Porsche Tennis Grand Prix 2026 in Stuttgart: Untergangsstimmung im Paradies - wie sich das Fiasko erklären lässt
Update 13/04/2026 um 20:41 GMT+2 Uhr
Der Abstieg des deutschen Tennis-Nationalteams der Damen in die internationale Drittklassigkeit vor Wochenfrist ist vor Beginn des Porsche Grand Prix in Stuttgart das bestimmende Thema. Der Schock sitzt bei allen Beteiligten tief. Die Horrorwoche von Portugal wirkt in dem ganzen Glanz und Glamour, den das wichtigste deutsche Damen-Turnier versprüht, wie aus einer anderen Welt - quasi unwirklich.
Siegemund exklusiv zum deutschen Abstieg: "Ist natürlich bitter"
Quelle: Eurosport
Größer könnten die Gegensätze für Ella Seidel (21) und Noma Noha Akugue (22) in diesen Tagen nicht sein.
Bis Samstag verantworteten sie als Spielerinnen unter nur bedingt profitauglichen Bedingungen bei zum Teil widrigsten Umständen und vor fast leeren Rängen mit der deutschen Nationalmannschaft im Billie-Jean-King Cup in Portugal den sportlichen Super-GAU: den bis zum letzten Ballwechsel nicht für möglich gehaltenen Abstieg in die Drittklassigkeit, das Verschwinden in die sportliche Bedeutungslosigkeit.
Nur zwei Tage später weilt das Duo beim Porsche Tennis Grand Prix, dem größten deutschen Damen-Turnier, das seit vielen Jahren unterhalb der Grand-Slam-Turniere Glanz und Glamour versprüht und zahlreiche Top-Ten-Spielerinnen anlockt.
Dieses Mal hat zwar die Frontfrau des Welttennis, Aryna Sabalenka, kurzfristig angeschlagen abgesagt. Mit Iga Swiatek, Coco Gauff und der topgesetzten Elena Rybakina schlagen die großen Namen aber wiederholt in der baden-württembergischen Hauptstadt auf und duellieren sich um einen flotten Flitzer und 1.206.446 Millionen Euro Preisgeld.
DTB-Team nach Pleiten gegen zweitklassige Teams nur noch drittklassig
Für Seidel und Akugue, die sich nach den Strapazen rasch akklimatisieren müssen, muss sich das gehobene Setting in Stuttgart nach den Vorkommnissen von Oeiras in Portugal unwirklich vorkommen.
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Ella Seidel und die DTB-Frauen steigen in die Drittklassigkeit ab
Fotocredit: Getty Images
Nach dem bereits unerwarteten Abstieg aus der Weltgruppe im November vor heimischem Publikum in Ismaning mit der damals angeschlagenen neuen deutschen Nummer eins Eva Lys und wenig konstanten Leistungen der jungen Spielerinnen dahinter, stieg das DTB-Team nun mit Seidel (Weltrangliste 85) und Akugue (192) keine sechs Monate später in die Regionalgruppe II des prestigeträchtigen Nationenwettbewerbs und damit in die Drittklassigkeit ab.
Dabei war das Ziel in einer Gruppe gegen die zweitklassigen Nationalteams von Portugal (Profis auf 187 und 240 in der Weltrangliste), Schweden (alle außerhalb der 200) und Dänemark (beste Spielerin 595) eigentlich der Wiederaufstieg.
Weltgruppe für Deutschland? Nicht vor 2029
Doch vor allem Seidel ließ im Einzel bei teils windigen Bedingungen und zwei Matches an einem Tag die Konstanz vermissen. Und in der Abstiegsbegegnung gegen nahezu unbekannte Litauerinnen schickte der neue Kapitän Torben Beltz, der einst Angelique Kerber zum ersten Grand-Slam-Titel coachte, die dritte Paarung im dritten Doppel auf den Platz.
Alle einte Verunsicherung und keine klare Doppelstruktur. Letztlich verloren Akugue und Nastasja Schunk mit 8:10 im Match-Tiebreak. Deutsches Tennis in der Weltgruppe ist frühestens 2029 wieder möglich.
Nach dem erstmaligen Abstieg in die dritte Liga des Welttennis sagte Beltz gegenüber der "dpa" in Portugal einen bemerkenswerten Satz. "Die, die hier waren, waren die Richtigen." Er hätte es aber auch anders formulieren können: Die, die hier waren, waren die einzig verfügbaren.
