WM Lenzerheide: Michael Rösch exklusiv über WM-Shootingstar - "Campbell Wright ist einfach ein geiler Typ"
VonJan Zesewitz
Update 24/02/2025 um 17:55 GMT+1 Uhr
Die Weltmeisterschaft in Lenzerheide endete mit mehreren Highlights - Johannes Thingnes Bö und sein Bruder Tarjei brachen bei ihrer letzten WM gleich mehrere Rekorde, die deutsche Bilanz lebt von den Erfolgen von Franziska Preuß und den emotionalen Höhepunkten in den Staffel-Wettbewerben. Eurosport-Experte Michael Rösch analysiert die Wettbewerbe in der Schweiz noch einmal aus seiner Sicht.
Rösch exklusiv: "Die Bö-Brüder werden mir fehlen"
Quelle: Eurosport
Nach zehn Wettkampftagen ist die Biathlon-WM 2025 Geschichte. Das deutsche Ergebnis bietet positive wie negative Seiten, aber "die Richtung stimmt", wie Eurosport-Experte Michael Rösch im Exklusiv-Interview sagte.
Dazu zählen vor allem die Goldmedaille von Franziska Preuß in der Verfolgung und das Edelmetall in drei von vier Staffelwettbewerben. Die DSV-Männer konnten keine Einzelmedaille holen, sorgten mit Bronze in der Staffel aber für einen weiteren emotionalen Höhepunkt in der zweiten Woche der WM in Lenzerheide.
Für den Ausblick auf den Rest der Saison - und auf die Olympischen Spiele im nächsten Jahr in Cortina - müsste der Auftritt Gutes verheißen, so Rösch: "Wenn Preuß den Schwung mitnimmt, dann kann sie den Gesamtweltcup gewinnen, weil sie so stabil und konstant ist."
Nach einer Pause geht es ab dem 6. März mit dem Weltcup im tschechischen Nove Mesto (im Livestream bei discovery+) weiter. Dort dreht auch die Karriere von Johannes Thingnes und Tarjei Bö endgültig auf die Zielgerade ein. "Sie werden mir fehlen", sagte Rösch wehmütig.
Eine Goldmedaille, einmal Silber, dreimal Bronze: Kann der DSV mit der Bilanz der WM zufrieden sein?
Michael Rösch: Es war die beste Ausbeute bei einer WM seit 2020. Also kann der DSV zufrieden sein. Die Goldmedaille von Franzi Preuß sticht heraus. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, waren die guten Leistungen in den Mixed-Staffeln und in der Herrenstaffel. Die deutschen Athleten haben gezeigt, dass sie auch in diesen schwierigen Formaten mannschaftlich geschlossen auftreten können. Es gab Licht und Schatten, man muss hier nichts schönreden. Aber im Großen und Ganzen hat das Auftreten der Athleten, aber auch des Trainer- und Betreuerstabs gut gepasst. Die Richtung stimmt, auch mit Blick auf die Olympischen Spiele 2026.
Franziska Preuß hat gleich viermal Edelmetall gewonnen, musste aber in der zweiten Woche ein wenig Federn lassen. Wie kommt sie jetzt aus dieser WM gerade mit Blick auf den möglichen Gesamtweltcup?
Rösch: Es war für alle, aber eben auch für Franzi eine extrem fordernde WM. Es ging mit der Vorbereitung im Höhentrainingslager los, dann war man fast zwei Wochen in Lenzerheide. Dort hat sie auch als einzige alle Wettkämpfe bestritten, das ist ein krasses Programm. Im Einzel hat man dann schon etwas gemerkt, dass die Konzentration wegging, körperlich war sie meiner Meinung nach fit. Aber man sieht, dass es einfach mental schwer ist, jedes Rennen so abzuschmettern, wie sie es zu Beginn der WM gemacht hat. Sie hat jetzt rund zehn Tage Zeit zur Erholung, bis es in Nove Mesto weitergeht. Wenn sie den Schwung mitnimmt, dann kann sie den Gesamtweltcup holen, weil sie so stabil und konstant ist. Ihre Konkurrentin Lou Jeanmonnot geht vielleicht mit mehr Negativerlebnissen aus der WM, man hat auch im Massenstart gesehen, dass sie verkrampft war und unbedingt die Goldmedaille holen wollte. Die Französin war im Ziel mental am Boden, sie wollte mehr erreichen bei dieser WM.
