Mischa Zverev exklusiv: Warum Rafael Nadal und Daniil Medvedev nicht die Topfavoriten bei den US Open sind
Mischa Zverev beleuchtet im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de die Favoritenfrage bei den US Open und erklärt, warum die Antwort nicht so klar ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Sowohl bei Titelverteidiger Daniil Medvedev als auch beim Rekord-Grand-Slam-Champion gebe es Einschränkungen, so der 35-Jährige. Darüber hinaus verrät Zverev, warum die US Open das offenste Grand-Slam-Event sind.
Rafael Nadal - was ist drin bei den US Open?
Fotocredit: Getty Images
"Für mich sind Rafael Nadal und Daniil Medvedev gar nicht so sehr in der Rolle der Favoriten", sagt Mischa Zverev wenige Tage vor Beginn der US Open (ab 29. August live auf discovery+).
Dies habe zwei Gründe. Zum einen liege es an den Ergebnissen der vergangenen Wochen, zum anderen sei das Turnier mit seiner späten Terminierung in der Saison prädestiniert für unerwartete Sieger.
"Sogar Novak Djokovic hat 2021 nach drei Grand-Slam-Titeln und als Nummer eins der Welt nicht mehr ganz die Power gehabt, die US Open zu gewinnen", erklärt der ehemalige Weltranglisten-25., der 2017 bis ins Achtelfinale der US Open vorstieß.
Skeptisch steht Zverev indes dem Coaching gegenüber, das die ATP derzeit testet und das in New York erstmals bei einem Grand-Slam-Event erlaubt ist. Man bewege sich da generell "in einer Grauzone", erläutert der ältere Bruder von Olympiasieger Alexander Zverev. Ihm falle nur ein Spieler ein, der gänzlich ohne Coaching auskomme, wie Zverev, der die US Open als TV-Experte bei Eurosport begleitet, verrät.
Das Interview führte Tobias Laure
Aus dem Kopf, Herr Zverev: Aus wie vielen unterschiedlichen Nationen kommen aktuell die Top 10 der Welt?
Mischa Zverev: Zehn?
Fast. Es sind neun ...
Zverev: ... weil es mit Carlos Alcaraz und Nadal zwei Spanier gibt, stimmt.
Ist diese Bandbreite an der Weltspitze ein Zeichen dafür, dass die großen Tennis-Nationen ihre Dominanz verloren haben?
Zverev: Nicht unbedingt, es ist zumindest nicht das Ende der großen Tennis-Nationen. Nehmen wir Spanien. Dort gibt es auch jetzt sehr viele starke Spieler, und das wird so bleiben. Die geografische Lage, die Möglichkeit, quasi das ganze Jahr draußen zu spielen und die große Zahl an Tennis-Akademien sind ein echter Standortvorteil. Es ist aber schön zu sehen, dass inzwischen auch kleinere Länder wie Norwegen oder Griechenland, wo der Tennissport nicht diesen Stellenwert hat, Top-Profis hervorbringen. Wir sind beim Tennis so weit, dass es fast egal ist, wo du herkommst. Man kann sich seinen Traum in diesem Sport nahezu überall erfüllen.
Nun stehen die US Open an, die aufgrund des Best-of-five-Modus und der Dauer über zwei Wochen auch ein körperlicher Abnutzungskampf sind. Nadal hat sich bei den French Open für jede Partie fitspritzen lassen und Wimbledon vor dem Halbfinale abgebrochen. Wo verläuft aus Ihrer Sicht die rote Linie, was den Einsatz von Medikamenten und Schmerzmitteln betrifft und wie geht Ihr Bruder Alexander Zverev da vor?
Zverev: Ich war während meiner Karriere nie ein Freund von aggressiven Eingriffen, womit ich Spritzen oder Schmerzmittel meine. Mir war wichtig, es auf natürliche Weise anzugehen. Bandagen oder die Hilfe eines Physiotherapeuten habe ich genutzt, einen Nerv "stumpfspritzen" zu lassen, kam aber nicht infrage. Ich wollte die Schmerzen spüren, denn so eine Reaktion ist immer ein Warnsignal des Körpers. Jetzt kommt das Aber: Im Unterschied zu Nadal stand ich nie in einem Grand-Slam-Halbfinale oder -Endspiel. Bei mir ging es nicht darum, Rekorde anzugreifen und zu brechen, die vielleicht für die nächsten 100 Jahre Bestand haben. Daher bin ich zurückhaltend, Rafas Situation zu beurteilen. Ich war ja nie in seiner Lage und ich habe Riesenrespekt vor seinen Leistungen.
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Nadal exklusiv: "Ich hatte kein Gefühl im Fuß. Nur so konnte ich spielen"
Quelle: Eurosport
Und Ihr Bruder?
