Einmal nur werden wir während der Biathlon-Weltmeisterschaft, die morgen mit der Mixed-Staffel beginnt (alle Rennen live im Free-TV bei Eurosport 1 und bei Eurosport auf Joyn!), verzweifelt ein goldenes Trikot suchen. Und wir werden es nicht finden, so sehr wir uns auch bemühen. Denn goldene Trikots gibt es nur für die Titelverteidiger.
Wenn also der Einzelwettbewerb der Männer auf dem Programm steht, bleibt es liegen, kommt nicht zum Einsatz. Kein Astralkörper streift es sich über, denn Martin Fourcade, der vor einem Jahr diese Kategorie gewann, ist nicht dabei in Slowenien. Alle anderen Siegerinnen und Sieger von Antholz greifen wieder an auf der Pokljuka, natürlich in strahlenden goldenen Trikots.
Und jawohl: Auf der Pokljuka, denn die Pokljuka ist eine Hochebene oberhalb von Bled im Naturpark Triglav in den Julischen Alpen, benannt nach dem höchsten Berg Sloweniens (2864m). Auf 1300 Meter befindet sich die Wettkampfstätte, deren Strecken noch einmal modifiziert wurden. Nicht, um einen besseren Blick auf die Geschehnisse in der Loipe zu haben. Es sind ja keine Zuschauer zugelassen. Es soll eben noch selektiver werden.
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Es geht schließlich um die großen Titel in dieser seltsamen Saison. Es werden die neuen Weltmeister gesucht. Alljährlich übrigens im Biathlon, mit Ausnahme einer olympischen Saison. Deshalb hofft man bei der Internationalen Biathlon-Union (IBU) vor allem auf noch mehr Zuschauer an den TV-Geräten und eben auch deshalb hat man zur besseren Übersicht das goldene Trikot erschaffen. Gut, das ist jetzt keine revolutionäre Neuerung, eher eine kleine Stellschraube, die verändert wurde.

Schockierende Untersuchungsergebnisse

Am großen Rad hat da schon eine unabhängige Untersuchungskommission gedreht, die kurz vor der WM einen Bericht veröffentlichte, der viele aktive Biathleten erschüttert hat. Und nicht nur die.
Es wurde offengelegt, was unter vorgehaltener Hand immer schon ein Thema war. Dass es nämlich unter dem ehemaligen IBU-Präsidenten Anders Besseberg aus Norwegen und der Generalsekretärin Nicole Resch zu jahrzehntelange Dopingvertuschungen und Korruption gekommen war.
Dem Duo, das nicht mehr im Amt ist, wird vorgeworfen, jahrelang russische Dopingpraktiken gedeckt zu haben. Die vielen Funktionäre, Vizepräsidenten und Mitglieder im Exekutive Board, haben freilich auch nicht in mit der gebotenen Intensität in die damaligen Machenschaften der Führungsriege eingegriffen, um diesen Einhalt zu gebieten.

Zeichen der Erneuerung

Das ist freilich kein Einzelfall, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch schier alle großen Verbände (Beispiel Leichtathletik). Es entschuldigt indes die Versäumnisse nicht.
Und doch ist das jetzt kein großer Schatten, der sich über diese Titelkämpfe legt. Eher ist es sogar ein Zeichen der Erneuerung, ein Lichtstrahl sogar in trüben Tagen.
Die neue Führung unter dem schwedischen Präsidenten Ole Dahlin lässt nichts unversucht, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen durch mehr Transparenz und unabhängige Gremien, die auch eine Kontrollfunktion ausüben.
Die Suche nach neuer Leichtigkeit in schweren Zeiten ist unterstützungswürdig, weshalb wir uns auf eine Weltmeisterschaft freuen dürfen, die uns großen Sport bieten wird.

Goldene Erinnerungen an 2001

Die vielen deutschen Biathlon-Fans werden sich dabei vielleicht sogar gerne an die letzte WM vor 20 Jahren auf der Pokljuka erinnern, als mit einem Sieg im Sprint der Stern von Kati Wilhelm aufging. Den Männern blieb ein Titel verwehrt. Sven Fischer gewann damals zweimal Bronze.
Vermutlich wären für die aktuelle Mannschaft des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) ähnliche Resultate in diesem Jahr schon ein gewaltiges Erfolgserlebnis angesichts einer sehr ausgeglichenen internationalen Konkurrenz, aus der bislang in erster Linie das norwegische Team herausragte.
Und die Gastgeber? Sie können nur Jakov Fak die Daumen drücken. Mehr als ihn haben sie nicht und selbst Fak benötigt schon sehr viel Glück, um seinen Heimvorteil in eine Medaille umzuwandeln. Dass er ein Mann für Großereignisse sein kann (Zweimal Weltmeister, zwei Medaillen bei bislang drei olympischen Spielen) hat er hingegen schon hinlänglich bewiesen.
Und so gilt für die Gastgeber in diesem Fall das Prinzip Hoffnung und die Tatsache, dass die Faszination der Sportart Biathlon zum größten Teil von ihrer Unberechenbarkeit lebt. Ein Fehlschuss nur und selbst eine überragende Leistung in der Loipe könnte nicht reichen, um für die nächste WM so ein goldenes Trikot zu erhalten, wobei die nächsten Titelkämpfe erst 2023 in Oberhof auf dem Programm stehen.
Und wer weiß, wie viele von den Siegern in den nächsten zwölf Tagen dann noch aktiv sein werden. Denn dazwischen gibt es Olympische Spiele 2022 In Peking. Ohne goldene Trikots.

Zur Person Sigi Heinrich:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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