DTB-Sportdirektorin exklusiv: Darum diese Aufstellung
Was sich zunächst in Hintergrundgesprächen mit direkt und indirekt Beteiligten in und um Stuttgart andeutete, wurde am Sonntag von DTB-Sportdirektorin Veronika Rücker bestätigt. Das vom DTB vor der Abstiegswoche kommunizierte Narrativ "Jugend forscht" war nicht der Plan A.
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DTB-Sportdirektorin Veronika Rücker (r.) mit Barbara Rittner (l.)
Fotocredit: Imago
"Wir standen im Vorfeld mit allen in Frage kommenden Spielerinnen im engen Austausch. Eine bewusste Entscheidung für einen kompletten Umbruch hat es so nicht gegeben. Vielmehr mussten wir auf unterschiedliche Situationen reagieren, durch die Spielerinnen nicht zur Verfügung standen", erklärte Rücker gegenüber Eurosport.de - explizit angesprochen auf die Personalien Eva Lys, Laura Siegemund, Tatjana Maria und Tamara Korpatsch.
Lys, die seit Australien an einer Knieverletzung und mit Oberschenkelproblemen zu kämpfen und auch deshalb in 2026 noch kein Einzel gewonnen hat, hatte intern mit Verweis auf die körperlichen Probleme abgesagt.
Lys zwischen Verletzung und Verpflichtungen
Gleichzeitig ist die Durchstarterin von 2025 Markenbotschafterin beim Porsche Tennis Grand Prix mit gewissen Verpflichtungen im Vorfeld des Wettbewerbs, bei dem sie seit Mitte vergangene Woche trainiert und weilt.
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Eva Lys will beim Porsche Tennis Grand Prix zurück zu alter Form finden
Fotocredit: Getty Images
Korpatsch hatte das Turnier in Linz priorisiert und auch die erfahrenen Maria und Siegemund wurden von Beltz angefragt, dessen eigentlicher Plan gewesen sein muss, eine gesunde Mischung nach Portugal zu entsenden.
"Die Aufgabe war mit allen Begleitumständen eine große Herausforderung für eine junge Mannschaft und in den entscheidenden Momenten haben wir nicht die nötige Konstanz gezeigt", erklärte Rücker, die das Ergebnis im Team sehr genau analysieren und aufarbeiten wolle. "Jedoch zunächst intern und nicht in der Öffentlichkeit."
- Porsche Tennis GP heute ab 18:30 Uhr live bei Eurosport 1 und im Stream bei HBO Max
Der Abstieg war am Sonntag in Siegemunds Presserunde in Stuttgart das bestimmende Thema. Grundsätzlich sei sie mit 38 Jahren noch bereit, für Deutschland aufzuschlagen. "Ich habe immer gespielt und bin auch ein Teamplayer, aber jetzt muss ich ab und zu körperlich auf mich schauen. Und das war jetzt mal so eine Phase, in der ich mich auf mich konzentrieren musste", rechtfertigte sich die Stuttgart-Siegerin von 2017, die seit dem letzten Quartal 2025 mit einer Rückenproblematik zu kämpfen hatte und zuletzt eine Verletzung am Oberschenkel mit sich rumschleppte.
Siegemund: "Darauf verlassen, dass die ältere Generation Punkte holt"
Sie habe deshalb nach Miami entschieden, nicht zu spielen. "Wir haben dann sogar nochmals telefoniert und er (Torben Beltz, A.d.R.) hat mich nochmals gefragt, ob ich nicht doch kommen kann. Ich habe meine Reha gemacht, war zu Hause auf Sardinien und habe dort gemerkt, dass ich es nicht rechtzeitig schaffe. Für mich war es wichtig, das auszuprobieren, um für Stuttgart und die lange Sandplatzsaison vorbereitet zu sein."
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Laura Siegemund trifft zum Auftakt des Porsche Tennis Grand Prix auf Viktoriya Tomova
Fotocredit: Getty Images
Mit einem solchen Ergebnis hat keine der Spielerinnen gerechnet, Siegemund war ob des Ausgangs konsterniert, hielt sich mit Worten zurück, sagte zunächst lediglich: "Rein auf dem Papier müssen diese Matches gewonnen werden. Da hätte ich auch mehr erwartet, dass wir zumindest die Klasse halten."
