Wimbledon - Heinrich-Blog: Kerber-Triumph - Da hat keiner die (Becker)-Faust geballt
Publiziert 16/07/2018 um 17:33 GMT+2 Uhr
Eurosport-Blogger Siggi Heinrich legt den Finger in die Wunde. Der Wimbledon-Sieg von Angelique Kerber verkam in Deutschland leider zu einer Randnotitz, weil König Fußball alles dominiert. Ok, das geht schon seit Jahren so. Aber andere Sportarten wie Tennis haben fast keine Chance mehr. Als Kerber plötzlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftauchte, nahm kaum jemand Notiz von diesem Ereignis.
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Fotocredit: Eurosport
Ich gebe es unumwunden gleich mal zu, auch wenn ich dafür die eine oder andere Rüge in Kauf nehmen muss, denn ich habe mich gefreut: Über das erste Tor der Belgier und über das zweite noch viel mehr. Nicht weil ich gegen die Engländer bin, sondern weil ich das Spiel der Belgier mochte. Ich saß mit Freunden in meinem Stammlokal. Und wir schauten Fußball.
Es stellte sich nie die Frage, ob wir nicht nach Wimbledon schalten sollten zu Angelique Kerber, die zur gleichen Zeit gegen Serena Williams spielte. Wimbledon. Finale. Mensch, das wäre doch früher keine Frage gewesen. Und jetzt ist und war uns ein Fußball-Match ohne deutsche Beteiligung lieber? Unsere Situation mag stellvertretend gewesen sein für die Wertigkeit der Sportarten außerhalb des Fußballs. Logisch ist das traurig und ein wenig fühlte ich mich auch schuldig. Aber dann dieser Hazard, diese Dribblings…
Es war eine stille Freude
Natürlich habe ich sofort nach dem Schlusspfiff darauf gedrängt, man möge doch bitte sofort, also wirklich sofort umschalten. Und immerhin sind wir alle miteinander noch sitzen geblieben oder halb stehend an unsere Barhocker gelehnt und haben uns auch gefreut, dass Angelique gewann.
Wir haben uns gefreut. Klingt so sachlich und routiniert. Aber es trifft den Kern der Emotionen. Da hat keiner die (Becker)-Faust geballt. Ist keiner ausgerastet und hat laut gejubelt. Es war eine stille Freude. Ein Sieg halt. Es scheint, als habe auch Wimbledon seinen besonderen Reiz verloren, als wäre auch der heilige Rasen dort nicht mehr als eben ein etwas anderer Tennis-Belag.
Vielleicht lag es daran, dass man alle Spiele von Kerber bis auf das Finale nicht im frei empfangbaren Fernsehen sehen konnte. Die Sehgewohnheiten der deutschen TV-Konsumenten sind im Vergleich zu anderen Ländern noch immer extrem konservativ. So konnte Kerber nie massiv bei einem breiten Publikum Werbung in eigener Sache machen und stand dann plötzlich im Finale und kaum jemand nahm davon Notiz davon.
Wir waren frei von jedweder Ablenkung
Und was sahen wir nach Kerbers Tränen und der Rede vor dem Stadion-Mikrophon? Die Geschichte von Boris Becker. Wimbledon wie man es in Deutschland wohl immer noch in Erinnerung hat. Boris und Steffi. Es ist ähnlich wie mit Rosi Mittermeier. Als zöge sie noch immer ihre Spuren in den Schnee. Und Katja Seizinger und Irene Epple und Marina Kiehl und und und… Sie waren gleichsam wie Schnee im Frühjahr, der mit den ersten Sonnenstrahlen schmilzt. Vergänglich.
Es ist eine andere Zeit jetzt. Die Flut der Informationen auf Tablets und Smartphones müllt uns zu. Streamingdienste kämpfen um Kunden, die Anzahl der Fernsehkanäle geht weit in den dreistelligen Bereich hinein. Becker und Graf hatten noch unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Wir waren frei von jedweder Ablenkung und hatten auch keine andere Chance. Sie waren ungefragt in unseren Wohnzimmern.
Als Jan Ullrich die Tour de France gewann, stürmte Deutschland in die Fahrradgeschäfte und korpulente Menschen quälten sich in enge Radhosen. Egal. Die Erfolge von Becker und Graf sorgten für volle Tennisplätze und der Slice von Steffi mit der Rückhand war extrem gefragt. Heute erinnert man sich noch mit verklärtem Blick an diese Zeit. Weißt du noch? Und als würde eben Angelique Kerber nicht genügen, stellt Deutschlands größte Boulevard-Zeitung noch in fast gleichem Umfang Becker und Graf auf die gegenüberliegende Seite.
Trugschluss geht schon Jahre
Es ist, das ist klar, kein Tennis-Hype jetzt zu erwarten. Der Wimbledonsieg von Angelique Kerber, der Aufstieg in den Olymp des Tennis, bekommt weniger Aufmerksamkeit als die Muskelzerrung eines Fußballspielers, der früher mal bei einer Weltmeisterschaft in Russland schon in der Vorrunde ausgeschieden ist. Das ist eine brutale Realität geworden, die so ungeheuer viele Sportarten trifft. Leichtathleten, Hockeyspieler, Handballer, Volleyballer, Fechter, Kanuten, Ruderer oder Turner.
König Fußball lässt keine Räume mehr zu. Aber ein wenig liegt es auch an all diesen Sportarten und ihren Verbänden, dass sie so viel Terrain verlieren. Statt schlau in Terminlücken zu schlüpfen (in Wimbledon zog man in keiner Sekunde in Betracht, Kerbers Spiel etwas früher anzusetzen) oder unter Umgehung von Agenturen selbst die Verbreitung ihrer Sportart in die Hand zu nehmen, glauben die meisten noch, sie könnten mit Fußball mithalten, könnten ähnlich viel Geld generieren. Dieser Trugschluss geht schon Jahre so. Aber ich verspreche: Sollte wieder so eine Situation eintreten wie diesmal, werde ich für Kerber kämpfen, wenngleich ich ahne, dass ich alleine auf weiter Flur stehen werde.
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