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Preuß verrät: Auf der Schlussrunde kämpfte sie gegen die Tränen
Quelle: Eurosport
Campbell Wright, Eric Perrot und Océane Michelon waren in Lenzerheide die Shooting Stars. Die Zukunft des Biathlons scheint also auch weiterhin in guten Händen zu liegen. Haben wir da die Superstars von morgen schon heute gesehen?
Rösch: Campbell Wright ist das beste Beispiel. Man kann ihn nehmen, drei oder vier Leute um ihn herum setzen, ihn ein Jahr begleiten und man hat eine Netflix-Serie. Er belebt das Biathlon sehr, das ist so ein geiler Typ. Seine Interviews sind der Hammer, jeder verbringt gerne Zeit mit ihm. Und er spricht ein junges Publikum an, dem er ja auch sagt – "ihr müsst nicht zum Ski Alpin oder zum Snowboard, um cool zu sein, ihr könnt auch zum Biathlon kommen". Eric Perrot bringt aus meiner Sicht alles mit, um irgendwann mal das Gelbe Trikot zu gewinnen. Man sieht auch an Michelon und an Endre Strömsheim, der im Massenstart Gold geholt hat, wie wichtig der IBU Cup, also die zweite Liga, ist. Den haben beide bereits gewinnen können. Der Wettbewerb ist ein Fingerzeig: Lou Jeanmonnot und Vanessa Voigt waren dort auch erfolgreich. Ich habe richtig Bock auf die neuen Gesichter, auch Tommaso Giacomel würde ich in diese Runde noch mit aufnehmen und aus deutscher Sicht Selina Grotian und Julia Tannheimer.
Bei den Männern dominieren die Norweger, bei den Frauen dominiert Frankreich. Wer ist denn jetzt die Biathlon-Nation Nummer eins? Und wo liegt Deutschland?
Rösch: Im Grunde ist die Frage damit beantwortet – bei den Männern sind es die Norweger, bei den Frauen die Französinnen. Frankreich ist mannschaftlich etwas kompakter, die haben auch bei den Männern vier Staffeln gewonnen im Weltcup, aber als es drauf ankam, dann waren die Norweger da und haben sie geschlagen. Insofern steht dieser Status Quo im Moment noch. Und Deutschland? Bei den Frauen sind wir da absolut dabei, Franzi Preuß trägt das Gelbe Trikot und Selina Grotian hat einen Weltcup gewonnen. Die Männer hängen im Vergleich zu Frankreich und Norwegen etwas hinterher, aber sie können absolut stolz auf ihre Medaille in der Staffel sein.
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Bronze in der Staffel! Horn läuft nächste DSV-Medaille nach Hause
Quelle: Eurosport
Es war die letzte Weltmeisterschaft von Tarjei und Johannes Thingnes Bö. Insbesondere Johannes hat seiner unglaublichen Karriere noch einmal die Krone aufgesetzt mit fünf Medaillen und drei Titeln. Was bedeutet ihr Rücktritt für den Sport?
Rösch: Sie werden uns fehlen. Wenn man überlegt, dass das ihre letzte WM war, haben sie auch noch einmal gezeigt, wie krass die beiden waren und immer noch sind. Tarjei hat nochmal einen Rekord aufgestellt in Sachen Staffel-Gold, auch Johannes hat bei dieser WM Rekorde gebrochen. Er kann zudem noch die magische Marke von 95 Weltcup-Siegen von Ole Einar Björndalen knacken. Und ich wünsche mir, dass er es in seinem letzten Rennen in Oslo schafft. Es gibt noch sieben Einzelrennen, das heißt, er darf nur eines davon nicht gewinnen. Das wäre der krönende Abschluss seiner Karriere, das Drehbuch könnte man nicht besser schreiben. Die beiden haben eine Dekade des Biathlons bestimmt, wir werden sie vermissen.
Kann es nochmal jemanden wie Johannes Thingnes Bö geben?
Rösch: Es gibt immer wieder Athleten, die wie eine Kanone geschossen kommen und man sich fragt – "wo kommt der denn jetzt her?", aber es wird natürlich schwierig. Die Norweger haben schon den nächsten Youngster in den Startlöchern, Isak Frey, der ist erst 21 und ein Riesentalent, ein Name den man sich merken sollte. Aber so schnell wird da keiner kommen, der die Flut an Rekorden von Johannes brechen kann. In den kommenden Jahren wird sich das wohl eher auf mehrere Schultern verteilen.
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