Die größten Ausreißer-Geschichten der Tour de France: Vom Marathon-Solo bis zum Tour-Sieg

Die größten Ausreißer-Geschichten der Tour
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Sie sind die heimlichen Helden der Tour: Auf jeder Etappe stürzen sich Ausreißer ins Abenteuer, suchen ihr Glück in der meist vergeblichen Hoffnung auf einen Etappensieg. Doch dann gibt es diese Tage, an denen der Mut doppelt und dreifach belohnt wird: Plötzlich nimmt das Rennen - und mit ihm manchmal ein ganzes Schicksal - eine Wendung, mit der niemand hatte rechnen können.

Plötzlich findet sich ein Angreifer im gelben Rampenlicht wieder, manchmal sogar für länger als nur ein paar Tage, manchmal sogar bis Paris.

Um die unglaublichen Geschichten zu erzählen, haben wir mit den Hauptdarstellern höchstpersönlich gesprochen: Mit Thomas Voeckler und Oscar Pereiro, Jens Voigt und Thierry Marie, Ronan Pensec und Claudio Chiappucci. Sie - und Tour-Chef Christian Prudhomme - nehmen uns mit auf endlose Kilometer und einmalige Coups.

Vom Ausreißer zum Tour-Sieger: Ein "Witz" wird Wirklichkeit

Es liegen 50 Jahre zwischen den Tour-Siegen von Roger Walkowiak 1956 und Oscar Pereiro 2006, doch sie haben eine große Gemeinsamkeit: Beide suchten ihr Heil in der Flucht, hofften auf einen Etappensieg und wurden stattdessen durch ihre Angriffslust am Ende zu Tour-Siegern.

Zwar war für ihre Triumphe mehr als nur dieser eine Coup nötig, aber ohne diesen Auslöser hätte es den historischen Moment nie gegeben.

Wenn wir ihre schier unglaublichen Geschichten hier ins Rampenlicht rücken, dann darf man diese Fahrer aber nicht allein auf den Aspekt des mutigen Ausreißers reduzieren. Besonders Walkowiak nicht, den Franzosen aus der bescheidenen Regionalauswahl von Nord-, Ost- und Zentralfrankreich, der im Alter von 29 Jahren seinen bis dahin sehr überschaubaren Palmares plötzlich mit den größten Preis des Radsports krönte.

Tour 1956: Roger Walkowiak in Angers, wo er Gelb eroberte

Tour 1956: Roger Walkowiak in Angers, wo er Gelb eroberteAFP

Für manche Tour-Puristen war und bleibt Walkowiak ein Eindringling ins Pantheon der größten Radsportler, ein Fehler im System. Der Vorwurf: Er hat die Tour 1956 nicht in klassischer Weise dominiert, die Rivalen nicht an den berühmten Bergen abgehängt oder im Zeitfahren zermürbt.

Keine Frage - er ist nicht Fausto Coppi oder Eddy Merckx. Aber wo steht, dass man die Tour nur durch gnadenlose Überlegenheit gewinnen darf?

Manchmal reicht eine Etappe, auf der man sein Herz in die Hand nimmt, sein Glück versucht, und schließlich mit einem Erfolg belohnt wird, von dem man nicht eine Sekunde geträumt hatte. Bei Walkowiak sind es 244 Kilometer von Lorient nach Angers am Ende der ersten Rennwoche, die ihn aus der Anonymität ins Gelbe Trikot katapultieren. Mit einer 31 Fahrer großen Gruppe kommt er 19 Minuten vor allen Favoriten ins Ziel, ein Geschenk, das die eigentlichen Sieganwärter noch bitter bereuen werden. Es wird der Wendepunkt dieser Tour – und des Lebens von Walkowiak.

Doch seinen Tour-Sieg verdient er sich auf jeder der Etappen, er zeigt keine Schwäche – nicht auf dem Weg nach Angers, nicht im Hochgebirge, nicht beim 73 Kilometer langen Zeitfahren. Sich auf solche Weise durch glückliche Umstände und eigene Zähigkeit einen unerwarteten Triumph zu erkämpfen, wird schnell zum geflügelten Wort, der Ausdruck einer "Tour à la Walko" hält Einzug im Radsport-Jargon.

Darum kommt der Gedanke an 1956 sofort in den Sinn, als ein halbes Jahrhundert später Oscar Pereiro aus dem Nichts ins Gelbe Trikot fährt. Die Geschichte des Spaniers ist noch abenteuerlicher, denn zu Beginn jener Tour hat er durchaus "einen Platz in den Top 5" im Visier. Aber die Pyrenäen-Bergankunft am Pla de Beret kostet ihn 28 Minuten und alle Hoffnungen - denkt er.

"Ich habe hier nichts verloren und sollte nach Hause fahren, ich bin scheiße. Es ist eine fürchterliche Enttäuschung", schildert uns Pereiro seine Gefühle an diesem Tag, "zu keinem Zeitpunkt habe ich daran gedacht, die verlorene Zeit wieder aufholen zu können."

Bis aus heiterem Himmel die Wende kommt. Nur zwei Tage später ist es soweit, doch den Anfang nimmt die Geschichte noch am Abend der fatalen Bergetappe. "Als ich zum Hotel kam", erzählt und Pereiro, "habe ich meine Einstellung geändert. Ich habe die Fans gesehen, die extra aus Galizien angereist waren und am nächsten Morgen sagte ich mir: ich werde es jetzt jeden Tag als Ausreißer versuchen." Aber dabei hat er einen Etappensieg im Blick, nicht das Gelbe Trikot. Pereiro gesteht lachend:

"Wenn man mir vor der Tour gesagt hätte, dass ich eine halbe Stunde in den Pyrenäen verliere, sie auf einer Flachetappe wieder aufhole und schließlich die Tour gewinne - dann hätte ich das natürlich nicht geglaubt. Das wäre mir wie ein Witz vorgekommen."
Oscar Pereiro in Gelb auf dem Podium in Montélimar

Oscar Pereiro in Gelb auf dem Podium in MontélimarEurosport

Doch der Witz wird zur Wirklichkeit. Es geht von Béziers nach Montélimar an diesem 13. Tour-Tag, eines jener oft als Überführungsetappen klassifizierten Teilstücke, 230 Kilometer. Pereiro macht sich auf den Weg, und er findet vier tempoharte Begleiter in Jens Voigt, Sylvain Chavanel, Andrei Grivko und Manuel Quinziato. "Es war eine lange Etappe bei großer Hitze… Die Teams der Favoriten wollten keine Kräfte in eine Verfolgungsjagd stecken. Und schnell war klar, dass die Gruppe es ins Ziel schaffen würde", erinnert sich der damals für das Team Caisse d’Epargne fahrende Profi.

