Julia Tannheimer lässt Deutschland von neuer goldenen Biathlon-Ära träumen - Experte Michael Rösch mahnt zur Vorsicht

Nach dem Weltcup-Auftakt in Kontiolahti ist Teenie-Sensation Julia Tannheimer in aller Munde. Die 19-Jährige sorgte mit Platz sechs im Sprint und Rang fünf im Massenstart für Aufsehen und entzündet so schon zu Beginn der WM-Saison eine erste Euphorie-Kerze. Eurosport-Experte Michael Rösch freut sich über die Leistungsexplosion des Shootingstars, mahnt aber auch zur Vorsicht.

Massenstart-Highlights: Öberg siegt bei starkem DSV-Auftritt

Quelle: Eurosport

"Jein - aber mit einer Tendenz zu 'Nein'", antwortet Michael Rösch auf die Frage, ob ihn das sensationelle Abschneiden von Julia Tannheimer im finnischen Kontiolahti überrascht habe.
Rösch kennt die gebürtige Ulmerin im Gegensatz zum 0815-Biathlon-Fan eben schon länger, kennt ihren Werdegang, ihre Stärken.
"Ich habe sie bei den deutschen Meisterschaften auf Roll-Skiern gesehen. Da hat sie sich sensationell als jüngste deutsche Meisterin präsentiert, obwohl sie Roll-Skier überhaupt nicht mag", erzählt der Staffel-Olympiasieger von 2006.
Dann kamen die Rennen in Vuokatti, wo sich die deutschen Biathleten gerne auf die nahende Weltcup-Saison vorbereiten. "Da war sie sehr, sehr stark. Es gab zwar keine offiziellen Ergebnisse, aber was man so hört, hat sie im Massenstart in der letzten Runde alle zerlegt. Das muss richtig krass gewesen sein", sagt Rösch.

Tannheimer schnupperte schon 2023/24 rein

Eingefleischten Biathlon-Fans könnten Tannheimer aus dem vergangenen Winter noch im Gedächtnis haben. Im Januar 2024 feierte die damals 18-Jährige in Ruhpolding ihr Debüt im Weltcup, setzte mit Platz 15 im Sprint eine erste Duftmarke.
Und natürlich sind auch die zwei WM-Titel im Juniorenbereich offensichtliche Indikatoren für ihr überbordendes Biathlon-Talent.
Im estnischen Otepää schlug sie Ende Februar dieses Jahres mit der Staffel und im Einzel zu.

Julia Tannheimer: Das ist ihre große Stärke

Und nun Kontiolahti. Nach Platz 57 im Einzel kam sie am abschließenden Wochenende nicht nur auf Rang sechs im Sprint, sondern krönte ihren Auftritt einen Tag später mit Platz fünf im Massenstart. Dabei lief sie auf der Schlussrunde zusammen mit ihren beiden Teamkolleginnen Franziska Preuß (Platz 3) und Vanessa Voigt (Platz 4) - und das auf Augenhöhe.
"Es hat so ein bisschen den Anschein gemacht, als hätte sie nicht auf Krawall vorbeigehen wollen. Man könnte schon vermuten, dass da noch ein bisschen Luft drin war", hatte Rösch bereits im Live-Kommentar gemutmaßt, dass Tannheimer aus Respekt vor ihren Mannschaftskolleginnen nicht angegriffen habe: "Am Ende war es vielleicht auch die Erfahrung der beiden Älteren."
Sei's drum. Denn im Massenstart wurde auch so mehr als deutlich, wo die große Stärke Tannheimers liegt: In der Loipe. Der Teenager wartete mit der fünftschnellsten Laufzeit aller Athletinnen auf, nur zwölf Sekunden hinter Preuß auf Platz drei.
Laut Rösch komme aktuell aber noch eine gewisse "Unbekümmertheit" hinzu: "Die weiß gar nicht, was gerade passiert. Sie hat eine lockere Herangehensweise, ist im positiven Sinne naiv. Sie setzt sich nicht zu überdimensionierte Ziele, das finde ich cool." Dank dieses Mindsets nutze Tannheimer ihre läuferische Stärke knallhart aus.