Für Siegemund habe man die jungen Talente zu spät eingebunden. "Das ist in der Vergangenheit zu wenig passiert. Da hat man sich darauf verlassen, dass die ältere Generation die Punkte holt. Und jetzt waren wir auf die Jüngeren angewiesen und die sind es nicht gewohnt, für Deutschland zu spielen."
Tatsächlich durfte Nastasja Schunk vor ihrer schweren Schulterverletzug bereits 2021 Teil des Teams sein. Lys wurde seit 2022 herangeführt. Darüber hinaus wurde auf Jule Niemeier gesetzt, die nach tollen Ansätzen ihr Potential auch wegen körperlicher Probleme nicht mehr abzurufen vermag und momentan außen vor ist. Ella Seidel, auf die es nun ankam, war 2025 beim Abstieg erstmals dabei und wirkt unter dem Druck alles andere befreit. Akugue feierte gar erst in Portugal ihre Premiere.
Siegemund wird deutlich: Viel zu wenig Fokus auf dem Doppel
Siegemund, die im Doppel und Mixed drei Grand-Slam-Titel gewann, kritisierte Verband, Medien, Turniere, quasi alle Beteiligten in der Doppelthematik. "Doppel hat auch in meiner Ausbildung nie eine Rolle gespielt. Das hat auch wenig Bedeutung in Deutschland. Wen interessiert das schon, ob jemand 100 oder 120 steht im Doppel. Das interessiert erst, wen wie bei mir mal Grand-Slam-Titel eingefahren werden. Dann werden auch Interviews geführt. Das ist aber die Spitze."
Doppel interessiere zu wenig, wird zu wenig gezeigt und sicherlich auch zu wenig trainiert. "Keine Frage. Der Fokus auf der Tour liegt klar auf dem Einzel. Deswegen verwundert es nicht, wenn dann entscheidende Doppel plötzlich verloren werden. Beim BJK-Cup, bei Olympia ist Doppel plötzlich interessant. Und dann wissen sie plötzlich nicht, wie Doppel gespielt wird. Das ist eigentlich kein Wunder. Auf allen Ebenen liegt zu wenig Fokus darauf", erklärte Siegemund.
Auf die Doppel in der Ausbildung ging Rücker auf Anfrage nicht konkret ein, warb für Geduld. "Wir sehen im Nachwuchsbereich positive Entwicklungen und haben Spielerinnen mit großem Potenzial. Gleichzeitig wissen wir, dass der Schritt in die absolute Spitze der entscheidende ist und genau dafür braucht es Zeit und Geduld."
Stuttgart - eine Chance zur Wiedergutmachung
Das Ergebnis sei enttäuschend, stelle aber den grundsätzlichen Weg im Leistungssport nicht infrage. "Wir wissen, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden. Entscheidend ist, dass wir die Entwicklung der nächsten Generation weiter vorantreiben und in einzelnen Bereichen gezielt nachjustieren. Wir haben volles Vertrauen in Torben Beltz und seine Arbeit. Die enge Begleitung der Spielerinnen über das Jahr hinweg bleibt ein zentraler Bestandteil unseres Ansatzes", so Rücker
- Porsche Tennis Grand Prix: Ergebnisse und Matches im Überblick
Der Verband hat bereits vor einiger Zeit einen ambitionierten Plan, ein neues Leistungssportkonzept ausgearbeitet, nachdem im Jahr 2032 jeweils acht bis zehn Spielerinnen und Spieler in den Top 100 der Welt stehen sollen. Aktuell sind es insgesamt nur acht - und Profis wie Siegemund und Maria bei den Frauen sowie Jan-Lennard Struff (35) und Yannick Hanfmann (34) bei den Männern stehen vor dem Ende ihrer Karrieren.
Für die Entwicklung der Talente Lys, Seidel, Akugue und die ganz jungen, die nachrücken, ist der Abstieg in die Drittklassigkeit im Teamkontext bitter. Aber der BJK-Cup macht nur wenige Wochen im Jahr aus. Die jungen Spieler haben wöchentlich auf der Tour und im Training internationale Vergleich- und Entwicklungsmomente. Die Chance auf Wiedergutmachung oder gar eine Trotzreaktion besteht für Seidel und Akugue nun direkt in Stuttgart.
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