Pereiro ist der mit Abstand bestplatzierteste Fahrer aus der Ausreißergruppe in der Gesamtwertung, aber eben auch so weit zurück, dass man ihn auf irgendeiner Rechnung haben müsste. Doch als das Feld die Zügel lockerlässt, steigt der Abstand schnell an und nimmt irgendwann unglaubliche Ausmaße an.

Bei den Ausreißern wird bereits gescherzt, wie sich Voigt im Gespräch mit Eurosport erinnert: "Als wir eine Viertelstunde Vorsprung haben, fahre ich zu Pereiro und sage ihm: He Oscar, Du wirst Dir Gelb holen, ist das nicht ein Ding? Und er meint: Ja, das wäre wirklich lustig. Aber es war ein Witz. Niemand, und er schon gar nicht, glaubte wirklich daran, dass es dazu kommen würde."

Es sind diese beiden, die in Montélimar als Duo um den Etappensieg sprinten. Voigt hat keine Mühe, sich durchzusetzen, denn Pereiro hat ein anderes Ziel. "Ich bin zwar gesprintet, aber ich hatte keine Kräfte mehr", erinnert sich der Spanier. "Ich hatte mich mit Blick auf das Gelbe Trikot völlig verausgabt." Und Voigt?

"Das war der schönste Sieg meiner Karriere, aber Oscar hatte das maillot jaune. Ich habe mich für ihn gefreut, denn er war einer, den ich gut leiden konnte. "

Video - Voigt schlägt Pereiro nach "Marathon"-Flucht

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An diesem Abend wird Pereiro pausenlos auf einen Namen angesprochen, der ihm gar nichts sagt. "Ich hatte vor 2006 noch nie von Walkowiak gehört. Aber man hat mir noch an diesem Tag seine Geschichte erzählt", schmunzelt er. Wie sein Vorgänger wird er am Ende die Rundfahrt als "Tour à la Walko" für sich entscheiden.

Allerdings birgt seine Geschichte noch eine zusätzliche unerwartete Umwälzung. Denn in Paris beendet Pereiro die Tour auf dem zweiten Platz, geschlagen von Floyd Landis. Erst der positive Dopingtest des US-Amerikaners bringt ihm am Grünen Tisch den Titel ein. Aber ohne die Flucht nach Montélimar hätte er seinem Schicksal nie diese Wendung gegeben.

Walkowiak und Pereiro verdanken ihren Platz in den Geschichtsbüchern ihrem Wagemut - und genau das macht Ausreißversuche aus. Sie lassen manchmal das Unmögliche möglich werden.

Beide Fahrer haben dabei auch von eine jener seltenen Gelegenheiten in der Tour-Geschichte profitiert, in denen eine Ära endet und neue Protagonisten noch nicht die Herrschaft übernommen haben. Dem Franzosen gelingt es, die Gunst der Stunde nach den drei Siegen von Louison Bobet und vor der Ära von Jacques Anquetil zu nutzen, Pereiro sichert sich die erste Tour nach dem Rücktritt von Lance Armstrong und bevor Alberto Contador zum Siegfahrer wird.

Vollgas am Vormittag: Der verrückte Coup am Freizeitpark

"Sie sind verrückt geworden". Mit dieser Schlagzeile bringt L’Equipe am Tag danach auf den Punkt, was bis heute einer der großen Sensationen der Tour-Geschichte geblieben ist. Wir sind im Jahr 1990 und beim Auftakt-Wochenende des Rennens, das am Vergnügungspark Futuroscope stattfindet. Nach dem traditionellen Prolog am Samstag sind alle Favoriten in Gedanken schon beim Mannschaftszeitfahren am Sonntagnachmittag, die morgendliche Halbetappe sehen sie als Sonntagsausfahrt vor der Prüfung im Kampf gegen die Uhr.

Was soll auf den 138 Kilometern schon passieren?

Doch da haben die Stars die Rechnung ohne ein Ausreißerquartett gemacht, das ohne Rücksicht auf den nachmittäglichen Nachschlag sein Heil in der Flucht sucht. Im Feld schaut man sich an: Die beiden Helden des Vorjahres, Greg LeMond und Laurent Fignon, auf deren neues Duell alle hinfiebern. Pedro Delgado, der Sieger von 1988, Gianni Bungo, der eben gekürter Giro-Gewinner.

Niemand will seine Teamkollegen in einer Verfolgung aufreiben und damit seine Aussichten für die Sekundenjagd wenige Stunden später verschlechtern. Also wächst der Vorsprung Minute um Minute, an der Spitze können Frans Maasen, Steve Bauer, Ronan Pensec und Claudio Chiappucci nicht fassen, was geschieht. Nach 3:19 Stunden Fahrtzeit machen sie den Etappensieg unter sich aus, erst 10:35 Minuten später führt Olaf Ludwig das Feld über die Ziellinie.