Tannheimer: Vergleiche zu Dahlmeier und Neuner verbieten sich

Ihre Extraklasse in der Loipe war vor einigen Jahren schon im Deutschland-Pokal zu sehen. "Da hat sie alle in Grund und Boden gerannt", erinnert sich Rösch. Es gebe, was das Läuferische angeht, "nicht so viele, die das in dem Alter schon so hinbekommen".
Worte, bei denen beim geneigten Biathlon-Fan sofort Erinnerungen an zwei der Größten der jüngeren deutschen Biathlon-Geschichte wach werden: Laura Dahlmeier und Magdalena Neuner.
Vergleiche dieser Art kommen für Rösch aber deutlich zu früh. Man müsse "immer wieder betonen, dass sie erst 19 Jahre alt ist". Das Gleiche habe er auch bei Selina Grotian gesagt, als diese im vergangenen Jahr ebenfalls mit 19 Jahren auf der Weltcup-Bühne debütierte.
Und dennoch: "Das Potenzial ist auf jeden Fall da."
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Magdalena Neuner mit ihren Goldmedaillen der Biathlon-WM 2007

Fotocredit: Imago

Jugend forscht beim DSV: Tannheimer nicht die Einzige

Das gelte nicht nur für Tannheimer, sondern für den gesamten Weltcup-Kader bei den Damen. Da wäre zum einen die erwähnte Grotian, bei der sich in den Ergebnissen aktuell nicht widerspiegelt, was sie auf der Strecke verspricht.
"Sie läuft fantastisch, am Schießstand hapert es noch", erklärt Rösch, der aber fest daran glaubt, dass die 20-Jährige das Ruder bald rumreißen wird. "Wenn man in andere läuferische Sphären vorstößt, dann dauert es mit dem Schießen manchmal - das ist ganz normal."
Auch Julia Kink (20) habe das Potenzial, sich im Weltcup zu behaupten, brauche aber noch etwas Zeit. Dass Johanna Puff die interne Weltcup-Quali in Vuokatti gewonnen habe und jetzt krankheitsbedingt fehlte, findet Rösch "sehr schade. Aber auch sie ist mit gerade einmal 22 Jahren ein absolut großes Talent. Wir können uns glücklich schätzen im deutschen Biathlon, dass da gerade so viele Junge am Start sind. Es könnte eine neue goldene Ära werden."

Rösch lobt DSV für eingeschlagenen Weg

Dass der DSV den Weg der Jugend eingeschlagen hat und diesen konsequent geht, sieht Rösch äußerst positiv. "Ich bin froh, dass der Nachwuchs beim DSV die Chance bekommt, sich zu entwickeln. Nur wenn man sich mit den Besten misst, funktioniert das auch - zudem sind sie alle ja auch konkurrenzfähig."
Es sei nicht so, dass die Älteren alle deutlich besser wären. "Mit Franziska Preuß und Vanessa Voigt gibt es zwei arrivierte Läuferinnen, hinter denen sich die 'Jungen Wilden' etwas verstecken können."
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Preuß genießt Podium: Die Siegerehrung des Massenstarts

Quelle: Eurosport

Für Sophia Schneider (27) und Hanna Kebinger (27), die es leistungsmäßig nicht geschafft haben und aktuell im IBU-Cup antreten, sehe es dann "auch mal schnell schlecht aus, weil der Altersbonus natürlich bei den jüngeren" liege. "Die beiden werden es schwer haben, zumal im IBU-Cup mit Marlene Fichter (21) auch noch ein weiteres Talent am Start ist."

Der Hype ist real: Aber Vorsicht ist geboten

Deutschland darf sich also auf diese WM-Saison voller deutscher Hoffnungsträgerinnen freuen - vor allem auf die kommenden Auftritte der unbekümmerten Ulmerin Tannheimer.
"Das wird jetzt eine heiße Phase. Hochfilzen steht an, da kommen viele deutsche Fans, die jetzt ob des Medienrummels das neue deutsche Supertalent wittern", prognostiziert Rösch. Es werde für das Team wichtig sein, Tannheimer so gut wie möglich abzuschirmen, damit sie sich auf das Wesentliche konzentrieren könne.
Denn zu beachten gibt es bei aller Freude und des verständlichen Hypes um den deutschen Nachwuchsstar: "Julia Tannheimer hat erst im Sommer das Abitur gemacht, konnte während dieser Zeit nur einmal täglich trainieren." Sie habe dementsprechend gar nicht das gleiche Trainingspensum gehabt wie andere Athleten. "Es würde mich nicht wundern, wenn sie deshalb auch hier und da mal einen Weltcup aussetzen würde. Ich bin mir sicher, dass man beim DSV sehr bedacht mit der Situation umgehen wird."
Denn: "Wenn man dann mal in eine schlechte Phase kommt, da kann es dann auch mal schnell in die andere Richtung gehen."
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Top sechs im Sprint! Tannheimer begeistert in Kontiolahti

Quelle: Eurosport


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