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Sechs Monate Sperre wegen Wetten: Kommentar zum Fall Stuart Bingham

Kein Kavaliersdelikt! Fall Bingham macht ratlos

24/10/2017 um 16:12Aktualisiert 24/10/2017 um 18:54

Wegen verbotener Snooker-Wetten ist Stuart Bingham zu einer sechsmonatigen Sperre verurteilt worden, von denen drei Monate und ein Tag zur Bewährung ausgesetzt wurden. Die Bewährungsauflagen bestimmen, dass er bis zum 31. Oktober 2018 keinen Regelverstoß mehr begehen darf und außerdem nachweisen muss, dass er sich wegen seines Spielverhaltens behandeln lässt.

Ein Kommentar von Rolf Kalb

Zudem wurde der Ex-Weltmeister zur Zahlung von 20.000 britischen Pfund für die Verfahrenskosten verurteilt. Von einer weiteren Geldstrafe hat das Disziplinar-Komitee der WPBSA abgesehen, weil die Sperre alleine schon zu großen finanziellen Einbußen für Bingham führt.

Die WPBSA hat im Urteil ausdrücklich festgestellt, dass es keine Hinweise auf Spielmanipulationen gibt. Auch hat die WPBSA Bingham keine Wett-Abhängigkeit attestiert. Trotzdem soll er sich schon vor dem Urteil wegen seines Spiel- und Wett-Verhaltens in Behandlung begeben haben.

Verschleierungsversuche von Bingham

Während Kurt Maflin, Joe Perry und Alfie Burden, die ebenfalls verbotener Snookerwetten überführt wurden, nur zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden, greift bei Bingham nun also die Sperre. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen war er nicht sofort in vollem Umfang geständig, sondern hat versucht, Wetten, die auch in seinem Namen und über die Accounts von anderen Personen beziehungsweise unter Tarnnamen abgeschlossen wurden, zu verschleiern.

Erst nachdem auch diese Wetten nachgewiesen wurden, rückte er tröpfchenweise mit der Wahrheit heraus. Dazu muss man wissen, dass in Großbritannien die Sport- und Anti-Korruptions-Behörden beim Verdacht verbotener Wetten auch die Kommunikation der Verdächtigen nachvollziehen können.

Auf eigene Matches gewettet

Neben der Höhe der in Frage stehenden Wetten wirkte außerdem strafverschärfend, dass Bingham auch auf eigene Matches und eigene Leistungen gewettet hat. Bei den Wetten auf seine eigenen Matches hat der Weltmeister von 2015 allerdings auf den eigenen Sieg gesetzt. Deshalb bestand hier nicht der Verdacht der Spielmanipulation. Außerdem hat er mehrfach darauf gewettet, dass sein eigenes höchstes Break bei einem Turnier noch von einem anderen Spieler überboten wird.

Absicherungswetten dieser Art waren in den 80er- und teilweise auch 90er-Jahren durchaus üblich. Motto: Entgeht mir doch das Preisgeld für das höchste Break, dann habe ich wenigstens den Wettgewinn. Solche Wetten waren damals noch nicht einmal verboten, wohl auch, weil es dabei kein Manipulations-Risiko gibt. Mittlerweile ist das natürlich anders.

Nutznießer der Sperre von Bingham sind unmittelbar Anthony McGill und eventuell auch Neil Robertson. Durch die Sperre für Bingham ist McGill sicher für das Champion of Champions qualifiziert. Gewinnt die International Championship jemand, der bereits das Ticket für das Champion of Champions in der Tasche hat, dann rückt Robertson als Sieger des Hongkong Masters ins Teilnehmerfeld nach.

Soweit also die sachliche Darstellung der Angelegenheit. Da es mit Stuart Bingham einen prominenten Spieler getroffen hat, ist das Echo natürlich sehr groß. Die Regeln für Snookerprofis sind einfach und unmissverständlich: Snookerprofis dürfen nicht auf Events von World Snooker oder auf von World Snooker sanktionierte Events wetten. Außerdem dürfen sie nicht auf Events wetten, an denen sie beteiligt sind. Punkt. Einfach und unmissverständlich. Jedem Spieler muss das klar sein, denn jeder Spieler unterschreibt die Verpflichtung im Rahmen des Spielervertrages vor jeder Saison.

Kein Kavaliersdelikt!

Dass Bingham seine Wetten auch noch fortgesetzt hat, nachdem andere Spieler bereits wegen verbotener Wetten verurteilt worden waren, lässt mich ratlos zurück. Dummheit, Abhängigkeit, Spielsucht und/oder Schizophrenie fallen mir da als mögliche Erklärungen ein. Ich kann nicht nachvollziehen, wie jemand so seine Karriere und damit auch seine Lebensgrundlage riskieren kann. Ein beinahe tragischer Nebenaspekt ist, dass es mit Bingham nun jemanden getroffen hat, der eigentlich immer als Vorzeigeprofi galt. Vor allem war und ist er jemand, der immer alle Events unterstützt hat. Es gibt ein Snooker-Turnier? Bingham schnappte sich sein Queue und stand am Tisch. Das kann man von vielen anderen Top-Spielern nicht behaupten.

Dass Stuart Bingham verurteilt werden musste, steht außer Frage. Ansonsten hätte Snooker seine Glaubwürdigkeit verloren. Dem Snookersport geschadet hat er ohne jeden Zweifel. In den sozialen Netzwerken wird nun auch heftig diskutiert, ob das Strafmaß angemessen oder zu milde ist. Ich möchte mich daran nicht beteiligen. Ich verweise nur darauf, dass Bingham niemand anderen geschädigt oder silberne Löffel geklaut hat. Nur klar ist auch: Was er gemacht hat, ist kein Kavaliersdelikt! Vergleiche mit Stephen Lee, der 2013 zu zwölf Jahren Sperre verurteilt wurde, sind jedoch nicht angemessen. Lee hatte nachweislich Spiele manipuliert; Bingham eben nicht. Und außerdem hat Lee bis zum Schluss trotz erdrückender Beweise alle Vorwürfe bestritten. Bingham war geständig, wenn auch teilweise nur tröpfchenweise.

Zum Schluss habe ich nur noch einen Wunsch: Ich möchte, dass es in meinem nächsten Blog hier wieder um sportliche Dinge geht.

Herzliche Grüße

Ihr / Euer Rolf Kalb

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