Frans Maassen siegt am Futuroscope, seine Begleiter werden Gelb für insgesamt 19 Tage tragen

Frans Maassen siegt am Futuroscope, seine Begleiter werden Gelb für insgesamt 19 Tage tragenImago

Ein Feld, das schnell erkennen wird, welch‘ fatalen Fehler es begangen hat. Wie konnte es vergessen, wem es hier freie Fahrt gelassen hatte? Denn das Quartett hat Qualität. Sicher, um Maasen muss man sich nicht sorgen, der Niederländer ist mit dem Etappensieg bestens bedient und keine weitere Gefahr. Aber seine Begleiter: Steve Bauer, der die Tour schon als Vierter beendet hat, Pensec, der Edelhelfer von LeMond und schon Sechster und Siebter in der Gesamtwertung – zwei echte Podiumskandidaten. Und Chiappucci? "Von dem wusste ich nichts, er kam aus dem Nichts, wir hielten ihn für keine Gefahr", gibt Pensec offen zu.

Grober Fehler, denn der Italiener hat eben erst beim Giro das Bergtrikot gewonnen. Genau diese Sonderwertung hat er auch für Tour im Blick, mit diesem Klassement im Sinn geht er in die Offensive, ohne jeden Hintergedanken. "Ganz ehrlich, ich habe nicht an die Gesamtwertung gedacht. Mein Angriff galt nur den ersten Punkten in der Bergwertung. Auf dieses Trikot hatte ich es abgesehen, nicht auf Gelb. Das schien mir vermessen, zu groß, zu schön", gesteht uns der, den da noch niemand "Il Diabolo" nennt. Alle unterschätzen Chiappucci, er selbst vorneweg.

Dabei profitiert jeder der vier Ausreißer von dem unverhofften Präsent des Pelotons. Maasen zuerst, denn er gewinnt seine erste und einzige Tour-Etappe. Seine drei Begleiter wiederum tragen der Reihe nach allesamt das Gelbe Trikot, angefangen mit Bauer. Der Kanadier bleibt neun Tage im "maillot jaune", bis an die Alpen. Dann übernimmt Pensec – und der darf von mehr als nur einem Intermezzo träumen. "Ok für Ronan", gibt Kapitän LeMond seine Zustimmung: Team "Z" spielt ab sofort auch die Karte des Bretonen in der Gesamtwertung, nicht nur die des Titelverteidigers aus den USA.

Die Ernüchterung aber folgt schnell. Nach Alpe d’Huez schlägt sich Pensec noch tapfer, doch das Bergzeitfahren tags darauf wird ihm zum Verhängnis. "Als ich den Kurs morgens abgefahren bin, hatte ich beste Beine", erinnert sich Pensec, "aber am Nachmittag war ich völlig kraftlos, wie blockiert - so ist das manchmal".

Ronan Pensec kämpft sich Gelb nach Alpe d'Huez

Ronan Pensec kämpft sich Gelb nach Alpe d'HuezGetty Images

So ist es Chiappucci, der sich nach der 12. Etappe erstmals Gelb überstreift. "Dieser Moment hat mein Leben verändert", betont er die Dimension jenes Tages.

"Da habe ich begriffen, welche Bedeutung dieses Trikot hat: Plötzlich wollten alle etwas von mir, ob Fans oder Journalisten. Wenn man Gelb trägt, kann man sich nicht mehr verstecken."

Mit einem Vorsprung von 7:27 Minuten auf LeMond geht Chiappucci in die letzten zehn Tage der Tour, nur anderthalb Minuten hat er auf den Alpenetappen gegen den Vorjahressieger verloren. "Ich habe trotzdem nicht an den Gesamtsieg geglaubt", unterstreicht der heute 54-Jährige, "die anderen hatten viel mehr Erfahrung, während ich noch immer nach meiner Rolle suchte".

Tatsächlich wird er diese Tour nicht gewinnen, aber das liegt nicht so sehr an seinen Leistungen auf den Bergetappen der Pyrenäen oder dem letzten Zeitfahren. Chiappucci verliert die Tour am Ruhetag, kurz nachdem er Gelb erkämpft hatte. "Ich war frischer Spitzenreiter und so habe ich den ganzen Ruhetag mit der Presse, mit Tifosi, mit wem auch immer verbracht. Ich habe den Fokus verloren, nicht gut trainiert - und das habe ich bezahlt."

12. Juli 1990: Claudio Chiappucci trägt ertsmals das Gelbe Trikot

12. Juli 1990: Claudio Chiappucci trägt ertsmals das Gelbe TrikotGetty Images

Diesmal geht Chiappucci in die Falle: Er verliert am Tag danach auf mäßig schwerem Terrain fast fünf Minuten, beinahe die Hälfte seines Polsters vom Futuroscope. Auslöser ist ausgerechnet Pensec, der da in der Gesamtwertung noch Zweiter ist: "Ich habe attackiert und sein Carrera-Team hat mich wieder eingefangen. Aber das hat dazu geführt, dass in der entscheidenden Phase der Etappe keine Helfer mehr bei Chiappucci waren." Fazit Pensec: "Wenn ich nicht in dieser Ausreißergruppe gewesen wäre, hätte Greg die Tour nicht mehr gewonnen."

Chiappucci gesteht offen ein, dass dieser Tag ihn den Tour-Sieg kostete.

"Das große Problem war meine Mannschaft, sie war zu schwach. Und ich war unter Stress, denn ich musste mit einer Situation klarkommen, der ich nicht gewachsen und auf die ich nicht vorbereitet war. Es ist schade, fünf Minuten auf einer halbwegs leichten Etappe zu verlieren."

Und dennoch ist nach dieser Tour 1990, die er als Zweiter mit 2:16 Minuten Rückstand auf LeMond beendet, nichts mehr wie zuvor. Er steht auch 1991 & 1992 in Paris auf dem Podium, gewinnt zweimal das Bergtrikot und dazu drei Etappen. "Mein Leben als Radprofi hat sich für immer durch diese Tour verändert", sagt er mit einem Lächeln. "Ich habe unglaublich viel über mich gelernt und habe die Antworten bekommen, die ich gesucht habe."