Zverev: Sascha war zum Glück noch nicht in der Situation, dass es nötig gewesen wäre, über eine Spritze nachzudenken, um einen Nerv zu betäuben oder Ähnliches. Bei den French Open hat er sich im Mai die erste größere Verletzung seiner Laufbahn zugezogen. Er und das Team lassen daher Vorsicht walten und gehen das behutsam an.
Alexander Zverev ist nicht der einzige prominente Ausfall bei den US Open, auch Djokovic und Roger Federer sind nicht dabei. Bleiben nur noch Nadal und Titelverteidiger Daniil Medvedev als Topfavoriten übrig - oder?
Zverev: Da widerspreche ich. Für mich sind Rafa und Daniil gar nicht so sehr in der Rolle der Favoriten. Nadal hat seit Wimbledon nur das Masters in Cincinnati gespielt und dort sein Auftaktmatch verloren. Und wenn wir uns die Turniersieger der vergangenen Wochen anschauen, ergibt sich ein buntes Bild. Lorenzo Musetti gewinnt Hamburg, Jannik Sinner in Umag, Washington ging an Nick Kyrgios, bei den Masters von Montreal und Cincinnati hießen die Champions Pablo Carreño Busta und Borna Coric. Das zeigt mir, dass wir im Moment eine sehr offene Ausgangslage haben.
Dennoch: Warum zweifeln Sie an Medvedev? Der Mann ist Titelverteidiger und die Nummer eins der Welt.
Zverev: Keine Frage, Daniil ist ein extrem guter Spieler. Wenn er seine beste Leistung bringt, dann gewinnt er 99 Prozent seiner Matches. Wenn ich aber auf ehemalige Weltranglistenerste wie Nadal, Roger Federer oder Novak Djokovic schaue, sehe ich deutliche Unterschiede. Die haben in diesen Phasen oft wie von einem anderen Stern gespielt. Da hast du dich häufig gefragt: 'Wie machen die das, wie holen die diesen oder jenen Ball, wie können die solche Schläge auspacken?' Wenn die Drei auf ihrem höchsten Level gespielt haben, war klar, dass sie niemand bezwingen kann. Bei Medvedev ist das anders. Aus meiner Sicht hat der Gegner immer eine Chance, ihn zu schlagen - was freilich nichts daran ändert, dass er ein herausragender Tennisspieler ist.
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Mischa Zverev bei den US Open 2017
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Tatsächlich sind die US Open mit sieben verschiedenen Champions in den vergangenen zehn Jahren das offenste der vier Grand-Slam-Turniere. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Zverev: Ja. Es liegt an der späten Terminierung im Saisonkalender. Es ist meist so, dass die Profis, die in den ersten sechs, sieben Monaten glänzen, in der zweiten Jahreshälfte schwächer werden. Sogar Djokovic hat 2021 nach drei Grand-Slam-Titeln und als Nummer eins der Welt nicht mehr ganz die Power gehabt, die US Open zu gewinnen. Man muss sehen, dass der sogenannte Summer Swing in Europa viele Körner kostet, die dann bei den US Open mitunter fehlen.
John McEnroe hat vor ein paar Tagen die These aufgestellt, dass es gar nicht schlecht ist, wenn Spieler wie Ihr Bruder oder auch Jannik Sinner und Alcaraz ihren ersten Grand-Slam-Titel erst mit 25 bis 30 Jahren holen. Einfach deshalb, weil sie dann besser damit umgehen können.
Zverev: Da sage ich: 'Das Alter spielt keine Rolle.' Pete Sampras hat bei den US Open mit 19 Jahren triumphiert, Nadal hat dasselbe bei den French Open geschafft. Beide haben eine Menge Erfolge nachgelegt und nicht den Eindruck erweckt, dass sie aufgrund ihrer frühen Titel Probleme hatten. Meiner Meinung nach ist es eine Frage der Persönlichkeit, wie man damit umgeht, das ist ganz individuell - ob man nun 20 oder 30 Jahre alt ist.
Bei den US Open erleben wir eine Premiere. Erstmals wird bei einem Grand-Slam-Event das umstrittene Coaching erlaubt sein. Eine gute Idee?
Zverev: Da bin ich mir nicht sicher. Das Coaching ist eine Grauzone und war immer schon Teil des Spiels, wenn auch versteckt. Mir fällt nur ein Spieler ein, der autonom und ohne Zeichen vom Coach auf dem Platz agiert hat: Roger Federer. Ansonsten bekommt jeder Profi Handzeichen oder Signale oder auch mal einen Zuruf. Mit der Entscheidung der ATP, das Coaching zumindest testweise zuzulassen, wurde das jetzt legalisiert. Ob es eine positive Neuerung ist, kann man aber noch nicht sagen.
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'Have to wait and see' - Schett on Nadal ahead of US Open
Quelle: Eurosport
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