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French Open 2016: Novak Djokovic lässt mit dem Titel in Paris Federer und Nadal zittern

Nole-Slam - jetzt zittern Federer und Nadal!

06/06/2016 um 10:34Aktualisiert 06/06/2016 um 12:00

Novak Djokovic war am Sonntagabend so richtig in Partylaune, wen wundert's. Los ging's also mit seinem Team im Auto durch die Pariser Innenstadt - und was dröhnte aus den Lautsprechern? Man rät es nie: tatsächlich, die Gipsy Kings. "Volare, oh oh!!" Da grölte er, der frisch gebackene French-Open-Champion. Schräg, aber egal.

Ein bisschen Ballermann-Feeling mitten auf der Champs-Elysees, so lässt sich feiern. Und der Weltranglistenerste hatte allen Grund dazu:

Der Ex-Schattenmann

Bisher hieß es in der Karriere des Serben meist: 'Das haben Federer und Nadal aber auch schon geschafft - und noch viel mehr...' Ab sofort hat Djokovic etwas, das die beiden eben noch nicht erreicht haben - und es vielleicht nie mehr erreichen: Er hält aktuell alle vier Grand-Slam-Trophäen, das hatte in der Profiära sonst nur Rod Laver 1969 geschafft. Nach dem Serena-Slam gibt es nun also auch den Nole-Slam - Djokovic ist ein erster Schritt aus dem Schatten seiner großen Rivalen gelungen.

"Erst war ich nicht so begeistert, dass ich in der selben Ära wie die beiden spiele", meinte Djokovic, "aber inzwischen muss ich sagen: Durch die beiden bin ich ein besserer Spieler geworden. Nur durch sie konnte ich das alles erreichen." Schönen Dank also, Roger und Rafa. Aber das war wohl ein klassisches Eigentor...

Die Jagd ist eröffnet

Seien wir ehrlich, als Roger Federer 2012 in Wimbledon seinen 17. Major-Titel gewann, dachten doch alle, dass dieser Rekord eine ganze Weile bestehen würde. Vielleicht sogar auf Jahrzehnte hinaus. Doch Djokovic ist jetzt nur noch fünf Titel entfernt und könnte noch in diesem Jahr mit Rafael Nadal und Pete Sampras (14) gleichziehen - und in der nächsten Saison Federers Bestmarke knacken. Das wäre natürlich ein sportliches Tempo, aber unmöglich ist es schließlich nicht.

Mit 29 Jahren ist er in der Form seines Lebens. Seit einem Jahr spielt Djokovic meist in seiner eigenen Liga. Besonders in den großen Partien ist er noch zäher, als es selbst sein Coach Boris Becker je gewesen war. "Wenn man Großes erreichen will, muss man über seine Grenze hinausgehen und das Beste aus seinen Fähigkeiten herausholen", sagt Djokovic. Nach dem Triumph in Paris klingt das nicht mehr wie der platte Spruch aus einem Glückskeks.

Fifty-Fifty

Die ersten beiden Grand Slams der Saison hat Djokovic schon abgehakt, zwei sind noch offen. Der seltene Kalender-Slam ist 2016 also noch für ihn drin. Und auch das steht noch auf Federers und Nadals To-Do-Liste. "Ich will nicht arrogant klingen, aber ich denke, alles ist erreichbar im Leben", meinte Djokovic zu seinen Chancen. Aber wie schwer es allein schon ist, die Australian Open und danach die French Open zu gewinnen, zeigt, dass Jim Courier 1992 bisher der letzte war, dem das gelang. Der Amerikaner verlor dann in der dritten Runde von Wimbledon. Und auch hier war Rod Laver wieder bisher der Einzige bei den Herren, der den Kalender-Slam schaffte.

Djokovic reist als Titelverteidiger nach Wimbledon und spielt im Vorfeld wie gewöhnlich kein Turnier. Es ist sein Erfolgsrezept, daran ändert er nichts. Hinter den Club-Mauern entscheidet es sich also in vier Wochen, ob Djokovic im Rennen bleibt.

Nerven aus Stahl

Am Samstag konnte alle Welt noch miterleben, wie tonnenschwer der Druck geschichtsträchtiger Partien auf Spielerschultern lasten kann. Serena Williams wurde nun zum dritten Mal von ihm erdrückt. Djokovic dagegen hat im vierten Anlauf den Paris-Fluch endlich gebrochen. Er war nicht eingeknickt. Auch nicht, als Andy Murray zum Ende des vierten Satzes nochmal richtig aufdrehte. Djokovic hat die vielleicht härteste Probe seiner Karriere bestanden. Es könnte ein Befreiungsschlag sein, die ihm nun bei den nächsten großen Partien noch schwieriger zu bezwingen macht. Scheint so, als hätten Beckers Einflüsterungen gewirkt. Der wusste schließlich, wie man verloren geglaubte Matches noch dreht...

Der 100 Millionen-Dollar-Mann

Zum silbernen Coupe des Mousquetaires gab es für Djokovic noch einen freundlichen Siegerscheck über satte zwei Millionen Dollar obendrauf. Doch die Schallmauer hatte er bereits nach dem Achtelfinale gebrochen. Und nun ist er auch noch der erste Spieler, der die schwindelerregende Preisgeldmarke geknackt hat - auch das noch vor Federer und Nadal.

Video - Die Highlights vom Finale

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Mein Herz? Von wegen!

Ein Wermutstropfen aber zum Schluss - große Gesten klauen, das geht gar nicht. Und schon gar nicht kopiert man die wohl berühmteste von Roland-Garros-Allzeitliebling Gustavo Kuerten. Das Herz, das "Guga" mit seinem Schläger in den roten Sand malte und sich mitten hineinfallen ließ. Ausgerechnet das zu kopieren, ist ein Frevel. Ein absolutes No-Go - auch nicht mit der Erlaubnis des Urhebers. Und wo die Geste bei Kuerten so spontan aus dem Herzen ströhmte, war sie bei Djokovic geplant und gewollt. Wie leider so vieles, was er tut. Dabei wäre ihm doch sicher etwas Eigenes eingefallen. Und wenn er schön schräg "Volare, oh oh!" gegrölt hätte. Das wäre jedenfalls authentischer gewesen. Doch das mit dem Er-selbst-Sein, fällt Djokovic irgendwie immer noch schwer.

Und das ist momentan wohl das Einzige, das ihm Federer und Nadal noch voraus haben.

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