Und ja, gibt Claudio zu: Manchmal, da frage er sich schon, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er nicht an jenem Morgen am Futuroscope angegriffen hätte.

Katz und Maus: So läuft die Jagd

Gerade weil die Ausreißer immer dem Gutdünken des Feldes ausgeliefert sind, haben diese berühmten Etappen Geschichte geschrieben. Sie sind die Ausnahme vom Alltag der fast punktgenau gesteuerten Verfolgungsarbeit des Pelotons.

Wie das "Tauziehen" auf zwei Rädern abläuft, erklärt unser exklusives Video:

Video - Tour-Taktik: So jagt das Feld die Ausreißer

03:51

"Kamikaze"-Solo mit Gesangseinlage beim Heimspiel

234 Kilometer. Alleine. 234000 Meter. Solo - bis zum Sieg.

Er ist kein Unbekannter bei der Tour. Er hat bereits seine Siege, seine Tage in Gelb. Doch Geschichte schreibt Thierry Marie nicht mit seinen Erfolgen in Prologen, für die er Spezialist ist. Geschichte schreibt er mit dem längsten Solo der modernen Tour-Geschichte.

Es ist eine verrückte Aktion, einer gegen alle. Aber am 11. Juli 1991 kann der Franzose einfach nicht anders. Denn die Tour kommt in seine Heimat. Es geht durch die Normandie, eine Etappe über 259 Kilometer von Arras nach Le Havre. Was dabei geschieht, erzählt uns der heute 54-Jährige in seinen eigenen Worten:

"Alles hat seinen Anfang Jahre zuvor, bei der Tour de France 1986. Damals hatte ich Gelb genau in dem Moment verloren, als es in die Normandie ging. Aus der Traum, im "maillot jaune" durch meine Heimatregion zu fahren. Das hat mich getroffen und einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Fünf Jahre später gewinne ich wieder den Prolog der Tour, muss Gelb aber einen Tag später wegen der Zeitgutschriften an LeMond abgeben. Warte ab, sage ich mir, in ein paar Tagen kommen wir für drei Etappen in die Normandie. Mein Plan ist es, das Zeitfahren am 13. Juli zu nutzen, um mir dort wieder Gelb zu holen. Ich weiß, dass ich ein Top-Zeitfahren auspacken kann. Doch dann werfe ich den Plan über Bord, und ja, das ist ein wenig verrückt:

Nach einem Zwischensprint zu Anfang der Etappe nach Le Havre gebe ich fünf Kilometer lang Vollgas. Aber es ist noch unheimlich weit ins Ziel und ich frage mich: Durchziehen oder nicht? Ich war schon öfter in solchen Situationen und meistens habe ich dann Tempo rausgenommen. Aber diesmal sind wir in der Normandie, wir sind bei mir. Also fahre ich weiter. Denn ich merke, dass ich gute Beine habe. Das Zeitfahren kann ich allerdings damit abhaken, da hätte ich nur ausgeruht eine Chance. Aber ich wittere eine günstige Gelegenheit und die will ich nutzen.

Denn am Tag zuvor ist der Träger des Gelben Trikots, Rolf Sörensen, im Finale gestürzt und musste aufgeben. LeMond aber weigert sich, das "maillot jaune" auf dieser Etappe zu tragen, denn er habe es nicht verdient. Also gibt es im Feld kein Team, das sich so richtig verantwortlich fühlt, wegen der Gesamtwertung Ausreißer zu jagen. Und so kann ich meinen Vorsprung bis auf 20 Minuten ausbauen, ohne dass jemand reagiert."

Thierry Marie bei seinem Solo durch die Normandie

Thierry Marie bei seinem Solo durch die NormandieEurosport

Der Vorsprung schmilzt, je näher Le Havre rückt, doch Marie ist sich seiner Sache sicher und rettet tatsächlich knapp zwei Minuten Vorsprung:

"In der Tasche ist der Sieg erst zehn Kilometer vor dem Ziel, aber ich habe den ganzen Tag daran geglaubt, dass ich durchkomme. Wenn man im Radsport nicht stark im Kopf ist, kann man es gleich lassen."

"Neben dem Etappensieg hole ich zum dritten und letzten Mal in meiner Laufbahn das Gelbe Trikot, dazu noch das Bergtrikot – es ist der Jackpot. Aber während ich im Ziel realisiere, was ich da geschafft habe, zahle ich den Preis für die Anstrengungen. Ich bin komplett leer, völlig kaputt. Sie müssen mir aufs Podium helfen, ich kann kaum noch stehen und habe Angst, dass ich nach vorne in die Zuschauer kippe.

Einen Tag lang kann ich das Trikot verteidigen, im Zeitfahren aber werde ich 20. und bezahle für mein Solo. Aber ich bereue es nicht. Denn wenn ich heute zurückblicke, dann sind da zwar meine Prolog-Siege, aber das reicht nicht. Damit man sich an einen erinnert, muss man einen echten Coup vorweisen können. Und der Sieg in Le Havre hat mir sehr viel Anerkennung eingebracht. Ja, es ist durchaus verrückt gewesen, ein bisschen Kamikaze. Man darf keinen Schiss haben, wenn man so eine Nummer abziehen will - und ein leichter Hau schadet auch nicht…"

Die längsten Solo-Fluchten der Tour

"Aber an meine Nummer erinnern sich die Leute noch immer, auch wenn es langsam ein paar Jahre her ist. Besonders in der Normandie hat es die Leute beeindruckt. Vor allem, weil ich während des Rennens auch noch unsere heimliche Hymne angestimmt habe - "Ich werde meine Normandie wiedersehen…" - das vergessen die Leute von hier nicht.

