Das Gelbe vom Ball: Becker über Zverevs Chancen

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