Safin auf Titelkurs?

In Wimbledon ist die ehemalige Nummer eins der Welt nach langer Talfahrt zu alter Stärke zurückkehrt. Das Publikum liebt ihn ohnehin, doch nun ist der charismatische Russe sogar Titelanwärter geworden.

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Es gibt nur eines, dessen man sich bei Marat Safin sicher sein kann: nämlich, dass nichts sicher ist. Wohl kaum ein Zweiter auf der Profitour steckt so voll unbändiger Energie und außergewöhnlichem Talent und scheitert dabei so regelmäßig wie Marat Safin.
Ist er in Stimmung, kann er im Grunde jeden Gegner schlagen und ist er es nicht, dann geht er selbst gegen krasse Außenseiter unter. Niemand ist unberechenbarer als der charismatische Russe und diesem Ruf ist die ehemalige Nummer eins der Welt in Wimbledon auch gleich in der zweiten Runde gerecht geworden, als er Titelmitfavorit Novak Djokovic aus dem Turnier warf. Es sollte nicht sein letzter Triumph bleiben.
"Hatte Rückflug schon gebucht"
Fast schon legendär sind dabei stets seine Pressekonferenzen, in denen er mit trockenem Humor glänzt. Dem Lausbubencharme des kräftigen Hünen kann sich dabei niemand entziehen: "Was soll ich sagen? Ich hatte meinen Rückflug schon gebucht. Hoffentlich kann ich den noch stornieren. Aber danke an die Leute, die den Rasen hier so langsam gemacht haben. Jetzt werde ich vielleicht doch noch ein Rasenspezialist", sagte Safin nach seinem Sieg gegen den Weltranglistendritten. Es war erst sein zehnter in dieser Saison, ein weiterer sollte gegen den Italiener Andreas Seppi hinzukommen.
Und auch jenes Match entwickelte sich derart, dass die Zuschauer Safin am Ende wohl am liebsten auf den Schultern auf Court 1 herumgetragen hätten. Sie feierten ihn frenetisch für jeden Punktgewinn, als sei es bereits der Matchball gewesen. Sie lieben ihn für diese Mischung aus Genialität und Wahnsinn, dafür, dass sie mit ihm so mitleiden können, wie mit keinem anderen Spieler. Und auch in diesem Match mussten sie leiden, als Safin in typischer Manier die Fassung verlor, laute Flüche ausstieß, seinen Schläger malträtierte und theatralisch gestikulierte. Das plötzliche Hadern und Zaudern Safins gehört zu ihm, wie seine wuchtigen Grundschläge, doch mit der enormen Energie, die er dabei versprüht, zieht er die Zuschauer einfach in seinen Bann.
Revanche von Wawrinka gefordert
Die Laola rollte durch die Arena und es war bereits fast stockdunkel, als Safin seinen zweiten Matchball gegen seinen starken Kontrahenten um 21:25 Ortszeit endlich verwandelt hatte. Seit dem Frühjahr 2007 in Las Vegas waren Safin bei keinem Turnier mehr drei Siege in Folge mehr gelungen, nun steht er erstmals seit 2001 wieder im Achtelfinale von Wimbledon. Dort wartet mit dem Schweizer Stanislas Wawrinka nach Djokovic der nächste Top-Ten-Spieler auf ihn: "Ich konnte ihn nie schlagen und dafür will ich unbedingt Revanche. Ich denke, es soll hier einfach passieren. Und warum sollte es das nicht?"
Die magische Antwort darauf heißt wohl "Konstanz", denn die gab es in der Karriere des 28-jährigen Russen bisher lediglich so, dass einer Saison in Topform unter Garantie eine mit beispiellos schwachen Leistungen folgte. Langwierige Verletzungen warfen den ehemaligen Australian- und US-Open-Sieger dabei immer wieder zurück, ebenso wie sein Hang, positive Erlebnisse exzessiv auszukosten. Manchmal über Monate hinweg.
Himalaja-Expedition und Erdbeerpreise
Im letzten Herbst verzichtete er noch auf das Davis-Cup-Halbfinale gegen Deutschland, um bei einer Himalaja-Expedition zu sich selbst zu finden. Nur eine von vielen extravaganten Aktivitäten Safins, die ihn ausmachen. Die Suche zeigte offenbar Wirkung, denn seit Beginn des Jahres arbeitete er wieder ernsthaft und kämpfte sich zumindest bis auf Platz 75 der Rangliste wieder hoch. Und obwohl es seiner impulsiven Natur widerspricht, nahm er in dieser Phase Niederlagen geduldig hin, vertraute darauf, dass der Erfolg irgendwann zurückkommen würde.
In Wimbledon könnte es nun wieder soweit sein, auch wenn Rasen nie sein bevorzugter Belag gewesen ist. "Ich habe lange nicht mehr so gut gespielt. Es ist schwer, sich täglich wieder zu motivieren, wenn man ständig verliert. Aber ich fühle, dass meine Zeit wieder gekommen ist", betonte Safin und konnte sich einen kleinen Seitenhieb gegen das Traditionsturnier doch nicht verkneifen: "Ich denke immer noch, dass die Erdbeeren hier zu teuer sind."
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