Wenn die Etappe nicht in der Normandie gewesen wäre, hätte ich sie wohl auch gar nicht gewonnen. In der Bretagne oder Bourgogne wäre es viel schwerer für mich gewesen. Ich habe mal Laurent Fignon gefragt, ob er immer die gleiche Motivation habe, beim Giro, in Spanien oder bei der Tour. Selbstverständlich!, sagte er. Bei mir war das anders, ich bin tief in meiner Heimat verwurzelt, das berührt mich sehr und dass es damals ein Heimspiel war, hat mich sehr motiviert.

In meinem letzten Jahr als Profi, 1996, wollte ich diese Nummer nochmals zeigen. Das war bei Paris - Nizza, aber ich war schnell wieder eingeholt und musste am nächsten Tag sogar aufgeben."

"Um ein solches Ausreißer-Solo durchzuziehen reicht es nicht, ein wenig verrückt zu sein. Man muss auch die Beine dazu haben. Auf dem Weg nach Le Havre hatte ich sie."

Armstrong und die Apokalypse: Rekord-Abstand ohne Krönung

36 Minuten. Was klingt wie eine Zeitmessung aus den schwarz-weißen ersten Jahrzehnten der Grande Boucle, erlebt die Tour am 15. Juli 2001. Mitten in den Jahren der Herrschaft Lance Armstrongs entwischt eine Gruppe von 14 Fahrern dem Texaner um über eine halbe Stunde.

Bei danteskem Wetter hat das Feld im Ziel von Pontarlier so viel Rückstand, dass es laut Reglement geschlossen aus dem Rennen genommen hätte werden müssen, denn die Karenzzeit war bereits abgelaufen. Aber nach der 8. Etappe über 160 Fahrer auszuschließen, ist keine Option.

"Ich war damals TV-Kommentator", erzählt uns Tour-Chef Christian Prudhomme, "wir konnten am Mikrofon nicht fassen, was sich abspielte. Der Abstand stieg auf 15 Minuten - was schon enorm war - doch er wuchs immer weiter an, bis auf eine halbe Stunde. Wir fragten uns, wann das aufhören würde."

Pontarlier 2001: Erik Dekker gewinnt die Regenetappe

Pontarlier 2001: Erik Dekker gewinnt die RegenetappeGetty Images

Damit ein Vorsprung in solche Dimensionen wächst, sind zwangsläufig besondere Umstände notwendig. An diesem Sonntag ist das zuallererst das Wetter. "Es war fürchterlich, einfach Scheiße", so Jens Voigt. Er trägt an diesem Tag das Gelbe Trikot, doch das ist kaum je zu sehen, denn er muss es fast die ganze Etappe unter der Regenjacke verstecken. Voigt, sicher ein wetterharter Profi, zählt auf: "Sehr kalt, viel Wind und dazu der Dauerregen", viel ekelhafter geht kaum. Aber einen besseren Verbündeten können sich die Ausreißer nicht wünschen.

"Das Wetter hat eine Rolle gespielt", bestätigt Erik Dekker, Gewinner dieser Etappe nach 222,5 Kilometern. Der erfahrene Niederländer, dreifacher Ausreißersieger im Jahr zuvor, setzt sogar genau auf diesen Faktor: "Ich habe mir am Vorabend den Wetterbericht angesehen und beschlossen, etwas zu versuchen. Regen und Kälte sind nie angenehm, aber das kann helfen, um eine Etappe für sich zu entscheiden. Und wenn das Wetter schon fies ist, dann fährt man besser vorne, denn umso schneller ist man im Trockenen:

"Lance Armstrong hat an diesem Tag 35 Minuten länger gefroren als ich!"

Dabei hätte die Ausreißergruppe um ein Haar nie eine Chance gehabt. Denn als sie sich fünf Kilometer nach dem Start in Colmar bildet, ist ein Fahrer dabei, der seinen Begleitern Kopfschmerzen macht: Alexander Winokurow hat sich mit abgesetzt, ein gefährlicher Kandidat für die Gesamtwertung. "Das war ein echtes Problem für uns", so Dekker, "niemals hätte Armstrong die Gruppe mit ihm ziehen lassen. Zum Glück trifft den Kasachen ein Defekt und als ich das gesehen habe, rief ich "Yes!". Wir hatten hart gekämpft, um uns abzusetzen und Winokurow hatte da nichts zu suchen."

Und so zogen die 14 wetterfesten Angreifer davon, um 215 Kilometer zu bewältigen, die in die Tour-Geschichte eingehen sollen. Doch Geschichte zu schreiben, ist nicht immer spannend. "Es war ein wenig langweilig", sagt Dekker ehrlich, "wir hatten so viel Vorsprung und es war noch so weit zum Ziel… Wir haben in der Gruppe schon Witze gemacht, als der Abstand immer weiter kletterte." Für den Niederländer, der in Pontarlier seinen letzten Tour-Etappensieg holt, geht es schließlich nur um diesen Preis. Der enorme Vorsprung auf das Feld spielt für ihn keine Rolle.

Video - Dekker triumphiert 2001 im Dauerregen

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Das sieht für einige der Angreifer anders aus. Aber was diesem Rekord-Ausreißversuch am Ende fehlt, ist dennoch die historische Dimension für die Gesamtwertung. Ein ganz großer Umsturz wie bei Walkowiak oder Pereiro bleibt aus, Armstrong macht nicht den Fehler der Stars der Jahre 1956 und 2006.

Einen Kandidaten für den Jackpot gab es aber auch in dieser Gruppe: Andrei Kiwilew, Kasache und enger Freund von Winokurow. "Er war noch nicht sehr bekannt, aber alle wussten, dass er ein starker Kletterer ist", so Voigt:

"Lance persönlich hat damals irgendwann zu seinen Teamkollegen gesagt: Jungs, wenn wir Kiwilew zu viel Vorsprung geben, wird das gefährlich - und darum haben sie irgendwann Tempo gemacht."

