Der LIGAstehniker: FC Bayern München wird wieder Meister - ist das noch sehenswert?

Für den LIGAstheniker grenzt der wahrscheinlich nächste Titelgewinn des FC Bayern bereits an Langeweile. Thilo Komma-Pöllath sieht in den "Rekord-Bayern" eine Gefahr für die Bundesliga. Während die Konkurrenz immer weiter zurück fällt, glänzen die Münchner mit Konstanz. Der Autor erklärt, wie Carlo Ancelottis "Entspannungs-Dosis" den Bayern auch außerhalb der Liga zu neuen Höhen verhelfen kann.

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Der 24. Spieltag, so muss man das leider sagen, war für die Liga ein kleiner Offenbarungseid. Wer das Spiel der Bayern gegen Frankfurt gesehen hat, der hat auch gesehen, dass die Münchner regelrecht darum gebettelt haben, mal wieder ein Spiel verlieren zu dürfen.
Die erste halbe Stunde war ein wirres Durcheinander, auch danach wurde es kaum besser. Das Ergebnis kennen wir: 3:0 und nicht 0:3. Wie kann das sein? Würde Ancelotti die Bundesliga so ernst nehmen wie die Champions League, wär's vermutlich zweistellig geworden. Tut er nicht, das ist offensichtlich. Warum auch, geht ja auch so.

Klassenunterschied zwischen Bayern und dem Rest

Die Bayern sind also schon wieder Meister, zum fünften Mal in Folge, noch nicht rechnerisch klar, aber alles andere ist blanke Utopie. Fünf Mal hintereinander - das gab's noch nie in der über 50-jährigen Geschichte der Bundesliga.
Auch in sofern hat dieser 24. Spieltag eine Entwicklung zementiert, die ebenso langweilig wie bedenklich ist: Der Klassenunterschied zwischen dem FC Bayern und dem ganzen Rest ist so groß, dass die Spitzenfrage der Liga schon gar nicht mehr gestellt wird.
Ein Jammer und – für jeden zahlenden Kunden – eigentlich eine Frechheit. Dem Produkt Bundesliga schadet das, aber vielleicht nicht so sehr, wie man denken könnte. Die Bayern in der Bundesliga, das ist wie Usain Bolt beim 100 Meter-Lauf.
Wer gewinnt, ist schon vorher klar, aber sehen will man es irgendwie eben doch. Ab Platz zwei beginnt die Staffage. Die DFL jedenfalls scheint das nicht zu stören.

Konstanz statt Zufall

Es wird sich auch so schnell nichts ändern, auch das hat das Frankfurt-Spiel gezeigt. Die Bayern lassen selbst dann nicht locker, wenn sie es locker angehen lassen. Die nominelle Nr. 2 in Deutschland, der BVB, strampelt sich ab so gut es geht und verliert doch wieder nach einer Champions-League-Woche.
Drei Spiele in sieben Tagen, das kann er nicht, der BVB, das können NUR die Bayern. Was Konstanz und Effektivität angeht, sind sie der Liga um Jahre enteilt.
Grund dafür ist ein seit vielen Jahren institutionalisiertes Erfolgsdenken, das man nicht sympathisch finden muss (ich persönlich halte es sogar für ziemlich neurotisch), das es so aber nirgendwo sonst in der Liga gibt. Nicht in Dortmund, schon gar nicht auf Schalke, und noch nicht in Leipzig.
Als Tuchel nach der Niederlage in Berlin gefragt wurde, warum Dortmund nach einem großartigen CL-Sieg in der Liga wieder gepatzt hat, mutmaßte er, das könne auch "Zufall" sein.
Lieber Thomas Tuchel, genau das ist das Problem: Während die Bayern nichts dem Zufall überlassen, ist in Dortmund immer noch viel von internen Unzulänglichkeiten abhängig. Dies abzustellen wäre Tuchels Job.

Carlos Gespür für die richtige Dosis

Allerbestes Anschauungsmaterial für diese "Bayern-Struktur" ist die intelligente Belastungssteuerung Ancelottis. Er lässt seine Bayern-Pferde nur so hoch springen wie sie müssen und gewinnt dennoch haushoch.
Letzte Woche zitierte er während einer Pressekonferenz eine spanische Volksweisheit, die das metaphorisch stimmig auf den Punkt bringt: "demasiada agua mata la planta" – auf gut deutsch: auch zu viel Wasser macht Pflanzen kaputt.
Auf die richtige Dosis kommt es an, keiner hat so ein Gefühl für diese Erwartungs- und Entspannungs-Dosis wie Ancelotti. Auch deshalb muss den Bayern in diesem Jahr nicht nur in der Liga, sondern gerade im K.o.-Modus der Champions League alles zugetraut werden.
Mehr jedenfalls, als dem fast schon wieder vergessenen Pep, der selbst in Ingolstadt und Mainz die höchsten Gatter vermutete und am Ende war die Puste weg für Real und Barcelona.
Ich weiß natürlich, was jetzt wieder kommt. Und bevor ich in den Kommentarspalten gleich wieder missverstanden werde, eine kleine Anmerkung in eigener Sache: Ich bin kein Bayern-Freund (behauptet eh fast keiner), ich bin kein Bayern-Hasser (sagen so viele), ich bin nicht gekauft (habe ich hier auch schon gelesen).
Stattdessen versuche ich mir ein nachvollziehbares Urteil zu erlauben, das alle nötigen Aspekte berücksichtigt. Der LIGAstheniker hat eine Schwäche für das Spiel (deshalb der Name), nicht für einen bestimmten Klub (was mir viel zu eng wäre).
Also gilt: Eine Liga, die nur einen Sieger kennt, hat seinen sportlichen Wert aufgegeben und wird auf Dauer ihr Produkt beschädigen und verramschen. Denn zum Sport gehört - per definitionem - die Ungewissheit des Ausgangs. Auch deshalb ist der 100-Meter-Lauf seit Bolt einfach nicht mehr mitanzusehen.
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