Ohne den Cofidis-Ausreißer hätte der Abstand also sogar noch mehr als die verrückten 36 Minuten betragen können.

Gelb übernimmt in Pontarlier erst einmal Stuart O’Grady, ein Teamkollege von Voigt. Die Helfer müssen den durchgefrorenen Australier vom Rad heben. Später wechselt das "maillot jaune" für einige Tage zum Franzosen Francois Simon, auch er Mitglied der Ausreißergruppe (und Sechster in Paris), bevor Armstrong an der Reihe ist. Kiwilew hingegen bleibt Gelb verwehrt, trotz 13 Minuten Vorsprung auf den Texaner nach jener Etappe. In Paris ist er Vierter, 48 Sekunden fehlen ihm zum Podium.

Andrei Kivilev (li.) auf dem Weg nach Alpe d'Huez 2001

Andrei Kivilev (li.) auf dem Weg nach Alpe d'Huez 2001Imago

Tragisch mag man das aber nicht nennen, denn die Geschichte von Kiwilew setzt leider zwei Jahre später alle sportlichen Dramen in Perspektive. Beim Rennen Paris-Nizza stürzt der damals 29-Jährige in Saint-Etienne tödlich. Sein Vermächtnis: Die Einführung der Helmpflicht bei den Profis.

Voecklers unglaublicher Doppelpack: "Wir haben alle geweint"

Vier Typen von Rennfahrern können bei der Tour auf das Gelbe Trikot hoffen: Allen voran die großen Kapitäne, Dauergäste an der Spitze der Gesamtwertung. Dann die Spezialisten im Kampf gegen die Uhr, denen ein Zeitfahren beim Tour-Auftakt die Chance gibt, ein mehr oder minder kurzes Gastspiel in Gelb zu geben. In ihrem Schlepptau sind schließlich die Sprinter unterwegs, durch Zeitgutschriften ist ihnen bisweilen vergönnt, den Platz an der Sonne einzunehmen.

Und dann sind da noch die Zufallsbekanntschaften des "maillot jaune". Gesegnet weder mit den Genen der größten Stars und Spezialisten, sondern einfach einmal an einem günstigen Tag zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Oder eben sogar zweimal. Wie Thomas Voeckler.

Wenn ein Ausreißer Gelb erobert und es zehn Tage verteidigt, ist das nicht mehr nur Glück allein. Wenn es diesem Fahrer dann ein zweites Mal gelingt, eine halbe Tour an der Spitze zu stehen, hat er seinen Platz in der Tour-Geschichte sicher. Und in den Herzen der Fans sowieso.

Die beiden gelben Geschichten aber stehen auf verschiedenen Blättern. Voeckler ist sich zwar einerseits seine ganze Karriere über treu geblieben, dabei aber gereift und dadurch nur knapp an einem Podestplatz in Paris vorbeigeschrammt. Um es mit seinen Worten zu sagen:

"Die einzige Gemeinsamkeit der beiden Abenteuer ist ihre Dauer. Ansonsten sind sie nicht zu vergleichen."

Da wäre also zuerst 2004. Eine Tour, die mehr denn je vom eisernen Regiment Armstrongs beherrscht wird, der in diesem Jahr als erster Fahrer einen sechsten Gesamtsieg holen will. Mit im Feld ist der frischgebackene Meister Frankreichs, ein 25-jähriger Profi.

Sein Tag kommt am 8. Juli, auf den 200 Kilometern von Amiens nach Chartres. Auf der Etappe zuvor hat Armstrong mit einem Sieg im Mannschaftszeitfahren die Spitze übernommen - nur um zu verkünden, dass man das Gelbe Trikot gerne abgeben wolle, um die Kräfte des Teams noch eine Weile zu schonen.

Viel deutlicher kann man Ausreißern seitens des Gesamtführenden nicht "Gute Fahrt und viel Erfolg" wünschen. Es kommt wie gewünscht, Voeckler nimmt uns mit in den verregneten Donnerstagnachmittag: "Es ging richtig zur Sache, bis wir uns absetzen konnten, weil eben US Postal angekündigt hatte, das Trikot nicht verteidigen zu wollen. Ich weiß noch genau, dass ich mich auf Sandy Casar konzentriert habe, der dieses Wetter besonders mochte und ein Näschen für erfolgreiche Attacken hatte. Als er antritt, gehe ich mit."

Die Ausreißer auf dem Weg nach Chartres: Thomas Voeckler (li.) neben Sandy Casar

Die Ausreißer auf dem Weg nach Chartres: Thomas Voeckler (li.) neben Sandy CasarEurosport

Sie sind zu fünft an der Spitze, aber Voeckler weiß noch nicht, dass er der bestplatzierte des Quintetts in der Gesamtwertung ist. "Als wir ein paar Minuten Vorsprung haben", erzählt er, "kommt mein Teamwagen zu mir und ich erfahre, dass ich virtuell im Gelben Trikot bin. Aber wir schmunzeln nur darüber."

Fünf Stunden später ist es kein Witz mehr. Besonders Voeckler ist erst einmal nicht zum Lachen zu Mute. "Er war sauer, dass ihm der Etappensieg durch die Lappen gegangen ist", berichtet sein Teamchef Jean-René Bernaudeau, der an diesem Tag Geburtstag feiert. "Er hat diesen Siegeswillen, deshalb steht der Kerl dann da im Ziel als neuer Spitzenreiter - und macht ein langes Gesicht." "Das stimmt", bestätigt uns Voeckler, "ich habe erst später begriffen, dass Gelb noch besser ist."

Was folgt, sind zehn Tage die er heute als "Traum mit offenen Augen" bezeichnet:

"Ich habe es in vollen Zügen genossen, ohne mir irgendwelche Fragen zu stellen."

Knapp zehn Minuten liegt Voeckler nun vor Armstrong, und so führt ab der sechsten Etappe das Team Brioches La Boulangère das Feld durch Frankreich Richtung Pyrenäen. Dort soll die Hackordnung dann wiederhergestellt werden. Doch zuvor krönt der Franzose seine Amtszeit mit einem unerwarteten Auftritt.

Die erste Bergankunft in La Mongie kostet ihn schon über fünf Minuten seines Vorsprungs, also scheinen seine Tage in Gelb gezählt, als es am letzten Pyrenäen-Tag zum Plateau de Beille geht. Der Schlussanstieg der schwersten Kategorie wird zu einer emotionalen Achterbahnfahrt, die Bernaudeau mehr bewegt als jedes andere Erlebnis in seiner langen Laufbahn:

"Er dachte am letzten Berg, dass es gelaufen sei. Aber wir sind neben ihn gefahren und haben ihm aus dem Auto zugeschrien: Das wird reichen, das reicht! Aber er brüllt irgendwann zurück: Ich glaube Euch nicht! Er hat es erst begriffen, als er 50 Meter vor dem Ziel war und den Sprecher dort den Countdown runterzählen hörte. Ein unvergesslicher Moment. Wir haben alle geweint."

Es sind 22 Sekunden, die Voeckler rettet. Das Bild seiner geballten Faust auf der Zielgeraden kristallisiert diesen Moment der unerwarteten Erlösung. Einen 13. Platz bei einer großen Bergankunft der Tour, im direkten Duell mit den Spitzenfahrern, nicht mit dem Bonus eines Ausreißers, hatte kaum jemand dem kräftigen Kämpfer zugetraut.

Einerseits ändert der Auftritt nicht viel. Voeckler muss das Trikot nun zwei Tage später an Armstrong abtreten. Andererseits aber hat der Auftritt der Popularität eine ganz neue Dimension gegeben, wie er selbst unterstreicht: "Rückblickend habe ich verstanden, dass ich an jenem Tag in die Herzen der Leute gefahren bin. Ich war der kleine Franzose, der mit seinem Mitteln, mit seinem Kampfgeist, dem übermächtigen Amerikaner die Stirn bietet."

Fahrer mit den meisten Tagen in Gelb ohne Tour-Sieg

Die besondere Beziehung der französischen Fans zum neuen Publikumsliebling in diesen Tagen beschreibt Prudhomme wie folgt: "Wer die Tour liebt, hat sich ein wenig in Voeckler verliebt. Er hat einen Fahrer und seine Geschichte entdeckt: Geboren im Elsass, mit den Eltern auf die Antillen gezogen, der Vater dann auf See verschollen, die Rückkehr aus Übersee und in die Vendée… Dazu einen sehr intelligenten Radprofi, der in der Folge zeigen sollte, dass er zu großen Dingen fähig ist und enorme taktische Qualitäten hat."

Genau diese Qualitäten zeigt er 2011, als er erneut für Gelbfieber in Frankreich sorgt. Diesmal aber in einer ganz anderen Dimension. Der Ausgangspunkt ist wieder ein erfolgreicher Ausreißversuch. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten schon. Denn die 9. Etappe ist geprägt von Stürzen, die alle anderen Aspekte erst einmal in den Hintergrund treten lassen. Es geht durchs Zentralmassiv auf schwerem Terrain, die Favoriten sind auf der Hut und die fünf Ausreißer haben erst ab der Hälfte der Etappe wirklich klaren Vorsprung, als etliche Stürze das Feld zu gemäßigtem Tempo zwingen und Mitfavoriten wie Winokurow oder Jurgen van den Brock aufgeben müssen.

Viel dramatischer aber ist jener Sturz, der die Spitzengruppe selbst betrifft. Dort sind Voeckler und wie 2004 auch Casar vertreten, dazu die Spanier Juan Antonio Flecha und Luis Leon Sanchez sowie Johnny Hoogerland. Das Verhängnis ereilt die Gruppe 35 Kilometer vor dem Ziel, als ein Fahrzeug der Tour-Karawane sie überholt und dabei auf enger Straße Flecha und Hoogerland umfährt.

Die Bilder des Niederländers, der in einem Weidezaun landet und sich im Stacheldraht unzählige Wunden zuzieht, vergisst niemand, der sie gesehen hat. Er kommt ins Ziel und sogar nach Paris und Voeckler erkennt, dass der zweite Teil seiner großen Ausreißer-Saga am seidenen Faden hing: "Als das Auto an uns vorbeizog, hätte ich auch stürzen können. Da ging es nicht um Reflexe, das war einfach nur Glück oder Pech."

Video - Horror-Sturz bei der Tour 2011: Hoogerland landet im Stacheldraht

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Wie sieben Jahre zuvor gewinnt Voeckler die Etappe nicht. Diesmal aber ist das Teil des Plans. "Ich hatte mir immer gesagt: Wenn es noch einmal eine Chance wie damals gibt, treffe ich eine Wahl. Also habe ich mit meinem Sportlichen Leiter entschieden, voll auf Gelbes Trikot zu fahren – ohne zu wissen, ob es reichen würde, aber wissend, dass der Etappensieg nicht möglich wäre."

Es reicht. Sanchez gewinnt, Voeckler führt. Das ist die einzige Parallele zu 2004, denn der Vorsprung ist mit nicht einmal drei Minuten auf die Favoriten viel geringer als seinerzeit. Dass es am Ende erneut zehn Gelbe Tage werden, ist alles andere als absehbar, auch wenn der Europcar-Kapitän eine Idee im Hinterkopf hat.

"Ich machte mir gar keine Gedanken darüber, wie lange ich in Gelb würde bleiben können. Aber ich hatte sehr viel mehr Selbstvertrauen als 2004. Ich war in meinen besten Jahren und wollte die Spitze so lange wie irgend möglich verteidigen. Vor allem würde ich, auch wenn ich das Trikot verliere, weiter um die bestmögliche Platzierung in der Gesamtwertung kämpfen. Ich hatte das Gefühl, das sei die große Chance meiner Laufbahn." Doch er gibt offen zu, dass seine Fahrt in Gelb "länger dauerte, als ich es mir vorgestellt hätte".

Wie 2004 spielt eine Ankunft am Plateau de Beille eine zentrale Rolle in dieser Tour. Doch wo Voeckler einst einen einsamen Kampf gegen sich selbst führte, duelliert er sich nun auf Augenhöhe und Rad an Rad mit den Podiumskandidaten wie Cadel Evans, Andy und Frank Schleck oder Alberto Contador. Sie alle wollen seinen Platz einnehmen, aber er bleibt unerschütterlich. Bernaudeaus Stimme bekommt noch immer einen besonderen Klang, während er zurückblickt:

" Thomas kämpfte nicht darum, das Hinterrad zu halten, sondern man spürte, dass er noch Reserven hatte. Er war auf dem Höhepunkt seiner sportlichen Klasse."
Pierre Rolland und Thomas Voeckler am Plateau de Beille 2011

Pierre Rolland und Thomas Voeckler am Plateau de Beille 2011Getty Images

Voeckler stimmt in aller Bescheidenheit zu: "Das war die einzige Phase in meiner Laufbahn, in der ich mich wirklich wie der Patron der Tour fühlte. Eine große Bergetappe in Gelb zu fahren, die Attacken der Favoriten der Reihe nach parieren zu können – das war schon ein ganz besonderer Moment."

Nach zwei Bergankünften hat Voeckler nur wenige Sekunden verloren und es kommt die Frage auf, ob langsam nicht sogar der Tour-Sieg in Reichweite sein könnte. Voeckler selbst behauptet, nicht daran geglaubt zu haben: "Es ist klar, dass sich nach dem Plateau de Beille neue Perspektiven eröffneten, aber ich bin auf dem Boden geblieben. Ich kenne den Radsport, ich weiß, wie die Dinge laufen. Die Alpen standen bevor und mir waren die Pyrenäen immer lieber. Zudem kam noch das lange Zeitfahren am vorletzten Tag über 42,5 Kilometer. Aber ich kann verstehen, dass manche Fans und Journalisten begannen, daran zu glauben. Und irgendwie hätte es mich auch gestört, nach den beiden Bergankünften in Luz-Ardiden und Plateau de Beille nicht als Anwärter auf den Gesamtsieg zu gelten!"

Video - Voecklers Liebesgeschichte mit dem Plateau de Beille

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Es sind zwei Fehler, die ihn um Gelb und das Podium bringen, zusammen mit schwindenden Kräften. Zuerst kommt ein Fahrfehler in der Abfahrt nach Pinerolo, als er sich plötzlich auf einer Terrasse am Streckenrand wiederfindet und knapp 30 Sekunden verliert.

Dann verpulvert er unnötige Reserven, als er auf der Etappe nach Alpe d’Huez in die Offensive geht, weil er Evans in Schwierigkeiten wähnt. "Dabei hatte er nur kurz Probleme mit seiner Schaltung. Ich habe mich in einer sinnlosen Aktion aufgebrieben und das im Schlussanstieg bezahlt."

In Alpe d’Huez muss Voeckler Gelb abgeben, nur 48 Stunden vor der Ankunft in Paris. Nie zuvor seit Laurent Fignon 1989 war ein Franzose so kurz vor Ende noch an der Spitze. "Objektiv wäre mein Platz in Paris ohne die Fehler der letzten Rennwoche Rang zwei gewesen", urteilt Voeckler heute. "Aber ich bin überzeugt, dass ich nicht den Gesamtsieg verspielt habe. Angesichts der Stärke von Evans im letzten Zeitfahren hätte ich Gelb nicht bis Paris bringen können."

Dem Podium aber trauert zumindest Bernaudeau für seinen Schützling nach: "Er hätte es verdient gehabt".

Thomas Voeckler am Galibier 2011: Erneut verteidigt er Gelb

Thomas Voeckler am Galibier 2011: Erneut verteidigt er GelbGetty Images

Podium oder nicht - Voeckler hat die Tour geprägt. Ohne das Rennen gewonnen zu haben, ist er doch eine herausragende Persönlichkeit der Rundfahrt geworden. Und so passt es, dass er seine Laufbahn mit der Schlussetappe der Tour 2017 in Paris beenden wird. Eine Laufbahn, die ihn weit über Frankreich hinaus zu einem Idol gemacht hat: "Er wird auch im Ausland unheimlich gefeiert", weiß Prudhomme, "bei der Tour du Yorkshire kennt ihn jeder, in Düsseldorf beim Tour-Auftakt hing sein Bild in einer Ausstellung neben Porträts von Mick Jagger und Albert Einstein - alle mit herausgestreckter Zunge…!"

Und so bleibt als Schlusswort das Lob des Tour-Chefs für den Protagonisten so vieler Jahre: "Er hat jedes Jahr attackiert, hat Gelb getragen, Etappen gewonnen, das Bergtrikot nach Paris gebracht" - um auf den Punkt zu bringen, was Ausreißer ausmacht:

"Thomas ist ein Symbol dafür, dass alles möglich ist!"
EinführungDie größten Ausreißer-Geschichten der Tour de France: Vom Marathon-Solo bis zum Tour-Sieg
  • Kapitel 1Vom Ausreißer zum Tour-Sieger: Ein "Witz" wird Wirklichkeit
  • Kapitel 2Vollgas am Vormittag: Der verrückte Coup am Freizeitpark
  • Kapitel 3Katz und Maus: So läuft die Jagd
  • Kapitel 4"Kamikaze"-Solo mit Gesangseinlage beim Heimspiel
  • Kapitel 5Armstrong und die Apokalypse: Rekord-Abstand ohne Krönung
  • Kapitel 6Voecklers unglaublicher Doppelpack: "Wir haben alle geweint"